Auf angenehme Art befremden

Auf angenehme Art befremden

Frankfurter Romantik-Museum
Das Deutsche Romantik-Museum  | © Alexander Paul Englert/Freies Deutsches Hochstift

Vor einem Monat ist das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt eröffnet worden und wurde seitdem – trotz pandemiebedingter Einschränkungen – viel besucht. Stefana Sabin war zuerst bei der feierlichen Eröffnung und hat sich danach noch einmal näher im Museum umgeschaut.

Trotz allerlei architektonischer, bautechnischer und finanzieller Schwierigkeiten hat Anne Bohnenkamp-Renken, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, zehn Jahre lang Kurs gehalten und endlich das Deutsche Romantik Museum in einer feierlichen Zeremonie eröffnen können. Für die langen Reden, die die Vertreterinnen der lokalen und nationalen Politik bei dieser Gelegenheit halten durften, wurde man durch ein minimal-inszeniertes Streitgespräch zwischen einem Romantik-Enthusiasten und einem Romantik-Skeptiker, das Daniel Kehlmann geschrieben hatte, entschädigt.

Darin ließ Kehlmann seine Protagonisten über die Romantik als „Weg des menschlichen Geistes zu immer größerer Vollständigkeit“ und als „ungesunde Mischung aus Griechenverehrung, Katholizismus, erotischer Prüderie und Hurrapatriotismus“ dialogisieren und packte all die Urteile und Vorurteile über die Romantik in schöne Formulierungen. Dass am Ende sowohl der Enthusiast als auch der Skeptiker bei seiner ursprünglichen Meinung blieb, gehörte zur Dramaturgie des Gesprächs!

Ob das Klassische gesund und das Romantische krank ist, wie Goethes vielzitierte Diagnose besagt, bleibt also in Kehlmanns Text offen – und auch die Ausstellung im Romantik-Museum kann und will das nicht endgültig entscheiden. Aber dass dieses Museum gerade am Goethehaus angesiedelt ist, ist insofern nicht ohne Pikanterie. Denn wie dieses Zitat zeigt, spottete Goethe eher über die Romantik, als dass er sich ihr zuzählte. Während er im Pariser „Musée de la vie romantique“ nur durch eine pompöse Büste vertreten ist, wird er im Frankfurter Romantik-Museum gewissermaßen vereinnahmt, will man doch die Romantik um ihn herum erklären.

So ist Goethe, der Nicht-Romantiker, im Romantik-Museum allgegenwärtig. Schon im Auge der Wendeltreppe spielt eine Lichtinstallation von Ingo Nussbaumer auf Goethes Farb- und Lichtexperimente an, die die romantische Vorstellung der Nacht prägten. Und auch der Museumsrundgang beginnt mit Goethe. Von den Bildern zu Goethes Leben und zu Weimar und zu anderen Kunstwerken aus der Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts – darunter so berühmte Bilder wie Caspar David Friedrichs „Abendstern” und Füsslis „Nachtmahr” – im ersten Stock, über Handschriften von Schubert, den Brentanos und Eichendorff (unter anderen) und einem wunderbar irritierenden Spiegelkabinett im zweiten und bis zur europäischen Nachwirkung der deutschen Romantiker im dritten Stock, stellt das Museum die Romantik als paraliterarische Gattung dar, die (Welt)Anschauung und (Seelen)Empfindung über Generationen geprägt hat.
Dass die Prägung durch die Romantik noch heute anhält, suggeriert die „Himmelstreppe”, eine gerade, in Blautönen leuchtende Treppe, die trotz der nur sechsundsechzig Stufen den Eindruck erweckt, sie reiche in den Himmel – eine romantisch-architektonische Täuschung, auf die ihr Architekt Christoph Mäckler stolz ist.

Überhaupt ist Mäckler stolz auf seinen Museumsbau, den er auf dem Grundstück am Großen Hirschgraben neben dem rekonstruierten Goethehaus errichten konnte. Das neue Gebäude kommt daher wie drei Häuser mit separaten Eingängen (zur Eingangshalle, zu den Wechselausstellungen und zur Kulturvermittlung für Schulklassen) und jeweils verschiedenen Fassadenfarben und Putzstilen, die, ebenso wie die asymmetrische Verteilung der Fenster und der zyklopenartige blaue Erker, wie eine Reminiszenz der eher vergangenen Postmoderne wirken.

Die Dauerausstellung dagegen ist ganz und gar gegenwärtig, indem sie herkömmliche Exponate wie Gemälde, Bücher und Manuskripte mit interaktiven Installationen, Videos und Tonaufnahmen geschickt kombiniert, bei größter konservatorischer Vorsicht Zugänglichkeit ermöglicht und den thematischen Ernst spielerisch inszeniert. So gelingt, was Novalis 1800 als romantische Poetik definierte: „Die Kunst, auf eine angenehme Art zu befremden, einen Gegenstand fremd zu machen und doch bekannt und anziehend.“

Letzte Änderung: 25.11.2021  |  Erstellt am: 24.11.2021

Blick in den Großen Hirschgraben auf das Frankfurter Goethe-Haus und das Deutsche Romantik-Museum  | © Foto: Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert
Foyer im Deutsche Romantik-Musem | © Foto: Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert
Brandwand des historischen Goethe-Hauses im Foyer des Deutschen Romantik-Museums | © Foto: Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert

Siehe auch:
Deutsches Romantik Museum Frankfurt

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