Nah am Wasser. Nah an uns

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Nature Writing zwischen Wissenschaft und Poetik: Rezension zu Torsten Schäfers „Wasserpfade. Streifzüge an heimischen Ufern“
Cover „Wasserpfade. Streifzüge an heimischen Ufern“ | © oekom verlag

Mit journalistischer Recherche, poetischer Naturbeobachtung und ökologischem Denken versammelt Torsten Schäfer Essays, Begegnungen und Erzählungen über die heimischen Gewässer des Dreiflusslands Rhein, Main und Neckar. Gabriel Romano blickt auf „Wasserpfade“ und zeigt, dass Schäfers Streifzüge weit mehr sind als eine literarische Annäherung an Flüsse: Sie erzählen von unserem Verhältnis zur Natur und der Verantwortung, die daraus erwächst.


„Um die Tiefe des Wassers zu erzählen, ist eine erzählerische Tiefe nötig, die sich nicht allein aus ästhetischer Imagination speist, sondern sich mit der realen Gestalt des Flusses befasst, mit seiner ganz und gar empirischen Beschaffenheit, mit dem Kleinen und dem Großen, dem Glück an einer Biegung seines Laufes, die ein Stück verwunschene Wildnis offenbart, wie auch mit der Bestandsaufnahme seiner Verbannungen – und der Menschen, den großherzigen oder den spießigen, an seinen Ufern.“

Journalist Torsten Schäfer führt uns in seinem Buch „Wasserpfade“ auf eine Reise durch die tiefsten Punkte der Gewässer im Dreiflussland. Seine Streifzüge zwischen Rhein, Main und Neckar übertreffen die Leseerwartung, dass es sich bei diesem Buch lediglich um eine wissenschaftliche Analyse des Wassers handeln würde – ein typischer Arbeitsansatz, wenn Gewässer in der Literatur betrachtet werden. Doch hier geht es vielmehr um die intime Begegnung mit der Natur und all die Horizonte, die sich dadurch öffnen. Der Autor richtet seinen Blick auf das Lokale, indem er die Gegensätze im Umgang mit den Gewässern in Zeiten der Klimakrise sowie die oft verborgenen Eigenheiten der lokalen Natur und vergessener Uferzugänge darstellt.

Von diesem Ausgangspunkt aus rückt Schäfer die eigentliche Grundlage allen menschlichen Lebens in den Mittelpunkt: das Wasser. Er erzählt von Flüssen, Ufern, Bächen, Quellen und Mündungen. Gleichzeitig konfrontiert er uns mit einer wiederkehrenden Frage: Was sagt die Natur über uns selbst? Hier schafft der Autor viel Raum für eine poetische Geografie, die zwar eng in der Sachlichkeit des natürlichen Ökosystems verankert ist, zugleich aber eine berührende Poetik entfaltet. Mit dem hessischen Mittelgebirge als Schauplatz gelingt es Schäfer, durch seine Beobachtungen und Streifzüge die Wirklichkeit aus der Perspektive des Baches zu sehen, versteckte Tierarten sichtbar zu machen und die verborgenen Details der Landschaft zu entdecken. Je näher er ihr kommt, desto deutlicher wird uns: Die Tiefe des Wassers beziehungsweise der Natur ist auch unsere eigene Tiefe. Wir erfahren immer mehr über sie, wenn wir sie in uns einströmen lassen.

Doch in der poetischen Perspektive erschöpft sich die Lektüre nicht; das Buch ist sowohl inhaltlich als auch stilistisch ausgesprochen vielfältig. Seine Texte sind dabei stets empirisch fundiert – schließlich ist Schäfers eigentliches Handwerk der Journalismus. In diesem Sinne schreibt er stets im Dialog mit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Realität im Kontext der heimischen Gewässer, und diese Sachlichkeit zeigt sich in Begegnungen mit Biologen, Verbandssprechern, Anglern, Heimatforschern, Lokalhistorikern, Wasserbauern und vielen anderen, deren Perspektiven Schäfer bewusst nutzt, um Expertise einzubringen und seine Recherche über das Wasser zu bereichern. Aus unterschiedlichen Verantwortungsebenen, Intentionen sowie politischen Machtpositionen heraus erfahren wir von den dramatischen Folgen des Klimawandels für das lokale Ökosystem, von der oft unbemerkten Lebenswirklichkeit der im Buch genannten Flussmenschen, deren Existenz und Vitalität eng mit dem Wasser verbunden sind, sowie von kommunalem Engagement als Wegbereiter der Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung – trotz zahlreicher Herausforderungen in der politischen Verwaltung, etwa fehlender Förderung und Finanzierung, Personalmangel sowie staatlicher Überforderung.

Weitere Erzählebenen des Buches erweitern den Blick auf das Wasser – kein Erzählstrang bleibt ohne Bezug zu Lokalität und Wasser, Schäfers wiederkehrenden Motiven. Einige Beispiele verdeutlichen diese Vielschichtigkeit: Erstens verleiht der Autor seinen Essays autobiografische Züge, indem er von seinen Studienjahren in Dortmund über seine journalistischen Tätigkeiten in Europa bis hin zu Natur-exkursionen und -projekten zu Klimajournalismus und Sprachökologie als Dozent an der Hochschule Darmstadt erzählt – stets mit Bezug zu den Gewässern der Orte, an denen er tätig gewesen ist. Zweitens berichtet er über besondere Begegnungen mit lokalen Wasserlandschaften, darunter religiösen Manifestationen wie Modautaufen oder Flussmeditationen. Drittens bietet das Buch eine ökologische Dokumentation der heimischen Gewässer und ihrer Entwicklung anhand historischer Figuren wie Goethe oder regionaler Grafen.

Letztlich ist das Werk „Wasserpfade“ ein Statement dafür, den regionalen Wasserläufen wieder mit Aufmerksamkeit, Geduld und Sensibilität zu begegnen. Schäfer taucht ein, beobachtet, schreibt und fühlt – offen, intuitiv und meditativ. Als kultivierter Wanderer zeigt er immer wieder seinen Schmerz über die Folgen des Klimawandels und über die zunehmende Entfremdung zwischen Mensch und Natur – zugleich aber auch eine genuine Begeisterung für Heimatforschung und Wildnis. Vielleicht liest man deshalb seine Streifzüge mit einer ähnlichen Begeisterung, von der man sich anstecken lässt. Er verbindet journalistische Akribie mit einer rücksichtsvollen Beobachtungsgabe, poetischer Sprachkraft und beeindruckendem umweltwissenschaftlichem Fachwissen und schafft dadurch ein einzigartiges literarisches Werk.

Durch diese Lektüre spürt man die realen Gegebenheiten des Wasserlaufs ebenso wie seine atmenden Details – sie bilden das eigentliche Zentrum des Buches. Dabei macht der Autor sichtbar, wie notwendig eine tiefe Verbundenheit von Mensch und Natur ist: ein in der heutigen Zeit vielfach verlorengegangenes Naturbewusstsein, das zurückgewonnen, bewahrt und gestärkt werden sollte. Was am Ende bleibt, ist eine ebenso vielseitige wie bereichernde Erkenntnis: Wer lernt, die Tiefe eines Flusses wahrzunehmen, entdeckt zugleich eine neue Tiefe im eigenen Blick auf Natur, Heimat und Verantwortung.

Buchangaben
Titel: Wasserpfade
Untertitel: Streifzüge an heimischen Ufern
Autor: Torsten Schäfer
Verlag: oekom verlag
Erscheinungstermin: 09.02.2021
Seitenanzahl: 288 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-96238-226-1
Preis: 24,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 14.07.2026  |  Erstellt am: 14.07.2026

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