Unser Autor Reinhard Ermen sieht sich als einen, der gefühlsmäßig mit Büchern verbunden ist, sie faszinieren ihn, aber sie zwingen ihn nicht. Er ist keineswegs allwissend und gibt unumwunden zu, wenn er ein Buch nicht ausgelesen hat, zu Wissenslücken bekennt er sich mutig. Es geht ihm nicht um Kritik, sondern um Buchgeschichten, welcher Art auch immer. Vorsicht: Bücher vermehren sich von selbst! Manche sind ihm einfach zugelaufen, er hat sie in den Untiefen seiner Bibliothek wieder entdeckt oder sie wurden ihm vererbt. Viele, viel zu viele kauft er einfach, weil er sie haben will. Die Grenzen zwischen schöner Literatur und Sachbüchern zählen nur so halb, Exoten und Fremdlinge werden bevorzugt, bekannte Größen erscheinen in einem anderen Licht; Kunstfehler nicht ausgeschlossen, aber sie kommen von Herzen. Heute: Haruki Murakami – ein Autor, aber mit drei unterschiedlichen Perspektiven.
1. „Untergrundkrieg. Der Anschlag von Tokyo“
Der Tag beginnt wie in einem Katastrophenfilm bei schönstem Wetter. „Der Anschlag ereignete sich am Montag, den 20. März 1995, einem wunderschönen klaren Frühlingsmorgen. Es weht ein frischer Wind, und die meisten Leute sind in Mäntel gehüllt. Der Tag davor war ein Sonntag, der folgende ein Feiertag – Frühlingsanfang.“ Haruki Murakami spricht hier von dem Giftgasanschlag auf die U-Bahn in Tokio, der mehr als 3800 Menschen zum Teil schwer verletzte und elf Menschen das Leben kostete. Die Weltuntergangs- und Erlösungssekte, Aum Shinrikyo, respektive deren fanatischer Gründer und Anführer Shoko Asahara hatte das ganze geplant und generalstabsmäßig durchführen lassen. Fünf Kommandos waren gegen 8 Uhr morgens unterwegs, jeweils ein Täter, der zwei Beutel mit dem flüssigen Sarin im Zug deponierte und kurz vor dem Verlassen des Wagens mit der eigens geschärften Schirmspitze durchstach. An vereinbarten Stationen wartete jeweils ein Fahrer, der den Attentäter zurück ins Aum Quartier fuhr. Das verwendete Nervengas aus den eigenen Labors, löst sich schnell in der Luft auf, mit verheerenden Folgen.
Haruki Murakami will wissen, was der Anschlag mit den Leuten und dem Land gemacht hat. Nach längerem Aufenthalt im Ausland, in Europa und den USA sucht er wieder die Nähe zu Japan, das Anfang des gleichen Jahrs auch von dem großen Erdbeben in Kobe und Osaka heimgesucht wurde. Der Romanschriftsteller setzt ganz bewusst auf einen dokumentarischen Text, ein Sachbuch, um ganz nahe an der Realität zu sein. Die Konzeption ist vergleichbar einfach, die fünf betroffenen U-Bahn Linien geben die Kapitel ab, jeweils eingeleitet durch eine kurze Beschreibung von Tat und Tätern. Der eigentliche Text besteht aus Gesprächen mit Betroffenen: „Mich interessiert vor allem der konkrete, einzelne Mensch.“ 1996 widmet Murakami sich diesen Recherchen, ein Jahr später befragt er ganz gewöhnliche Mitglieder und Ehemalige von Aum nach ihren Motivationen, sich dieser Sekte anzuschließen.
In Japan erschienen 1997/98, ist das ein monumentales Buch in zwei Bänden, die deutsche Ausgabe von 2002 wurde stark gekürzt, wie von Jay Rubin zu erfahren ist, dessen Biografie Murakami und die Melodie des Lebens (Deutsch 2004), eine anregende Parallellektüre zur Beschäftigung mit dem japanischen Autor ist. Doch für deutsche Erkenntnisinteressen dürfte die geraffte Version ausreichend sein: Untergrundkrieg. Der Anschlag von Tokyo . Ein Gesellschaftsbild Japans Mitte der 90er Jahre tut sich auf, etwa drei Jahre nach dem Ende der „bubble economy“, sprich der Hochkonjunktur, ausgelöst durch einen überhitzten Kredit- und Immobilienmarkt. Das geistert auch durch einige Aussagen, verbunden mit dem Problem einer Neuorientierung.
2. Untergrund
In den Statements gibt es eigentlich keine Überraschungen, aber die Art und Weise, wie der Anschlag und seine Folgen die Opfer überfallen und partiell im Laufe eines gewohnheitsmäßigen Automatismus zeitverzögert mattsetzen, spricht Bände. Kopfschmerzen, Übelkeit, starker Husten, Verengung der Pupillen sind die unmittelbaren Symptome, die im ersten Augenblick einfach weggedrückt werden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, um es mit einem weltwissenden Allgemeinplatz zu sagen. Dass Sarin, also ein chemischer Kampfstoff die Ursache ist, wird erst knapp zwei Stunden später offensichtlich, zuvor tappen alle im Dunkeln, ahnungslose Angestellte wischen von Hand, mit Zeitungspapier oder irgendwelchen Lappen die klebrige Flüssigkeit aus den S-Bahnwagen, einer der ersten Toten ist der pflichtbewusste Herr Takahaschi, stellvertretender Vorsteher der Station Kasumigaseki. Dabei hätte man gewarnt sein können, knapp ein Jahr zuvor gab es in Matsumoto schon einen Anschlag mit Sarin, das seinerzeit durch ein Gasventil von einem Lastwagen freigesetzt wurde. Es gab sieben Tote und zahlreiche Verletzte. Auch dahinter steckte Aum, verdächtigt wurde freilich lange ein Unschuldiger. So fuhren einige Züge notdürftig gereinigt noch längere Zeit ihre Strecke und richteten weiter Schaden an. Lauter ganz gewöhnliche, aber ergreifende Einzelschicksale kommen zu Wort: Da gibt es beherzte Leute, wie Minoru Miyata, den Fahrer eines Fernsehteams, der sich überreden lässt, Verletzte ins Krankenhaus zu fahren, weil fast alle Ambulanzen an der Station vorbei sausen. Sie fahren zu den anderen vier Brennpunkten des Infernos, aber das angesteuerte Krankenhaus will sie nicht aufnehmen. Kaum zu glauben: Geschlossen bzw. lässt sie niemand rein!? Es sind im Grunde genommen immer wieder die gleichen Geschichten mit charakteristischen Nuancen, die in ihrer Unmittelbarkeit eine seltsame Anziehungskraft ausüben und sich eine nach der anderen zu einem multiperspektivischen Gesamtbild fügen. Dazu gehört eine große allgemeine Ratlosigkeit, in der sich erst langsam realisiert, was geschehen ist: Eine wohlgeordnete Gesellschaft mit ihren geradezu ritualisierten Abläufen, trifft der ungeheuerliche Überfall mit doppelter Wucht. Die Befragten reagieren darauf mit Kopfschütteln oder Wut, Haruki Murakami spricht sie mit feinfühligem Respekt, mit einer, wie es nicht-japanische Leser oft empfinden, geradezu angeborenen Höflichkeit an. Das sind keine investigativen Interviews, sondern Erkundigungen zu einer schwer verletzten Befindlichkeit: Die Fragen kommen, soweit sie im Text stehen geblieben sind, wie vertrauensbildende Maßnahmen, um die Leute zum Sprechen zu bringen; der Autor als Diener eines Textes und seiner Informanten. Die Betroffenen haben zuallererst das Sagen. Der Erfinder fiktiver Geschichten bleibt fast ein wenig außen vor, obwohl sich der Eindruck auftun könnte, dass hier die Wirklichkeit seine Romane, man denke nur an den Untergrundkrieg in Hard boiled Wonderland , partiell eingeholt hat. Neben den unmittelbaren Eindrücken der Katastrophe wird auch der Alltag der Angestellten dokumentiert, die oft genug eine Stunde oder noch früher am Arbeitsplatz erscheinen, um sich einzuarbeiten. So rückt auch das ganz gewöhnliche Dasein der Pendler ins Bild; feste Gewohnheiten oder Zufälle des Tagesablaufs manövrieren die Betroffenen ausgerechnet an diesem Tag in den Abgrund. „Am 20. März bin ich eine halbe Stunde früher als sonst aus dem Haus gegangen.“ (Ken’ichi Yamazaki). „Ich steige immer in den ersten Waggon. So bin ich dem Ausgang am nächsten, der zum Hanae Mori Building auf der Omotesando führt.“ (Hideki Sono). „Im Grunde ist mir das alles nur passiert, weil der Bus zwei Minuten zu früh abgefahren ist.“ (Kenji Ohashi).
3. „Der versprochene Ort“
Hier greift Haruki Murakami etwas häufiger mit überleitenden, kritischen Zwischenfragen ein. Mitglieder von Aum kommen zu Wort, viele haben der Sekte den Rücken gekehrt, einige warten noch ab. In Umrissen entsteht das Bild einer Organisation, die in zivilisatorischen und religiösen Mischformen organisiert ist, es gibt zum Beispiel Ministerien oder Beamte, aber auch Meister und Meistergehilfen sowie Nonnen und Mönche – und nicht zuletzt Erleuchtete. Sie alle werden angelockt und gebunden durch buddhistisch anmutende Heilsversprechen und ein lauerndes „Endzeitgefühl“, das der Selbsteinschätzung, eine „spirituelle Überlegenheit“ zu repräsentieren, einen ganz eigenen Nimbus verschafft. „Meiner Ansicht nach nimmt diese Verunsicherung proportional mit dem Wohlstand einer Gesellschaft zu – wie ein wachsender dunkler Schatten“, sagt Hideyoshi Takahashi, der im Ministerium für Wissenschaft und Technik Computersoftware zur Vorhersage von Erdbeben zu entwickeln hatte. Wer empfänglich für solche Stimmungen ist, so bringt es Murakami auf den Punkt, kann „bei Aum eine Reinheit der Absichten“ entdecken, „die sie im täglichen Leben nicht finden.“ Im Zentrum thront unantastbar Shoko Asahara, ausgestattet mit einem unglaublichen Charisma, er trifft die Entscheidungen, man braucht sie nur auszuführen. „Man muss über nichts mehr nachdenken. Es genügt, das zu tun, was einem gesagt wird. Beispielsweise gemeinsame Atemübungen am Strand.“ (Harumi Iwakura) . Asahara ist ein launischer, gefährlicher Guru, mit wachsendem Wirklichkeitsverlust, aber nicht zuletzt ein perfider Menschenkenner, der die Kraft hat, Leute an sich zu binden. „Wenn er freundlich war, war er der freundlichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Aber wenn er in Wut geriet, war er auch der furchterregendste Mensch, dem ich je begegnet bin. Der Unterschied war so frappierend, dass es einem richtig unter die Haut ging und man den Meister für einen Seher hielt, wenn man mit ihm sprach.“ (Hiroyuki Kano).
Letztlich gilt: „Bei Aum Shinrikyo wurde das Ichgefühl eines Menschen unaufhaltsam zerstört, sosehr er sich auch wehrte.“ (Hideyyoshi Takahashi). Und es sind nicht nur schlichte, orientierungslose Seelen, die sich von der Sekte einfangen lassen. Murakami konstatiert, dass gerade Mitglieder gesellschaftlicher Eliten, sich von Aum angezogen fühlten: Ikuo Hayashi etwa, der in der Chiyoda Linie das Sarin freisetzte, ist ein hochgeschätzter Mediziner mit glänzenden Karriere-Aussichten. 1990 ließ er alles stehen und liegen, um sich Aum anzuschließen, wo er bald zur Führungsschicht aufstieg. Er beobachtet das eigene Tun fast schon mit Skepsis, aber „Hayashi hätte sich unter keinen Umständen weigern können. ‘Es ist nur eine Mahamudra’ versuchte er sich immer wieder zu beruhigen. Die Mahamudra war in der Praxis der Aum-Sekte eine entscheidende Übung auf dem Weg, ein ‘Wahrhaft Erleuchteter Meister’ zu werden.“ (HM). Hayashi erhielt als einziger aus dem inneren Täterkreis nur „lebenslänglich“, da er bei den Ermittlungen behilflich war, er hat auch ein Buch über „Aum und ich“ geschrieben. Die anderen, einschließlich Asahara, wurden zum Tode verurteilt. Was die Urteile angeht, kann Murakami in seinem Buch bzw. der deutschen Ausgabe nur einen Zwischenstand, bzw. noch laufende Verhandlungen und Berufungen melden (Dezember 2001). Die Todesurteile wurden 2018 vollstreckt.
Letzte Änderung: 19.10.2026 | Erstellt am: 19.10.2026
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