Dem Tod mit einem Lächeln begegnen

Dem Tod mit einem Lächeln begegnen

Zu Iryna Fingerovas Roman „Zugwind“ – und im Gedenken an die Opfer des Hamas-Überfalls am 7. Oktober 2023
Cover „Zugwind“ von Iryna Fingerova | © Rowohlt Hundert Augen

Zwischen Krieg, Flucht und dem Alltag einer Hausarztpraxis erzählt Iryna Fingerova von einer Frau, die versucht, dem ständigen „Zugwind“ aus Angst, Schuld und Sorge standzuhalten. Ein eindringlicher Roman über die Folgen des Krieges, ärztliche Verantwortung und die Kunst, dem Leben trotz allem mit einem Lächeln zu begegnen. Der 7. Oktober 2023 ereignet sich, und der Zugwind nimmt erneut Fahrt auf – Axel Helbig bespricht Fingerovas Roman über eine jüdisch-ukrainische Ärztin, die in den Strudel der Weltgeschichte gerät.

Zugwind ist ein Körpergefühl. Zugwind bewirkt Hyperaktivität und Schlaflosigkeit trotz absoluter Erschöpfung. Wer die Kurve nicht kriegt, den treibt der Zugwind in den Wahnsinn. Die Hauptfigur in Fingerovas Roman – Mira Zehmann, eine jüdisch-ukrainische Ärztin, die in der deutschen Großstadt N. als Hausärztin praktiziert – entwickelt Strategien gegen den Zugwind, der sie mitreißt. Sie und ihr Mann – ebenfalls Arzt – lebten schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine in Deutschland. Aber der Krieg veränderte noch einmal alles. In die Idylle – beste Verdienstmöglichkeiten, beste Entwicklungsmöglichkeiten für das gemeinsame Kind – bläst plötzlich dieser Zugwind, der von der Sorge um die Zurückgebliebenen – Mutter, Vater, Oma, Bruder, Freunde – angetrieben wird. Die junge Familie öffnet ihre kleine Wohnung, nimmt Mutter, Vater, Verwandte und Freunde auf, besorgt weitere Unterkünfte, organisiert Hilfslieferungen, reibt sich auf.

Der Roman hat zwei Hauptlinien. Zum einen den Krieg, verbunden mit Rückblenden an die Kindheit, das Studium und erste praktische Erfahrungen der jungen Ärztin in Odesa. Die andere Haupthandlung beschreibt den Alltag der Hausärztin in Deutschland. Diese zweite Linie hat es in sich. Ich denke, dass noch nie eine Ärztin (auch Iryna Fingerova ist im Hauptberuf Ärztin) in einem Roman (und vermutlich auch nicht in einem Sachbuch) so offen über ihren Beruf gesprochen hat. Die Berichte reißen den Leser in das Geschehen hinein und eröffnen ihm tiefe Einblicke.

Beide Linien sind miteinander verbunden. Denn es hatte sich unter den ukrainischen Flüchtlingen in N. schnell herumgesprochen, dass es eine „ukrainische Hausärztin“ in der Stadt gibt. Die ganze Tragik dieses Krieges bricht so in die Praxis ein und verstärkt den ohnehin schon scharf wehenden Zugwind in Mira. Der Leser erfährt von Kindern, die zittern oder nässen, wenn ein Flugzeug den Spielplatz in N. überfliegt. „Viele Ukrainerinnen und Ukrainer rennen noch immer und können nicht anhalten. Sie rennen vor der Vergangenheit davon und vor der Zukunft, vor der Angst, dem Krieg und seinen Folgen, vor den unumgänglichen Entscheidungen und auch davor, die Katastrophe anzunehmen.“ Frau O. Aus Donezk hat zwei Söhne, der eine dient in Lwiw bei der Territorialverteidigung, der andere ist an der Front gefallen, als russischer Soldat. Frau B. sagt: „Ich musste meine Söhne außer Landes bringen, bevor sie achtzehn wurden!“ Frau H. saß weinend in der Praxis. Ihr Sohn hatte seit über zwei Wochen kein „ + “ mehr geschickt. „ + “ bedeutete: lebendig.

Die zweite Linie – Berufspraxis der Hausärztin – trennt sich in weiten Teilen vom Kriegsgeschehen. Fingerova schreibt sehr intensiv über das Patient-Arzt-Verhältnis. Nach diesem Roman versteht man vieles besser – die Strategien der Ärzte, die Vielseitigkeit dieses Berufs, der an der Praxistür längst nicht aufhört.

Eine Strategie Miras gegen den Zugwind ist ein Besuch in Odesa. Mira muss dorthin, um nicht wahnsinnig zu werden, um sich nicht als vaterlandslose Verräterin vorzukommen, um sich als Teil dieser Leidensgemeinschaft fühlen zu können. Mira hat eine Luftangriffs-App in ihr Smartphone installiert, um auch in N. die Realität in Odesa hautnah mitempfinden zu können. Und Odesa heilt sie tatsächlich. Der Gleichmut der Menschen überrascht sie zunächst. Das Leben läuft in den normalen Bahnen. Man liebt sich und trennt sich, besucht Rock-Konzerte, tauscht in den Cafés Klatsch und Tratsch aus. Während der Luftangriffe auf Odesa gehen Miras Freunde nicht in den Luftschutzkeller. Was soll‘s, das Leben ist endlich. Mira liegt mit ihrer über 90-jährigen Oma im Bett, während draußen die Luftabwehr Raketen abfängt. Die alte Jüdin weigert sich nach Deutschland zu übersiedeln. Miras Bruder betreut sie.

Kaum zurück ereignet sich der 7. Oktober 2023. In Mira – die auch Verwandte in Israel hat – nimmt der Zugwind erneut Fahrt auf. Auch sie schreckt vor dem massiven Rückschlag der israelischen Armee im Gazastreifen zurück, fragt sich, was ihre palästinensischen Bekannten denken, mit denen sie bei einem Arztpraktikum in Israel Kontakt hatte. Neue Fragen stellen sich. Muss sie als Jüdin jetzt Angst vor Antisemitismus haben? Kann die hiesige Bevölkerung zwischen den Juden als Volk und dem Staat Israel unterscheiden?

„Nicht immer gelingt es, dem Tod – oder auch dem Leben – mit einem Lächeln zu begegnen“, sagt Mira. „ Es gibt keine Pille gegen Lebensverdruss. Schlaf und Appetit sind meine Führer durch die Welt der taktlosen Fragen, die ich nicht vermeiden kann – besonders, wenn ich es mit Patienten zu tun habe, die mehrmals in der Woche kommen, und jedes Mal mit neuen Beschwerden.“

Iryna Fingerova: „Zugwind“, Roman (aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk), Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 304 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-498-00800-0.

Letzte Änderung: 07.10.2026  |  Erstellt am: 07.10.2026

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