Die Freiheit und die Blumen des Bösen

Die Freiheit und die Blumen des Bösen

Zu Catalin Dorian Florescus neuem Roman „Matei entdeckt die Freiheit“
 | © Rowohlt Verlag GmbH

Ein Roman über Hass, Schuld und die schwierige Geburt der Freiheit: Catalin Dorian Florescu erzählt in „Matei entdeckt die Freiheit“ von einem Mann, den die Diktatur zerbrochen hat – und von der Frage, ob Rache je Erlösung bringen kann.

Catalin Dorian Florescu gehört heute zu den markantesten Erzählern in der deutschen Sprache. Seine Erzählen ist bildhaft und man spürt die Notwendigkeit, dies alles zu berichten. Im Alter von sechzehn Jahren mit den Eltern aus Rumänien in die Schweiz übergesiedelt, blieb ihm eine literarische Nabelschnur zum verlassenen Land. Nahezu alle Stoffe seiner großen Romane und Erzählungen führen die Leser nach Rumänien, zeichnen die tragischen Momente der Geschichte dieses Landes nach. Florescu ist ein großer Rechercheur. Ist erst einmal eine Idee für einen literarischen Text da, kann er die Welt dreimal umkreisen, um letztendlich doch immer wieder im Donaudelta, im Banat oder in Bukarest anzukommen. Als wäre es gerade ihm aufgetragen, vom biblischen Schicksal der dort lebenden Menschen zu berichten.

Auf dem Buchumschlag von „Matei entdeckt die Freiheit“ ist ein Rezensent des Wiener Standard zitiert: „Wenn Catalin Dorian Florescu erzählt, blühen die Seiten“. Besser kann man es nicht in einen Satz fassen. Florescu erzählt nicht blumig, nein, er führt seine Leser in einen Garten, in dem alle Sinne geweckt werden. Man sieht, man hört, man schmeckt, man riecht das Erzählte. Man wird entführt.

Im neuen Roman sind es aber „die Blumen des Bösen“, die sich einbrennen. Matei Munteanu – die Hauptgestalt des Romans – wird als junger Mensch Opfer einer Denunziation. Dies bedeutete 1956 in der rumänischen Nachkriegsdiktatur, dass eine Odyssee durch Polizei- und Untersuchungsgefängnisse und Straflager beginnt, dass Überleben Glückssache ist, dass die physische und psychische Vernichtung des Inhaftierten durchaus im Kalkül der Peiniger liegt. Der Roman setzt in den 1990er Jahren an und führt über Rückblenden bis in die 1940er Jahre zurück. Die Leser lernen Matei als Kind, als jungen Dichter, als Häftling, als alten Mann kennen. Schon im Untersuchungsgefängnis schärft ihm sein Zellengenosse ein, dass er nur mit Hass überleben könne. Alle anderen Empfindungen seien untauglich, wenn man die Torturen überstehen wolle. Mateis Leidensweg führt ihn durch die Hände von Folterern und Menschenverachtern, von Kleingeistern, die sich für Gott halten. Für diese Peiniger steht im Roman vor allem der Geheimdienstoffizier Pană, ein gutgebauter, intelligenter und kunstsinniger Verhörspezialist, der im Falle von Mateis Zellengenossen Iancu Dumitrescu auch zum Totschläger wird. Matei übersteht sieben Jahre Straflager im Donaudelta, mit Hass im Bauch, mit einer vergifteten Seele, einzig um diesen Mord an Iancu und die ihm selbst widerfahrene Ungerechtigkeit zu rächen. Florescu erzählt dies in Bildern, die sich einprägen und atemlos machen.

1964 aufgrund einer Amnestie entlassen, gelingt es Matei nicht, Fuß zu fassen. Erst die geduldige Liebe einer Frau führt ihn behutsam ins Lebens zurück. In einer Sargfabrik findet er ein Auskommen und Kollegen, die ihn achten. Aber richtig verstehen kann ihn nur einer – Andrei – sein Leidensgefährte aus sieben Jahren Straflager. Andrei ist in Florescus Romankonzept der Gegenpol zu Matei. Während Matei gelernt hat, den Hass als einzige Überlebensstrategie zu begreifen, überlebt Andrei die gleichen höllischen Torturen durch Staunen und eine Geradheit im Untergang, die ihres gleichen sucht. „Wie kann es sein, dass Sie so gern schlagen?“, fragt er einen der unerbittlichsten Lager-Büttel. „Wie kann es sein, dass Sie am Abend zu Frau und Kind gehen, als ob nichts gewesen wäre?“. Solche Fragen bedeuteten Prügel, Arrest und Essensentzug, vielleicht auch den Tod.

Als sich in den 1990er Jahren, nach der Diktatur, andeutete, dass sich möglicherweise alles unter neuen Vorzeichen wiederholen könne, dass es die Freiheit, von der alle träumten, nicht geben wird, begegnet Matei seinem Peiniger Pană auf einem Trödelmarkt. Er lockt den (inzwischen) wohlsituierten Rentier und Kunstsammler unter Vortäuschung eines Kunstankaufs in eine vorher akribisch konstruierte unterirdische Zelle und hält ihn über einige Jahre fest, um Rache zu üben. Er opfert Frau, Familie und Freunde, um seinen Hass zu leben. Genugtuung erfährt er nicht. Das Ende des Romans – Umkehr? Einsicht? – bleibt offen. In der letzten Szene steht Matei wie 1964 da – ziellos und obdachlos.

Der Roman hat zwischen den Schrecknissen der Diktatur auch viele helle Erzählpassagen, etwa wenn vom kleinen Matei die Rede ist, der das „Glücksrad des Lebens“ repariert sehen will, oder wenn Großvater Matei mit seiner fintenreichen Enkelin Aurelia auf Nahrungssuche durch Bukarest pilgert. Auch die Kraft der Liebe wird eindringlich beschworen. Man wünscht diesem Matei den Übergang aus der Freiheit des Hasses in eine Freiheit der Liebe.

Catalin Dorian Florescu: „Matei entdeckt die Freiheit“, Roman, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, 2026. 288 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-7371-0240-7.

Letzte Änderung: 25.08.2026  |  Erstellt am: 25.08.2026

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