In der großen Zeitverschiebung
Martin Gross zählt zu den Autoren, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, findet Axel Helbig. Seine Bücher verhandeln Themen, die die Gegenwart prägen: die Folgen der deutschen Wiedervereinigung, das Verständnis russischer Lebenswelten und die Herausforderungen von Integration und Migration. Ob „Das letzte Jahr“, „Ein Winter in Jakuschevsk“, „Nadjas Geschichte“ oder der neue Erzählband „Freunde und Fremde“: Gross verbindet genaue Beobachtung mit großer Menschlichkeit und eröffnet ungewöhnliche Perspektiven auf gesellschaftliche Umbrüche, sagt unser Rezensent.
Angeregt durch einen Reportageauftrag von Lettre International war der Schriftsteller Martin Gross, Jahrgang 1952, im Januar 1990 aus Westberlin nach Dresden gekommen, um die Wendezeit mitzuerleben und mitzuschreiben. Das in dieser Zeit entstandene Buch „Das letzte Jahr. Begegnungen“, 1992 im Berliner BASISDRUCK-Verlag erschienen, war jedoch in der allgemeinen Hast der damaligen Zeit untergegangen. Wer sollte sich 1992 schon für Aufzeichnungen aus dem Jahr 1990 interessieren? Erst mit einigem Abstand stellte sich heraus, dass dieses Buch eine sowohl zeitgeschichtliche als auch literarische Sensation darstellt. Viele bedeutende Autoren hatten damals punktuell über Ereignisse dieses Jahres berichtet. Der Einzige jedoch, der sich entschieden hatte, das Jahr 1990 von Anfang bis Ende zu verfolgen und so zum Chronisten dieses für die deutsche Geschichte wichtigen Jahres zu werden, war Martin Gross. Jan Wenzel, der Verleger des Leipziger Verlags Spector Books, hatte dieses Buch 2020 in einem Antiquariat gefunden und anschließend nach dem Autor gefahndet. Schließlich konnte noch im selben Jahr eine Neuauflage des Buches erfolgen, welches diesmal größte Aufmerksamkeit erlangte.
Nach dem Anruf von Spector Books war sich Martin Gross wie im „Traum von der Flaschenpost“ vorgekommen. Da hatte er vor ewigen Zeiten ein Buch in das Meer der Neuerscheinungen geworfen, und tatsächlich, nach dreißig Jahren klingelte sein Telefon. Beim Wiederlesen der ersten Kapitel war er im Nachhinein erstaunt, wie offen die Leute damals waren, wie gesprächsbereit: „Ich kam da einfach dahergelaufen, behauptete, ich sei Journalist (West-Journalist) und schon gewährten sie mir Einblicke bis in den hintersten Winkel ihres Alltags. Nein, das war nicht nur Gesprächsbereitschaft, das war Gesprächsbedarf – etwa so, wie man unter dem Schock eines Unfalls unbedingt reden muss, reden, reden, reden und sei es mit einem Fremden, der zufällig vorbeikommt.“
Martin Gross fand schnell Kontakte zu wichtigen Akteuren des Umbruchjahres. So erzählt sein Buch auch von der Geschichte der Tageszeitung „Die Union“. Im Oktober 1989 war sie die erste Tageszeitung in der DDR, die wahrheitsgetreu von den Protesten berichtete und sich ausdrücklich von ihrer bisherigen Berichterstattung distanzierte (Artikel vom 10. Oktober 1989: „Es ist möglich, miteinander zu reden“). 1990 wird die Zeitung von der Süddeutschen Zeitung übernommen. Gross beschreibt diese Vorgänge sehr genau. Über das Jahr hin findet er darüber hinaus Kontakte ins Rathaus, in die Städtischen Kliniken, in den Koordinierungsausschuss für die Bildung des Landes Sachsen und schließlich in die Korridore der neuen Macht. Einen Tag lang darf er die Personenschützer eines Ministers der neuen Landesregierung begleiten. Begleiten ist überhaupt Gross’ Prinzip, die Befindlichkeiten dieser anderen Deutschen und die Abläufe der Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu verstehen. Dass er einige Personen über das ganze Jahr 1990 begleitet, erlaubt es dem Leser heute, die Veränderungen wahrzunehmen, die auf dieses Begleiteten übers Jahr hin folgten – im Denken, im Handeln, im Verstehen oder Missverstehen der über neue Verordnungen geregelten neuen Abläufe. Als wacher Beobachter fängt Gross immer wieder einmalige Bilder ein – vom ersten West-Supermarkt auf der grünen Wiese, vom Zustand der städtischen Krankenhäuser und von der Lethargie der letzten Beamten der DDR-Staatsverwaltung, die in ihren Büros untätig auf die neue Zeit warten.
Jan Wenzel, der Wieder-Verleger des Buches, verstand beim Lesen, welchen Weg Martin Gross als Autor 1990 zurückgelegt hatte: „von einer dichten, lebendig geschilderten Reportage zu einer essayistischen Form des Dazwischen, in der sich Elemente des Journals, des Briefromans und der Reportage zu etwas Unbestimmtem brechen. (…) Was Gross aus nächster Nähe hören und sehen konnte, war, wie es im Detail vor sich geht, wenn ein Staat sich aufgibt, wenn Gesetze umgeschrieben, Hierarchien umgewälzt, Lehrbücher umgewertet und ganze Lebensläufe umgepflügt werden.“ Personen und Orte hat er anonym gehalten, da nicht absehbar war, ob dem einen oder anderen aus dem so freimütig Berichteten später hätte ein Schaden erwachsen können. Das Buch bleibt dennoch sehr authentisch und wird nicht nur jenen Lesern, die diese Zeit bewusst erlebt haben, eine spannende Lektüre sein.
Gross stützt sich in seinem Schreiben zwar auf eigene, durchaus auch private Aufzeichnungen, doch ist der Sinn des Rückgriffs auf biografisches Material nicht die Selbsterkundung. Vielmehr geht es Gross darum, ein größeres Maß an Authentizität und Allgemeingültigkeit zu erreichen. Die Tagebuchform erlaubt, Ereignisse anhand des realen Ablaufs ihrer Elemente zu schildern. Das erleichtert es der Erzählung, vom Autobiografischen zu abstrahieren, ohne sie dem tatsächlichen Erleben zu entfremden. Die Tagebuchform bewahrt auf diese Weise das Ticken der Zeit in den Vorgängen des Lebens. Gedanken, Schilderungen, Beobachtungen und flüchtige Eindrücke erhalten auf diese Weise ein Bedeutungspotential und eine Autonomie, die ihre Wahrnehmung durch den Leser schärft. Gleichzeitig erfüllt die Tagebuchform auch dramaturgische Bedürfnisse. Denn sie weiß weder, wie alles zusammenhängt, noch wohin es führen wird.
Martin Gross hat ab 1998 viele Jahre in Kooperationsprojekten zwischen der EU und Russland gearbeitet und deren Scheitern miterlebt. Davon berichtet er in seinem Roman „Ein Winter in Jakuschevsk“, der durch den russischen Überfall auf die Ukraine zu einem Buch der Stunde geworden war. Teilnehmend und mitfühlend schildert Gross den sibirischen Alltag der krisengeplagten Bevölkerung, die sich immer wieder durchbeißt, Notlösungen organisiert, Kränkungen einsteckt, Ansprüche und Träume aufgeben muss. Martin Gross erzählt von Verzweiflung und Galgenhumor, von Offenheit und Argwohn. Aus der scheiternden Ost-West-Partnerschaft wächst eine tiefe Zuneigung zu den Menschen, die ihn begleiten. Eine Mitmenschlichkeit, wie wir sie in den aktuellen Zeiten der Grausamkeit so dringend benötigen, um nicht der Blindheit des Krieges und den Verallgemeinerungen von “Freund” und “Feind” zu erliegen.
Der Roman „Nadjas Geschichte“ erzählt von einer persönlichen und einer politischen Zeitenwende. Kurz bevor russische Truppen die Ukraine überfallen, erleidet die in Deutschland lebende Russin Nadja eine Gehirnblutung, welche ihr Sprache und Erinnerung raubt. Mit Hilfe des befreundeten Erzählers beginnt ein langer Heilungsprozess. Minutiös wird festgehalten, wie sich Nadja in kleinen Schritten neu in ihrer Gegenwart orientiert. Aber wer ist diese Frau nach der Hirnblutung? In Gesprächen und Erinnerungen während des Jahres 2022 wird Nadjas Biografie rekonstruiert von ihrer Kindheit in Sibirien, über die russische Krisenzeit der Jahre 1990-1998 hinweg bis zu ihrer Ausreise nach Deutschland und dem gegenwärtigen Krieg.
Im März ist Martin Gross‘ zweites Buch bei Spector Books erschienen – der Erzählband „Freunde und Fremde“. In dem zweiteiligen Text wird über zwei komplizierte Freundschaften berichtet, die Martin Gross leicht variiert selbst erlebt hat. Jene zu Danil, einem Russen, den er während eines universitären EU-Projektes im Jahr 2000 kennen und schätzen gelernt hatte. Und jene zu Sadi, einem 15-jährigen jesidischen Flüchtling aus dem Irak, dem er ab 2015 beim Erlangen deutscher Sprachkenntnisse und in manch anderen Situationen behilflich war. Im Buch sind Namen und Handlungsorte verändert und manches stringenter gefasst worden, einige Erfahrungen anderer Personen sind eingeflossen, so dass der Erzähler nicht mehr eins zu eins mit Martin Gross identisch ist, was die Faktizität des Erzählten jedoch nicht schmälert, sondern eher erhöht.
Beide Freundschaften erweisen sich für den Erzähler als zunehmend problematisch. Aber auch er selbst ist kein einfacher Charakter: Sein Gerechtigkeitsempfinden, seine geradezu wissenschaftliche Herangehensweise an sich stellende Probleme und sein Hang zur deutschen Gründlichkeit harmonisieren weder mit der russischen noch mit der jesidischen Lebenseinstellung.
Als Danil ihn um 100 Dollar bittet, die er benötigt, um eine Anzeige wegen sexueller Belästigung aus dem Weg zu schaffen, sperrt sich das Rechtsempfinden des Erzählers gegen eine solche Hilfeleistung. Später muss er feststellen, dass diese Verweigerung ein Aspekt in Danils möglicherweise zu Unrecht erfolgten Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis war. Vielleicht hätten jene 100 Dollar die Anzeige zu Fall bringen können und es wäre nie zu einem Prozess gekommen? Er wird es nie erfahren, denn Danil stirbt vier Jahre nach seiner Entlassung aus der Haft an den Folgen drastischen Alkoholkonsums. Der Danil-Text gibt dem Leser tiefe Einblicke in die russische Lebenswirklichkeit und die bittere Tatsache, dass ein zuvor Verurteilter in der russischen Gesellschaft nur schwer wieder Fuß fassen kann. Der Erzähler war der Einzige, der zum Verurteilten Kontakt gehalten hatte. Alle russischen Freunde, selbst die eigene Frau, hatten sich von ihm abgewendet.
Die Freundschaft zu Sadi baut sich langsam auf. Als der Erzähler den schwerbehinderten minderjährigen Flüchtling kennenlernt, war eine Verständigung nur über den Google-Sprachvermittler möglich. Constantin Schreibers Deutschland-Kurs in arabischer Sprache – zu finden YouTube – war für Sadi und seine Freunde die erste Einführung in die deutsche Lebenswelt. Schnell wird dem Erzähler klar, dass ihm das Schicksal dieses Jugendlichen nicht gleichgültig ist. Er hilft ihm, die genetisch bedingte Fehlstellung der Hüfte, die sein bisheriges Leben bestimmt hat, mittels Operation zu beseitigen. Er hilft ihm, den Familiennachzug zu bewerkstelligen. Er hilft ihm, der in seiner irakischen Heimat nur zum Hütejungen taugte, einen Schulabschluss zu erreichen und Ausbildungsperspektiven zu entwickeln. Die Stärke des Sadi-Textes liegt aber jenseits dieser Vorgänge. Der Erzähler denkt sukzessive über Integrationsmechanismen und beidseitige Integrationshindernisse nach. Da Martin Gross selbst all diese Integrationserfahrungen gesammelt hat, wirkt diese Problemdiskussion auf den Leser sehr authentisch. Man wünschte sich, dass dieser Text um Sadi zur Pflichtlektüre für Integrations-Politiker und sonstige behördliche Akteure in diesem brisanten Problemfeld gemacht wird. Martin Gross gibt viele Hinweise, wie Verbesserungen ohne finanzielle Mittel erreicht werden könnten: durch modifizierte Herangehensweisen und eine mögliche Schulung der Integrationsbeauftragten in Fragen der ethnischen Besonderheiten – Religion, Lebensweise etc. – der unterschiedlichen Asylsuchenden. Das Fazit des Erzählers ist ernüchternd. Er hat das „Gefühl, bei allem, was (er) gemacht und gewollt habe, sei eher das Gegenteil herausgekommen. Zuerst einmal Russland: Wo wir Demokratie unterstützen wollten, ist Diktatur entstanden. Und dann die Flüchtlingsarbeit: Aufs Ganze gesehen hat sie womöglich mehr Misstrauen geweckt als Not gelindert. Die Deutschen fühlen sich ausgenutzt – und jetzt nach den Attentaten auch bedroht. ,Abschiebung‘ ist zum populärsten Begriff der Saison aufgestiegen.“
Martin Gross: “Das letzte Jahr. Aufzeichnungen aus einem ungültigen Land”, Roman, Spector Books, Leipzig 2020, 368 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-95905-423-2
Martin Gross: “Ein Winter in Jakuschevsk”, Roman, Verlag Sol et Chant, Letschin 2022, 276 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-949333-11-8
Martin Gross: “Nadjas Geschichte”, Roman, Verlag Sol et Chant, Letschin 2023, 260 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-949333-13-2
Martin Gross: „Freunde und Fremde“, Erzählung, Spector Books, Leipzig 2026, 216 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-95905-951-0
Letzte Änderung: 02.10.2026 | Erstellt am: 02.10.2026
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