das tönen greifbar vorgewölbter sterne

das tönen greifbar vorgewölbter sterne

Zu Dorothea Grünzweigs neuen Gedichten
Cover „Erfasst von dieser Nachtverwandlung“  | © © Wallstein Verlag / „Schöner, frischer Morgen“

Dorothea Grünzweig wurde der Rainer-Malkowski-Preis 2026 zugesprochen. Unser Autor Axel Helbig hat ihren aktuellen Gedichtband „Erfasst von dieser Nachtverwandlung“ für Faust Kultur gelesen.

Dorothea Grünzweigs neuer Gedichtband „Erfasst von dieser Nachtverwandlung“ bezeugt einmal mehr die große Kraft ihrer Sprache. Seit vielen Jahren in Finnland lebend – schreibt sie sich auch in ihren neuen Gedichten durch die finnischen Jahreszeiten. Kaamos – die sonnenlose Winterzeit des Nordens, Zeit im Mittwinter, in der in Lappland die Sonne nicht aufgeht – ist der Ausgangspunkt ihrer poetischen Reise. Ihr Blick, ihre Sprache bleibt dabei immer suchend, tastend, um das Geheimnis kreisend. Obwohl sie seit Jahren diese Themen umschreibt, erschöpft sich ihre Sprache nicht, nein, sie wird vielfältiger im Ausdruck und zielt zugleich immer mehr auf das Exemplarische hin.

KAAMOS IST AUFGELÖST / wir sind zu spät gekommen, die sonne macht sich breit / doch schlagen unsere herzen für die dunkelheit / sie ist in uns verankert versteckt uns vor dem eilig / vorpreschenden licht das aufdeckung entblößung / anrichtet wir sind zu spät gekommen kaamos ist aufgelöst / kein schaukeln mehr in der dunkelheitswiege und keine / ,stille vor der fliehen die übrigen wortt‘ kein solcher stillesegen

Woher kommt diese Kraft, woher diese Sprachmagie, die nach einem greift, ohne dass man es merkt? Grünzweigs Gedichte kommen nahezu ohne unser neuzeitliches Vokabular aus, ohne die vielen Anglizismen, Fremdworte und Neologismen, die unsere Sprache in Begleitung der neuen Medien immer mehr aufladen, aber selten kräftiger machen. Bei Dorothea Grünzweig scheinen selbst die Wortneuschöpfungen (u. a. „dunkelheitswiege“, „lauschschleier“, „grasvergnügte kühe“) zweitausend Jahre alte Worte zu sein. Sie fügen sich ein in den aus der Natur herausgewachsenen Sprachkosmos, aus dem sie für ihre Gedichte schöpft. Es ist nicht das Finnische, das ihre Sprache auflädt. Aber es ist das Leben in dieser finnischen Natur und Weite, das ihre Sprache nach innen und außen zu weiten scheint – immer innerlicher, immer weiter wird ihre Sprache. Ihre Metaphern sind keine Kopfgeburten, nie hat man den Eindruck, dass diese Gedichte an einem Schreibtisch entstanden sein könnten. Zu sehr befinden sie sich in einem Einverständnis mit der Natur. Sie nehmen den Leser wieder mit in die Natur. Nie ist sie die Wissende, immer ist sie die Erfahrende, die Fragende vor der Natur und deren Gewalten. Grünzweigs Suche nach einer Heiligen Sprache hat nichts Schamanisches, sie ist Ausdruck der Sehnsucht, der Natur nahe zu kommen, das zu verstehen, dessen Teil man ist und sein möchte.

das tönen greifbar vorgewölbter sterne / das zungenreden dieses himmels so / als wolle er die landschaft unter sich / besprechen auch als ob er etwas rühme / das größer weiter ist noch als er selbst … / die lebenslust der tiere sehen wir / es liegt auf ihnen uns verlorner segen / wir haben ihn verspielt … (aus: auf tunturis dies wundersame wandern)

Die freie Rhythmik ihrer Gedichte ist erfühlt, nicht erzeugt. Grünzweig verfügt über ein großes Wissen über Sprache und Formen. Ihre Gedichte – denen Alliterationen und Binnenreime nicht fremd sind – greifen jedoch kaum auf tradierte Formen zurück. Nicht selten spielen Zitate hinein – aus der Bibel, aus Kirchenliedern, Rückbezüge auf Rilke und andere Lektüren – doch werden sie nie Fremdkörper im Gedicht. Sie weiten die Gedichte in andere Kontexte hinein.

Teile des neuen Bandes sind der Bewahrung der Schöpfung gewidmet, der Stimmung bei einer Pandemie wie Corona, die dem Menschen seine Endlichkeit vor Augen führt, sowie der Angst vor einem Krieg in Finnland, was tagespolitische Realität und im hohen Norden eine reale Sorge ist. Andere Texte widmen sich dem Tierwohl. Grünzweigs „kuhloblieder“ bezeugen dies:

die scheidelinie / zwischen tier und mensch verwischt dann docken unsere seelen / an die der kühe an an ihre kurze prall gedrängte wohligkeit / … / ihr so genügsam in euch grasvergnügten kühe / … / macht uns zu jüngern und genießern eures langmütigen friedens / eures pansenfriedens / netz- und blätter- eures labmagenfriedens … / den ihr durch euer meditieren wiederkäuend mampfend malmend pflegt … / wie sollen ohne sie aus / uns erwachsenen wieder kinder werden

Dorothea Grünzweig: „Erfasst von dieser Nachtverwandlung“, Gedichte, Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 152 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-8353-6088-4.

Letzte Änderung: 30.09.2026  |  Erstellt am: 30.09.2026

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