»Winterreise« Goes Jazz

»Winterreise« Goes Jazz

Michael Wollnys »Winterreise« nach Schubert, Björk und Bush – mit Wilhelm Müllers Worten alleine im Klang
Michael Wollny, »eine winterreise«, CD, ACT 8028-2, 18,90 € | © Michael Wollny: »eine winterreise«, ACT Music. Coverfoto: Iona Dutz

Schubert trifft Björk und Kate Bush: Michael Wollny verwandelt die »Winterreise« in einen Jazz voller Schnee, Einsamkeit und gespenstischer Schönheit. Eine Reise ohne gesungene Worte – und doch ganz im Bann von Wilhelm Müllers Versen.

Das ist nun wirklich einmal wieder eine jazz’sche Großtat – und eine, neben ihrer fraglosen Weltgeltung, innigst europäische. ACT schließt weiter und weiter an ECMs Leistungen ihrer, dieser „edition‟, Pionierjahre an; hier nun wird Wollny sogar gleich schon mit Jarrett verglichen. Woran etwas ist und aber auch nichts. Sie werden’s hören, wenn Sie selbst es vergleichen … unmittelbar! Und sollten es auch tun. Allerdings ist die Kenntnis der, sozusagen, „Vorlage‟ sinnvoll, nämlich der Winterreise von Franz Schubert auf die Gedichte Wilhelm Müllers, deren Motive Wollny aufgreift, weiterspinnt, zerlegt und mit völlig anderem musikalischem Material verschränkt. Anfangs sogar, wüßte man’s nicht über den Titel, ist der Bezug auf Schubert kaum zu merken: Momente sind es, die aufhorchen lassen. Dabei sind Wollnys nun eigene „Lieder ohne Worte‟ auf Müllers Gedichte tatsächlich immer bezogen. Ohne dessen Verse könnten die Stücke gar nicht sein. Schon hören wir sie immer mit. So bewahrt Wollny, ohne auch nur entfernt Epigone zu sein, einer nächsten und übernächsten Generation das Erbe der tiefsten, hier eben auch europäischen Kunsttradition. Keiner sollte unterschätzen, wie wichtig das, ja: bedeutend es ist.

Zum Beispiel steigt die Frage auf, weshalb es ausgerechnet die Linde ist, die in der Dichtung immer wieder beschworen, als Liebesbaum, in Schuberts Winterreise aber zur Todeswarte wird. Hier nun nur angedeutet meine Antwort, daß dieser seinen Blättern nach doch Herzensbaum (Friedrich Rückert/Gustav Mahler: „Ich atmet’ einen linden Duft‟, lind hieß einmal „sanft‟, „mild‟ …) – seine herrlich weite Krone beschirmte bis tief ins Mittelalter den sozialen dörflichen Raum – dem einsamen Wanderer eine letzte Zuflucht bietet. Was einst Liebende und die Gemeinschaft unter sich versammelte, verspricht nun dem Verlassenen eine unergründliche, die unheimlichste Geborgenheit. Bei Walther von der Vogelweide noch hatten wir gelesen:

Under der linden
(…)
dâ unser zweier bette was,

Nun aber ist niemand da, den Wandrer zu erwarten. Und dennoch, die Linde flüstert ihm zu:

Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst du deine Ruh!

Nein, es ist keine ritterliche, keine dunkelromantische Reise, von der uns Wollny am Flügel erzählt, sondern eine zeitgemäße von einsamster Gegenwärtigkeit. Schon seine, Wollnys, anderen Bezugnahmen weisen sie aus: Björks „Aurora‟ aus Vespertine zum Beispiel stapft bereits im fünften Stück durch deutlich verharschten Schnee. Oder wenn Wollny in „Ich such im Schnee vergebens‟ die saubre Harmonie verläßt, Minimal anklingt, doch die Musik chromatisch zur Legende wird. Anders, dennoch ähnlich der Bezug auf der Engländerin Kate Bushs „Snowflake‟ aus 50 Words for Snow, das, wie Wollny selbst erzählt, sein persönlich liebster „Winter-Song‟ sei, weil er sofort eine verschneite Landschaft vor sich sehe. Nur daß die Flocke bei ihm als schwere, fast schon dumpfe Wehe gleichsam vom Dach rutscht, ach wehe! Um so erschütternder steht des Kaliforniers Louis Coles „Cloud of Flies“ dann für den Moment, da wir begriffen, unser Leben verpaßt zu haben, „… the air has never felt so cold before‟. Weh Dir, wehe, wehe! Der Fahlschatten nun wird besonders brüchig, auch weil Wollny im Piano innen spielt, Schubert insofern auch physisch transzendiert, über ihn wie sich selbst, Wollny also, und all die andern noch hinaus. Das ist bedrückend phänomenal, und wirklich wäre auf sowas wohl nur Jarrett, der darauf eben nicht kam, gekommen: in dieser melodischen Art auf gängige Tonalität zu verzichten. Völlig organisch – gespenstisch organisch – funkeln sofort „Irrlichter‟ heraus. Nicht mal ist der Erlkönig weit – womit verglichen „Ein Lindenbaum‟ sich dann fast schon zu gefällig geriert, da wir an seine Lockung denken – aber zerstiebt zugleich auch wieder, zer- (ecco! Cloud of Flies) -fliegt. Nun fangen wir zu frieren, wirklich mitzufrieren an – auch wenn wir zu hoffen beginnen, fast es zu erbeten scheinen in diesem 12. Stück, das sich’s im Dunkeln besser wähne. Und aber ach, kennen doch das Ende … Noch einmal „Schneeland‟, dann steht er da, der Leiermann, und Wollny zerlegt sein melodisches Motiv: So wird es nun ein Jazzblues, bevor er es dann doch noch treu zitiert.

Welch eine traurigschöne, wundervolle Platte! Holen Sie sie sich!

***

Michael Wollny
»eine winterreise«
CD, ACT 8028-2
18,90 €
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Letzte Änderung: 06.11.2026  |  Erstellt am: 06.11.2026

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