Heimatgefühl zwischen Sinn, Ordnung und stetigem Aufruhr

Heimatgefühl zwischen Sinn, Ordnung und stetigem Aufruhr

Wiederbegegnung mit Gert Jonkes »Geometrischer Heimatroman«
Gert Jonke: «Geometrischer Heimatroman», Jung und Jung Verlag, Salzburg 2016. 152 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-99027-010-3. | © Jung und Jung Verlag | © Jung und Jung Verlag

In Gert Jonkes »Geometrischer Heimatroman« werden unser Innerstes und unsere Fantasien mittels Sprache in Funktionalität übersetzt. Jonke schafft einen Ort des kurzzeitigen Ankommens: Zwischen Sinn und dessen Auflösung, zwischen Imagination und radikaler Realität wird »Heimat« fortwährend neu verhandelt – und das Idyll des Vertrauten immer wieder gesprengt. Für unsere Autorin, Dorothee Baumann, entstehen in diesem Wechselspiel Momente absoluter Klarheit, in denen Gesagtes und Gemeintes miteinander verschmelzen, bevor alternative Bedeutungspotenziale den Leser sofort wieder in der Fremde aussetzen.

Bei seinem Erscheinen 1969 befand Peter Handke, es handele sich bei „Geometrischer Heimatroman“ nicht um ein gutes Buch, doch um eines, bei dem das Lesen zum Vergnügen wird. Bei der mir 2026 vorliegenden Ausgabe von 2016 handelt es sich nicht um das gleiche Buch, denn der Autor Gert Jonke hat es 1980 nochmals überarbeitet. Es macht immer noch Spaß, es zu lesen. Und es wird nicht nur an der Überarbeitung liegen, dass es mir deshalb wie ein gutes Buch vorkommt. Auch wenn es auf eine durchgängige Handlung, zur Einfühlung einladende Figuren, die sich entwickeln, verzichtet. Weil es nach wie vor unerbittlich konsequent mit dem Eigenleben der Sprache spielt, „[d]ie Automatik der Vorstellungen, die Automatik des in fertigen Sätzen stagnierenden Bewu[ss]tseins“ vorführt.

Heimat? Liegt wohl nicht in einer unmittelbaren Beziehung von Erzähler und Figuren zu einem Ort. Sondern wird vermittelt über Sprachbausteine, die diese Beziehung herstellen oder vorgaukeln. Geometrisch ist dieser Roman, weil dieses Material ordnet, in eine Logik bringt. In die Logik der Sprache, die dem Denken schlüssiger erscheint als die unmotivierte Existenz der Welt. In den Sätzen kann man sich zu Hause fühlen und sich vormachen, dass man es auch im Leben ist.
Das Geschehen kreist um den Dorfplatz. Etwa jedes zweite Kapitel ist dort angesiedelt und damit überschrieben, durchnummeriert. Auch Orte bestehen aus Bausteinen, die Sprache fräst sich bauend in die Welt ein, stülpt ihr eine funktionale Ordnung über. Auf S. 47 findet sich eine Zeichnung (Fig. 4), aus welchen Bausteinen der Platz sich wiederum zusammensetzt: Rathaus, Kirche, Pfarrhaus, Schule, Bürgerhäuser… fassen ihn ein, unter letzteren das Haus der Jonkes. In der Mitte ein Brunnen, drumherum Baumstümpfe (die einmal Bäume waren, die im Verlauf des Romans gefällt werden, ersetzt werden durch Bänke, die wieder abgebaut werden). Kommentar: „das erlebnis des konflikts zwischen der welt der dinge und der welt der personen, wobei die welt der dinge der welt der personen die muster vorschreibt“. Aus den Häusern wird hinausgetreten, Türklinken werden gedrückt, ebenso Hände, wenn sich die Menschen von den Bänken erheben und aufeinander zugehen, aus dem Pfarrhaus eilt der Pfarrer, aus dem Rathaus der Bürgermeister, aus der Schule kommt die Klasse. In dieses automatisierte Szenario sind apokalyptische Geschehnisse eingewoben: ein Fremder tritt in Erscheinung, hat er die Vogelschwärme, die über die Gebäude herfallen, zu verantworten? Wo kommen diese Tiere her, sind sie aus dem Kino in den Ort verrutscht, Sinnbilder der Natur, die die ausbeuterische Ordnung hinwegzufegen droht? Der Weltuntergang wird jedenfalls als Theatervorstellung ausgemalt.

Leitmotivisch finden Dialoge statt zwischen zwei Personen, einem ich und einem du, die erwägen, über den Platz zu gehen, was aber doch nicht geht, denn sie wollen nicht gesehen werden. Aus diesen Augenpaaren scheinen sich die Vorgänge am Platz in den Text zu übertragen. Ist er subjektiv? Mal gibt sich der Erzähler allwissend, mal entzieht sich die Wirklichkeit dem Zugriff durch erfindendes Beschreiben, so dass es mehr einem Abtasten mit Worten als Gewissheit gleicht.

Dazwischen geht’s um das große Ganze (Das Dorf), andere Bausteine (Die Brücke, Das Haus des Schmids), einen artistischen Unfall und den Zeitungsbericht dazu, um Maßnahmen und das neue Gesetz. Heimat wird immer wieder neu vermessen, in Anekdoten, Amtssprachen, Gemeindechronik. Kapitel fügt sich an Kapitel und lässt Querverbindungen entstehen zwischen den Bestandteilen.

Penible Schilderungen alltäglicher Verrichtungen Schritt für Schritt sind ebenso präsent wie poetische Wendungen, in denen die Sprache das Floskelhafte sprengt, um sich freizumachen für die schöpferische Bezugnahme auf die Wirklichkeit, die doch versuchsweise wirkt. Die Sätze schrauben sich immer weiter in einem atemlosen Fluss, einmal angestoßen treibt das Sprechen immer neue Formulierungen hervor, die die Aussagen noch näher ans Gemeinte heranbringen sollen. Komposita erweitern den Wortschatz, teils bürokratisch anmutend, teils erstaunlich präzise einen Eindruck hervorrufend. Im Drang, sich mitzuteilen, redet der Text wortgewaltig auf den Lesenden ein. Ein Wort gibt das andere, in kursiv gesetzter direkter Rede reihen sich Ellipsen aneinander, die bestimmen wollen, was sein darf, der Rest „gehört sich nicht“.

Worauf läuft dieser Text hinaus? „Nach und nach verwandelt sich diese Landschaft in einen ausgeschütteten Farbkasten“, heißt es gegen Ende. Ein Bild, das sich zu einem Ellipsoid zusammenfalten und von sich werfen lasse, „um in eine andere Landschaft einzubiegen“. Ein paar Seiten zuvor wird der Moment heraufbeschworen, in dem „du endlich vergessen darfst, was ich alles gut dir zu merken hier verzeichnet habe“. Der Heimatroman lässt eine Welt aufscheinen, um sie wieder fallen zu lassen und sich in die unendlich vielen alternativen ausbuchstabierten Welten zu verabschieden.

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Peter Handke (1969): In Sätzen steckt Obrigkeit. In DER SPIEGEL 17/1969 https://www.spiegel.de/kultur/in-saetzen-steckt-obrigkeit-a-d06f3d5f-0002-0001-0000-000045741712 Ebd.

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Gert Jonke: «Geometrischer Heimatroman», Jung und Jung Verlag, Salzburg 2016. 152 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-99027-010-3. | © Jung und Jung Verlag

Letzte Änderung: 28.10.2026  |  Erstellt am: 28.10.2026

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