Rückkehr ins Fremde

Rückkehr ins Fremde

Astronomie, Detektivarbeit und NS-Terror: Rezension zu Pippa Goldschmidts „Deutschstunden. Eine Rückkehr“
Cover „Deutschstunden. Eine Rückkehr“ | © CulturBooks Verlag

Auf den Spuren ihres Großvaters erkundet Pippa Goldschmidt in Deutschland nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die Frage, wie historische Ereignisse bis in die Gegenwart hineinwirken. Gabriel Romano blickt auf Goldschmidts Buch, das persönliche Erfahrung, historische Recherche und Erinnerungskultur miteinander verbindet und eine vielschichtige Reflexion über die Nachwirkungen der deutsch-jüdischen Geschichte bietet. Ein spannendes Sachbuch.

Deutschstunden. Eine Rückkehr ist ein autobiografisches Sachbuch der Astronomin und Autorin Pippa Goldschmidt. Darin erzählt die in Großbritannien geborene Autorin von ihrer Auswanderung nach Deutschland und von dem Wunsch, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren – insbesondere mit Blick auf ihren Großvater Ernst Goldschmidt, einen jüdischen Deutschen, der während des nationalsozialistischen Regimes nach Großbritannien floh. Die Autorin lebt heute zwischen Edinburgh und Berlin; Frankfurt am Main, Ernsts frühere Heimatstadt, wird im Buch jedoch zu einem zentralen Schauplatz, an dem sie die Geschichte der Stadt, ihre jüdische Tradition und die Spuren der eigenen Familie erkundet.

Mal liest sich das Buch wie ein Tagebuch, mal wie eine detektivische Spurensuche, mal wie ein historischer Essay. Diese Ebenen kommen zusammen, ohne dass die Lektüre unübersichtlich wirkt. Verbunden werden sie durch ein zentrales Motiv: nämlich die Frage, wie Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt. Goldschmidt zeigt, dass Familiengeschichten, Identitäten und historische Ereignisse keineswegs abgeschlossen sind, sondern heutige Entscheidungen und Lebenswege massiv beeinflussen können.

Zwei Themen dominieren inhaltlich: die Auswanderung der Autorin nach Deutschland – die titelgebende „Rückkehr“ – nach der Ankündigung des Brexit sowie die Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft. Goldschmidt schildert Alltagsbeobachtungen: Arztbesuche, Deutschunterricht, Spaziergänge, das Leben im Lockdown und den Umgang mit der deutschen Bürokratie. Parallel dazu versucht sie, im Land ihres Großvaters dessen Geschichte zu rekonstruieren – anhand britischer Angaben in seinem Pass, mithilfe der Erinnerungen ihres Vaters, durch Recherchen in jüdischen Archiven sowie durch die Lektüre wiedergefundener Briefe, die Ernst an seine Verwandten geschrieben hat.

Allerdings bleibt vieles unklar: „Während ich all das lese und dabei versuche, die achtzig Jahre alten Stempel in dem Pass zu entziffern, wird mir klar, dass ich deutlich weniger über die Reisen von Ernst als über Einsteins komplizierte Reisebewegungen weiß.“ (S. 27) Gerade diese Unvollständigkeit wird zu einem zentralen Bestandteil des biografischen Erzählung: Goldschmidts Geschichte ist weit mehr als eine Schilderung der Vita ihres Großvaters; sie ist eine allmähliche Annäherung an eine Vergangenheit, die sich nur fragmentarisch erschließen lässt, wie ein Puzzle. Dabei erfährt sie zwar vieles über Ernsts Leben, doch das eigentliche Thema ist nicht allein die Entschlüsselung seiner Vergangenheit, sondern der Umgang der Autorin mit den Leerstellen, die bleiben.

Interessant ist auch, wie vielschichtig Pippa Goldschmidt ihren Bericht anlegt und dabei unterschiedliche Sachverhalte miteinanderverbindet. Neben der familiären Hauptebene hebt sie die deutsche Geschichte des Ersten und Zweiten Weltkriegs hervor, mit besonderem Fokus auf die Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland, die auch anhand von Ernsts Lebensweg veranschaulicht wird. Zugleich fließen Goldschmidts Kenntnisse als Astronomin in das Buch ein: Sie verbindet die Bewegung der Planeten sowie die Theorien bedeutender Wissenschaftler wie Albert Einstein oder Sigmund Freud mit ihrer eigenen Familiengeschichte – und dieser Griff ist überzeugend, sehr gelungen. Die Astronomie dient dabei nicht nur als wissenschaftlicher Exkurs, sondern entwickelt sich zu einer metaphorischen Ebene: Bewegung erscheint sowohl als kosmisches Grundprinzip als auch als prägende Erfahrung von Heimat, Migration und Identität.

Besonders hervorzuheben ist Goldschmidts leichte, kluge und reflektierte Schreibweise – gerade angesichts der schweren Themen, etwa des Holocausts. Die Erzählung ist zudem reich an Details, was sich auch in der ergänzenden Bilddokumentation zeigt: zu sehen sind Fotos von Ernsts Dokumenten, von ihm in der Khakiuniform der britischen Armee sowie vom ehemaligen Bankhaus Merzbach der Familie in Offenbach vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Diese Bilder vertiefen das Eintauchen der Lesenden in die Geschichte.

Deutschstunden. Eine Rückkehr ist in diesem Sinne ein bemerkenswertes Sachbuch: Goldschmidt gelingt es, persönliche Erinnerung, historische Recherche und wissenschaftliche Reflexion präzise miteinander ins Gespräch zu bringen und trotz aller Brüche und Leerstellen ihrer Familiengeschichte den eigenen Weg in Deutschland zu finden. So öffnet sie den Blick auf eine hoffnungsvolle Zukunft, die das Erinnern bewahrt und zugleich Raum für Eigenständigkeit schafft. Eine bewegende Lektüre.

Buchangaben:
Autorin: Pippa Goldschmidt
Titel: Deutschstunden. Eine Rückkehr
Verlag: CulturBooks Verlag
Erscheinungsdatum: 22.03.2025
Seitenzahl: 280 Seiten
Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen von Zoë Beck)
ISBN: 978-3-95988-188-3
Preis: 24,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 10.07.2026  |  Erstellt am: 10.07.2026

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