Flucht vor Ithaka
Was bleibt von Freiheit, wenn Identitäten verwaltet werden und Heimat zur Frage der Perspektive wird? In seiner erneuten Lektüre von „Ein Koffer voll Sand“ würdigt Axel Helbig Franz Hodjaks ebenso klugen wie komischen Roman über Heimatlosigkeit, Bürokratie und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung als ein Werk von überraschender Aktualität und großer erzählerischer Weisheit.
„… nicht der Weltuntergang an sich lässt mich erschauern, sondern die wie Trottel stolpernden und wie Honig fließenden Sätze, mit denen er beginnt.“ Franz Hodjak
Franz Hodjaks Roman beschreibt die mit absurden Handlungsfäden und paradoxen Konstellationen verwebte Geschichte der Irrfahrt eines Existentialisten im Zeitalter des verwalteten Menschen.
Bernd Burger – Angehöriger der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen – verlässt mit einem Staatenlosenpass das nachrevolutionäre Rumänien der frühen 90er Jahre und begibt sich auf eine Odyssee, die ihn durch halb Mitteleuropa führt.
Unter der Diktatur war Freiheit für Burger nur ein abstrakter Begriff gewesen, eine Art Verlegenheitslösung, mit der man zu benennen versucht hatte, was einen verunsicherte. Der Stacheldraht hatte sehen gelehrt, und alles, was dahinter war, schielen, und das Schielen war allmählich zur alles entscheidenden Sehweise geworden. Die Freiheit hatte nur vage Umrisse besessen, was die Vorstellungskraft beflügelt und Illusionen wachgekitzelt hatte, die sich vielleicht nie einlösen ließen.
Die Erfahrung der Diktatur hat Burger als Homo politicus geprägt und mit bestimmten Gewohnheiten ausgestattet. Ein Ausbrechen aus diesen Gewohnheiten und Umsteigen in die politischen Gewohnheiten des nachrevolutionären Rumänien erscheint Burger kompliziert. Er befürchtet, dass dieser Wechsel nicht zu einer Ankunft in der Freiheit wird führen können. Eher erwartet er Überraschungen der unangenehmsten Sorte – „so unglaublich absurd, dass man sich kaputtlachen könnte“ – und hat Angst, dass jenes aus der Verzweiflung kommende und recht heißer klingende Lachen vielleicht die einzige Freiheit sein wird, die sich einstellen könnte.
Der Entschluss, nach Deutschland auszusiedeln, konfrontiert ihn jedoch bald mit einer nicht weniger absurden Erfahrung. Burger muss Beweismaterial vorlegen, um glaubhaft zu machen, dass er Deutscher ist. Ein Beweis, der ihm von rumänischen Behörden nie abverlangt worden war. Sein eigenes Deutschtum scheint in diesem Zusammenhang unwichtig zu sein. Dem Hinweis, dass Burger bereits mehrere Bücher in deutscher Sprache verfasst und veröffentlicht hatte, hält die Einbürgerungsbehörde entgegen, dass jetzt alle Emigranten deutsche Bücher schrieben, um ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu erhalten. Die Vorlage seines Germanistikdiploms kommentiert die Behörde mit der Bemerkung, dass schließlich auch Chinesen Deutsch studierten.
Also sammelt Burger Beweise und Belege, die das Deutschtum seiner Altvorderen belegen sollten, sammelt Beitragsquittungen, Mitgliedschaftskarten, Ehrungen, Diplome und Abzeichen, die die von seinen Vorfahren betriebene Pflege des Deutschtums dokumentierten und weist nach, dass die eine Großmutter einen Preis im deutschen Strickverein erhalten und die andere in ihrer Kneipe nur deutsche Lieder geduldet hatte, dass der eine Großvater stellvertretender Vorsitzender im deutschen Schützenverein gewesen war und der andere, obwohl vom Angeln nichts verstehend, als Ehrenmitglied im deutschen Anglerverband, die deutschen Angler tatkräftig finanziell unterstützt hatte. Mit diesem Procedere konfrontiert, wünscht sich Burger, die Behörden würden den etwa achtzig Millionen Deutschen die gleiche Frage stellen, nämlich was sie und ihre Großeltern für das Deutschtum getan hätten. Etwa siebzig Millionen würden wohl über diese Frage erstaunt sein und wohlweislich schweigen, woraufhin die Behörden gezwungen wären, diese etwa siebzig Millionen Deutschen auszusiedeln. Nur wohin? Welches Land wäre gewillt, siebzig Millionen Deutsche aufzunehmen, oder auch nur eine Million. Die praktizierte Verwaltung des Deutschtums macht Burger weniger wütend als traurig. Es ist eine Traurigkeit, die er bisher noch nicht gekannt hatte. Er schämte sich, Deutscher zu sein, doch er war stolz auf die deutsche Sprache, die letztendlich „so tolerant war, seine Scham zu akzeptieren“.
Der Begriff Heimat hat für Burger keine Relevanz im üblichen Sinne. Auf die Frage, ob er, als Siebenbürger Deutscher zwei Heimaten besäße, antwortet er, dass er nicht nur keine zwei Heimaten besäße, sondern überhaupt keine, eher hätte er zwei Heimatlosigkeiten. An anderer Stelle sagt er: Heimat ist, wie ich denke.
Burger hat das Temperament eines kosmopolitischen Vaganten, mit Aversionen gegen Nationalfähnchen in Frühstücksräumen. „Mir ist es egal“, sagt er, „wo ich begraben werde, … ich brauche keine Ruhe, selbst im Tod nicht.“ Oder: „Wer im Zirkus geboren wurde und dort aufgewachsen ist, wird nie anders können, als Zirkus zu spielen.“ Burger schätzt die ihm befristet gewährte Identitätslosigkeit. Er genießt es, staatenlos zu sein, und kostet dieses Gefühl aus, bis ihm das Geld ausgeht. Burgers Odyssee steht unter umgekehrten Vorzeichen. Sein Ithaka ist das Aussiedler-Auffanglager Hamm in Deutschland, in dem, so weiß er, die „Begriffe aus ihrer Begrifflichkeit ausscheren werden“. Burger wird dort eine neue Identität annehmen müssen, weil „in dieser verwalteten Welt jeder das sein muss, was er zu scheinen hat, damit er verwaltbar ist“. Deshalb hat Burger Muße und zögert die Ankunft hinaus. „Es ist die schönste Flucht, die es geben kann“, sagt sich Burger. „Ich flüchte ja nicht vor Verfolgern. Die Verfolger, vor denen ich nicht flüchten konnte, habe ich hinter mir gelassen, die bin ich los. Ich flüchte vor Ithaka, vor der Ankunft, und diese Flucht ist die einzige Freiheit, die mir bleibt. Es ist eben eine Irrfahrt, eine Fahrt, die nicht versucht, an einem Ziel anzukommen, sondern eine Fahrt, die sich weigert, irgendwo anzukommen. Was kann erhabener sein als diese Freiheit.“ Der Gesang der Sirenen tröpfelt ihm derweil wohlig ins Ohr.
Unterstützt wird Burgers Odyssee von den Verfahrkünsten seiner ihn chauffierenden Frau. Burger – ein Philosoph, der zwischen den Begrifflichkeiten von Wahnsinn und Toleranz eingeklemmt ist – nutzt die ihm gewährte Zeit der Identitätslosigkeit für Träume und Geschichten, die er seiner stets widerspenstigen Frau Melitta und seiner stets schlafenden Tochter Astrid erzählt. Eine der Geschichten handelt von einem Bahnhofsvorsteher, der auf den örtlichen Friedhof zieht, um diskret die Grabsteine und Kreuze auf den Gräbern zu vertauschen und nachts in der Leichenhalle die Toten in den Särgen umzubetten, damit ein jeder für den Toten des anderen beten und so tatsächlich Frieden auf Erden einziehen könne.
Burger führt einen Koffer voll farblosem, geruchlosem Sand mit sich – das Ergebnis irgendeines Verfalls, dass sich zu nichts Neuem formen lässt -, Sand, um sich, selbstvergessen, den ganzen Körper einreiben zu können, bis alle Wunden geheilt, alle Schmerzen verflogen sind. Sand, immer griffbereit, damit Burger seine Identität nicht begreifen muss, an der er sonst verzweifeln könnte. Sand, um sich mit Bedeutungslosigkeit einreiben zu können, bis die Begriffe zu dem werden, was sie wirklich sind, ein Koffer voll Sand.
Burger hatte sich die Flucht vor Ithaka als eine lange Kette von Verlockungen vorgestellt, die es herauszufordern galt, weil er jetzt frei war. Aber die Irrfahrt hat sich für ihn als ein „Abenteuer des Unsinns“ erwiesen. Am Ende seiner Odyssee befürchtet Burger, dass es den Bewohnern der Freiheit an dem Bedürfnis mangeln könnte, Sinn vom Unsinn zu unterscheiden, weil in der Freiheit alles Platz hat. Auch ahnt er, dass für ihn, nachdem ihm der Stempel einer neuen Identität aufgedrückt worden ist – was er ja akzeptieren muss – die eigentliche Irrfahrt erst beginnt.
Franz Hodjaks Roman ist so vernünftig wie verrückt. Der aufmerksame Leser hat das Glück, auf höchstem Niveau unterhalten zu werden und – wenn er dafür empfänglich sein will – ein Quentchen Weisheit ernten zu können.
Franz Hodjak: „Ein Koffer voll Sand“, Roman, Suhrkamp Verlag, 2003 Frankfurt a. Main.
Letzte Änderung: 22.09.2026 | Erstellt am: 22.09.2026
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