Wenn Vorübergehende monologisieren
Wann wird geholfen, und wann reden wir uns heraus? Philipp Ammons „Get Your Kicks“ liefert eine neue Interpretation des biblischen Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, indem er seine Figuren so auftreten lässt wie im absurden Theater: Sie monologisieren am Unfallort, politisieren, psychologisieren und optimieren sich selbst – nur helfen tun sie nicht. Zwischen sprachgewaltiger Studie und postmoderner Moralkritik entfaltet sich eine Geschichte, die die Rezensentin Dorothee Baumann amüsiert und zugleich beschämt.
Wann liegt unser Tun moralisch richtig, und wann glauben wir das nur? Warum fühlen wir uns im Recht, auch wenn wir Mitmenschen in Not faktisch im Stich lassen? Seit einer Ewigkeit zeigt das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter, dass nicht zwangsläufig der Mensch mit dem integersten Image und Selbstbild das Richtige tut, sondern derjenige, der handelt, wenn Hilfe Not tut. In „Get Your Kicks“ bringt Philipp Ammon diese Geschichte auf den neuesten Stand und blickt ins Innenleben jener honorigen Männer und Frauen (sowie Tiere und erfundener Gestalten), die das Opfer eines Raubüberfalls links liegen lassen, bis sich ein Außenseiter seiner annimmt.
Was im Lukasevangelium in acht Versen erzählt wird, nimmt bei Ammon zweimal um die 35 Seiten ein, sodass das schmale Buch mit einer Rembrandt-Darstellung des Gleichnisses auf dem Einband, erschienen beim Moloko Print, damit üppig gefüllt ist. Ammon erhöht die Zahl der Vorüberkommenden und formuliert ihre Motive und scheinheiligen Rechtfertigungen aus. Zweimal, weil der Text sowohl in einer szenischen Fassung als auch als Prosavariante abgedruckt ist.
Die biblische Legende wird von Ammon nicht nur ausgeschmückt, sondern ergänzt: Er verknüpft sie mit aktuellen Denk- und Redeweisen sowie dadaistischem Sprachexperiment. Auf der Höhe unserer Zeit ist das Lustspiel in mehreren Auftritten (Drama) bzw. Scherzo (Prosa) nicht zuletzt, weil neben dem Verweis auf Bibel und jüdisch-christliche Tradition einer Vielzahl von Kunstwerken und Denkgebäuden Referenz erwiesen wird. Der Text sampelt, reiht Teilstücke aneinander, die über sich hinausweisen – oder als Spiel mit Floskeln, Wortstämmen, Wortfamilien und Gegensätzen auf das Medium selbst zurückverweisen. Er bedient sich an verschiedenen Jargons und Sprachen; nicht jede Einflechtung ist dabei verständlich. Er greift Argumentationsweisen unterschiedlicher Couleur auf und führt sie im Redeschwall ad absurdum. Zudem kennzeichnet er musikalische Einspieler durch Notenzeichen.
Bereits der Titel zitiert den Song „(Get Your Kicks) On Route 66“ – die legendäre Straße, auf der man quer durch die USA von Chicago nach Los Angeles reist –, erstmals aufgenommen von Nat King Cole, unzählige Male wieder hervorgeholt und im eigenen Stil gecovert, z. B. von den Rolling Stones oder Depeche Mode. Die Lyrics sind eine Art Roadmovie, das der großen Freiheit im Herumstreifen huldigt und an Bücher wie Jack Kerouacs „On the Road“ erinnert. Wie das Gleichnis in der Bibel ist auch „Get Your Kicks“ am Straßenrand zwischen Jerusalem und Jericho angesiedelt: in der Wüste, im Konfliktfeld des Nahen Ostens, in einem Zeit-Mix aus römischem Weltreich und Internetära: „Get Your kicks on Route Kvish Akhad. Imagine. Hier werden Sie geholfen.“
Was kickt hier? Der am Boden Liegende stößt bei den Vorübergehenden Gedanken an: Was hat das zu bedeuten, warum ist er hier, wie komme ich heil aus der Situation heraus? Die Vorübergehenden treten mit ihrer Besserwisserei und Gleichgültigkeit nochmals auf den Zusammengeprügelten ein. Und den Leser kickt das Spektakel als Betrachter zweiter Ordnung; er wird durch den Text irritiert, belustigt, beschämt.
Die Zahl der Figuren ist für einen so knappen Text beachtlich, ihre Ausgestaltung geschwätzig und burlesk. Sie treten nacheinander auf und an die Unglücksstelle heran. Sie reden nicht miteinander, selbst wenn sie es ansprechen, auch nicht mit dem Opfer, das stumm bleibt. Stattdessen monologisieren sie, denken einfach nur laut, ohne eine Gegenrede zu erwarten. Ihre Interpretationen und Lösungsvorschläge sind mehr oder weniger verquer, widersprechen sich gegenseitig und driften ins Absurde ab. Hält der libertäre Glücksschmid öffentliche Straßen für das grundlegende Übel („Solange Vater Staat hier die Avus betreibt, sind wir verloren.“), ergeht sich Hilferding von der privaten Guardien Angel Road Security konsequent in Täter-Opfer-Umkehr und rät: „Übernehmen Sie einfach Verantwortung für Ihr Leben.“ Ähnlich Frau Sanssoucci („Warum reisen Sie nicht erster Klasse?“): Sie empfiehlt affirmierende Gedanken bis hin zum tech-futuristischen Größenwahn. Für Fräulein Fromm war der Überfall ein politischer Akt gegen den imperialen Komplex – und: „A propos: Vielleicht war der Anschlag ja als Satire gemeint.“ Andere sehen den Raub als Folge der Vergötzung des Eigentums, den nur ein materialistisch Verblendeter geahndet wissen will („Weniger ist mehr. Löse dich einfach mal von Besitzständen.“). Es wird politisiert, psychologisiert, philosophisch spitzfindig (um)gedeutet, an selbstoptimierenden Lebensweisheiten nicht gespart und auch mal in Rachefantasien geschwelgt. Bis – endlich und parodistisch verfremdet – die rettende Figur auf den Plan tritt: „Harre aus, ich haue dich raus! Du siehst ja verhauen aus. Bist du gar in eine Ratschlägerei geraten?“
Hat das knappe biblische Gleichnis eine eindeutige Botschaft, lässt einen diese postmoderne, ausschweifende Adaption rätselnd und zweifelnd zurück. Die Lektüre amüsiert; der spielerische Umgang mit Sprache nimmt dem Geschehen den bleiernen Ernst, die überzeichneten Charaktere dieser Farce demonstrieren lustvoll, wie selbstbezogen man sich im eigenen Denken einigeln kann, ohne vom Schicksal der anderen allzu sehr berührt zu werden. Trotzdem ist das geschilderte Geschehen lange Zeit ein tragisches, wenn der Gedanke an tätigen Beistand in einer Notsituation gar nicht erst aufkommt. Es ist eine Darstellung fortgeschrittener Entfremdung, in der Mitmenschlichkeit durch einen Wortwust ersetzt ist. Wir sehen täglich die Nachrichtenbilder von großem Leid, haben in der Stadt Armut und Perspektivlosigkeit direkt vor der Nase. Und verfolgen doch oft unbeirrt die eigenen Pläne, empfinden keine Anteilnahme, verhalten uns, als lebten wir in einer anderen Welt, in der dieses Elend nicht existiert.
So fantastisch und überzeichnet das Geschehen hier daherkommt, gelingt es ihm doch, überzeugend an die große Frage nach der Solidarität anzuknüpfen. „Get Your Kicks – Ein altes Gleichnis“ kann das Denken noch erschüttern.
Buchangaben:
Autor: Philipp Ammon
Titel: Get Your kicks
Untertitel: Ein altes Gleichnis
Verlag: Moloko Print
Erscheinungsdatum: 2025
ISBN: 978-3-910431-94-2
Preis: 15,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 05.08.2026 | Erstellt am: 05.08.2026
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