Erinnerung. Erbsünde? Erfindung!
Gabriel Romano analysiert Ursula Michels-Wenz’ bei Edition Faust erschienenes Nachtbuch „Ausgesetzt“ anhand seiner literarischen Motive und stilistischen Besonderheiten. Dabei zeigt sich: Es handelt sich nicht um einen klassischen Auswanderungsroman, sondern um eine literarische Erkundung von Erinnerung, Trauma und dem Versuch, mit den Schatten der Vergangenheit zu leben. Im Spannungsfeld zwischen autobiografischer Erfahrung und Fiktion entsteht ein poetischer Text, der gängige Gattungsgrenzen bewusst überschreitet und das Schreiben selbst zum Mittel der Selbstverständigung macht.
„Eine Beziehung zur Angst habe ich nicht gefunden, aber die Hemmung durch den nicht mitteilbaren Zustand des Ausgesetztseins ist stärker als jede Angst.“ (S. 38)
Ausgesetzt ist ein bei Edition Faust erschienenes Nachtbuch der Autorin Ursula Michels-Wenz. 1943 in Offenbach geboren, wanderte die Autorin mit 20 Jahren in die USA aus und lebte bis 1968 in New York, wo sie überwiegend Prosa und Kurzgeschichten publizierte. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie als Übersetzerin, Lektorin und Herausgeberin im Insel- und Suhrkamp Verlag, wo auch ihr Ehemann Volker Michels, der Hermann-Hesse-Herausgeber, tätig war. Ursula Michels-Wenz starb 2012 an den Folgen einer Diabeteserkrankung.
In Ausgesetzt zeichnet die Schriftstellerin und Übersetzerin ihre persönliche Lebensentwicklung nach: Sie erzählt von ihrer Kindheit in Deutschland nach der Kapitulation, von ihren Erfahrungen mit der ersten Liebe bis hin zu ihren Erwachsenenjahren in den USA, die den Kern des Buches bilden. Doch ist die Geschichte keine reine Biografie – zumindest nicht ganz. Hier kommt Michels-Wenz’ meisterhafte Prosa ins Spiel: Mit der fiktiven Erzählerin Eva Maria Kranz, die die Autorin als ihr „zweites Ich“ bezeichnet, schafft sie eine Erzählung, die mal nah an autobiografischen Zügen bleibt, mal fiktiven Spuren folgt. Evas Geschichte ähnelt dem öffentlich bekannten Lebensweg der Schriftstellerin und Übersetzerin Michels-Wenz; dennoch fragt man sich als Leser, ob alles, was sie beschreibt, tatsächlich so geschehen ist.
Doch gerade die Frage nach dem autobiografischen Wahrheitsgehalt rückt schnell in den Hintergrund. Denn viel interessanter sind die im Buch präsenten literarischen Mittel und die behandelten Themen, die aus Ausgesetzt eine bewegende Lektüre machen.
Literarische Motive: Nachkriegsschuld, Identität, Selbstverwirklichung
Zunächst zur Handlung: Die Kindheit ist geprägt von Evakuierungen, Bombenalarmen, Verstecken im Keller, Spielen in den Ruinen, materieller Not und den ersten Begegnungen mit dem Tod enger Verwandter … Diese traumatischen Erfahrungen in Kriegszeiten sowie ein ständiges Gefühl der Anspannung und Perspektivlosigkeit üben auf Eva enormen Druck aus und führen schließlich zu ihrer Entscheidung, auszuwandern, um sich davon zu befreien.
In den USA berichtet sie nicht unbedingt von der Auswanderung selbst oder gar einem Leben im Exil, sondern vielmehr von ihrem Umgang mit ihrer deutschen Identität und den Spuren der deutschen Geschichte. Eva zeigt immer wieder ein unverarbeitetes Schuldgefühl, eine „unfassbare Erbsünde“, deutsch zu sein – geprägt von der internationalen Wahrnehmung Deutschlands als Täterland des NS-Regimes. Ein anschauliches Beispiel für dieses kultivierte Schuldgefühl ist die Begegnung mit Jona, mit der sie eine Art Freundschaft entwickelt. Eva arbeitet bei ihr zu Hause als Aushilfe und versteht dies zugleich als persönlichen „Wiedergutmachungsversuch“, weil Jona eine deutsche Jüdin ist.
Letztlich beschäftigt sich das Buch mit der Identitätskrise der Nachkriegsgeneration und dem geteilten Schuld- und Schamgefühl der Nachgeborenen – obwohl sie die Verbrechen weder begangen noch selbst erlebt haben: „Wenn die Schuld im kollektiven Gedächtnis ruht?“, fragt Eva (oder Ursula?).
Eine weitere Hauptebene des Buches ist die Suche nach der angestrebten Selbstverwirklichung. Immer wieder äußert Eva den Wunsch, ihr Leben offen, frei und intensiv zu genießen, ohne sich von den „heimischen Fesseln“ bestimmen zu lassen. Diesen Wunsch verfolgt sie auf zwei Wegen: durch die Auswanderung und durch das Schreiben …
„Fünf Nächte lang werde ich schreiben können, mein Nachtbuch, mein Nicht-Tagebuch, meine andere Existenz heraufbeschwören, mich verlieren, um mich später vielleicht einmal zu begreifen.“ (S. 07)
Stilistische Besonderheiten
Michels-Wenz’ Schreibweise und literarische Gestaltungsentscheidungen sind hier besonders hervorzuheben. Sie arbeitet mit einer leichten, aber klugen Form von Metafiktion: So wie die Autorin mit ihrer Figur verfährt, schreibt auch Eva selbst Geschichten. Das Buch wird immer wieder durch Parabeln oder kurze Prosatexte Evas unterbrochen beziehungsweise ergänzt, die der Protagonistin dabei helfen, ihr eigenes Leben zu begreifen und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Anscheinend erfüllt das Schreiben auch für die Autorin dieselbe Funktion; Fiktion und Realität nehmen sich dabei stets gegenseitig an die Hand. Eva (oder Ursula?) schreibt nicht, weil sie ihre Vergangenheit kennt, sondern gerade, weil sie versucht, sie zu verstehen. Dadurch verschwimmen Autorin und Erzählerin so stark miteinander, dass das Schreiben selbst zum eigentlichen Gegenstand des Romans wird.
Die Sprache dieser Passagen ist meist lyrisch und märchenhaft; sie funktioniert über Assoziationen. Gerade epiphanische Momente eignen sich hervorragend dazu, schwer ausdrückbare Gefühle zu vermitteln. Man findet als Leser schnell Zugang zur Erzählung, weil sie dort sachlich bleibt, wo es notwendig ist – etwa bei Krieg und Trauma –, zugleich aber sehr poetisch wird, wenn es um Gefühle, das Schreiben oder die Liebe geht. Auffällig sind außerdem zahlreiche Wiederholungen, Wortspiele, Fangfragen, Analogien und eine genaue Beobachtungsgabe: Sie erzeugen Dynamik und machen das Schreiben selbst, ebenso wie Evas Entscheidungen, zum eigentlichen Mittel ihrer Selbstfindung.
Fazit
Insgesamt überrascht Ausgesetzt, indem die Autorin den klassischen Auswanderungsroman in eine Erzählung über Erinnerung, Identität und Nachkriegsschuld verwandelt. Ihr „Ausgesetztsein“ wiegt mehr und ist bedeutender für Michels-Wenz als die Erfahrung der Auswanderung; es bezeichnet einen existenziellen Zustand zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Scham und dem Wunsch nach einem neuen Leben. Eva bleibt ihrer Geschichte „ausgesetzt“ wie auch ihren eigenen Erinnerungen.
Die Erzählung entzieht sich einfachen Gattungszuordnungen: Mit viszeraler Prosa, bewegender Autobiografie und fiktiven Begebenheiten ist Ausgesetzt ein vielfältiger literarischer Versuch, mit den Schatten der Geschichte zu leben und sich schreibend aus den Trümmern der Vergangenheit zu befreien. Eine eindrucksvolle Lektüre.
Buchangaben:
Titel: Ausgesetzt
Untertitel: Ein Nachtbuch
Autorin: Ursula Michels-Wenz
Verlag: edition faust
Erscheinungstermin: 1. Auflage 2020
Seitenanzahl: 240 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-945400-74-6
Preis: 24,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 22.07.2026 | Erstellt am: 22.07.2026
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