Mein Schwaben. Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns

Mein Schwaben. Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns

Delikatessen-Kolumne von Frank Winter, Nr. 2
Cover „Mein Schwaben. Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns“ | © Rowohlt Verlag

In der neuen Rubrik „Delikatessen-Kolumne“ veröffentlicht Frank Winter regelmäßig Sachbuchrezensionen, Genussberichte und kulinarische Essays über die Geschichte und die Besonderheiten des Essens und Trinkens. Über die bloße Besprechung von Kochbüchern hinaus verknüpft er diese Themen mit gesellschaftlichen, kulturellen und soziologischen Aspekten der Kulinarik – sei es anhand der Geschichte eines Lebensmittels, der Kultur des Genusses oder der sozialen Rituale am Tisch. So entsteht eine vielfältige Bühne für Lifestyle-Themen und zugleich ein neuer Spielraum innerhalb von Faust-Kultur. Heute widmet sich Frank Winter Vincent Klinks „Mein Schwaben“.

Über die Schwaben, denen nördlich des Mains zumeist noch Badenerinnen und Badener zugeschlagen werden, kursieren viele Geschichten. Viele davon sind nicht mehr als hämisch gepflegte Klischees. Vincent Klink, gebürtiger Schwäbisch-Gmünder, geht den Dingen auf den Grund, natürlich mit Hilfe der Kulinarik. Sein Buch ist durch seinen kulturellen Facettenreichtum außergewöhnlich, bildet, unterhält und bringt uns zum Lachen.

Klink bleibt unter allen Köchen noch immer der literarischste und im Wortsinn auch ein Multitalent. Als Hobby ist er u. a. Musiker, Maler, ehemals Herausgeber verschiedener kulinarischer Anthologien und immer noch Bienenzüchter. Seit 35 Jahren in Stuttgart mit seinem Sternerestaurant „Wielandshöhe“ fest verankert, präsentierte er im Fernsehen in seinen Sendungen „ARD Buffet“ und „Kochkunst“ lange Zeit unermüdlich vorwiegend die deutsche Küche. Nicht in einem rückwärtsgewandten Sinn, sondern aus der Überzeugung, dass sich mit regionalen, saisonalen Zutaten und bewährten Rezepten am besten kochen lässt. Oder wie es im Michelin-Guide über das Restaurant heißt: „Chichi und Show-Effekte werden Sie auf dem Teller nicht finden, stattdessen richtig gutes Handwerk und gelungen hervorgehobene Aromen bester Zutaten.“ Ein Urteil, das Ihr Rezensent kopfnickend bestätigt. Der Meisterkoch selbst schreibt: „Irgendwann stieg die Erkenntnis in mir auf, dass die zentraleuropäische Küche dermaßen umfangreich ist, dass man schon in dieser niemals ein Ende finden kann.“

Zum vorliegenden Band hat Klink zahlreiche handkolorierte Fotos beigesteuert. Schön sind sie anzuschauen, informativ dazu. Er verrät uns, dass sich sein schwäbisches Selbstwertgefühl seit der Jugend nur langsam stabilisierte. Von den permanenten Diskriminierungen wegen seines Dialekts ließ er sich jedoch nicht unterkriegen, macht(e) es wie seine Landsleute.

„Der Geist des Schwabenlandes, Heimat vieler bedeutender Philosophen, versteckt sich gerne hinter einem gewöhnungsbedürftigen Humor. Dieser bissige Witz mündet fast immer in Selbstironie.“

Doch keine Sorge, auch Kritik wird, wenn nötig, geübt. Angelegt ist das Buch als Roadtrip, wie man auf Neudeutsch vermutlich sagen würde. Seit dreißig Jahren erkundet Klink an seinen beiden freien Tagen die Lande – nicht nur die schwäbischen, wie weitere Buchpublikationen zeigen. Mehr dazu am Ende dieser Rezension. Dass es dabei immer auch ums leibliche Wohl geht, versteht sich von selbst.

„Die schönen Künste, die mich so begeistern, finden hier (im vorliegenden Buch; F. W.) nicht nur in Museen statt, sondern auch im Gasthaus. Keine Kulturausfahrt, an deren Ende mich nicht irgendwo eine Wirtschaft von den Anstrengungen des Erforschens, des Erwanderns und vor allem des Staunens wieder mit Kräften versorgt.“

Am liebsten sollen die Exkursionen ohne große körperliche Bewegung stattfinden. In Zeiten der oft übertriebenen Fitness ist das ein erfrischendes Statement. Früchte nimmt er gerne hochprozentig zu sich.

„Begonnen hat alles mit einer Schottland-Reise, die eine fast pathologische Anhängerschaft zu Scotch Whisky nach sich zog. Meinen Kampf gegen die Pharmaindustrie und Schlaftabletten setzte ich mit heimischem Obst fort, mit Birnenschnaps, Apfelschnaps, Schlehenschnaps.“

Klink gehört nach eigener Aussage zu der bedeutenden Interessengemeinschaft, die sich Berge von unten und Wirtschaften von innen ansieht. Wie die Kulinarik in sein Buch gewissermaßen eingewebt wird, ist bemerkenswert. Ob er uns, vom Hunger getrieben, ans Fenster einer bereits geschlossenen Bäckerei klopfend, en passant die Mentalität der Schwäbin demonstriert – „… ist nie unfreundlich, aber immer nahe am heiligen Zorn“, das Rezept für Schwäbisch Gmünder Batzenwurst serviert (im wirklichen Leben sich auf den Tellern von siebenhundert Liebhabern der Staufermusik befindend), oder uns einen wichtigen Indikator für ein solides Restaurant verrät: Es ist der Geruch. Angenehm soll er sein, fernab vom ranzigen Fett einer Fritteuse.

„Und an dieser Stelle räume ich schon einmal mit einem Vorurteil über meine Landsleute auf: Der Schwabe ist nicht geizig, aber er will für sein Geld Qualität, mit schlampiger Qualität kann man ihn nicht überlisten.“

Natürlich treten schwäbische Klassiker wie Maultaschen, Spätzle, Gaisburger Marsch und Co. auf, in den Kapiteln eben oder zu Ende des Buches, mit ausgiebigen historischen Handreichungen. Wie immer bei Vincent Klink funktionieren seine Rezepte. In „Köche und Könige“ stellt er uns dann das „Liber de Coquina“ vor, ein Kochbuch der Stauferzeit, dessen zwei Teile in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt werden. Anna Martellotti, Professorin an der Universität Bari, macht glaubhaft, dass das Werk nur in Sizilien des Stauferkönigs Friedrich II. entstanden sein konnte und er womöglich ein Förderer war – Ehrensache, dass Klink einen wissenschaftlich fundierten Nachdruck besitzt. Wie er überhaupt eine umfangreiche Bibliothek mit einem Schwerpunkt auf Schwaben, besitzt, etwa eine Gesamtausgabe von Wielands Werken aus dem Jahr 1824 mit insgesamt 49 Bänden. Er erwähnt das aber nicht prahlenderweise, sondern um auf die Freuden der Lektüre, gerade in reiferem Alter, zu verweisen. Auf seiner Reise durchs Ländle steckt der Autor den Leser gehörig an, zu lesen, nachzudenken, all die Plätze aufzusuchen, die er beschreibt. Das kann durchaus auch einmal etwas Profanes wie das Porsche-Museum sein. Denn die vielen erfolgreichen Tüftler, Bastler und Erfinder gehören ebenfalls zu Schwaben. Wieland wird übrigens ein eigenes Kapitel spendiert – „… der keineswegs im Schatten Goethes stand, sondern sich nur weniger geschickt vermarktet hat.“ Das musste auch mal gesagt werden.

„Die Liste der schwäbischen Dichter könnte ich noch seitenfüllend breittreten. Bemerkenswert ist, dass nahezu alle dieser Geistesgrößen in evangelischen Pfarrhäusern aufgewachsen sind.“

Ob Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin, Eduard Mörike, Ludwig Uhland, Wilhelm Hauff, Justinus Kerner, Gustav Schwab, Ludwig Bauer, Wilhelm Waiblinger, Georg Herwegh, Hermann Freiligrath, Ludwig Pfau, auch die Philosophen Hegel und Schelling.

Literatur, Architektur, Malerei, Musik, die Archäologie kommen in diesem Band wahrlich nicht zu kurz. Doch bevor diese Besprechung noch länger wird: Lesen Sie am besten selbst. Wen am Ende der Lektüre vielleicht eine gewisse Wehmut beschleicht, wie es bei sehr guten Büchern doch mitunter geschieht, der darf auf Vincent Klinks Werke über Paris, Venedig und Wien verwiesen werden, allesamt mit dem Embonpoint als Zierrat im Titel, etwa „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“. Der Band „Sitting Küchenbull. Gepfefferte Erinnerungen eines Kochs“ hat es auch in sich! Was wohl als Nächstes erscheint? Wir sind sehr gespannt.

Vincent Klink: Mein Schwaben. Leben und Speisen im Ländle des Eigensinns, 28.00 Euro. Rowohlt Verlag. Hardcover ‏: ‎317 Seiten. ISBN: 978-3-498-00310-4

Letzte Änderung: 15.09.2026  |  Erstellt am: 15.09.2026

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