Eine neue Sprache erfinden

Eine neue Sprache erfinden

Die Dichterin Zsuzsanna Gahse ist im Juni dieses Jahres 80 Jahre alt geworden: ein Jubiläumstext zu ihren Ehren
Zsuzsanna Gahse: «Spielbeginn. Verrutschungen», Edition Korrespondenzen, Wien 2025. 136 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-902951-83-0.  | © Edition Korrespondenzen

Sprache geht einher mit Verwandlungsfähigkeit. Wörter tragen Bedeutungen, doch diese sind niemals endgültig festgelegt. Sie verändern sich mit unserem Denken, Sprechen, Wahrnehmen und dem kulturellen Zeitgeist. In den Werken Zsuzsanna Gahses wird die Sprache selbst zur Hauptfigur. Unser Autor Axel Helbig zeigt, wie sich «Spielbeginn» als sprachliches Bühnenspiel lesen lässt und «Angerichtet» in einer durchkomponierten Textsammlung Facetten unserer Lebenswirklichkeit einfängt. Gahses Schreiben überschreitet die Grenzen klassischer literarischer Gattungen und macht Sprache selbst zum Gegenstand der Betrachtung – ihre Entstehung, ihre Wandelbarkeit, ihr Potenzial für Ironie und ihre Fähigkeit, Wirklichkeit immer wieder neu zu erzählen. Für Helbig habe Gahse den Georg-Büchner-Preis längst verdient – in seiner Besprechung wird also eine große Schriftstellerin zu ihrem 80. Geburtstag gefeiert. Herzliche Glückwünsche auch von der Redaktion der Faust Kultur zu diesem Jubiläum.

Zsuzsanna Gahse wird seitens der Literaturkritik als eine Avantgardistin und eine Schriftstellerin von außerordentlicher Sprachprägnanz gesehen. Sie selbst sieht ihre Texte im Raum zwischen Gedichten und erzählender Literatur angesiedelt. Péter Esterházy weist ihr in seiner Laudatio auf die Chamisso-Preisträgerin 2006 gar einen Platz im „Niemandsland“ zu, „an der Grenze, in der Grenzverletzung, zwischen den Sprachen“.

Gahse zeigt in nahezu allen ihren Texten einen Hang zum Skurrilen, zum Slapstick, zur Clowneske, zur phantastischen Überhöhung. Sie vermeidet Breite und Redundanz. Ihre Texte sind luftig und atmen, sind bewusst befreit von überflüssigen Inhalten. Das Fragmentarische kommt der Realität nahe und ist ihr wichtiger als ein rein auktoriales Erzählen. „Einen einsamen Satz kann man kaum je denken“, sagt sie, „immer denkt man mindestens zwei Sätze, und die treten dann miteinander in einen Dialog“.
Zsuzsanna Gahse hat ein obsessives Verhältnis zum Theater. „Jede Bühne bedeutet ein andauerndes Jetzt“, sagte sie. „Wenn jemand am Abend ins Theater geht, könnte er getrost sagen, dass er sich ein Jetzt anschauen wird.“ Spätestens seit ihrem Buch durch und durch weiß man, dass sie über die Wiederbelebung der Commedia dell‘arte nachdenkt – nicht in der antiquarischen Version, sondern mit neuen Personen, die sie in kurzen Szenen auf die Bühne schickt: „Schwitzende, zu groß Geratene, Geizhälse und eiskalt Coole“. Die Schauspieler sollen dabei zu einer freien Spielweise finden und in selbst gewählten Gesten spontan mimen.

„Spielbeginn. Verrutschungen“ liest man am besten wie ein Theaterstück. Wie in Becketts Warten auf Godot vertreiben sich die Personen die Zeit des Wartens (: hier auf Anton und Oskar, die Inspiratoren der Inszenierung) mit Gesprächen über den Sinn des Lebens und die Ursprünge und Verwandlungsfähigkeiten der Sprache. Der Leser wird mit Sprechenden konfrontiert, die sich über das Wortemachen selbst Gestalt geben, die –wie ein Puppenspieler seine Marionetten –erdachte Träume und Visionen aufrichten, damit beschäftigt, ihre ureigensten Möglichkeiten durchzuspielen. Und das geschieht nicht selten antithetisch, mit Wegwischen und Platzmachen für neue Thesen. Während Samuel Beckett in seinen Texten die Grenzen des Erzählens auslotet und sich in Richtung zweckfreier Rede und Schweigen bewegt, kann man bei Zsuzsanna Gahse die umgekehrte Bewegung beobachten – aus Tönen entstehen Silben, Worte, Wortgruppen, Sätze, Zusammenhänge in denkender Sprache, die ins Erzählen münden. Gahse liebt geradezu die Etymologen, jene Archäologen der Sprache, die sich zwischen die Sprachen auf die Suche nach Sinn und Zusammenhang begeben.

Eine Parallele zu Beckett ist, dass Gahse zwar Spontaneität auf der Bühne anstrebt, diese freie Rede aber von Regieanweisungen klar strukturiert ist. Das Sinnliche spielt eine große Rolle, Körpersprache, Blicke, Gestik als Parallelsprache, das Wittern, die Toleranzgrenzen der Ohren. Darin geht sie über Beckett hinaus.

Selbst zwei, drei Wörter, sagt Gahse, können Erzählinseln sein oder Störe, die ein stockendes Nachdenken auslösen. Damit ist eine weitere Besonderheit ihrer Erzählkunst angesprochen. Erzählinseln sind kurze Einsprengsel im Text, die die Keimzelle für einen ganzen Roman bilden können, etwa auf Seite 26: „Meine Großmutter sprach Französisch, Italienisch, Arabisch und Etruskisch, wurde aber als Spionin erschossen, gerade wegen ihrer Vielsprachigkeit.“ „Störe“, sagt Zsuzsanna Gahse, „bewegen sich zwischen den langen Erzählweisen und den Gedichten …, damit spiegeln sie die Moderne bereits seit Jahrzehnten, nur wurde ihre Bezeichnung bisher verschwiegen.“ Sie fand diese wendigen Sätze bereits bei Cervantes.

Auf der Bühne von Spielbeginn agieren „Die Grünen“, zehn nummerierte Akteure, die sich spontan Gedanken zuwerfen, um sich das Warten zu verkürzen. Anton und Oskar hatten zwölf Sätze vorbereitet, die eine freie Improvisation der Grünen über die Sprache auslösen sollten. Diese zwölf Sätze sind verloren gegangen. Am Ende erfährt die Schauspieltruppe gar, dass die beiden tot aufgefunden wurden, möglicherweise aufgrund einer Pilzvergiftung. Aufgefunden wird „Antons Notizbuch“, das den zweiten Teil von Spielbeginn bildet. Aus den Notizen kann man erahnen, welche Grundstruktur das Bühnengeschehen hätte haben sollen. Kurze Zitate.

- Sprachen als Pilzstrukturen.
- Einige Minuten lang Gespräche in aller Stille, nur mit der Gestik.
- Ständig muss die Sprache gewartet werden.
- Kaum hat man ein Wort für zwei oder drei Jahre verlassen, hat es … eine neue Bedeutung.
- Auf der Bühne spotten … Selbstironie wäre besser.
- Missverständnisse durch Verrutschungen.

Verrutschungen ist eine Theorie Oskars, wie es zur babylonischen Sprachverwirrung gekommen sein könnte. Das Buch ist voller Anspielungen. Etwa auf das Schweigen in Tschechows Stücken. Wer sich auf Spielbeginn einlässt, begegnet dem Abenteuer der Sprache. Zitat: „Anhand verschiedener Hörerlebnisse könnten wir eine neue Sprache erfinden und sie für Innengeschichten in eine überzeugende Form gießen.“

Angerichtet bezeichnet Zsuzsanna Gahse als Geschenk ihres Verlags zum 80. Geburtstag. Es ist kaum zu glauben, dass diese in ihren Texten stets jung gebliebene Autorin mit so einer stolzen Zahl jonglieren kann. Angerichtet ist eine durchkomponierte Zusammenstellung aus nicht in Buchform erschienen Texten der letzten Jahre sowie aus neuesten Arbeiten. Zsuzsanna Gahse versteht sich auf die Kunst, genau Beobachtetes knapp und präzise in Worte und Bilder zu fassen und so Menschen und Umwelt neu zu vermessen. In Angerichtet lernt man die Vielzahl der von ihr verwendeten Formen kennen. Erzählinseln, längere Geschichten, Störe, Gedichtnahes, Szenisches, Essayistisches, Kurzporträts. Und natürlich spielen auch Speisen und Rezepte eine Rolle.

Beispiel: REZEPT NR. 5 // Als ich vom Zugfenster aus / die ersten Schafe sah, lief mir / das Wasser im Mund zusammen. / Das sind alte Sünden, allerdings / passierte mir bald darauf und / noch auf der selben Strecke / bei der nächsten Schafherde, / dass mich der saftige Geruch / von gegrillten Koteletts, / chuletas de cordero in die / Nase stieg. Olivenöl und / Knoblauch, etwas Weißbrot / dazu. Vor dem Zugfenster / die Schafe, und ich hatte / einen solchen Hunger! / Kann denn Liebe Sünde sein.

Zsuzsanna Gahse: Spielbeginn. Verrutschungen, Edition Korrespondenzen, Wien 2025. 136 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-902951-83-0.
Zsuzsanna Gahse: Angerichtet, Edition Korrespondenzen, Wien 2026. 144 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-902951-89-2.

Letzte Änderung: 26.10.2026  |  Erstellt am: 26.10.2026

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