Die Zeit gehört uns, wenn wir es nur wollen

Die Zeit gehört uns, wenn wir es nur wollen

Über die fortwirkende Kraft der Erinnerung: Rezension zu Benedict Wells’ Roman “Vom Ende der Einsamkeit”
Cover „Vom Ende der Einsamkeit“ | © Diogenes Verlag AG

Erinnerungen verblassen nicht – sie verändern lediglich ihre Gestalt. In seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ entfaltet Benedict Wells eine Geschichte von Verlust, Trauma und den unerwarteten Schlägen des Schicksals. Für Gabriel Romano ist das Buch jedoch mehr als eine Familiengeschichte: Er liest sie als Meditation über das Vergehen der Zeit, die menschliche Existenz und die Frage, wie wir trotz Schmerz weiterleben können.

„Was, wenn es die Zeit nicht gibt? Wenn alles, was man erlebt, ewig ist und wenn nicht die Zeit an einem vorübergeht, sondern nur man selbst an dem Erlebten? Ich frage mich das oft. Man würde dann zwar die Perspektive wechseln und sich von geliebten Erinnerungen entfernen, aber sie wären noch immer da, und könnte man zurückgehen, würde man sie dort noch immer finden.“ (S. 327)

Vom Ende der Einsamkeit ist eine eindringliche Meditation über das Vergehen der Zeit in Romanform. Nicht ohne Grund gilt Benedict Wells als eine der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: In diesem Roman schildert er auf subtile, fragile, zärtliche, überwältigende und sensible Weise – alles zugleich – das menschliche Verhältnis zur Zeit, und er erzählt von einem Leben, das überwiegend von Erinnerungen an die Vergangenheit bestimmt wird.

Wells erklärte in einem Beitrag für das ZDF heute journal, dass er sieben Jahre an der Verfassung und Ausarbeitung dieses Romans gearbeitet habe. Da die Themen der Geschichte emotional aufgeladen und zugleich universell menschlich sind, erscheint Vom Ende der Einsamkeit als sein persönlichstes Buch sowie als eines seiner bekanntesten Werke. Er ergänzt: „Ich musste der Schriftsteller werden, der dieses Buch schreiben kann.“

Die Handlung folgt dem Aufwachsen des deutsch-französischen Jungen Jules bis ins Erwachsenenalter. Seine Eltern sterben, als Jules noch sehr jung ist; er wird daraufhin zusammen mit seinen Geschwistern Liz und Marty auf ein Internat geschickt, wo er bis zu seinem Abitur bleibt. Wir erfahren von Jules’ Umgang mit der Trauer, von seinen ständigen Rückblicken auf die Kindheit sowie vom Auseinanderleben mit seinen Geschwistern und den unterschiedlichen Beziehungen, die er im Internat entwickelt.

Jules wächst heran, und das Leben nimmt seinen eigenen Lauf. Während er lange orientierungslos durch sein Leben treibt, bleiben die Erinnerungen an Alva dennoch präsent – an seine beste Freundin aus dem Internat, die nach dem Abitur weggezogen ist und von der Jules nichts mehr gehört hat. Jahre später führt das Schicksal Jules und Alva erneut zusammen: Nach dem Tod ihres Mannes finden sie zueinander und bekommen Kinder, wodurch Wells die Frage nach verpassten Möglichkeiten und zweiten Chancen aufgreift. Am Ende stirbt jedoch Alva an Leukämie. Der Roman endet dennoch nicht in Bitterkeit, sondern mit einem hoffnungsvollen Blick Jules’ auf die Zukunft. Er erkennt, dass er sein Leben trotz der traumatischen Spuren der Vergangenheit und der Unvorhersehbarkeit der Zukunft weiterführen kann: „Dinge kommen und gehen, das habe ich lange nicht akzeptieren können, jetzt fällt es mir plötzlich leicht“ (S. 354).

Interessant ist dabei, dass der Autor die Spuren der Zeit nicht bloß als Teile einer Geschichte behandelt, die gelegentlich im Gedächtnis bleiben, sondern als einen unentbehrlichen Zyklus, der uns Menschen ständig prägt und nachhaltig verändert. Zudem zeichnet er Parallelen im Leben seiner Figuren und zeigt, wie dieselben familiären Muster geteilt werden und sich immer wiederholen. Für Wells vergeht das Vergangene niemals vollständig, sondern kehrt in unterschiedlicher Form immer wieder.

Zusätzlich vermischt Wells immer wieder Vergangenheit, Gegenwart und Einbildung. Er erzählt sprunghaft und teilweise nicht chronologisch und konfrontiert uns mit dem Gedanken, wie das Leben verlaufen wäre, hätte man eine andere Entscheidung getroffen. Er entwirft mögliche Zeitlinien von Jules’ Leben, die sich hätten entfalten können, es aber nicht getan haben, weil er eine bestimmte Entscheidung getroffen hat oder Opfer eines bestimmten Ereignisses geworden ist – ein klassischer Schmetterlingseffekt, der das Hauptthema des Zeitvergehens zusätzlich hervorhebt.

„Was bleibt aber nun?“, lautet die zentrale Frage des Romans – mit anderen Worten: ‒ wie gehen wir mit der Zeit um? Am Ende wird das sensible Licht der Erinnerungen für Jules zu einer Möglichkeit, das Leben zu bewahren und seine Existenz zu verewigen. Gleichzeitig zeigt Wells bewusst, wie unterschiedlich die Figuren die Vergangenheit wahrnehmen: als Ursache von Leid oder als Grundlage für Weiterentwicklung. Letztlich liegt es an uns und an unserer Entscheidung, wie wir den Blick auf die Vergangenheit richten.

Und genau darin liegt auch die Stärke des Buches: Die Handlung ist melancholisch, zugleich aber hoffnungsvoll, weil Jules trotz seiner Verluste und Traumata am Ende Frieden mit sich selbst schließt und einen Weg findet, weiterzuleben. In diesem Sinne gelingt Wells ein bewegendes Werk über das Menschsein selbst: Vom Ende der Einsamkeit ist letztlich eine Studie über den menschlichen Umgang mit Vergänglichkeit und Komplexität des Lebens sowie eine Reflexion darüber, wie Menschen lernen können, mit den Spuren der Zeit zu leben, ohne von ihnen beherrscht zu werden. Sehr empfehlenswert für alle, die sich gerne mit existenziellen Fragen beschäftigen.

Buchangaben:
Autor: Benedict Wells
Titel: Vom Ende der Einsamkeit
Verlag: Diogenes Verlag AG
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
Auflage: 23. Auflage
Seitenzahl: 368 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-257-24444-1
Preis: 15,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 29.07.2026  |  Erstellt am: 29.07.2026

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