Geschichten sprechen, wo Worte fehlen
Tiến will seinen Eltern etwas sagen – doch ihm fehlen die Worte. Meist sprechen sie keine gemeinsame Sprache und fühlen sich dadurch oft weit voneinander entfernt. Was bleibt, sind Geschichten, die mehr über sie selbst erzählen als nur von fantastischen Begebenheiten. Mit „The Magic Fish“ debütiert Trung Le Nguyen als Graphic-Novel-Autor und greift dabei die Komplexität von Migration, Sexualität und Kommunikation auf. Mit autobiografischen Elementen und eindrucksvollen Illustrationen zeigt er, dass Kunst manchmal das einzige Mittel sein kann, um mit Trauma, Scham und Distanz umzugehen. Eine beeindruckende Lektüre für das Verständnis emotionaler Dynamiken – so Gabriel Romano.
The Magic Fish ist das erste Buch des vietnamesisch-amerikanischen Graphic-Novel-Autors Trung Le Nguyen. In der philippinischen Provinz Palawan in einem Flüchtlingslager geboren, zog der Autor im Alter von zwei Jahren in die USA und studierte Studio Art an der Hamline University. Nach einigen Arbeiten im Romance-Genre debütierte Nguyen 2020 mit seiner ersten Graphic Novel The Magic Fish, die Lob von bekannten amerikanischen Medien wie Forbes, The Washington Post und Publishers Weekly erhielt und 2021 mit einem Preis der International Literacy Association ausgezeichnet wurde.
Die Handlung folgt Tiến, einem vietnamesisch-amerikanischen Jungen, der versucht, mit seinen eigenen Unsicherheiten sowie mit der komplizierten Kommunikation mit seinen Eltern umzugehen. Zu Hause wird eine Mischung aus Sprachen gesprochen: Die Mutter Helen und der Vater Vĩnh sprechen meist Vietnamesisch, Tiến antwortet auf Englisch. Ein Versuch, eine Brücke zwischen diesen beiden weit entfernten Welten zu schlagen, sind Märchen: Die Familie setzt sich zusammen, Tiến liest vor, Helen strickt nebenbei. In dieser familiären Konstellation, in der die Eltern Schwierigkeiten mit der englischen Sprache haben, fällt es Tiến schwer, die richtigen Worte zu finden, um seinen Eltern seine Gefühle verständlich auszudrücken. Die Erzählungen, die sie gemeinsam lesen, werden so zu einem Mittel der Verständigung und Verbindung – selbst ohne eine vollständig gemeinsame Sprache.
Über die emotionalen Spuren der Migration innerhalb des Familienkreises hinaus thematisiert das Buch auch das Coming-out. Tiến ist schwul und sucht nach den richtigen Worten und Momenten, um seine Sexualität seinen Eltern mitteilen zu können. Doch er hat Angst, schämt sich, kann es nicht laut aussprechen und glaubt, er könne es nur auf Vietnamesisch vermitteln, damit seine Eltern ihn wirklich verstehen – und die Sprachbarriere macht alles deutlich schwieriger. Darüber hinaus verbindet das Buch weitere komplexe Erfahrungen: Helens Trauma der Flucht aus dem nachkriegsbesetzten Vietnam, die sprachliche Isolation von Migrant*innen, die Trauer um verstorbene Angehörige, eine von Trennung geprägte Familiengeschichte sowie die zarte, transformative Erfahrung des Verliebens.
Die Geschichte entwickelt sich bis zu einem Punkt, an dem Helen für eine Zeit nach Vietnam zurückkehren muss. Als sie wieder in die USA kommt, erfährt sie von Tiếns Sexualität – jedoch nicht durch ihn selbst. Sie sprechen nicht direkt darüber, nicht weil es etwas „Falsches“ wäre, sondern aufgrund der bestehenden Kommunikationsbarrieren und unausgesprochenen Gefühle auf beiden Seiten. Stattdessen greifen sie erneut auf ihre vertraute Form der Verständigung zurück: das Lesen von Märchen. Doch diesmal unterbricht Helen Tiếns Vorlesen – ein Moment, der durch ihre Erfahrungen in Vietnam eine neue Bedeutung erhält und die Geschichte auf emotional eindringliche Weise abschließt.
Bemerkenswert ist, wie der Autor seine Erzählung strukturiert, indem sich Elemente aus den gelesenen Märchen in Gegenwart und Vergangenheit der Figuren widerspiegeln. Themen wie zersplitterte Identität, schweigsames Auseinanderleben und Spuren traumatischer Erfahrungen durchziehen die Handlung. Dazu gehört auch Nguyens Sensibilität, bekannte westliche Märchen mit vietnamesischen Geschichten zu verknüpfen. Die deutsche „Allerleirauh“ wird beispielsweise mit der vietnamesischen „Tấm Cám“ in Beziehung gesetzt, die trotz einiger Unterschiede ähnliche Werte und Kernaussagen vermittelt. Pointiert zeigt er, dass Geschichten kulturübergreifend existieren, jedoch unterschiedlich interpretiert werden – hier durch Tiến und seine Mutter. Jedes Märchen wirkt gezielt ausgewählt und platziert, sodass es beide Figuren berührt und Denkanstöße über Erinnerung sowie internalisierte Gefühle auslöst.
Auch die visuelle Gestaltung des Buches ist zentral. Nguyen versteht, dass Graphic Novels als hybride Form aus Bild und Text funktionieren, die nur im Zusammenspiel vollständig wirken. Er nutzt gezielt bestimmte Hintergrundfarben: Rosa für die Gegenwart, Blau für die Märchen und Gelb für Helens vergangene Erfahrungen. Dadurch entsteht eine visuelle Struktur, die Realität, Fantasie und Erinnerung miteinander verbindet. Dennoch sind diese Ebenen nicht strikt getrennt, sondern fließen ineinander – genau wie die Themen Flucht, Liebe und emotionale Konflikte, die sowohl in den Märchen als auch im familiären Leben präsent sind.
Die Zeichnungen sind sorgfältig ausgearbeitet und visuell sehr ansprechend. Die ersten 168 Seiten wurden traditionell mit Finelinern auf Papier gezeichnet, während spätere Seiten digital entstanden – der Übergang ist jedoch nicht bemerkbar. Zudem variiert Nguyen zwischen erzählerischen Textfeldern für innere Gedanken und Dialogen, was zu einem tieferen Verständnis der Figuren beiträgt. Bemerkenswert ist auch, dass die vietnamesische Sprache durch spezielle Zeichen („<>“) gekennzeichnet wird.
Nguyen scheint mit seiner Debüt-Graphic-Novel eine Geschichte zu erzählen, die eng mit seinem eigenen Werdegang verbunden ist. Trotz fantastischer Elemente zeichnet er vor allem ein intimes Bild seines familiären Gefüges: Er berichtet im Nachwort, dass er selbst in seiner Kindheit Geschichten mit seinen vietnamesischen Eltern gelesen hat, was ihnen half, ihre Englischkenntnisse zu verbessern. Der Autor ist offen schwul und wurde in einem Nachkriegskontext vietnamesischer Geschichte geboren – Aspekte, die in seiner Graphic Novel auftauchen und ihr eine deutlich autobiografische Tonalität verleihen.
The Magic Fish berührt – ebenso wie die künstlerische Sensibilität Nguyens. Dem Buch gelingt eine vielschichtige Darstellung zentraler Themen: Migration, Queerness sowie die Rolle von Sprache für familiäre Bindungen. Nguyen zeigt dabei, dass Kunst ein wirksames Mittel sein kann, um Gefühle zu verarbeiten und komplexe Erfahrungen ausdrückbar zu machen – innerhalb der Handlung durch Märchen und außerhalb durch seine wunderschönen Illustrationen. Das Buch ist eine beeindruckende Lektüre für das Verständnis emotionaler Dynamiken und deswegen für ein breites Publikum empfehlenswert.
Buchangaben:
Autor: Trung Le Nguyen
Titel: The Magic Fish
Verlag: Random House Graphic
Erscheinungsdatum: 13.10.2020
Seitenzahl: 256 Seiten
Sprache: Englisch
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 9780593125298
Preis: 18,59 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 19.06.2026 | Erstellt am: 19.06.2026
Kommentare
Es wurde noch kein Kommentar eingetragen.