Von Madrid nach Wien und weiter nach Thessaloniki.
Vladimir Vertlib, 2025 mit dem Buchpreis der Salzburger Wirtshaft ausgezeichnet, erzählt in seinem neuen Roman die abenteuerliche Geschichte eines jüdischen Konvertiten am Wiener Hof. Unsere Rezensentin Stefana Sabin findet das Buch nicht nur spannend: Vertlib gelinge es, die zeitspezifische Atmosphäre des Wiener Hofs im ausgehenden 17. Jahrhundert zu vergegenwärtigen und eine vielschichtige Geschichte zu erzählen, die auch zu einer Reflexion über unsere Gegenwart inspiriere.
Kaiser Leopold I. aus dem Hause Habsburg regierte von 1658 bis 1705 als Kaiser des Heiligen Römischen Reises und musste die französische Expansion unter Ludwig XIV. im Westen und im Südosten die osmanische Expansion abwehren – was ihm tatsächlich gelang, so dass der Habsburger Machtbereich über das Heilige Römische Reich hinauswuchs. Leopolds Regierungszeit gilt als Beginn der Großmachtstellung der Habsburgermonarchie. Leopold war ein absolutistischer Herrscher, der die Gegenreformation durchsetzte und obwohl er auf die Finanzierung der Kriege auf die jüdischen Geldverleiher angewiesen war, vertrieb er 1670 die Juden aus Wien. Das Ghetto im Unteren Werd jenseits der Wiener Stadtmauer wurde aufgelöst, und auf dem Gebiet entstand die Leopoldstadt, den heutigen 2. Wiener Gemeindebezirk. Wo einst die Synagoge stand, wurde „nach gänzlicher Austreibung der Hebräer aus Niederösterreich”, wie es auf der Portal-Inschrift steht, die Leopoldskirche errichtet.
Das ist der historische Hintergrund im neuen Roman von Vladimir Vertlib „Der Jude der Kaiserin“. Es ist eine vielschichtige, geradezu barocke Handlung, in der jüdische Vertreibungsgeschichte, katholische Bigotterie und innenkirchliche Missstände, soziale Ungerechtigkeit und politische Intrigen verwoben, dramatische und komische Elemente verknüpft werden und das happy end als (Er)Lösung auf Zeit fungiert.
Der titelgebende Jude ist Pedro de Rojas, ein converso, also ein zum Katholizismus übergetretene Jude, der als Leibarzt der Kaiserin ihr aus Madrid nach Wien gefolgt ist. Die Kaiserin ist zwar eine bigotte Katholikin und eine rabiate Judenverächterin, aber ihren Arzt mag und schützt sie, obwohl sie von seiner jüdischen Herkunft weiß. Während sie auf die Vor- und Fürsorge ihres Arztes vertraut und sogar die jüdische Hebamme aus dem Ghetto kommen läßt, um sie während der Schwangerschaft zu betreuen, schürt die Kaiserin den Judenhass und verlangt vom Kaiser, dass er die Juden vertreibt. Als sie dann einen Sohn gebiert, der bei der Geburt stirbt, ist das Schicksal der Juden besiegelt: der Kaiser unterschreibt den Dekret zur Judenvertreibung. Pedro, der die Flucht der Hebamme im Voraus arrangiert, flieht schließlich selber. Zusammen lassen sie sich in Thessaloniki nieder und als gern gesehene Mitglieder der dortigen großen jüdischen Gemeinde fangen sie ein neues Leben an.
Vertlib, der 1966 in Leningrad geboren, 1971 auswanderte und 1981 nach Österreich kam, studierte in Wien und veröffentlichte 1995 seine erste Erzählung: Abschiebung. Darin beschreibt er eine gescheiterte Einwanderungsgeschichte und auch in seinem ersten Roman Zwischenstationen (1999) erzählt er von den Irrwegen der Emigration einer russisch-jüdischen Familie. In Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur (2001) erzählt er die Lebensgeschichte einer alten Frau: von der Kindheit im jüdischen Schtetl über die Belagerung Leningrads und die Repressionen in der Sowjetunion bis zur Emigration in den 90er Jahren. Auch Letzter Wunsch (2003) ist eine jüdische Spurensuche nach Identität und Herkunft – ebenso wie Schimons Schweigen (2012).
Im seinem neuen Roman werden die thematischen Fäden – Vertreibung, Anpassung, Flucht, Identitätsbewahrung, Neuanfang – auf dem historischen Hintergrund der Jahre 1668 bis 1673 in Wien neu verknüpft. Vertlib gelingt es, die zeitspezifische Atmosphäre zu vergegenwärtigen und eine vielschichtige und geradezu spannende Geschichte zu erzählen – und durch geschickte sprachliche Anspielungen subtile aktuelle Hinweise einzuflechten. Und indem er eine vergangene Zeit auferstehen lässt, aktiviert Vertlib das Nachdenken über die Gegenwart.
Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin. Roman. 412 Seiten. 2026 Residenz Verlag, Salzburg.
Buchangaben:
Autor: Vladimir Vertlib
Titel: Der Jude der Kaiserin
Verlag: Residenz Verlag
Erscheinungsdatum: 09.02.2026
Seitenzahl: 416 Seiten
ISBN: 978-3-7017-1821-4
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 24.03.2026 | Erstellt am: 24.03.2026
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