Von Fliegen, Fakten und Fiktionen

Von Fliegen, Fakten und Fiktionen

Der mehrfach ausgezeichneten Roman Die Mariborhypnose der tschechischen Autorin Dora Kaprálová
Buchcover

Eine Fliege führt durch Maribor, ein Hypnotiseur verwischt die Grenzen zwischen Wahrheit und Erfindung: Dora Kaprálovás preisgekrönter Roman Die Mariborhypnose ist ein funkelndes Spiel aus Literatur, Geschichte und grotesker Fantasie. Unsere Rezensentin Elke Heinemann liest ein Buch, das mit Facettenblick auf die Absurditäten des 20. Jahrhunderts schaut.

Das Insekt in der Literatur – klar, dass man sofort an Gregor Samsa denkt, den eine Höhere Macht, zweifellos annähernd identisch mit dem Schriftsteller Franz K., in ein „ungeheures Ungeziefer“ verwandelt hat. Literatur über Literatur schreibt die in Berlin lebende tschechische Schriftstellerin und Journalistin Dora Kaprálová durchaus. Allerdings hat keine Käferart sie zu ihrer aktuellen Metafiktion inspiriert, sondern die multiple Perspektive der Stubenfliege, die selbst das Geschehen hinter sich im Blick hat. Und so gibt die kaleidoskopische Sichtweise des Facettenauges das Formprinzip ihres neuen, mit mehreren bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichneten Buches vor: Unter dem Titel Die Mariborhypnose ist es in Nataša von Kopps bravoröser, vom tschechischen Kulturministerium geförderter deutscher Fassung bei mikrotext erschienen.

Die Geschichte beginnt so: Die Erzählerin Dora, zweifellos annähernd identisch mit der Autorin Dora K., erhält von ihrem tschechischen Verlag den Auftrag, einen Reiseführer über Maribor zu schreiben, der zweitgrößten Stadt Sloweniens. Sie beschließt, den Ort, an dem sie eine vierzehntägige literarische Residenz wahrnimmt, aus der Sicht einer Stubenfliege zu erkunden. Das Insekt soll ihr innerhalb von zwei Wochen, also von seiner Geburt bis zu seinem Tod, den Weg durch die Stadt weisen. „Dank ihres stroboskopischen Sehvermögens nimmt die Fliege viel mehr wahr als der Mensch“, erklärt die Schriftstellerin im Gespräch. „Eigentlich sollte ich einen Reiseführer schreiben, aber das war nur ein Vorwand, um einen Roman zu schreiben, denn ich wollte schon immer einen Roman über einen Hypnotiseur schreiben, und ich wollte schon immer einen Roman über eine Fliege schreiben.“

Herausgekommen ist ein Roman über einen Roman, eine Erzählung über eine Erzählung, ein Baedeker über einen Baedeker in 59 Mini- und Mikrokapiteln mit zahlreichen Bezügen zu Dichtungen und Wahrheiten des zwanzigsten Jahrhunderts. Es scheint, als wären zwei literarische Werke maßgebliche Inspirationsquellen dieses skurrilen kleinen Meisterwerks: Zum einen ist es der im Buch mehrfach erwähnte, als kafkaesk geltende, im Maribor des Jahres 1938 spielende Roman Nordlicht des aus Maribor stammenden Erfolgsautors Drago Jančar, in dem eine Fliegenfängerfabrik die fatale Anziehungskraft totalitärer Ideologien symbolisiert. Und zum anderen ist es ein oft verfilmter Bestseller, nämlich die Horror-Erzählung Trilby von George du Maurier aus dem Jahr 1894, in der das dämonische Genie Svengali das unmusikalische Mädchen Trilby unter Hypnose in eine Gesangs-Diva verwandelt.

Aber halt – das könnte eine Fiktion der Rezensentin sein oder eine Facette der Geschichte. Eine andere Facette zeigt den 1894 in Maribor geborenen Illusionisten, Magier und Hypnotiseur Leo Škerbinc, der unter dem Namen Svengali europaweit bekannt wurde. In Erinnerung geblieben sind Auftritte im russischen Zirkus vor Rasputin und der Zarenfamilie, aber vor allem die Katalepsie-Nummer mit seiner ebenfalls aus Maribor stammenden Ehefrau Elis: Er versetzte ihren fliegengewichtigen Körper in eine totale Starre, die er bewies, in dem er auf ihm Wiener Walzer tanzt.

Was ist Wahrheit? Was ist Fiktion?

Aber halt – das könnte eine Fiktion der Erzählerin Dora oder der Autorin Dora K. sein, denn vom Walzer liest man nicht in der mariborischen Lokalhistorie über Škerbinc-Svengali, die der mariborische Lokalautor Vid Kmetič publiziert hat, von dem im Unterschied zum mariborischen Erfolgsautor Drago Jančar im Buch auch nicht die Rede ist. Und noch etwas fehlt, wie die Erzählerin mitteilt, nämlich die Fliege namens Elis: Sie gibt es nicht im Londoner Naturkundemuseum, das doch die größte europäische Fliegensammlung inkorperiert mit immerhin 2,5 Millionen aufgespießten Exemplaren.

In Maribor sucht Dora Fliegen fast vergeblich, obwohl es nach ihrer Berechnung bei rund 100.000 Einwohnern mindestens 10 Millionen Fliegen geben müßte. Aber zumindest eine Fliege, die Fliege namens Elis, schlüpft zu Beginn des Romans aus ihrer Larve, und zwar in dem Haus, in dem Škerbinc-Svengali 1965 verstorben ist. „Sie ist eine geborene Hedonistin, und gleichzeitig, als stammte sie aus dem slowenischen Übermurgebiet, Melancholikerin, doch in Maribor ist sie eine Bürgerin zweiter Klasse, minderwertig wie die Slowenen einst im faschistischen Triest gegenüber den Italienern und gegenüber den Deutschen in Maribor. Die Fliege hat keine Geburtsurkunde, keinen Pass, keine Ausbildung und keine Gesundheitskarte. Sie lacht und weint gern, ist liebevoll, temperamentvoll und zärtlich. Am liebsten schlürft sie Cola und Weißwein, aber sie verschmäht auch weder Blut noch gewöhnliche menschliche Scheiße.“

Was menschliche Scheiße mit literarischem Schreiben zu tun hat, wird in dieser Kaleidoskopprosa ausführlich ausgeführt und auch, was menschliche Scheiße mit dem Karriereschub des Hypnotiseurs Škerbinc-Svengali zu tun hat und auch, was menschliche Scheiße mit Lenin zu tun hat, der im Unterschied zu Hitler und Tito angeblich nie in Maribor war. „Es sei denn, Maribor hätte sich ihn ausgedacht, etwas, was in dieser Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts ab und zu passiert.“

Tito hingegen tritt im Buch in zweifacher Gestalt auf, als historische Figur ist er der General, der Befreier, der Marschall, als fiktive Figur ist er Elis Liebhaber für einen Tag pro Jahr. Ein Beispiel von vielen dafür, dass die Autorin so brilliant mit Fakten und Fiktionen jongliert wie mit den drei Bällen, mit denen sie eine Zirkusnummer probt, bevor sie im Flix-Bus nach Maribor reist, wo gerade ein Heavy-Metal-Festival startet, das sie im Verlauf ihres Aufenthalts um Schlaf und Verstand bringen wird. Ein anderes Beispiel ist der Blick in den Spiegel, der Dora zeigt, dass wir „nicht nur ein Wesen“ sind, sondern viele, unter ihnen der Hypnotiseur S.-S., der wiederum Doras Gesicht in seinem eigenen Spiegel erblickt, die wiederum ihn in einem greisen Mariottenspieler auf den Straßen von Maribor zu erkennen glaubt, auf dessen Schulter die Fliege namens Elis sitzt. „Den Literaten dürfen wir nicht glauben, nie!“ schreibt Dora, die Literatin. „Sie verraten, was sie nicht wissen, und verschweigen, was sie kennen.“

Um Škerbinc-Svengalis wie erfunden wirkende Biografie ranken sich im Buch die schrägen Geschichten der multikulturell geprägten Stadt Maribor und die abenteuerlichen Erlebnisse historischer Personen, zu denen der Erfinder Nikola Tesla gehört, der Dramatiker Frank Wedekind, der Präsident Wolodymyr Selensky und der Schriftsteller Jaroslav Hašek, dessen Hauptwerk Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk angeblich nur aufgrund der Begegnung mit dem Hypnotiseur S.S. entstehen konnte. Versetzt wird das Ganze mit Spaziergängen der Erzählerin, die sie nicht nur zu touristischen Attraktionen führen – immerhin liegt Maribor auf Platz sechs der größten europäischen Massengräber – , sondern auch zum städtischen Zentraldepot für Rest und Biomüll. Am Ende findet sie hinter der Polizeistation, was sie auf allen Wegen und in allen Abfallcontainern gesucht hat, nämlich jede Menge Fliegen, „mit den kleinen Kameras in den Augen, plötzlich schwärmen ganz viele aus, sie besiedeln irgendetwas in der Mülltonne, was den Polizisten entgangen ist“.

Dora Kaprálová hat in diesem Frühjahr beim Magnesia Litera, dem wichtigsten tschechischen Buchpreis, gleich zweimal gewonnen: Die Mariborhypnose siegte in der Kategorie Prosa und wurde mit dem Hauptpreis „Buch des Jahres“ ausgezeichnet. Außerdem erhielt die Autorin für ihr Buch den Literaturpreis der Europäischen Union 2026. Im Oktober wird man sie auf der Frankfurter Buchmesse treffen können, wo Tschechien Gastland ist.

Ihr Werk wird der tschechischen Linie des magischen Realismus zugeordnet, der in guter surrealistischer Manier von den Einbrüchen des schwer bis gar nicht Erklärbaren im Alltag zehrt. Stilmittel wie die ironische Überzeichnung, die groteske Verzerrung und die Evokation hypnotisch-traumartiger Zustände ermöglichen, dass große Literatur aus Absurditäten entsteht, wie sie Geschichte und Gegenwart hervorbringen. So beispielsweise, wenn eine Fliege diese Absurditäten in den Blick nimmt.

Dora Kaprálová
»Die Mariborhypnose«
Aus dem Tschechischen von Nataša von Kopp
Verlag mikrotext
ISBN 978-3-948631-70-3, 160 Seiten, Hardcover, 24 Euro
ISBN 978-3-948631-69-7, E-Book , 13,99 Euro
ET: 8. September 2026
Link zum Buch und Cover: Dora Kaprálová: Die Mariborhypnose – mikrotext

Letzte Änderung: 09.09.2026  |  Erstellt am: 09.09.2026

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