Geräuschlose Naturlyrik
Was gewöhnlich als Entspannung gilt, ist für Martin Andersson ein Forschungsobjekt – die Stille. Mit diesem Motiv führt uns der Wiener Autor durch Berge, Gärten und Wälder und entfaltet inmitten einer überwältigenden Ruhe Meditationen über sich selbst und die Welt um ihn herum – tiefste Beobachtungen und Gefühle. Zwischen Naturbetrachtungen und literarischem Experiment entsteht auf diese Weise eine aufmerksamkeitsstarke Analyse des Stillstandes in Gedichtform. Eine von feiner Sensibilität geprägte Lyrik – so Gabriel Romano.
Kennen Sie das Gefühl, noch nichts zu wissen, was einen bei der Lektüre eines Buches oder Textes erwarten wird, weswegen man neugierig und gespannt ist? Aber wenn man vertrauter mit der literarischen Schreibweise, stilistischen Entscheidungen und behandelten Themen wird, wandelt sich die eigene Leseerwartung plötzlich. Das ist der Fall bei der Lektüre von Martin Anderssons neuem Gedichtband Weidende Stille. Der Autor wurde in Wien geboren, wo er bis heute lebt und Essays, Erzählungen sowie Gedichte publiziert. In der Lyrik schätzt er besonders die Symbolik sowie anschauliche Beschreibungen, die zusammen mit „abgewogenen, genau geatmeten Rhythmen“ seine literarische Identität beeinflussen: „Gereimt wird nicht, und Hölderlin ist der Größte“ – lesen wir auf seiner Website. Mit einer Spur seines Schreibstils im Hinterkopf bin ich somit in die Weidende Stille eingetaucht. Doch ahnte ich ja nicht, wie überraschend vielfältige Bilder und Szenen für mich eröffnet werden würden, die über eine feste stilistische Handschrift hinausgehen.
Inhaltlich beschäftigen sich Anderssons Gedichte vor allem mit der Bedeutung von Stille, die hier literarisch erforscht wird. Als eine Sammlung von Beobachtungen, Eindrücken und Gefühlen folgt das Buch keiner eigentlichen Handlung, ist jedoch von wiederkehrenden Motiven geprägt: dem überwältigenden Charm der Natur, den fein nuancierten Farben vertrauter Orte und den leisen Bewegungen des Alltags – sowie einer allgegenwärtigen Stille. Hier geht es um die Anspruchslosigkeit, zugleich die Vielschichtigkeit dieser Stille, die sich natürlich durch den Blick eines poetischen Beobachters entfaltet. In einem Kosmos aus genauen Beobachtungen und Feststellungen wird sie im Buch zum menschlichen Studienobjekt, wobei die feinfühlige Wahrnehmung des lyrischen Ichs hier maßgeblich ist: Der Autor zeigt uns, dass die Ruhe nicht nur die Abwesenheit von Lärm ist, sondern ein eigenständiger Erfahrungsraum, der viel über den Menschen aussagt.
Andersson verkörpert dabei vielmehr die Beobachterrolle: lyrisch beschreibend erzählt er von dem unkontrollierbaren Zeitvergehen in den Jahreszeiten, den unterschiedlichen, idyllischen Tier- und Pflanzenarten sowie den sensiblen Spuren der Naturphänomene, die sich auf uns unterschiedlich und individuell auswirken. Zugleich spart er seine persönlichen Eindrücke darüber, was er beobachtet, nicht aus: Äußeres und Inneres lassen sich hier kaum unterscheiden. Die Wintertrockenheit, die Kieferzapfen und die Kälber schenken ihm Ruhe, Einsamkeit, Lebendigkeit. Die Dämmerung, der Garten und das Wellenklatschen werden zu seinen Sinnen; das Sehen, das Riechen, das Hören. Umwelt und Individuum verschmelzen in seiner Lyrik zu einer Einheit – zusammen mit äußerer Beobachtung und introspektiven Monologen.
Literarisch arbeitet der Autor mit vertrauten Stilmitteln: Vergleiche und Personifikationen sind diejenigen, die am häufigsten vorkommen. Bildhafte Formulierungen etwa wie die Beschreibung des Abendlichts vor der grünen Wand, das sich wie die Musik der Harfen der Engel „anfühlt”, oder der Fähigkeit der Lotoshorde, die Sonne mit einer hemmungslosen Sucht zu trinken, bezaubern einen und ergänzen dabei die komplexe Naturlyrik mit einer fast mystischen Bildlichkeit.
Andersson besteht auf die Richtigkeit seiner stilistischen Entscheidung, indem er Reime kaum einsetzt – sie kommen selten vor und sind nicht der Star seiner Lyrik. Die ruhige Sprache übernimmt diese Rolle, verfestigt sich in seinen Beobachtungen und prägt das gesamte Buch, vor allem durch die Naturbilder. Dabei regt das Vorstellungsvermögen des Lesers dazu an, die Poetik des Autors lebendig zu visualisieren, sodass die Bilder über zusammengefügte Wörter hinausgehen und das Vergnügen der Lektüre subtil steigern.
Das Buch ist sogar ein dreiteiliges Stück, dessen Teile sich kaum durch die Thematik, sondern sich eher in der bewusst eingesetzten Form voneinander abheben: Der erste, dem ganzen Gedichtband titelliefernde Teil Weidende Stille wird von einer literarischen Ausdehnung ausgemacht: die Naturbetrachtungen sind lang, detailliert, sehr eindringlich – fast ermüdend. Der zweite Teil Spuren des goldenen Kontinents präsentiert im Gegensatz dazu das traditionelle japanische Haiku, das als die kürzeste Gedichtform der Welt mit drei Versen eine besondere lyrische Herausforderung und Spannung erzeugt.
In dem letzten Teil Der wiegende Bogen nimmt Andersson eine experimentelle Richtung an: Mit Hilfe der Neuschöpfung, der Übersetzung französischer hymnischer Lyrik eröffnet der Autor hier ein ungewöhnliches Verfahren: deren Umwandlung in eigenständige deutsche Verse. Der dritte Teil betrachtet außerdem weitere Themen, die nicht nur rund um Landschaften kreisen. Aus der französischen Kulturgeschichte und Dichtung schöpfend begleiten wir teils apokalyptische, teils revolutionäre Hymnen über Gott und Satan, über die Schöpfung der Erde und die Wahrheit der Seele, über Tyrannen und Märtyrer. Dennoch kehren die zentralen Motive des Buches immer wieder zurück: Natur, Zeit, Stille.
Weidende Stille ist ein lyrischer Band, der besonders für alle geeignet ist, die eine meditative Reise durch die Naturwelt unternehmen möchten. Die Lyrik berührt, und trotz der Abwesenheit einer klaren, strukturierten Handlung zieht sie die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich, wobei Aufmerksamkeit hier nicht das Hauptziel ist. Eine ruhige, nachdenkliche und tiefe Erfahrung innerhalb der wilden, stillstehenden Welt, die sich kontemplativ durch die Lyrik für uns eröffnet – sie ist in diesem Bändchen von einer äußerst feinen Sensibilität geprägt.
Buchangaben
Autor: Martin Andersson
Titel: Weidende Stille
Herausgeber: CASTRVM-Acéphale
Erscheinungsdatum: 03.04.2025
Erscheinungsort: Wien
Seitenzahl: 80 Seiten
Auflage: 1. Auflage
ISBN: 978-3-903582-02-6
Preis: 9,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 29.05.2026 | Erstellt am: 29.05.2026
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