Der Antisemitismus, der sich tarnt

Der Antisemitismus, der sich tarnt

Richard Schuberth bricht sein Schweigen und seziert die Selbsttäuschungen einer „Israelkritik“, die dem Antisemitismus die Türen öffnet
Cover „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“ | © Edition Tiamat

Mit analytischer Schärfe, psychoanalytischem Instrumentarium und literarischer Sprachlust nimmt Richard Schuberth in „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“ jene Denk- und Sprachfiguren auseinander, in denen sich Judenhass heute als vermeintlich harmlose Israelkritik tarnt ‒ findet Lisa Emanuely. Ihre Rezension zeigt ein unbequemes, notwendiges Buch: eines, das historische Blindstellen, mediale Verzerrungen und identitätspolitische Gewissheiten freilegt – und seinen Leserinnen und Lesern zugleich einiges zumutet.

„Der Jude als Troublemaker ist vor allem ein beständiges Memento der Troubles, die man ihm macht. Er will uns permanent ein schlechtes Gewissen bereiten. Für das, was wir ihm antun wollten, antaten, antun werden.“ (S. 240)

„Es gibt wohl kaum etwas, womit ich mich so intensiv auseinandergesetzt hatte, wie Antisemitismus. Und kaum ein Thema zu dem ich mehr geschwiegen habe“ nimmt Richard Schuberth vorweg, um dann mit diesem Schweigen wortgewaltig zu brechen. Sein Buch ist weit mehr als ein Ausloten der antisemitischen und Antisemitismus-befördernden Verstrickungen, die seit dem 7. Oktober 2023 enger gezurrt sind.

Eine Warnung vorab: Wer sich das Buch Wort für Wort und Kapitel für Kapitel zuführt – was an dieser Stelle gleichzeitig unbedingt empfohlen wird – braucht einen starken Magen. Die 39 thematisch wohlportionierten Essays sind nahrhafte, doch keine leichtverdaulichen Happen. Mitunter verschluckt man sich, ertappt bei eigenen Verkürzungen identitätspolitischer Provenienz. Weiters holt Richard Schuberth in seinen Analysen die vertrackte, fiebrige Situation, die das Antisemitismusbarometer in schwindelige Höhen treibt, so nah heran, dass es glühend heiß wird. Das „Unbehagen an realen Widersprüchen“ (S. 160) lässt den Antisemitismus auflodern und der Flächenbrand wird mit dem Öl der „diskursiven Verallgemeinerungen“ (S. 161) begossen. Das Geschichtsvergessene – das Nicht-und-zu-wenig-Wissen – ist diesen Verallgemeinerungen der stärkste Verbündete.

In zahlreichen Analysen und historisch relevanten Exkursen zeigt Schuberth, dass der „Nah-Ost-Konflikt“ sowohl wesentlich weitreichender ist, als die Tagespolitik blicken lässt, wie auch, dass es insbesondere die Abkürzungen und Kurzschlüsse sind, denen mit Wissen begegnet werden kann. „Antisemitismuskunde müsste Schulfach werden“ (S. 51) – um der Wiederholung des Antisemitismus in neuem Gewand zu begegnen. Hätten wir ein solches Schulfach bzw. breitenwirksam mediale kritische Auseinandersetzung, dann wären wir vielleicht hellhöriger, wenn die Frage gestellt wird, die in Bezug auf andere Länder nie gestellt wird: „Darf man Israel kritisieren?“. Schuberth macht auf solch vermeintlich harmlose, in Sprache gegossene Niederschläge des Antisemitismus aufmerksam. „Niemand will heutzutage als Antisemit gelten.“ (S. 18) Ein „Loophole“ für das Nicht-antisemitisch-sein-wollen, und doch dem Antisemitismus frönen, bietet das in ein Kompositum gegossene „israelkritisch“ sein. Mit dem Begriff „israelkritisch“ war Israel das einzige Land, das ein eigenständiges Wort im Online-Duden erhielt. Mittlerweile hat sich diesem der Begriff „russlandkritisch“ hinzugesellt, um, so Schuberth: „vermutlich dem etwas einsam im Lexikon herumstehenden israelbezogenen Attribut einen nicht minder bösen Spielkameraden hinzuzugesellen. Somit war die Kritik der beiden schlimmsten staatgewordenen Übeltäter auf eigene Begriffe gekommen. Eigentlich wäre damit alles gesagt.“ schreibt er auf Seite 19 und nimmt das „Uneigentlich“ vorweg, wird er doch auf den weiteren 279 Seiten noch Etliches, dem Verständnis dienendes, hinzufügen.

Auf die groteske Unverhältnismäßigkeit der Israel verurteilenden Resolutionen der UNO und anderer Staaten weist Schuberth ebenso hin wie auf die mediale Berichterstattung zu Israel und Gaza, und zeigt die Verzerrung in Zahlen belegt, die zum „Antisemitismus, der keiner sein will“ beiträgt. In seiner Analyse werden die Unverhältnismäßigkeiten derart transparent, dass man sich beim Lesen fragt, wie sich das überhaupt mit dem Realitätsempfinden von vielen vereinbaren lässt. Für diese Lötstelle, die sich ohne die Kenntnisse der Psychoanalyse nicht löten ließe, greift Schuberth eben auf diese zurück und schöpft auch aus der Auseinandersetzung jener, die die Psychoanalyse gleichsam für das Verständnis des Antisemitismus zu verwenden wussten, und auf die Schuberth öfters referenziert – darunter u.a. Jean Améry, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. (Else Frenkel-Brunswik hätte hier auch Erwähnung finden können, war sie doch maßgeblich an der vorwiegend mit Adorno assoziierten Studie „The Authoritarian Personality“ (1950) beteiligt und prägte den Begriff „Ambiguitätsintoleranz“.)

„Man muss kein Adornit sein, um die ungeheuerliche geistige Pionierleistung von Theodor W. Adorno und seinem Kollegen Max Horkheimer würdigen zu können, den ‚Antisemitismus-Code‘ geknackt zu haben. Das war nur möglich durch die Aufschließung der Freud’schen Psychoanalyse, speziell der Entdeckung der Abwehrmechanismen und Reaktionsbildungen, für eine linke Gesellschaftstheorie.“ (S. 46)

Die Moralisierung des Bösen und Wenn die Guten böse werden sind die beiden Kapitel/Essays, in denen Schuberth Wesentliches zum Verständnis der psychischen Verfasstheit, die Nährboden des Antisemitismus ist, erörtert. Er beleuchtet Moralismus und Puritanismus als Krisenphänomene und stellt unter anderem pointiert fest: „Die Moralisierung des Bösen erlaubt es also, unbewusste destruktive Impulse in gesellschaftlich akzeptierte, ja sogar emanzipatorische Praxis zu transferieren.“

Dass diese Repuritanisierung in vielerlei Gewändern daherkommen kann: zum Beispiel unter dem Umhang des „le grand quelque chose“ aktivistisch-akademischer Auswüchse – dabei jedoch immer noch des „Kaisers neue Kleider“ ist – wird in messerscharfer, polemischer Analyse zerlegt und mit Wortwitz erfasst. So zum Beispiel auch wenn Schuberth schreibt: „Denn dann entführt es uns over the rainbow auf jene Ebene der Symbole, Episteme und Zeichen, wo das wahre Leben pulst und wir vor den naiven Zugriffen der empirischen Realität sicher sind.“ (S. 163)

Das, was das Buch auszeichnet, ist, dass sich sein Autor aufschwang, sich anzutun, was sich wenige antun wollen: Sämtliche Abgründe zusammenzutragen, die das ganze Bild ergeben, das sich numerisch in antisemitischen Übergriffen niederschlägt, wie in der Zunahme an Judenhass, Antisemitismus und eben auch dem Antisemitismus, der partout keiner sein will.

Ein fiktiver Vorwurf wie: „Die, die’s in sich selber verleugnen, schreiben es!“ wird durch das Bekenntnis Schuberths zu den eigenen revolutionären Verirrungen Lüge gestraft. „Sämtliche Abgründe“ heißt eben auch die eigenen zu kennen und mit ihnen per Du zu sein (statt sie in Verleugnung perdü zu senden, wo sie dann unbewusst ihr Unwesen treiben). Und mit seinen Abgründen hält Schuberth nicht hinter dem Berg. Es ist nicht nur ein Buch, das zeigt, was Antisemitismus in all seinen Schattierungen ausmacht – es ist auch eine biografische Offenlegung seines Autors, die gleichzeitig zeigt, wie es gelingen kann, die eigenen ideologischen Verstrickungen zu erwischen, ohne sich dabei in ihnen zu strangulieren.

Ausführlich setzt Schuberth den Werdegang der Auswüchse auseinander, so dass sich ein umfassendes Bild von der für alle prekären Lage ergibt – letztlich auch prekär für jene, die die antizionistische Linke vorgibt, in Schutz nehmen zu wollen:

„Man könnte sagen, der aus allen Ritzen und gesellschaftlichen Verwerfungen austretende Antisemitismus ist der schlimmste Feind realer palästinensischer Interessen, denn er verscheucht jene ruhig prüfende Vernunft, die einzig als ihr Anwalt taugte.“ (S. 21)

Das Buch ist keine Beruhigungstablette, die suggeriert, dass bald wieder zur Ruhe kommen wird, was sich so brandbeschleunigt seit dem 7. Oktober 2023 ereignet. Und die von Schuberth gelieferte Analyse zeigt, wie sehr der Antisemitismus, der keiner sein will, vor dem 7. Oktober bereits da war und wie sehr dadurch vorbereitet wurde, was nun in Schwappwellen der Gewalt, im Israel-Canceln-Wollen und in Social-Media-Desinformation erfolgt. Dem wissenzersetzenden Diskurs, der Homogenisierung anstrebt, kann mit Differenzierung und Tonnen an Wissen begegnet werden. Die Lektüre des Buchs bietet dazu eine hervorragende Möglichkeit – die zudem jenen, die Schuberths Sprachakrobatik und Kopfsalti lieben, trotz der Heftigkeit des Inhalts, Vergnügen bereiten wird.

Buchangaben:
Autor: Richard Schuberth
Titel: Vom Antisemitismus, der keiner sein will
Verlag: Edition Tiamat
Erscheinungsdatum: 09.03.2026
Seitenzahl: 312 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-89320-339-0
Preis: 26,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 23.06.2026  |  Erstellt am: 23.06.2026

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