Fremde Familie
Jennifer Segebrecht entwirft in ihrem Romandebüt „Muttertage“ eine besondere Familiendynamik, die ebenso verletzend wie menschlich ist, ohne ihre Figuren auf ihre Fehler zu reduzieren. Zwischen internalisiertem Ressentiment, der Spurensuche nach der Vergangenheit und dem Wunsch, verstanden zu werden, thematisiert die Autorin die Weitergabe familiärer Verletzungen über Generationen hinweg und die schwierige Suche nach Versöhnung in belasteten Beziehungen. Gabriel Romano hat Segebrechts Roman gelesen und stellt fest: Es handelt sich um ein vielversprechendes Debüt, das ein menschliches Porträt davon zeichnet, wie wir Verständnis füreinander entwickeln und schließlich weiterleben können.
Buchangaben
Titel: Muttertage
Autorin: Jennifer Segebrecht
Verlag: Pfaueninsel
Erscheinungsdatum: 03.08.2026
Seitenzahl: 272 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-69131-024-5
Preis: 22,00 €
Das Buch ist -> hier erhältlich.
„Muttertage“ ist der erste Roman der Wirtschaftspsychologin und Autorin Jennifer Segebrecht. Darin zeichnet sie ein bewegendes Bild einer Familiengeschichte über drei Generationen und einer Vergangenheit, die im Schweigen über die Zeit hinweg fortwirkt. Zwischen unausgesprochenen Konflikten und der Spurensuche nach ihren verborgenen Folgen zeigt die Autorin, dass sich erschütternde familiäre Muster generationsübergreifend fortsetzen können, wenn tiefste Verletzungen unverarbeitet bleiben. Die Geschichte dreht sich um drei starke Frauen: Charly, Barbara und Ulrike – junge Frau, Mutter und Großmutter.
Im Jahr 1961 kehrt die junge Ulrike nach einer Reise nach Cannes schwanger nach Bonn zurück und geht unter dem Druck ihrer Eltern eine arrangierte Ehe ein, da diese keinen „unehelichen Enkel“ unterstützen wollen. Sie bekommt ihr erstes Kind, Barbara; die Ehe scheitert nach kurzer Zeit, und das Leben führt sie nach Istanbul, wo sie ihren späteren Mann Adem kennenlernt. Dort bekommt Ulrike mit Adem ihr zweites Kind, Danyal. Doch bald geraten die beiden immer häufiger in Streit, Adem wird zunehmend abwesend, und Ulrike reagiert darauf mit Flucht in den Alkohol. In dem Versuch, ihrem Leben wieder Sinn zu geben, wandert Ulrike mit der Familie nach Deutschland aus. Doch neue Herausforderungen kommen hinzu: Barbara hat Schwierigkeiten, sich in Deutschland einzuleben, und fühlt sich sowohl in der Schule als auch zu Hause ausgeschlossen. Ulrike kultiviert ihr gegenüber eine gewisse Gleichgültigkeit – offenbar prägt die ungewollte Schwangerschaft weiterhin eine Abneigung und Eifersucht gegenüber der eigenen Tochter. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen verlässt Adem die Familie endgültig, und die Kinder entfremden sich allmählich von Ulrike.
Zurück in der Gegenwart erfahren wir von den Folgen dieser komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung: Ulrike und Barbara hatten bis zu Ulrikes Tod im Jahr 2018 jahrelang kaum noch Kontakt. Charly, Barbaras Tochter, will diese verborgene Geschichte aufdecken, während die beiden sich um Ulrikes zurückgelassene Habseligkeiten und die bürokratischen Verfahren rund um das Erbe kümmern. Im Laufe dieses Prozesses erfährt Charly durch kurze Aussagen ihrer Mutter vergessene Details über die Vergangenheit. Zugleich offenbart diese gemeinsame Zeit dem Leser eine angespannte Dynamik zwischen Barbara und Charly selbst: Charly fühlte sich von ihrer Mutter nie verstanden und ist früh von zu Hause ausgezogen. Aus ihrer Perspektive zeigt die Autorin, dass Charlys Spurensuche in der Vergangenheit zugleich eine Suche nach Verständnis für die eigene Mutter ist.
Das Buch endet mit letzten Geheimnissen aus Ulrikes Perspektive sowie neuen Erkenntnissen aus Charlys Sicht: Mit 50 Jahren blickt Ulrike auf ihr Leben zurück und monologisiert über das Trauma ihrer Schwangerschaft mit Barbara, über ihre darauffolgende Unfähigkeit, die Tochter zu lieben, und über ihr Bedürfnis nach Abenteuer, das sie während ihrer Ehe mit Adem in eine Affäre geführt hat. Parallel dazu erfahren wir von Charlys Alleinreise nach Istanbul, die wie ein Abschluss des familiären Zyklus wirkt. Während sie die Orte besucht, die ihrer Familie vertraut waren, setzt sie sich mit der Vergangenheit auseinander und reflektiert über Geschehnisse, die ihr unbekannt geblieben sind und sie dennoch geprägt haben.
In „Muttertage“ spielt nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise eine entscheidende Rolle für die Thematik der Spurensuche in der Familiengeschichte. Da Segebrecht mit zwei erkennbaren Zeitebenen und Perspektivwechseln arbeitet, werden Informationen zunächst nur bruchstückhaft vermittelt. Ihre Sätze sprechen manches nicht ausdrücklich aus, sodass die Autorin es erst durch spätere zeitliche Sprünge allmählich aufschlüsseln kann. Darüber hinaus erzeugt diese Sprunghaftigkeit stellenweise eine gewisse Asymmetrie: Wir erfahren mehr über Ulrikes Vergangenheit als Charly selbst. Gerade dadurch verliert Charlys Spurensuche mitunter etwas von ihrer Spannung, weil die Erzählstruktur paradoxerweise eine Distanz zwischen Charly und dem Leser schafft, obwohl man die Vergangenheit eigentlich gemeinsam mit ihr rekonstruieren sollte.
Letztendlich ist „Muttertage“ eine bewegende Geschichte, die zeigt, wie die Vergangenheit unsere emotionalen Dynamiken, unsere Entscheidungen und unser Verständnis des eigenen Lebens beeinflusst – selbst dann, wenn sie uns nicht bewusst ist und unentdeckt bleibt. Mit komplexen Figuren, die unsere Erwartungen unterlaufen, unsere Gefühle herausfordern und sich einfachen moralischen Kategorien entziehen, schreibt Segebrecht einen Roman über die Vererbung familiärer Muster, ohne dass die Figuren diese bewusst weitergeben wollen. Es ist ein bewegendes und vielversprechendes Debüt, das keine einfache Antwort darauf gibt, wie man mit einer belastenden Familiengeschichte umgehen sollte, sondern verschiedene Formen des Erinnerns, Verdrängens und Aufarbeitens nebeneinanderstellt.
Letzte Änderung: 28.08.2026 | Erstellt am: 28.08.2026
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