Liegt ein toter Mann am Strand

Liegt ein toter Mann am Strand

Über die Flucht vor einer Jugendliebe und die Narben des Krieges: Rezension zu Maylis de Kerangals Roman „Brandung“
Cover „Brandung“ | © Suhrkamp Verlag

Eine unbekannte Leiche und eine Frau auf der Spur ihrer Vergangenheit: Was als Noir-Krimigeschichte beginnt, entfaltet sich schnell als existenzielle Auseinandersetzung mit einem Jugendtrauma. Zwischen Schuldgefühlen, Sehnsucht und der Unmöglichkeit, der eigenen Geschichte zu entkommen, liefert die Autorin Maylis de Kerangal in ihrem Roman „Brandung“ nicht nur eine eindringliche emotionale Erkundung der Erinnerung, sondern auch eine präzise Beschreibung unserer Gegenwart: KI, Ukrainekrieg, Migration ... Für die Rezensentin Uli Aumüller steht fest: ein besonders gelungener und wichtiger Roman, zudem eine bemerkenswert virtuose Prosa.

Eine Pariserin erhält aus heiterem Himmel einen Anruf der Kriminalpolizei mit der Aufforderung, am nächsten Morgen einer Befragung im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen. Als die namenlose Ich-Erzählerin verwirrt nach dem Grund fragt, erklärt ihr der Kriminalbeamte ohne Umschweife, zwei Tage zuvor sei in Le Havre „im öffentlichen Raum die Leiche eines Mannes gefunden worden, ein nicht identifiziertes Individuum“, und es werde angenommen, sie könne Informationen dazu liefern.

„Brandung“, der neue Roman der vielfach ausgezeichneten französischen Schriftstellerin Maylis de Kerangal, beginnt wie ein Roman noir, und es gibt darin wiederholt Szenen, wie wir sie aus TV-Krimis kennen. Doch schon die Beschreibung der Nacht nach dem Anruf lässt vermuten, dass es der Autorin um weit mehr geht.

Schlaflos und tief beunruhigt, was das für „eine Sie betreffende Angelegenheit“ sein mag, überkommt die Ich-Erzählerin die Gewissheit, „dass mein Leben am Tag zuvor abgedriftet war, ein ganz leichter Stoß, eine nur von mir bemerkte Abweichung, wie ein winziger Rechenfehler in der orbitalen Parametrisierung eines Raumschiffs, aber eine Abweichung, die, ich wusste es, auf Dauer spürbar werden würde“.

Die Frau, Mittvierzigerin und Synchronsprecherin für Film und Fernsehen, ist mit einem ambitionierten Drucker namens Blaise verheiratet. Auch er wird, als sie ihn später am Tag hilfesuchend zu Hause anruft, ahnungsvoll sagen: „Es ist wegen Le Havre, wenn man den Kerl in Dole oder Bergerac gefunden hätte, wäre es was anderes, aber Le Havre, das bringt dich ins Taumeln; dein Problem ist Le Havre.“

Nachdem sie am nächsten Morgen im Kommissariat in Le Havre die Leiche auf den Fotos, die der Kriminalpolizist Zambra ihr vorlegt, nicht identifizieren kann, fährt die Frau, einem dunklen Impuls folgend, nicht zurück nach Paris. Da bei dem toten Mann keinerlei Hinweise auf seine Identität gefunden wurden, außer einer Kinokarte, darauf notiert ihre Handynummer, ist sein Tod ein Tod geworden, der sie betrifft, der ihr widerfährt. Sie nimmt gewissermaßen selbst Ermittlungen auf, indem sie damit zusammenhängende Schauplätze aufsucht: den Fundort der Leiche am Strand neben der Nordmole, den Leuchtturm, eine Bar, das Kino, in dem der mutmaßlich Ermordete sich vor seinem gewaltsamen Ende einen Film angeschaut hat: „Burn after reading“, eine Spionagefilmsatire der Coen-Brüder, die sich gern in allen möglichen Filmgenres tummeln wie die Autorin in denen der Literatur.

Es sind lauter Plätze, die zugleich Erinnerungsorte der Frau sind, die, wie wir erfahren, in Le Havre aufgewachsen ist. Allmählich wird klar, dass ihre „Ermittlungen“ vielmehr die Suche nach einer verlorenen Zeit sind. Im Vordergrund steht dabei die traumatisierte Stadt selbst, deren tragische Geschichte sie und eine Mitschülerin als Teenager für ein Referat erforscht hatten.

Im September 1944 – Paris war schon befreit – hatten sich in dem Garnisonsstandort noch elftausend deutsche Soldaten verschanzt. Da der Hafen von Le Havre für die Alliierten eine enorme strategische Bedeutung für den Nachschub hatte, bombardierte die Royal Air Force tagelang die Stadt. Es wurden zweitausend Tonnen Sprengbomben und dreitausend Brandbomben abgeworfen. Mehr als zweitausend Zivilisten starben. „Diese Luftangriffe werden genügen, um aus Le Havre ein vollkommen formloses Gebilde zu machen, eine Kruste aus Schutt, die es unmöglich macht zu entscheiden, ob man es mit Trümmern zu tun hat oder ob man vor einer neuen Materie steht, einer noch nie dagewesenen Substanz, die der Krieg geschaffen hat. Ein Mischmasch aus Vergangenheiten, der, wenn er sich erstmal gesetzt hatte, das Niveau der Stadt um fast einen Meter erhöhen sollte.“

Der unbewusste Antrieb für ihre Suche ist eine nicht bewältigte Liebe der Frau im Teenageralter zu einem unauffindbar aus ihrem Leben verschwundenen Seemann. Im Zusammenhang mit dem Toten tauchen Schicht um Schicht Bilder aus ihrer verschütteten Vergangenheit auf. Nachdem sie am Ufer des aufgewühlten, wild tosenden Meeres von einer Riesenwelle erfasst und beinahe mitgerissen wird, bricht sie auf der Toilette der Bar des Sirènes haltlos weinend zusammen.

Derart hochsymbolische Szenen überfrachten hin und wieder den ohnehin thematisch fast überkomplexen Roman. Maylis de Kerangals bemerkenswert virtuose Prosa will ganz dicht an der Gegenwart sein. In zahlreichen Abschweifungen weitet sie den Blick auf aktuelle Aspekte und Probleme wie Migration, den Ukrainekrieg, Filmsynchronisation und KI, Fechtkunst und Florettherstellung, die Arbeit von Lotsen in Containerhäfen und mehr. Das ist alles sachkundig, interessant, bereichernd, aber in der Fülle für ein Buch von 230 Seiten etwas viel. Andrea Spingler hat diesen ungewöhnlichen Roman mit seinen vielen Facetten und Anspielungen kenntnisreich und einfühlsam ins Deutsche transponiert. Für die Ausflüge der Autorin in die verschiedenen Berufswelten ist sie tief in diverse Fachsprachen eingetaucht. Diese präzisen Beschreibungen der Dingwelt erzeugen mitunter ein Gefühl der Dissoziation von der Realität und damit den Eindruck, die Heldin wolle sich von der Auseinandersetzung mit dem Schicksal des Verschollenen ablenken. Auch wegen der detailgenauen Beobachtung sinnlicher Wahrnehmungen, vor allem des Hörens und Sehens, muss man unwillkürlich an die obsessive Beschreibungswut bei Alain Robbe-Grillet denken.

Und es ist wohl auch kein Zufall, dass der männliche Protagonist in „Brandung“, der mit dem Mordfall befasste Kriminalkommissar Zambra, rote Haare hat – „so dick, so dicht, dass man sofort an das Fell eines Fuchses dachte“ –, genauso wie Antoine Roquentin in „Der Ekel“, dem berühmtesten Le-Havre-Roman der französischen Literatur, bei Sartre wenig schmeichelhaft Bouville, Drecksstadt, genannt. Dem von der Absurdität der Existenz angeekelten, sich selbst hassenden Helden gefallen immerhin seine roten Haare, „diese schöne rote Flamme“.

Bevor die Frau spätabends in den Zug zurück nach Paris steigt, trifft sie gegen Ende des Tages in ihrer alten Heimat – der französische Titel lautet übrigens treffender: „Jour de ressac“, „Ein Tag mit Brandung“ – diesen Zambra noch einmal. Als sie gemeinsam zur Leichenschau in die Morgue von Rouen fahren, kommt wieder die Stadt in den Blick, „die außerordentliche filmische Potenz von Le Havre, mit der besonderen Ästhetik eines Industriehafens, diese grafische Energie“. Unterwegs fragt Zambra die Ich-Erzählerin, ob sie neue Elemente zur Ermittlung beitragen möchte, und sie antwortet, sie wisse es nicht, „unvorsichtige Worte, die uns sofort aneinanderketteten, mein Schweigen verbarg gewiss notwendige Informationen für die Identifizierung des Unbekannten, Informationen, von denen ich vielleicht gar nicht wusste, dass ich sie hatte“.

Das ambivalente Schwanken der Heldin zwischen dem Wunsch nach Aufklärung des Schicksals des Verschollenen und der Sehnsucht, die Hoffnung zu erhalten, er könne noch am Leben sein, durchzieht das Buch. Und so wird im gerichtsmedizinischen Institut von Rouen der spannende Pseudo-Kriminalroman folgerichtig ein überraschendes Ende nehmen.

Maylis de Kerangal: „Brandung“. Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Spingler, Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 238 Seiten, 25 Euro

Letzte Änderung: 17.07.2026  |  Erstellt am: 16.07.2026

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