Fragen an den Yeti – und an uns selbst

Fragen an den Yeti – und an uns selbst

Volker Sielaffs neuer Gedichtband: nicht zeitlos, nicht global – dafür persönlich und unverwechselbar
Fragen an den Yeti | © Verlag Voland & Quist

Mayjia Gille liest Volker Sielaffs „Fragen an den Yeti“ als eigensinnigen, wachen und stellenweise widerspenstigen Gedichtband: eine Rezension über Sprachgesten, Geheimnisse und die Frage, was Dichtung heute noch vermag. Und über ein mögliches Motiv in der Yeti-Figur: das persönliche Geheimnis. Denn wie der Yeti bleibt auch das Ich des Dichters oft im Verborgenen – nur Spuren sind zu sehen.

Fragen an den Yeti erscheint angesichts des Titels erstmal ganz sympathisch. Yeti mag jeder. Rätsel und Mystik auch.
Und ich verrate es euch vorab: Am Ende des Buches, nach dem Kapitel „Tu einen Tiger in den Traktor“, werden alle Fragen vom Yeti höchstpersönlich beantwortet. Wer Augen hat, der lese.
Aber nun ganz von vorn: Gedichtband auf.
Nee, wieder zu – noch mal das Cover ansehen, die Typografie. Na ja, wem’s gefällt. Soll cool wirken. Ist ja heute angeblich alles eine Frage des Gefallens, ob in Kunst oder Politik. Echt? Daumen hoch, Daumen runter – was soll ein Schriftsteller dazu sagen? So simpel darf man vor allem mit Gedichten nicht verfahren. Mit Design schon. Das blaue Buch ist hip, schönes Papier. Ich hoffe, dass da kein einziger Baum aus meinem Lappland darunter leiden musste. Da ist Fell auf dem Cover.

So, warum YETI? Warum nicht.
Gedanke eins: Vielleicht ist es einfach nur der Hinweis auf den „Wilden Mann“ in der schönen Stadt Dresden, dem Herkunftsort des Dichters?
Gedanke zwei: Die Gedichte haben nichts unbekannt Wildes, man liest auch nichts Wildmännliches. Eher weltmännisch und erfahren kommen die Texte rüber.
Gedanke drei: Vor einigen Jahren habe ich auf meiner Reise nach Bhutan oben auf dem Pass im Schnee keine rechte Antwort auf die Nachfrage über die Existenz des Yetis bekommen, dafür aber ein geheimnisvolles Lächeln meines persönlichen Sherpas Tashi.
Vielleicht ist es das: Geheimnis. Persönliches Geheimnis.
Zumindest im zweiten Teil des Lyrikbandes: „Fragen an den Yeti“. Ein Haufen Geheimnisse des Sielaff-Lebens.
Im ersten Kapitel „Jugend“ auch, aber da ist manches Lächeln und auch für einige unter uns alles klar: Hinschau und Rückschau, Zeit und Vergangenheit. Eine Art Poesiealbum.

Ach Mist, jetzt habe ich doch das Wort Poesie ins Spiel gebracht. Ich wollte es vermeiden, denn ich finde diese Gedichte gar nicht poetisch.
Ich halte Sielaff nicht für einen Poeten im Sinne der Emotionalität und Schönheit der Sprache. Sondern für einen wüsten Dichter und Schreiberling, der beim flüssigen Frühstücksei und unter der Dusche noch mit Stift und Zettel anzutreffen ist, seine Gedanken und Sichtungen ständig aufschreibt oder permanent Texte ins Handy spricht, während er ruhelos allein in Museen (weil er noch echte Kunst zu schätzen weiß) und in Warteschlangen mit kleinen Kaffeeflecken auf dem Papier anzutreffen ist. Jedenfalls sind in diesem Band Bemerkungen, Notate, Tagebuchfetzen, Gedichtfragmente und Zettelschriebe mit Unermüdlichkeit festgehalten worden. Vielleicht auch kleine gekritzelte Zeichnungen, von denen keiner weiß. Der Schreiber Sielaff ist eine Art Yeti. Oft brachial, manchmal erstaunlich fabelreich und sogar schwer verdaulich. Manche Vershaufen erinnern an dichtes Yeti-Fell-Haar an Haar, strukturiert nebeneinander liegend und insgesamt einen wüsten Anschein ergebend.

Natürlich könnte man sagen, Yeti und Sielaff gehören irgendwie in eine andere Zeit, zur Generation analoger Menschen, die sowieso als fast ausgestorben gelten – wie die Dinosaurier.
Sielaff zu lesen ist aber auch wie ein Spaziergang, auf dem der dichtende Autor einem eine Menge mitzuteilen und laut zu denken hat. Der Band liest sich, als würde man mit Sielaff durch Straßen gehen, durch Museen, über Plätze, vorbei an Schaufenstern und Erinnerungstafeln, und man selbst kommt kaum zu Wort. Man nimmt es ihm nicht übel.
Er spricht nicht wirklich dialogisch und wird selten intim, er hält aber oft inne. Manchmal reißt ein Gedanke einfach ab oder hat im Gedicht kein Ende. Er gibt keinen rechten Einblick in die Berührung, die während der Beobachtungen stattfindet. Stehenlassen ist eine Gabe, die er ganz gut kann. Vielleicht ertappt man ihn doch, wenn er eine junge Zeichnerin im Museum beschreibt, die so schön in ihrer „schäbigen Lederjacke“ hängt und einfach nicht aufhört, ihr Werk zu tun, ohne aufzusehen. Vielleicht würde Sielaff auch gern malen. Bildende Kunst ist schon sein Ding.

Er spricht neben uns her, wie ein Typ, der überall seinen Blick hat, nur eben nicht stehenbleibt und uns als Mitwanderer etwa tief in die Augen sieht. Er beobachtet uns nicht. Volker Sielaff spricht nicht mit seinen Lesern. Er erwartet, glaube ich, auch keine Antwort.
Fragen an den Yeti?
Jede Frage, die in diesem Buch formuliert ist, ist eine Falle!
Sie ist keine Frage …, aber auch dies ist ein Geheimnis, ihr müsst es selbst entdecken.
Der Lyriker Sielaff beschreibt die die Welt übrigens peripher, er kennt ja auch schon viel, hat echt was erlebt.
Er beschreibt Umherschweifen, distanzierte Nähe, und dezent zeigt er Haltung, kennt sich aus.
Er weist immer mal auf etwas hin, vor allem auf Missstände, und dies nicht zu knapp.
Er deutet auf Persönlichkeiten, bewahrt ihre Namen, die kaum noch jemand kennt, der nach 2000 geboren ist. Benutzt Synonyme, Eigennamen und Begrifflichkeiten, die bereits wie ausgestorbene Tierarten wirken. Auch das weiß Sielaff zu bezeugen: dass gewisse Sprachformen, Bildungsgesten und kulturelle Reflexe vielleicht zu den letzten ihrer Art gehören.

„Übersetzung beginnt mit Nichtverstehen …“ („Das Frank-O’Hara-Gedicht“).

Dieses Buch braucht Gleichgesinnte – eine Wolke der Zeugen, die noch mit Telefonhörern, Kneipen und Zeitungsrandnotizen sozialisiert wurden … und ein Lexikon für jene, die erst in den letzten zwanzig Jahren geboren wurden.
Ein visueller Dichter ist Sielaff unbedingt.
Einer, der sieht. Vielleicht sogar durchsieht. Aber selten einer, der zu tief hineinsieht. Von einer derartigen übergriffigen Penetranz eines gefühligen Poeten findet man in diesen Gedichten keine Spur. Wie gesagt, Poesie ist hier nicht, wie man sich das vorstellten mag. Nichts wird großgeschönt oder langatmig genossen oder feinsilbig hineingehaucht.
Volker Sielaff spricht mit nüchterner Selbstverständlichkeit eines Menschen, der gefällige Eitelkeit nicht nötig hat. Tja und weiter? Er ist weder unbekannt, ist ausgezeichnet worden, und es gibt noch viele andere interessante Bücher von ihm. Was noch? Wo gehört Sielaff hin?
Wo genau will man Volker Sielaff nun sehen oder wie einordnen? In den Osten? So wie das Extrablatt der Die Zeit mit ihrer Ausgabe „Zeit im Osten“? Obwohl sich ganz sicher im Osten viel eher eine ganz eigene Sprachkultur in den 1970er- bis 1990er-Jahren entwickelte als im sogenannten Westen, der sich eher global inspirieren und formulieren ließ. Es ist gut, jedes Buch von Volker Sielaff zu lesen, als hätte man noch keines von ihm gelesen. Fang einfach neu an.

Ich lese sein Gedicht: „Eine Tüte Aprikosen“.
Reimmanöver, kleine Sprachsaltos. Ein Gedicht über eine Tüte Aprikosen, das plötzlich mit der Zeile endet: „Warum sind deine Sommersprossen so schön?“
Beinahe Zärtlichkeit.
Trotzdem möchte man mindestens viermal beim Lesen des Gedichtbandes an der einen oder anderen Stelle ausrufen: Das ist alles so traurig! In Sielaffs Zeilen liegen genügend Trübsal, Zerfall der Menschheit und ein Seufzen so manches Ende…
Und am Ende des Lesens dieses Bandes kommt es mir dann doch vor, als hätte Sielaff die ganze Zeit anwesend auf mich eingeredet: „Siehst du das? Und dort? Weißt du noch, wie das war? Ich erzähl dir jetzt mal, was ich erlebt habe. Schau doch mal da hinten – ist das nicht tragisch, aber auch komisch?“

Ich schreibe diese Rezension, während über dem Rosental ein Falke rüttelt und im Sturzflug seine Beute aus dem Gras holt. Während hunderttausend Vögel wegen der reichen Mücken- und Wurmnahrung aufgeregt und gesättigt umeinander werben und einfach so zwitschern. Während Kinderwagen und schwarz angezogene Leiber durch den Park geschoben werden, von einem Ende irgendeines Wave-Gotik-Points zum anderen. In Leipzig ist sozusagen die Hölle los und es ist heiß.
Sielaffs Gedichte sind wohltemperiert und bestehen genau daraus: Ortsbeschreibungen als Herkunftsbeweise. Seine Texte nehmen freudig in Kauf, dass man die Wohnorte, Milieus und Bewegungsräume des Dichters erkennt. Das ist bodenständig. Diese Gedichte sind nicht zeitlos. Nicht global. Nicht einmal besonders überregional. Sie hängen an ihrem Autor. Sie gehen mit ihm aus seiner Welt hinaus, aber nie von ihm weg.

Das Gedicht „Abschied“ allerdings besitzt eine eigentümliche Beweglichkeit in die Ferne. Fast könnte man glauben, es ließe sich in jede Sprache übersetzen.
Aber eben nur fast. Denn was wäre dieses Gedicht ohne Labradorente, Wandertaube oder Tasmanischen Beutelwolf? Sielaff ist zutiefst in der deutschen Sprache verwurzelt. Er kann es. Nicht nur sprachlich, sondern auch in Wahrnehmung, Denkbewegung und Bildaufbau. Das ist nicht allgemeingültig, sondern sehr persönlich und unverwechselbar.
Ich empfehle das Buch also. Auch jedem Schüler, jedem hier auf dem Weg zum Wave-Gotik-Treffen, jedem Spaziergänger. Und jetzt gehe ich Eis essen. Heute gibt’s beim Eugen in der Softeisbude auf der Waldstraße Waldmeistereis.

Buchangaben:
Autor: Volker Sielaff
Titel: Fragen an den Yeti
Verlag: Verlag Voland & Quist
Erscheinungsdatum: 02. Februar 2026
Seitenzahl: 116 Seiten
ISBN: 978-3942375856
Preis: 22,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 27.05.2026  |  Erstellt am: 27.05.2026

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