Gefällter Stammbaum und bewahrte Geschichte

Gefällter Stammbaum und bewahrte Geschichte

Pflege und Poesie: Zu Martin Piekars Romandebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“
Cover „Vom Fällen eines Stammbaums“ | © Rowohlt Hundert Augen Verlag

Martin Piekar debütiert mit „Vom Fällen eines Stammbaums“ als Romanautor und erzählt eine autofiktionale deutsch-polnische Familiengeschichte zwischen Schmerz, Erinnerung und Fürsorge. Gabriel Romano untersucht die metapoetische Ebene des Romans sowie den Stammbaum als zentrales literarisches Motiv und zeigt, wie aus familiärer Entfremdung durch das Erzählen eine neue Form der Bewahrung entstehen kann. Ein Roman darüber, wie Identität und Herkunft brüchig werden – während Geschichten bleiben.

„Ich werde diesen Stammbaum fällen, aber ich möchte Geschichten und Gedichte hinterlassen. Alles Fallmaterial kann jemandem etwas bringen. Es gibt keine Familienehre. Blut oder Erbe bedeuten nichts. Es gibt deine Geschichten, Mama, die ich weitertragen werde. Es gibt deine Mühen als Lehrerin und meine Mühen als Lehrer. Es gibt Gedichte und Musik, die mich vor dem Wahnsinn bewahren. Es gibt unsere Familiengeschichte, die ebenso wahr ist wie absolute Fiktion.“ (S. 430)

Vom Fällen eines Stammbaums ist das Romandebüt des deutsch-polnischen Lyrikers Martin Piekar aus Frankfurt. Oder ist die Geschichte eigentlich seine Biografie? Während der Lektüre lässt sich diese klassische literarische Trennung kaum aufrechterhalten; doch das Bedürfnis nach einer eindeutigen Zuordnung tritt ohnehin in den Hintergrund. Denn Piekar erzählt eine bewegende Geschichte über Kriegsspuren, Familie und Traumata, die mit einer besonderen Sensibilität verhandelt wird.

Im Zentrum steht die Coming-of-Age-Geschichte der Hauptfigur Marcin – polnisch für Martin – und die zerbrechliche Beziehung zu seiner Mutter Regina, die alkoholkrank ist. In seiner Kindheit nutzt Marcin Musik, das Schreiben von Gedichten und Videospiele als Flucht aus dieser schwierigen Beziehung, während Regina im Alkohol Zuflucht sucht, um eine von Armut und Enttäuschungen geprägte Lebensrealität zu ertragen. Erst allmählich erfahren wir mehr über Reginas Vergangenheit: Sie ist während der Zeit der Volksrepublik Polen aus ihrer Heimatstadt Białystok nach Westdeutschland geflohen, in der Hoffnung auf bessere Lebensperspektiven. Diese Migrationserfahrung – ebenso wie Krankheit, eine besondere Familiengeschichte und weitere traumatische Episoden – prägt sowohl ihre Gegenwart als auch ihr Verhältnis zur polnischen Identität nachhaltig: Sie entwickelt Ressentiments gegenüber Polen, ja mehr noch, eine regelrechte Abscheu davor, polnisch zu sein.

Nach dem Abitur studiert Marcin Lehramt und erlangt als Dichter durch die Veröffentlichung seiner Gedichtbände erste Bekanntheit. Gleichzeitig versucht er, mit seiner eigenen Identität als Angehöriger der ersten Nachkriegsgeneration zurechtzukommen – er nennt sich selbst „Bastard“ oder „hessischer Pole“, und er will sich von Reginas Blick auf die polnische Identität lösen. Dabei helfen ihm prägende Freundschaften und seine erste Reise nach Polen, wo er einige Verwandte kennenlernt und seinem Vater Zdzisław nach fünfzehn Jahren erstmals wiederbegegnet. Doch Regina bleibt das Zentrum seines Lebens: Infolge ihres Alters und ihres Alkoholkonsums wird sie immer kränker und erwartet von Marcin, dass er sich bedingungslos um sie kümmert. Und er tut es: Er pflegt sie bis zu ihrem Tod. Im selben Krankenhaus, in dem Marcin geboren wurde, stirbt Regina schließlich.

Statt lediglich Marcins Lebensgeschichte nachzuerzählen, entwirft Piekar ein eindringliches Porträt dieser besonderen Mutter-Sohn-Dynamik – emotional aufgeladen und stets verbunden mit den historischen Spuren von Krieg, Flucht und Trauma, die die Familiengeschichte tief prägen. Für Marcin wirkt diese Beziehung oft problematisch, stellenweise sogar missbräuchlich: etwa, wenn die alkoholkranke Regina ihm die Verantwortung für ihre Gefühle aufbürdet und eine starke emotionale Abhängigkeit von ihm entwickelt. Zugleich gelingt es ihm am Ende, Mitgefühl stärker werden zu lassen als schonungsloses Ressentiment gegenüber seiner Mutter – es handelt sich bei diesem Roman um eine chaotische Geschichte mit einem „Happy End“, wenn man so will. Ebenso eindrucksvoll sind die anschaulichen Parallelen zwischen Marcin und Regina: Pflege, Lehrberuf, Dichtung, polnische Identität. Es scheint, als stünden beide Figuren trotz aller Konflikte in einer tiefen Verbindung – parallel und zugleich gegensätzlich.

Ein weiterer Höhepunkt des Romans – und zugleich der Moment, in dem sich sein Titel erschließt – ist Marcins Rekonstruktion seines polnischen Familienstammbaums. Auf der Spurensuche unter Verwandten und in den oft spontanen Erzählungen seiner Mutter erfährt er erst spät von unmöglichen Lieben, Zwangsarbeit im Gulag und Kriegsgefangenschaft in seiner Familiengeschichte. Daraus erwächst der Wunsch, diese vergessenen Erzählungen festzuhalten. Hier eröffnet sich die metapoetische Dimension des Romans: Marcin führt die Vergangenheit nicht biologisch, sondern erzählerisch fort. Der gefällte Stammbaum wird durch das Schreiben ersetzt und zu einer Form der Fürsorge sowie zu einer Möglichkeit, die Komplexität seiner Familiengeschichte zu bewahren. So lässt sich der Roman schließlich auch als Reflexion über seine eigene Entstehung lesen: Vielleicht ist Vom Fällen eines Stammbaums selbst das Ergebnis dieses Versuchs, Erinnerung in Literatur zu verwandeln – ein Moment, in dem Biografie und Fiktion erneut ineinanderfließen.

Manchmal wirkt die Lektüre etwas zu ausufernd: Zwar vertiefen die vielen Details auf knapp 500 Seiten das Verständnis für die Figuren, doch verliert sich Piekar stellenweise in Kleinigkeiten, die nicht immer notwendig erscheinen. Dennoch bleibt das Buch thematisch gewaltig und literarisch beeindruckend – gerade, weil der Autor seine Figuren weder verurteilt noch verklärt und dadurch eine Erzählung schafft, in der Nähe und Mitgefühl möglich werden. Die Beziehung zwischen Marcin und Regina bleibt widersprüchlich: mal schmerzhaft, mal zärtlich, aber immer von einer tiefen Verbundenheit geprägt. Aber genau diese Ambivalenz macht die Geschichte glaubwürdig und bewegend – zusammen mit den zahlreichen Reflexionen über Identität, Migration und Fortleben sowie der Erkenntnis, dass Fürsorge nicht nur in der unmittelbaren Pflege eines Menschen bestehen kann, sondern auch in der Bewahrung von Geschichten. Ein berührendes Debüt.

Buchangaben:
Titel: Vom Fällen eines Stammbaums
Autor: Martin Piekar
Verlag: ‎Rowohlt Hundert Augen Verlag
Erscheinungstermin: 15.05.2026 (1. Auflage)
Seitenanzahl: 256 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3498007461
Preis: 26,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 31.07.2026  |  Erstellt am: 31.07.2026

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