Verdrängte Erinnerungskultur

Verdrängte Erinnerungskultur

Exil und Erinnerung: Zu Matthias Nawrats neuem Roman „Das glückliche Schicksal“
Cover „Das glückliche Schicksal“ | © Rowohlt Verlag

Der deutsch-polnische Schriftsteller Matthias Nawrat verwebt in „Das glückliche Schicksal“ die polnische Nachkriegserfahrung zu einer vielschichtigen Erzählung über politische Unterdrückung, Trauma und kollektive Erinnerung. Mit einem fiktionalen Interview – das laut dem Rowohlt Verlag wie „ein Spiel zwischen ebenbürtigen Gegnern“ wirkt – als erzählerischem Anker entfaltet sich eine Handlung, die sich realer denn je anfühlt, findet Gabriel Romano. Ein wichtiges Werk für das Verständnis der osteuropäischen Geschichte, die besonders im Westen stärker berücksichtigt werden sollte.

„Das glückliche Schicksal“ ist der neueste Roman des Autors Matthias Nawrat. Während des Kalten Krieges im polnischen Opole 1979 geboren, verarbeitet er historische Fakten aus dieser Zeit literarisch in seinem Werk: Nawrat spricht hier lebendig über Exil, Trauma, Erinnerungskultur, politische Ideologien und die Dichotomie zwischen West und Ost. Das Buch ist eine realitätsnahe Darstellung eines düsteren Kapitels der osteuropäischen Geschichte und damit eines jener Werke, die für das allgemeine Verständnis des Publikums – besonders in Westeuropa – wichtig sind, weil sie die Exilgeschichte und die politische Unterdrückung Polens plastisch und historisch korrekt erzählen.

Die Handlung spielt 1983 und dreht sich um die polnische Sozialpsychologin Wanda Karłowska, die zu sozialen Einflussnahmen und äußeren Umständen forscht, welche das menschliche Verhalten prägen. Sie reist nach Venedig, wo der polnische Sozialwissenschaftler Henryk Mrugalski im Exil lebt, da sie ihn für die Entwicklung ihrer Forschungsarbeit interviewen will. Mit einem Hintergrund in Philosophie, Kybernetik und Statistik veröffentlichte Mrugalski bereits einige Arbeiten über die soziologischen Grundannahmen der Gesellschaft, die für Karłowskas Forschung wichtig sein könnten.

Aber mehr noch als daran, über seinen wissenschaftlichen Beitrag zu erfahren, scheint Wanda an seiner persönlichen Geschichte interessiert zu sein, die ihn nach Krakau, London, in die USA und zuletzt nach Venedig führte: Wanda glaubt, dass sich seine Gulag-Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und später die Erfahrungen des Exils in seinen Artikeln widerspiegeln und dass seine Werke auf keinen Fall unabhängig von seinem „Schicksal“ betrachtet werden können.

Mrugalskis Geschichte ist von Trauma, Ausbeutung in sowjetischen Arbeitslagern und Zwangsvertreibung geprägt – wie die vieler Osteuropäer*innen in der Kriegszeit und auch nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs. 1940 überschritt Mrugalski illegal die Landesgrenze der BSSR und wurde wegen angeblich terroristischer Aktivitäten gegen die UdSSR zwangsinhaftiert. Nach etwa einem Jahr im sowjetischen Gulag-Arbeitslager wurde er zu Beginn des Krieges – im Kontext der Besetzung Polens durch Stalin und Hitler sowie der Aufteilung des Landes – entlassen.

Mrugalski nimmt jedoch eine zurückhaltendere Haltung gegenüber Wandas Fragen zu seiner Vergangenheit ein, auf die er mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber seiner eigenen Arbeit und sogar seinem Leben (Schicksal) reagiert: „Es gibt Dinge, über die sollte man nicht sprechen. Die sind vergangen, und man sollte sie nicht wieder ausgraben“, sagt Mrugalski.

Die Geschichte entfaltet sich in unterschiedlichen Erzählebenen: Nawrat beschreibt die gegenwärtige Realität der Figuren beziehungsweise das Interview in Venedig 1983, aber auch Mrugalskis Geschichte seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs 1940/1941 bis hin zu seinem selbstgewählten Exil im Kalten Krieg sowie die Lagererfahrungen von Wandas Vater in Krakau 1945 – ein Grund, warum sie an Mrugalskis Vergangenheit so interessiert ist. Die Erzählung kann daher zunächst verwirrend wirken, da sich der Leser in einem literarischen Labyrinth befindet und der Autor die Geschichte nicht chronologisch erzählt, sondern ständig Raum und Zeit wechselt.

Dennoch konzentriert sich Nawrat deutlich auf das Hauptthema und schafft dadurch eine klare literarische Struktur: die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf Polen – darunter die Kriegsverbrechen der Deutschen im besetzten Land –, das polnische Exil sowie die Gefühle von Ressentiment und Entfremdung, die viele Polen aufgrund ihres Kriegstraumas miteinander teilen. Ebenso schildert er die Hoffnung Polens auf den Aufbau einer neuen Gesellschaft nach dem Krieg, die Erfahrungen mit sowjetischer Propaganda zur Unterordnung unter die Ideologie des Sozialismus und die Realität eines Ideologiekampfes in der kommunistischen Volksrepublik Polen bis zur Ausrufung des Kriegsrechts 1981.

Die Handlung ist eine Fiktion, fühlt sich aber realer denn je an. Nawrat gelingt es, durch fiktionale Charaktere eine faktenbasierte Geschichte zu rekonstruieren und die unterschiedlichen Nuancen der polnischen Geschichte in der Nachkriegszeit sowie im Kalten Krieg darzustellen. Sein Schreibstil ist präzise, historisch pointiert und in manchen Beschreibungspassagen poetisch, was der Atmosphäre einen literarischen, gleichzeitig aber realistisch verankerten Ton verleiht. Dadurch gewinnt die Fiktion die notwendige Seriosität, um sensible Themen zu behandeln.

Auch die nicht-lineare Struktur funktioniert besonders gut, da sie dem Leser die historischen Informationen über die Vergangenheit der Figuren – verbunden mit politischen Ereignissen – allmählich vermittelt und dadurch eine erfolgreiche Rekonstruktion der Geschichte erschafft. „Das glückliche Schicksal“ ist dementsprechend ein anspruchsvoller Roman, der Themen wie Erinnerung, Trauma und Machtausübung historisch betrachtet und nachvollziehbar macht. Die Lektüre ist besonders empfehlenswert und wichtig für das Verständnis der osteuropäischen Geschichte, die im Westen stärker berücksichtigt und besser verstanden werden sollte.

Buchangaben
Titel: Das glückliche Schicksal
Autor: Matthias Nawrat
Verlag: Rowohlt Verlag
Erscheinungstermin: 13.03.2026
Seitenanzahl: 272 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-498-00365-4
Preis: 24,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 05.06.2026  |  Erstellt am: 05.06.2026

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