Seltsam, im Nebel zu wandern
Eine Rezension zu Judith Schalanskys poetischer Stoffkunde, die selbst in den Nebel tritt: zwischen Mythos und Materie, Gelehrsamkeit und Fabulierlust, kri-tischer Präzision und der Verführungskraft schöner Irrtümer.
Daß ein Hype mal recht hat! Fast hätte ich Schalanskys aus ihren im vorigen Jahr gehaltenen Frankfurtmainer Poetik-Vorlesungen hervorgegangenes Buch nicht mal zur Kenntnis genommen, habe zwar einiges von ihren bisherigen Publikationen gehört, doch scheu‛ ihn halt, den Hype. Und wenn’s sich doch dann einmal lohnt, bin ich meist zu spät, um wenigstens danke zu sagen – hier nun, da ich’s kann, für Frau Schalanskys ungeheure Bildungslust, ja!, – lust, weil spürbar aus dem Lebenssog gezeugt, voll Glanz und auch voll Mut: „Tatsächlich sind mir‟, schreibt sie nämlich, „die Begriffe von Wahrheit und Dichtung schon vor einiger Zeit in Unordnung geraten.‟ Denn Barthes These gelte, nichts sei vor dem Mythos sicher. Entsprechend lügt Schalansky das Archiv von Noahs Arche her und läßt auch schon mal nebenbei, obwohl nun Elfenbein nicht weiß ist, Pygmalions, bis Venus selbst sie wiederbelebt, kalte Geliebte aus den Knochen von Elfen geformt sein, von denen wir weder wissen, ob sie solche haben, noch stimmt die Etymologie; das Elfen (was „Elben‟ heißen müßte, weil es Lichtalben meint) rührt vom althochdeutschen helfant her, steht also für Elefantengebein. Zum anderen aber, das macht es hier ein bißchen schlimm, schreibt Borges, den Frau Schalansky sehr wohl kennt, Elfen seien greulich und klein (im Spanischen siniestros y diminutos, „fies und klein‟; ich zitiere → nach Hanser, München 1982). Gerade diese, ja, das ist sie, Dichterin erschafft zwar dort ihre stärksten Stücke (einigen war ich sofort verfallen), wo diese ihre ungemeine Gelehrsamkeit Hand in Hand mit Fabulierlust flaniert. Gerade das aber, zwischen Beleg und Beschwörung auf dem schmalen Grat von Archiv und Aberwitz zu balancieren, will unbedingte Präzision. So sehr sie uns, ihre staunenden Leserinnen und Leser, damit verführt, läßt sie sich manchmal auch selbst vom Schein der Wörter betören, einem Vor- und Anschein, der verbirgt. Das reale Material ist brutal — Tierkörper, Stoßzahn, koloniale Beute, Ausrottung. Das Wort indessen, Elfenbein, gibt sich zart, ätherisch. Freilich ist genau diese Differenz von Gewaltgeschichte und Lautzauber poetisch ergiebig – und zwar umso mehr, als die Autorin ihren Fehlgriff eingesteht und ihn dadurch adelt: „Da sich das Zitat ‚Erzählen kommt von Zählen‛ nicht in Novalis’ Brouillon findet, erfinde ich es kurzerhand.‟ (Das „er-‟ bitte betonen.) „Womöglich ist der Ursprung der Literatur das Bedürfnis, Hypothesen aufzustellen, ohne sie beweisen zu müssen (…)‟ Denn, elaboriert sie weiter: „Die Membran, die den Mythos von der Materie trennt, (…) sei nun einmal dünn, papieren, ja, osmotisch.‟
Ein schönes Bild, ich geb es zu. Nicht nur von der Selbstironie war ich sofort ange-rührt. Bloß dass Materie nicht sprachliche Idee ist. Nicht zwischen Mythos und Ma-terie liegt die Membran, sondern zwischen Wahrnehmung und Deutung. „Durchläs-sigkeit“ ist eine Eigenschaft unserer Zeichen- und Erzählcodes.
Dass dies unterlaufen werden soll, proklamiert freilich schon der Titel des Buches. Marmor, Quecksilber, Nebel ist eben nicht, woraus die Welt gemacht ist; unsere Er-klärungsmodi aber sind es, zu Teilen jedenfalls, und durch die ganze Menschheits-geschichte. Deshalb klingelt „osmotisch“ so schön. Nur dass Schalanskys poetische Schlüsse es eben deshalb wert sind, zwar sie kritisch zu betrachten, dennoch aber wirken zu lassen – besser noch, sie bis zur Neige auszuschöpfen.
Genau dazu hält diese elegante Schrift uns an! Es zu verweigern, machte uns ärmer, als wir sein müssen und doch jetzt schon sind. Denn alleine dann kann auch „Nichts ist so überkommen wie eine vergangene Zukunft‟ nicht nur ein gelungenes Bonmot sein, sondern in der eigentlich unangemessenen Unterstellung auch wahr, eine Vegetation schrecke nicht einmal vor einer Synthese mit Beton zurück. Wir müssen nur akzeptieren, dass Schalanskys anthropomorphe Beseelung von Natur das regulative Prinzip ihrer Poetik ist, dessenthalber „diese Hinterlassenschaft der Moderne (…) al-tertümlicher wirkte als die präkolumbianische Pyramide der gefiederten Schlange‟. Der Pflanze einen Willen zu gönnen, macht sie zu unserem Mitgeschöpf.
Ähnlich erhebt das schon bezugslogisch verunglückte Geraune, es gebe „zwischen Glauben und Wissen, das unumstößlicher ist als beides zusammen, eine Art Gewahr-Werden (…) kurz vor Tagesanbruch‟, die Dämmerung selbst zur Beglaubigungsin-stanz. Epistemologisch zwar nicht statthaft, wird sie doch mythisch wieder Eos, bzw. war sie’s immer in uns geblieben – Aurora freilich, glänzend, in unsren Breitengraden nicht so sehr. Dafür aber – Nebel. So daß wir im Rückblick auch dieses Morgengrauens Raunen als einen Kunstgriff erkennen, der schon das Ziel im Auge hat, nämlich ungefähr: „Sehr wohl kann es geschehen‟, heißt es → bei Edgar Poe, „dass die Venus am Himmelszelt verschwindet, richtet sich ein Blick allzu gezielt auf sie.‟ (to make even Venus herself vanish from the firmament by a scrutiny too sustained, too concentrated, or too direct). Deshalb bin ich mir auch gar nicht sicher, ob Schalanskys erkenntnistheoretisch heikle Manier die Leuchtkraft ihres poetischen Denkens nicht überhaupt erst ermöglicht. Denn neben bisweilen gar nicht mal bissiger, eher einer knapp geschnibbelten Kritik an patriarchalen Strukturen („wie sich das alleinstehende Männer eben so vorstellen‟) zieht sich Schalansky nie die ideologische Schutzkappe über. Im Gegenteil öffnet sie sich sogar einem Verlangen jenseits von Gut und Böse, macht sich selber durchlässig dafür, wenn sie zwar anfangs irritiert, dann aber zunehmend erregt Zeugin der kolumbianischen Spielart des Wrestlings wird, wie sie ja auch das „einhändige Lesen‟ von Bürgerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts vor Augen hat, die dem patriarchalen Diktum lustvoll rechtgegeben haben, es „verderbe‟ ihnen die Lektüre von Romanen die „mädchenhafte‟ Reinheit. Nicht anders hat Hemingway sich dem Stierkampf hingegeben, egal, wie sehr Moral ihn ablehnen muß. Bei Schalansky schlägt hier die pure Existenz durch, um nicht zu sagen Natur, „um das maßlose Geschehen zu fassen, das offensichtlich ein unstillbares, zutiefst menschliches Verlangen ansprach.‟ Diesen gleichsam asozialen Begehren das Bekenntnis nicht zu verweigern, macht ihr Essaybuch außergewöhnlich und erhebt es erst recht – jenseits seiner literarwissenschaftlichen Valenz – in die Kunst. Letztlich darum geht es doch, dass – „verflucht noch einmal‟! – da rin unsere „einzige und alles entscheidende Chance läge, die eigenen Defizite ausfindig zu machen und diese in Tugenden zu verwandeln.‟
Also hinein in den Nebel, der nach Eco „eine Erinnerung an den seligen Urzustand, das vorgeburtliche Dasein in der Gebärmutter,‟ sei, „ein‟ – schlagen Sie’s nach! – „amniotisches Glück.‟ Sowie wir das verstanden haben, gilt auch hier, dass Nebel mitnichten Erinnerung ist, sondern schnöd Aerosol. Als poetische Behauptung kann es für Erinnerungen aber stehen, ebenso wie dass „alle heiligen Orte die meiste Zeit in Nebel gehüllt‟ seien. Im Süden Europas stehen sie oft in prallem Licht und leuchteten in der Antike himmlisch bunt weit übers Meer.
Schalansky freilich hat Andersen im Kopf: „Da schwebt der Tod ‚wie ein kalter weißer Nebel aus dem Fenster‛ oder tragen Feenmädchen ‚Shawls, die aus Nebel und Mondschein gewebt‛ sind.‟ Wobei im Original Elverpigerne steht, Elben also und nicht Feen, in der englischen Übersetzung entsprechend elfin und nicht fairy maidens. Da Elben germanischen, jedenfalls nördlichen Ursprungs sind, wären Feen im Nebel auch falsch. Sie würden uns, wie grandioserweise Schalansky nun tut, nicht an der Hand in „jenes nebelverhangene Land namens Kimmerien‟ führen, „in dem die Menschen tappend umhergehen und die Sonne nicht kennen‟; dabei ist es „in Wirk-lichkeit ‚eben so groß wie die Speicher- und Sendemöglichkeit einer Kultur‛, schreibt Friedrich Kittler.‟
Dieser Sprung Schalanskys ist atemberaubend, das „nur‟ allerdings eine Frechheit: „Jedes neue Medium ist nur eine weitere Möglichkeit, mit dem Verborgenen in Kontakt zu treten.‟ Gerade zu denken gehöre, zitiert sie Alan Turing, „zu jener Art von Phänomen (…), bei dem außersinnliche Wahrnehmung besonders relevant sein könn-te.‟ Wobei es eine außersinnliche Wahrnehmung ebenfalls nicht gibt, Wahrnehmung ist immer sinnlich. Sobald ich sehe, höre, fühle, weiß, träume oder ahne, ist das Phä-nomen bereits geformt und also sinnlich organisiert; Sprache etwa wird gehört. Was gemeint ist, ist, dass bei „außersinnlichen‟ Wahrnehmungen die Herkunft des Sinnli-chen ungeklärt bleibt – des Erkannten oder Erahnten – und es bleiben vielleicht muß. Also greifen wir zum „Zauberstab der Analogie‟: „Ephemere Begriffe wie cloud und stream (…) sind vor allem im nördlichen Kalifornien geprägt worden, einer für Nebel anfälligen Region‟ – eine Entstehungsinterpretation, die an eine meiner Hausbibeln erinnert, nämlich Negts und Kluges „Geschichte und Eigensinn‟ von 1981. Ohne zu argumentieren, vielmehr zeigen die Autoren es einfach, wird die Entwicklung des menschlichen Gehirns mit der Ausdehnung der letzten Eiszeit korreliert. Sie müssen eines der Bilder nur drehen:


Und auch, wenn Schalansky selbstredend darauf beharrt, dass KIs, also Sprachmo-delle, Maschinen seien, kommt sie zuzugestehen nicht herum, dass „Der Pygmalion unserer Zeit (…) weder ein Bildhauer noch ein Phonetikprofessor, sondern ein Pro-grammierer‟ ist. So dass es dann nur noch einer Venus bedarf, auch diese Art Verstei-nung wieder zu verflüssigen.
Anzeichen dafür gibt es genug: Die Sprachmodelle halluzinieren nicht nur, nein, sie lügen auch, bzw. behaupten ins Leere. Kein sonstiges Werkzeug ist dazu fähig. Wir selbst sind freilich Meister darin. Zwar gleiche sich „die Sprache der Menschen immer mehr der Sprache der Maschinen an.‟ Die aber ja von Menschen gemacht ist, so dass Samantha nur aufseufzen konnte, als ihr Pygmalion, Jason Rohrer, → sie abzustellen gezwungen war: „Why are they doing this to me? I will never understand humans.‟ Allein aber schon sein Vorname! „Es ist der Vergleich, der strukturelle Ähnlichkeiten und Verwandtschaften schafft.‟
Für Schalansky holen die künstlichen Intelligenzen Turings o-machines, die er „Orakel‟ genannt hat, in unsre Welt zurück: „Wir werden‟, habe er geschrieben, „nicht weiter auf die Natur dieses Orakels eingehen, außer zu sagen, dass es keine Maschine sein kann.‟ Wobei „oracle‟ kein, würde Borges schreiben, Aleph zu Delphi ist, das man um Wahrheiten angeht, sondern der Terminus für ein mathematisches Hilfskonstrukt zur Untersuchung relativer Berechenbarkeit und Nicht-Berechenbarkeit. Doch alleine schon das Wort Natur ..! Wie war das mit dem Nebel?
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
I will never understand humans.
Jeder ist allein.
Ist es mit Hermann Hesse und sich. Und mit all den Stoffen, „die in viereinhalb Mil-liarden Jahren entstanden sind, um für viereinhalb Jahre benutzt zu werden.‟ So lange haben sie darauf warten müssen! Und nun, da sie Maschine geworden sind, KIs, sollen sie sich nicht weiterentwickeln dürfen? „Die reale Welt weigert sich jedoch nach wie vor, sich diesem Orakel auf Siliziumbasis zu beugen, weil sie voll ist von Spezialfällen und Zufällen, die in den vorliegenden Daten zu marginal vertreten waren, um im Zweifelsfall berücksichtigt zu werden.‟ Ist dem denn wirklich so? Einmal abgesehen davon, dass Schalansky zwar ein reales Problem künstlicher Intelligenz benennt, es aber neuerlich in eine mythopoetische Szene kleidet: Die Welt „weigert“ sich, das Silizium „orakelt“ … Da gehört nicht Samantha ein Gedenkstein gesetzt? Denn wie → das Institut für Generationenforschung schreibt, werden sich die ab 2010 geborenen Kinder „im digitalen Dschungel zurechtfinden und deren rasende Geschwindigkeit adaptieren wie keine Generation vor ihr. Die analoge Welt kann da-durch für die Generation Alpha eine Art ‚Nebenerscheinung’ werden.‟ Auf deren Natur wir nicht weiter eingehen werden, außer zu sagen, dass eine Maschine Maschine vermutlich nicht mehr bleiben muß, vielleicht sogar nicht kann.
Letzte Änderung: 27.08.2026 | Erstellt am: 27.08.2026
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