„Das war nicht ich“

„Das war nicht ich“

Die Scham muss die Seite wechseln: Gedanken zur Lektüre von „Eine Hymne an das Leben“
 | © Piper Verlag

„Das war ich nicht“, sagt Gisèle Pelicot über ihren geschundenen Körper in den Videos ihres Mannes. Als Überlebende fürchterlicher Vergewaltigungen berichtet die Autorin vom zweijährigen Prozess nach zehn Jahren in der Hölle: Es geht um Traumabewältigung, bürokratische Strafprozesse und, als Wichtigstes, um die menschliche Kraft, weiterleben zu dürfen. Für Rezensentin Antje Boijens ist „Eine Hymne an das Leben“ ein Wunder, nein, drei Wunder: dass Pelicot überlebte; dass sie im Prozess ihren 52 Vergewaltigern die Stirn bot; und dass sie lächelnd den Gerichtssaal verließ – die Schande hatte endgültig die Seite gewechselt.

Es ist wie ein riesiges, grausames Puzzle, das Gisèle Pelicot zusammensetzt, nachdem sie von den barbarischen Gewaltakten erfährt, die ihr Mann und weitere 50 Mittäter an ihr begangen haben. In ihrem Buch „Eine Hymne an das Leben“ berichtet die Autorin von einem traumatischen Erlebnis: Ihr Mann hat sie über zehn Jahre hinweg mit Medikamenten sediert, dann, bewusstlos wie sie war, über diese lange Zeit gemeinsam mit unterschiedlichen Tätern vergewaltigt und gefilmt. Dass sie die ständigen Betäubungen überlebt hat, ist eines der Wunder in diesem Fall – und da sprechen wir nur vom Körper. Das unvorstellbare Gewaltverbrechen muss frau genauso psychisch überstehen, hinterher, das heißt: bei vollem Bewusstsein akzeptieren, was passiert ist.

Für diesen Prozess waren für Gisèle Pelicot zwei Bereiche wichtig: sie selbst und die Perversion ihres Mannes. Letzteres war die größte Zumutung für sie und für ihre Familie, die über der Suche der Mutter nach guten Gründen für die Ungeheuerlichkeiten des Vaters fast auseinanderbrach. Aus Gisèle Pelicots Sicht hatte sie jahrzehntelang mit ihrem Mann in einer einvernehmlichen, guten Beziehung gelebt, sogar in einer lebenswichtigen. Sie war sich sicher, dass beide in der Ehe schwere Kindheitstraumata überwunden hatten: sie den frühen Tod ihrer geliebten Mutter und er die ständigen Prügel seines autoritären Vaters. Als der Mann ihr dann nach 30 Jahren einer (wirklich?) guten Zeit abstoßende sexuelle Praktiken aufschwatzen wollte, hat sie einfach abgelehnt – und nichts geahnt, bis sie unerklärliche körperliche Symptome entwickelte: eine ungewohnte Desorientiertheit, Vergesslichkeit und Müdigkeit.

In den zwei Jahren der Prozessvorbereitung hat sich Gisèle Pelicot dann kontinuierlich mit der Schuld ihres Mannes und einer eigenen möglichen Mitschuld auseinandergesetzt, wie blauäugig sie vielleicht war und warum sie die zunehmend schräge sexuelle Orientierung des Mannes duldete, statt zum Beispiel auf Therapie zu bestehen. Ihr partielles Verständnis für den Täter hat am Ende nichts Verwerfliches oder Masochistisches: Es ist letztendlich ein übergreifendes Einfühlen, bei dem frau für alle möglichen Umstände des Täters Verständnis haben, aber genauso das Verbrechen und die Täterschaft benennen kann, auch später, vor Gericht. Für dieses Ergebnis braucht sie vor allem Zeit. Dazu nimmt sie auch immer wieder therapeutische Hilfe an.

Nach zwei Jahren hat sie dann nicht nur sich und den Täter verstanden. Sie will jetzt ganz klar auch die Verurteilung in einem öffentlichen Prozess. Dort gewöhnt sie sich „allmählich an die unmittelbare Nähe zu den Vergewaltigern, an ihre Blicke, die mir zu signalisieren schienen: Was bildest du dir eigentlich ein. Ich hielt ihnen stand.“ Ihr Ziel war, dass die Schande endlich die Seite wechselt, und das ist ihr gelungen. Ihr schlichtes, aufrechtes Auftreten vor Gericht mit ihrem Wissen um sich selbst ist wie ein zweites Wunder. Da war keine gebrochene, in den Schmutz gezogene Frau mehr zu erleben, sondern eine, die sich gut vorbereitet hatte und fest entschlossen war, die bei solchen Prozessen übliche Täter-Opfer-Umkehr nicht hinter verschlossenen Türen zu ertragen.

Sie hat damit auch dafür gesorgt, dass die Akzeptanz für typisch männliche Ausreden vor Gericht merklich abnimmt – sogar auf europäischer Ebene. So hat in diesen Tagen der EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) den italienischen Staat zur Zahlung von 60.000 Euro Entschädigung an eine Frau und ihre Kinder verurteilt, deren Ehemann vom Vorwurf der Vergewaltigung von der italienischen Staatsanwaltschaft zunächst freigesprochen worden war. Die Staatsanwältin meinte, Frauen seien abends eben immer müde, und irgendwann müsse der Mann eben. Die vergewaltigte Ehefrau hatte jetzt mit ihrem Widerspruch gegen das italienische Gerichtsurteil auf europäischer Ebene Recht bekommen (s. The Guardian, 6.7.2026).

Ein drittes Wunder dieser Geschichte beginnt, wenn Gisèle Pelicot am Ende den Gerichtssaal lächelnd, ja strahlend verlässt und nicht etwa triumphiert. Was sie beim Verlassen um sich spürt, so erzählt sie, ist „Wärme und die Verletzlichkeit, die an ihre anknüpft“ von denen, die sie dort feiern: Das ist das Ergebnis ihrer Heldinnenreise, wie Joseph Campbell solche Prozesse beispielhaft beschrieben hat. Es ist eine mühevolle und lange Reise, an deren Ende Pelicot klar ist, dass sie der „ungeheuerlichen Geschichte ein Gesicht geben und den geschundenen Körper, von dem ständig die Rede war, rehabilitieren“ will. Der Gedanke kommt ihr, nachdem sie sich kurz vor dem Prozess doch noch alle Vergewaltiger-Videos angesehen hat, obwohl sie das lange gar nicht wollte. Nach dieser psychischen Tortur hat sie sich auch wieder Zeit genommen, mit Spaziergängen in der Natur, mit dem Alleinsein, kurz gesagt: mit Achtsamkeit.

Draußen, im Freien, gewinnt die zutiefst gedemütigte Frau ihre Selbstachtung wieder und wird zu einer gestandenen Frau, die erfolgreich durch eine schwere Zeit gekommen ist. Ihr neues Leben „danach“ begleitet inzwischen ein neuer Mann, eine neue Liebe. Ihren geschundenen Körper, den sie in den Videos als „Müllsack schmutziger Phantasien“ sah, lässt sie hinter sich. „Das war ich nicht“, sagt sie und bleibt ihrem bewussten Ich treu. Das Wertvollste an dieser fürchterlichen Geschichte ist vielleicht, dass wir verstehen können, dass Vergangenheitsbewältigung möglich ist – und auch, dass wir es uns selbst erlauben dürfen, glücklich weiterzuleben, danach, wenn’s drauf ankommt, weil wir noch leben.

Buchangaben:
Titel: Eine Hymne an das Leben
Untertitel: Die Scham muss die Seite wechseln
Autorin: Gisèle Pelicot
Verlag: Piper Verlag
Übersetzung: Patricia Klobusiczky
Mitautorin: Judith Perrignon
Erscheinungstermin: 17.02.2026
Seitenanzahl: 256 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-492-07435-3
Preis: 25,00 €

Das Buch ist hier erhältlich.

Letzte Änderung: 06.08.2026  |  Erstellt am: 06.08.2026

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