„Ein Dichter darf alles sagen“
Silke Scheuermanns „Zweites Buch der Unruhe“ ist ein Gedichtband, der weniger auf Klang als auf Klarheit setzt. Mayjia Gille liest Scheuermanns Dichtung als Schule der Klarheit; diese Poesie ist für unsere Rezensentin ein Denkraum voller Unruhe, Haltung und analytischer Schärfe. Wer also nach einem klargeschliffenen Diamanten sucht, wird in diesen architektonischen Entwürfen des Denkens fündig, so Gille.
Ein Dichter darf alles sagen. Ein Dichter wird aber nicht von jedem verstanden. Und wenn ich schreibe „ein Dichter”, so ist das tatsächlich gemeint, weil der Künstler in meinen Augen stets weder männlich noch weiblich in seiner Berufung steht, sondern mit seinem eigenen Tonfall die Geschlechterrollen übersteigt.
Silke Scheuermann sagt alles.
Und ist durchaus in der Lage, Rollen zu übersteigen, ohne sie abzulegen. Das ist eine artistische Leistung.
Ein Dichter muss nicht romantisch sein.
Silke Scheuermann ist nicht romantisch.
Ihre Dichtung ist ganz und gar philosophische Abhandlung, philologische Verarbeitung, philanthropische Haltung – vielleicht sogar, auf einmal, weibliche Verstoffwechslung („Apfelmadonna“) zwischen ihren Einsichten und Betrachtungen, zwischen Himmel und Erde, besonders der Denkeinsicht, die mehr Metaebene als Empfindsamkeit sprechen lässt.
Ein Philosoph muss keine Antworten geben. Ein Philanthrop keine Begründung. Und philologische Erklärungen haben sowieso recht für die, die sie haben.
Silke Scheuermann fragt nicht, hat aber wahrscheinlich recht.
Sie ist ganz und gar dichterisch in der Beantwortung vieler Fragen.
Das könnte natürlich auch beruflich bedingt sein, so könnte man meinen: Als Poetik-Professorin und Dozentin war sie tätig und hat einige Preise erhalten: den Bertolt-Brecht-Preis, den Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis, den Robert-Gernhardt-Preis – um nur einige zu erwähnen. Apropos Lichtenberg: Er war es doch, der das mit dem Hinterteil des Ochsen und dem verbissenen Fokus auf Reime zusammenbrachte …
Silke Scheuermann reimt nicht.
Und reimt sich auch nicht. Sie schert sich darum gar nicht. Sie hat einen ganz anderen Fokus: etwas in Gang bringen, wo sie geht und steht. Bewegung der Dinge, wie ein interessiertes Kind, das ein Uhrwerk auseinanderbaut und wieder zusammensetzt.
Obwohl ich mir bei dem „wieder-zusammensetzt“ bei Silke Scheuermann nicht sicher bin. Ich glaube, sie lässt die Dinge einfach liegen, nachdem sie sie auseinandergebaut hat. Sie sagt dann, wie es um die Sache wirklich steht, und der Lesende kann glauben, dass das stimmt oder eben nicht.
Wahrscheinlich ist es egal, ob sie Essays, Gedichte oder Stories schreibt: Ihr eigener Klang ist das Wissen um die Dinge – sie ist keine Dichterin der Ratlosigkeit. Sie hat sich diese Antworten stets selbst gegeben.
Als würde der Dichterin nichts anderes übrigbleiben – als wäre sie in Abwesenheit irgendeines Vaters, in Stunden des Alleinseins, erstarkt, als hätte sie in diesem „nicht-mehr-warten-wollen“ gelernt, Illusionen zu enthaupten und sich zu behaupten.
Im Gedicht „Die Lampe“ behauptet ein Vers: „Ich stand da, allein mit den Wänden.”
Diese Wände tauchen durchaus immer wieder auf, egal, mit welchem Thema die Dame sich befasst – sie kann es mit Wänden aufnehmen. Sie reißt sie nicht ein, sie setzt ihre Geschichte darauf. Fast habe ich den Eindruck, als würde sie eine Sprühflasche herausnehmen und zur Sprayerin werden. Sie weiß, was sie deutlich machen will.
Vielleicht ist das auch genau das, was Unruhe in die Gedichte bringt: Da ist nämlich kein Innehalten, kein Aushalten-müssen – und insofern auch kein Leid. Nicht sichtbar. Nicht spürbar. Stattdessen liegt dort bisweilen, wie in einer technischen Skizze oder einem architektonischen Entwurf, eher ein Lösungsansatz. Es handelt sich also nicht um rein Verdichtetes, Gedichtetes, das sei vorab gesagt. Und ja durchaus: manche Gedichte erinnern mich stark an Bilder und Gedichte, die ich schon einmal woanders gelesen habe – Informationen, Meinungen, News, alles wird verarbeitet.
Tatsächlich arbeitet die Autorin mit dem, was da ist – das kann man sehr charmant finden und deshalb auch schnell aufnehmen.
Eine geschwind arbeitende Auffassungsgabe liest sich aus dem Gedicht „Atmosphäre“, und am Ende dieses Gedichtes drücken zwei Sätze etwas aus, was ich über den Gedichtband als Schlagzeile schreiben würde: „Erzähl davon mal eine Geschichte. Überschreib das mal mit einer anderen.“
Die Geschichten überlagern sich im Denkfrohsinn. Manchmal sind es eigentlich schwere Themen: Adam und Eva, die Frage nach dem Paradies oder die Märchen der Gebrüder Grimm – die schweren Themen haben aber kein bisschen Gewicht an den Füßen, sondern werden in diesem Gedichtband abgehandelt, wie man eben als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der großen, weiten Welt die Dinge benennt und benennen muss.
Benennung liegt in allen Gedichten, und selbst der Wald wird aufgeklärt und darf nicht einfach sein. Immer ist eine Botschaft zu finden, manchmal sogar Mahnung, klare ethische Haltungen, unter denen vorsorglich die Saat der Poesie nicht aufgeht, sondern schon im Keim erstickt wird. Poesie, die gar keine Musik spielt, aber mehrere Rollen. Ganz erstaunlich.
Bei diesem Buch habe ich gar nichts gehört. Gar keine Musik. Keine Tonfolge, Melodie, Rhythmus oder Sound. Es ist fast so, als könnte jeder Vers für sich allein einfach so stehen, in einer ruhigen Klause oder einer Bibliothek zitiert werden, wie eine Wittgenstein’sche Abhandlung.
Silke Scheuermann vermeidet zu starke Hitze, zu viel Wärme in den Texten; wie eine Löwin, die den Schatten sucht, verzieht sie sich lieber in Eindeutigkeiten. Wem also ohnehin schon zu heiß ist in diesem Sommer, der kann sich mit diesem Gedichtband durchaus abkühlen – und das ist nicht einmal sarkastisch gemeint, sondern für den Verstand gedacht, der uns in dieser Zeit ja manchmal abhandengekommen ist.
Unruhe ist gesellschaftlich, wissenschaftlich, politisch und finanziell in diesem Land deutlich vorzufinden, weshalb diese kluge Stimme von Frau Scheuermann in ihrer Art einem in den Kopf redet – und gern hinter den Vorhang blicken lässt. Poesie könnte man sagen, liegt im Klang und in den Bildern, in der Schönheit, einer Form, eines Kunstwerks, in den Rundungen einer Figur. Es ist, wie es ist – Poesie ist sinnlich, man möchte in die Rundungen fassen, gierig greift man an die Skulptur eines Auguste Rodin.
Die Gedichte von Silke Scheuermann sind nicht touchy, auch nicht gierig, weder im Ansatz obszön noch laufen sie Gefahr, zensiert zu werden. Und die Sinnlichkeit übt starke Zurückhaltung. Weil sich die Poesie bei Silke Scheuermann raffinierter, eher wie Geometrie verhält. Weil sich diese Gedichte vor dem Zugriff einer fremden Hand lieber plötzlich selber die Brust aufreißen, als würden sie sich selbst sezieren – man darf mit hineinsehen, wie ein Medizinstudent im ersten Semester beiwohnen ‒, auf das Innere sehen, das Dahinter, auf das Gestell, das hinter all der Bronze, dem Ton, dem Gips oder dem Stein einer Kunstfigur und den Dingen ist.
Scheuermann inspiziert alles, was ihr allzu lieblich in der Welt entgegenlächelt.
Unruhe also. Im Einklang mit dem allgemeinen Geschehen. Ein umfangreicher Gedichtband, der ein hübsches Format hat und dazu irreführend hübsche rosa Farben. Do not fear: apfelsüß, wie es scheint, sind die Gedichte nicht.
Wer einen klargeschliffenen Diamanten liebt, für den ist Zweites Buch der Unruhe genau das Richtige – und es kann auch gelesen werden, wenn man das erste Buch der Unruhe gar nicht kennt.
Buchangaben:
Autorin: Silke Scheuermann
Titel: Zweites Buch der Unruhe
Verlag: Schöffling
Erscheinungsdatum: 17.07.2025
Seitenzahl: 96 Seiten
ISBN: 978-3-89561-380-7
Preis: 22,00 €
Das Buch ist hier erhältlich.
Letzte Änderung: 05.06.2026 | Erstellt am: 05.06.2026
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