Kulturunterschiede oder Toxizität?
Was passiert, wenn Idealismus auf ein starres System trifft? Die Belgierin Amélie reist nach ihrem Studienabschluss zurück nach Japan – in das Land, in dem sie zwischen ihrem zweiten und fünften Lebensjahr gelebt hat und mit dem sie schöne Erinnerungen verbindet. Doch was als Begeisterung für die Arbeit in einem großen Unternehmen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Geschichte von Hierarchie, Demütigung und dem Scheitern an Erwartungen. Gabriel Romano blickt auf den autofiktionalen Roman “Mit Staunen und Zittern”, der zugleich komisch und verstörend wirkt, dabei jedoch stets authentisch und unterhaltsam bleibt: eine bissige, witzige Gesellschaftskritik von großer literarischer Sensibilität.
Mit Staunen und Zittern ist ein autofiktionaler Roman der belgischen Autorin Amélie Nothomb. Als Tochter eines Diplomaten wuchs Amélie in Japan, China, den USA, Bangladesch, Myanmar, dem Vereinigten Königreich sowie Laos auf, bevor sie mit 17 Jahren nach Europa zurückkehrte. Nach ihrem Abschluss in Belgien reiste sie nach Tokio, um dort zu arbeiten – und genau hier setzt die Handlung des Buches ein.
Der ursprünglich auf Französisch unter dem Titel Stupeur et tremblements erschienene und von Wolfgang Krege ins Deutsche übersetzte Roman erzählt von Amélies aus Neugier, Abenteuerlust und Mut entstandenem Wunsch, in einem der erfolgreichsten Großkonzerne Japans zu arbeiten. Bemerkenswert ist die Figurenentwicklung im Verlauf der Geschichte: Amélie tritt ihre Stelle begeistert an, lernt die Arbeitskollegin Fubuki Mori kennen und entwickelt aus ihrer Sicht eine angenehme Freundschaft mit ihr. Doch schon bald werden ihre Erwartungen enttäuscht: Fubuki denunziert Amélies Zusammenarbeit mit einem Mitarbeiter aus einer höheren Etage, weil sie befürchtet, dass Amélies Erfolg ihre eigene Position infrage stellen könnte. In Japan – repräsentiert hier durch die Yumimoto-Firma – zählt nicht allein die Leistung, sondern vor allem die Einordnung in die bestehende soziale Ordnung.
Amélie versucht, sich an die Regeln anzupassen, doch ihre Bemühungen münden in eine Reihe von Degradierungen, durch die sie an Ansehen verliert und immer banalere Aufgaben übernehmen muss – von einfachen Bürotätigkeiten über das Servieren von Getränken bis hin zur Reinigung der Toiletten. Das Buch endet mit ihrer Kündigung, die nicht aus Rachsucht erfolgt, sondern aus dem Wunsch heraus, ein Spiel mit den Gefühlen der Mitarbeiter der Firma zu treiben, um sie „auf den Gipfel der Ekstase zu bringen“ – gerade diese Passagen sind satirisch, witzig und prosaisch-pointiert.
Die Stärke des Buches liegt jedoch in der grotesken Darstellung der japanischen Arbeitskultur, die durch im Land verankerte Werte wie Traditionalismus, bedingungslose Gehorsamkeit und die Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv geprägt ist: „Mittelpunkt der Existenz ist in Japan das Unternehmen“ (S. 137). Amélie schildert anhand unterschiedlicher Situationen in der Firma, wie ihre aufrichtige Einsatzbereitschaft schnell durch kulturelle Missverständnisse erschüttert wird, während die Missgunst anderer Mitarbeiter ihre weitere Anerkennung zusätzlich sabotiert. Für ihre japanischen Kollegen entspricht dieses Verhalten jedoch lediglich der Einhaltung von Vorschriften und der Wahrung von Respekt innerhalb der hierarchischen Ordnung.
Einige Erlebnisse sind für den Leser, besonders im Westen, schwer als bloßer Ausdruck einer anderen Denkweise zu verstehen; vielmehr wirken sie instinktiv befremdlich, beispielsweise die in der Firma auf Vorwürfen, Beschimpfungen und Demütigungen basierende Kommunikation. Literarisch interessant ist gerade dieser schmale Grat zwischen Kulturunterschieden und Toxizität, der bis zum Ende der Geschichte bestehen bleibt und sich zu einem literarischen Motiv entwickelt.
Die Autorin schöpft ihre Literatur aus wahren Begebenheiten ihres Lebens, dennoch ist das Buch keine trockene Autobiografie. Nothomb schafft es hier, Realität und Fiktion sehr stark zu vermischen, und der Leser darf daran zweifeln, ob die (sogenannten) autofiktionalen Details tatsächlich so geschehen sind, wie sie beschrieben werden. Sie stilisiert ihre Geschichte mit karikierten Figuren und spitzt manche Passagen mit Humor und Satire zu. Die Schreibweise fasziniert, weil sie nicht nur real wirkt, sondern auch durch eine Portion Ironie gegenüber sich selbst sowie durch treffende Metaphern literarische Dichte gewinnt: der Chef der Firma wird als Gottheit beschrieben, der komische Vizepräsident als sexueller Belästiger. Die Hauptfigur Amélie zieht ebenfalls die Aufmerksamkeit der Leser auf sich: Sie ist teilweise frech, wirkt jedoch erstaunlich authentisch.
Der Roman ist dementsprechend weit mehr als ein Erfahrungsbericht über ein misslungenes Arbeitsverhältnis: Nothomb nutzt ihre autofiktionalen Erfahrungen, um eine bissige Satire auf Hierarchie, Konformitätsdruck und kulturelle Missverständnisse zu entwerfen. Die Geschichte überrascht, weil sie Gesellschaftskritik mit Humor und literarischer Sensibilität verbindet, und gerade dadurch lässt sich Mit Staunen und Zittern allen Leserinnen und Lesern empfehlen, die sich für eine unterhaltsame, witzige und zugleich verstörende Lektüre interessieren.
Buchangaben:
Autorin: Amélie Nothomb
Titel: Mit Staunen und Zittern
Verlag: Diogenes Verlag AG
Erscheinungsdatum: 28.06.2002
Auflage: 21. Auflage
Seitenzahl: 160 Seiten
Sprache: Deutsch (Übersetzung: Wolfgang Krege)
ISBN: 978-3-257-23325-4
Preis: 15,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 08.07.2026 | Erstellt am: 08.07.2026
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