Ein Gang durch ein Inferno
Hisashi Tôharas Bericht aus Hiroshima führt mitten ins Inferno des 6. August 1945 – und zeigt, wie unauslöschlich sich dieser Tag ins Gedächtnis eingebrannt hat. Axel Helbig hat das erschütternde Zeugnis für uns gelesen.
Hisashi Tôhara ist achtzehn Jahre alt, als er das tragische Ereignis des Atombombenabwurfs erlebt. An einem Sommertag verlässt er bei klarem Himmel das Haus. Er befindet sich am Bahnhof und in einem Augenblick erhellt sich die ganze Umgebung, sodass er geblendet wird. Zur gleichen Zeit kommt ein dunkles Grollen aus der Erde, sein Nacken brennt unter starken Schmerzen. Wahrscheinlich sind es nur ein paar Sekunden, aber es scheint ihm wie eine Ewigkeit. Kurz darauf ist es plötzlich dunkel – alles ist von einer Wolke überzogen und von schwarzem Rauch erfüllt.
Ein Jahr später hält er in einem Notizbuch fest, wie er diesen schicksalhaften 6. August 1945 erfahren hat. Mieko Tôhara, die den Text im Nachlass ihres Mannes gefunden und publiziert hat, berichtet, dass er in den 42 Jahren ihres gemeinsamen Lebens nie auch nur ein einziges Wort über den Tag der Atombombe verloren habe.
Tôharas Heimweg aus der Stadt ins Dorf, in welchem seine evakuierte Familie lebte, wird von ihm als Gang durch ein Inferno beschrieben. Die Bilder sind eindringlich und brennen sich unerbittlich ein. „Die Menschen liefen kreuz und quer durch die Straßen. Frauen und Kinder jammerten laut. … Sie alle hatten tiefe Verbrennungen, und die Gesichter waren blutüberströmt. Eine Dame mit versengtem Sommerkleid, entblößten Brüsten und zerzaustem Haar lief barfuß. … Genau so malt man die Hölle. Aber mein Herz war so gelähmt, dass es weder Elend noch Mitleid empfinden konnte.“
Tôhara schreibt, dass durch jene Bombe „das Fundament Großjapans krachend zusammengebrochen sei“. Analog zum deutschen Nationalsozialismus hatte auch die japanische Propaganda die Theorie einer Überlegenheit des japanischen Volkes gegenüber anderen Völkern behauptet. Es war als Schock empfunden worden, dass der „Yamato-damashii“ nicht mehr als eine leere Illusion gewesen war. Tôhara war sechs Tage vor dem Ereignis in eine Oberschule aufgenommen worden. „Der Oberschüler musste [in seiner Vorstellung] ein von der Gemeinheit gewöhnlicher Menschen enthobener Held“ sein. Zunächst war er versucht, angesichts der Katastrophe dieses Heldentum zu leben, anderen beizustehen, einer Mutter zu helfen, ein kleines Kind aus den Trümmern zu ziehen, bis die nackte Angst ums Überleben ihn dieses Helfersyndrom verdrängen ließ. Ein aus den Trümmern tönender Hilferuf eines Mannes verfolgt ihn später in düsterste Träume. Dieses moralische Dilemma wird Tôhara (wie viele andere Japaner) zeitlebens bedrücken.
Auch in Japan war der „Kampf bis zum letzten Blutstropfen“ propagiert worden. Am 15. August 1945 – sechs Tage nach dem Abwurf einer weiteren Atombombe auf Nagasaki und der parallel erfolgten Kriegserklärung der Sowjetunion, die den am 13. April 1941 abgeschlossenen Neutralitätspakt brach – verlas der Tennō im Rundfunk den „Kaiserlichen Erlass über das Kriegsende“. Ein für Japaner damals unfassbares Ereignis, da der Tennō einer fernen Gottheit glich. Tôhara zitiert seine Mutter: „Warum hat seine Majestät nicht den 100 Millionen Einwohnern befohlen, bis in den Tod fürs Vaterland zu kämpfen?“ Tôhara beklagt in seinem Bericht die auf die Niederlage folgende Verrohung der Sitten. Die ehrwürdigen Kamikaze-Soldaten waren zu Räubern geworden, die die Bevölkerung bedrohten. Schwarzmärkte und Hehlerei gefährdeten das wirtschaftliche Leben und erzeugten Neureiche der Niederlage.
Daniel Jurjew weist im Nachwort darauf hin, dass die Frage, inwieweit der Schulunterricht in Japan adäquat über Japans faschistischen Angriffskrieg und die darin von japanischer Seite begangenen schrecklichen Kriegsverbrechen informieren solle, immer noch Gegenstand einer laufenden Debatte ist. Zwar wurde der Opferstatus für ganz Japan in Anspruch genommen, die unmittelbaren Opfer der Atombombe, die sogenannten hibakusha, hatten jedoch in der japanischen Gesellschaft, zumal manche Menschen die Strahlenkrankheit für ansteckend hielten, stark mit Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Partnerwahl zu kämpfen. Für viele Opfer mag dies ein Grund gewesen sein, ihren Betroffenenstatus zu verschweigen. Daniel Jurjew (Sohn der aktuellen Dresdner Stadtschreiberin Olga Martynova) stellt Hisashi Tôharas Bericht in die Reihe der literarisch wie außerliterarisch bedeutsamen Texte, die uns helfen, einen emotionalen Zugang zum potentiell menschheitsauslöschenden Schrecken der Atombombe zu finden.
Hisashi Tôhara: „Hiroshima. Eine Stimme aus der Hölle“, aus dem Japanischen von Daniel Jurjew und Anika Koide, Weidle Verlag, Göttingen 2025. 64 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-8353-7595-6.
Link zum Verlag und Cover
Letzte Änderung: 01.09.2026 | Erstellt am: 01.09.2026
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