Verantwortung für … statt Erlösung von Schuld

Verantwortung für … statt Erlösung von Schuld

Milo Raus große Neuinszenierung von Richard Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin. Zur Premiere am 24. Oktober 2026
 | © Deutsche Oper Berlin

Ein Opernabend, der jede Gewissheit sprengt: Milo Rau verwandelt Wagners „Fliegen-den Holländer“ in ein politisches, schmerzhaft aktuelles Stück über Schuld, Trauma und Verantwortung. Alban Nikolai Herbst beschreibt eine Inszenierung, die keine Erlösung verspricht – sondern uns zwingt, hinzusehen. Zwischen dokumentarischen Filmsequenzen, eruptiver Musik und einer Inszenierung, die das Holocaustdenkmal zum Geisterschiff macht, entsteht ein Abend, der nicht tröstet, nicht erlöst – sondern aufruft, Verantwortung zu übernehmen. Herbst nennt die Idee dieser gewagten Inszenierung „erschütternd grandios“, aber lesen Sie selbst.

Imgrunde war es zu erwarten, vielleicht auch so gewollt, in jedem Fall darauf hin-inszeniert, daß sich schon vorgestern, also nach der Premiere direkt, die siebenachtel Feuilletonwelt über sie das Maul zerriß, um Milo Raus, des Regisseurs, kompletten Ansatz in Grund und Boden zu verreißen; in Wien Die Presse titelte sogar „Wagner, wie ihn die Hamas gerne hätte“ – bizarrer geht’s wohl nicht: als ob eine islamische Terrormiliz an Opernmusik solch Interesse überhaupt hätte. Wie diese ihre Schlachtgeräte hat eines Rezensenten Feder dort der Haß geführt; sein Name tut hier nichts zur Sache.

Nein, man muß dem Regisseur nicht in jeder Hinsicht folgen, um ihm zu konzedieren, eine der politischsten, zugleich schlüssigsten Neuinterpretationen, nämlich gegen den Strich, dieses sowohl heiklen wie grandiosen, für Wagners immer wieder auf „Erlösung‟ zielendes Werk sogar Schlüsselstücks vorgelegt zu haben, das dessen Antisemitismus zumindest schon erahnen läßt, und mit seiner hier zu Bühne, Klangrausch und -wahn gewordenen Macht den Finger auf eine der heftigsten, nach wie vor schwärenden Hitlerfolgen zu legen. Wurde nicht der vernichtungswahnhafte, speziell nationalsozialistische Judenhaß von Zeesen aus, südlich Berlins, per Radio in die arabisch-muslimische Welt ausgestrahlt, zu diesem Zweck antijüdische Koranstellen mit europäischen Verschwörungsmythen amalgamiert? Freilich vorher schon wurde der europäische Antisemitismus in den Nahen Osten exportiert. In einem Buch hat Jeffrey Herf es zusammengetragen erforscht: → Nazi Propaganda for the Arab World. Wie konkret sie dort gewirkt hat, ist allerdings weniger genau dokumentiert, vielleicht auch nicht mehr möglich, es zu tun.

Jedenfalls liegt Milo Rau keineswegs falsch, wenn er den meuchelmordenden Haß der Hamas auf das jüdische Israel als zumindest auch ein Ergebnis der deutschen Geschichtsschuld begreift, die sich dann, notwendigerweise, allein in Israel entsühnen lasse. Woraus erst einmal zu folgen scheint, es müsse der „Erlösung‟ des Nahost-Konflikts eine der Deutschen und der Juden vorausgehen. Indem die Inszenierung dieses zu zeigen versucht, indes, widerlegt sie es zugleich. Denn mitnichten können der Holländer und Senta nach deren – und was für einem hier! – Tod umschlungen auf zum Himmel fahren. Vielmehr stehen die Ideologien zur Disposition, sämtlichst und als Wahn, auch in Gestalt der Religionen. Wer sich von ihnen treiben läßt, dessen traumatisierte Augen werden blind für die Traumata der andren bleiben wie diese blind für jene. Mir selbst doch ist, daß der barbarische israelisch-palästinische Krieg nicht bi-, sondern – als drei historisch miteinander verschränkte Schuld- und Traumageschichten – tri lateral ist, bis zum vergangenen Sonnabendabend nicht einmal als Gedanke gekommen, so sehr mich die Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Landes lebenslang geprägt hat.

Damit aber hebt die erschütternd grandiose Idee dieser Inszenierung überhaupt erst an. Alle sieben Jahre darf der wie Ahasver zu ewigem Umherirren, doch eben auf dem Meer verurteilte Fliegende Holländer wieder an Land. Fände er dort, so des Bannspruchs Losung, eine Frau, die treu ihm bis in den Tod sei, dann, nur dann werde er erlöst. Was Heinrich Heines, der den Stoff im deutschen Sprachraum populär machte, wider die Botschaft löckenden Spott –

und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber, im günstigsten Falle, zugrunde gehn

in dieses Selbst-Aufopferungsdrama verdrehte, wobei an der Deutschen Oper Berlin der zerquälte Mann nicht etwa Jahrhunderte nach seiner Verfluchung sondern nach nur zwar nicht sieben, doch acht Jahrzehnten den Anker ausgerechnet vor Haifa fallen läßt nicht mit wütigem Hochmut übers Kap der Guten Hoffnung, sondern – invers ein Ahasver! – von Deutscher Schuld bis in den Irrsinn beladen, das Geisterschiff zum Berliner Holocaustdenkmal geworden, aus dessen Grabmonolithen die Ermordeten in einen furchtbaren Halloween heraussteigen werden. Dabei ist allerdings nicht klar und kann es auch nicht sein, ob diese schaurige Wieder- und Widerkehr unter mit „Never again!‟ bedruckten gleichsam MAGA kappen nicht bloß ritualisierte Erinnerung ist. Doch zu erschütternd das ungeheure Bild, um noch Spuren unserer deutschen, längst institutionalisierten Schuldverarbeitung zu tragen, geschweige denn von „Staatsräson“, wie Angela Merkel vor der Knesset formuliert hat. Auch wenn sie so Israels Sicherheit als einen grundlegenden Teil deutscher Verantwortung festschreiben wollte, verrät allein das Wort „Räson‟ es als pure politische Formel.

Ebenso problematisch selbstverständlich – hier indessen, weil so wahr –, der inszenierte Blick auf die Schuld, die auch die Opfer auf sich luden – in keiner Weise vergleichbar, weiß Gott nicht! – , aber doch als eine, psychodynamisch gesehen, Folge der Not. „Nie wieder schwach sein!“ war staatlich fast von Anfang an Israels Doktrin. Von meiner ersten Reise durch Israel erinnere ich mich ausgesprochen unangenehm an all die brekerhaften, wie im kommunistischen Rußland errichteten Heldenstatuen; kein nachgeborener Deutscher meiner Generation hätte mit sowas weiter leben können: Wir in den Vierzigern und nach 1945 Geborenen trugen doch alle schuldlos die unentschuldbare Schuld in uns herum, auch wenn nicht jeder wie ich, ein Ribbentrop von Geburt, bereits in der Grundschule vom Klassenlehrer hören mußte, er werde auch einmal gehenkt wie sein „Großonkel“ werden – ein Satz, der an mir zeitlebens haften geblieben wie das Gelächter meiner Mitschüler darob. Auch sowas wird von Milo Rau berührt und gehoben; es dreht sich einem der Magen genauso um, wie wenn aus Notwehr – etwa des israelischen Militärs – selbst der Schrecken wird, sich schützen zu müssen in eignes schweres Unrecht führt. Willkommen in der Gegenwart.

 | © Foto: Deutsche Oper Berlin

Und dann gibt es in diesem Stück auch noch die Frau, eine, die den Holländer zu erlösen bereit ist, ja es herbeifleht – ein komplett eigener Wahn, der ihr zu gesunden so wenig wie dem Konflikt selber erlaubt: tiefste schwarze Tragik. Ihr Verlangen perpetuiert den Fluch ja noch! Dabei hat sich diese junge Jüdin eigentlich einem palästinensischen Jungen versprochen, der sie auch liebt, und sie liebt ihn – gäbe es nicht diese furchtbare Legende und ein Abbild, als Gemälde, des Verfluchten an der Wand. – Heikel freilich auch, daß Daland, ihr Vater, sie im Wortsinn verschachert, heikel hier besonders, weil das ja nun, jüdisch, dem bösen Vorurteil entspricht. Da er in Wagners Original jüdisch aber nicht ist, Ahasver vielmehr dem um Erlösung flehenden Holländer nahesteht, ist diese geradezu klischeehaft antisemitische Volte des schachernden Vaters eine kaum zu umschiffende Klippe, die eine solche Inszenierung allerdings auch riskieren muß Sie darf und kann es, denke ich, weil der antisemitische Rassismus ja selbst das Thema ist. Vielleicht wird das Stereotyp hier sogar besonders sichtbar, indem es auf Daland gerade trotz Tareq Nazmis, seines Sängers, sonoren, für die Vaterrolle in ihrer Selbstzufriedenheit geradezu scheußlich perfekten Baß. Der allen, mir ja auch, scheußlich gut gefiel. Welch also höchst produktive Gefährdung! Ob diese nächste schlimme Verführung, hier nun durch den Schönklang, zu Raus ästhetischem Kalkül gehört, weiß ich nicht zu sagen, kann‛s mir aber denken. Hinzu kommt, weil auch Gaza eine Rolle spielen muß … hinzu kommt, daß die dort verübten Greuel ganz sicher keine rassistische Ursache haben: Sie sind eine wie entsetzlich auch immer überschießende, möglicherweise sogar unausweichlich gewesene Reaktion auf die meuchelmordende Reaktivierung des furchtbarsten Traumas eines ganzen Volkes: Der Genozid drohte hier tatsächlich erneut – und droht doch immer noch! Pure Opfer/Täter-Verdrehung, es umgekehrt zu sehen, wahnhaft ja doch selber! Zumal es anzunehmen keinen Grund gibt, daß, hätte die Hamas die Waffen niedergelegt anstatt die eigene Bevölkerung als Opferlämmer auf der Schlachtbank festzuzurren, noch weiter bombardiert worden wäre. Genozide werden, egal wie rhetorisch begründet, ohne Bedrohungsszenarien durchgeführt; Akte der Notwehr sind sie nie. Das ist der prinzipielle Unterschied.

Nun spielt diese Inszenierung aber nicht nur auf der Bühne. Um Raus Ästhetik zu verstehen, ist es wichtig, das zu wissen. Seine Arbeit hat, mit der Planung der Inszenierung quasi parallel, als Dokumentation einer Art Reisereportage begonnen, die ihn und seine nachherigen Bühnenkommentatoren – die israelische Schauspielerin Sarah von Schwarze und der heute in Berlin lebende Israeli Shlomi Moto Wagner (ja, er heißt wirklich so, „Wagner“) – durch das heutige Israel führte, wo sie Gespräche mit Holocaust-Überlebenden, verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern sowie Mitbegründern von Kibbuzim zu führen, aber auch, um das Tabu zu brechen, Wagners Musik aufführen ließen. Alle Stationen wurden gefilmt und Teile dieser Filme nun auf den Bühnenhintergrund rückprojeziert. Weshalb wir während der Aufführung allezeit auch außerhalb der Oper sind, bzw. wird sie selbst Teil des dokumentarischen Materials. Die Vermischung dieser Genres, fast eine Aufhebung der Unterschiede, ist das ästhetisch tragendste Element dieser Inszenierung und knüpft an die frühe Moderne an, etwa an deren, hier nun aber belebte Montagen. Dabei wird Israels Geschichte miterzählt und auch die Nakba, also Vertreibung der arabischen Bevölkerung, nicht ausgespart, nicht die Kriege in Nahost seither, weder der Terror und seine Attentate noch der 7. Oktober schließlich, zu dessen Folge die nahezu komplette Verwüstung Gazas geworden – all das findet in diesem Holländer auf – ja sicher! – prekärste Weise zueinander: ein Präkariat der menschlichen Verlorenheit, hier wie da und dort. Und alle, wirklich alle kommen zu Wort, elend, wie sie werden, wenn sie’s nicht schon sind… dieser Erik etwa, bei Rau ein junger Palästinenser, der seine Senta innigst liebt. Auch hier wieder diese Ausweglosigkeit. Hätte nicht der beiden Liebe für eine Erlösung Israels und Palästinas stehen können? – erlösungspathetisch eben nicht! innige Verbundenheit statt dessen, menschlich, einfach, schlicht? Und da … da kommt dieser schuldbeladene Deutsche um Erlösung ein? Und unversehens erkennt er … ja! erkennt, als er Erik und Senta zusammensieht, erkennt das sich immer nur noch weiter perpetuierende Verhängnis. Daß ihm jetzt Erlösung wird, nämlich im Verzicht, hat keiner außer ihm gemerkt – und eben Senta auch nicht. Zwar sagt er sich von ihr los, doch kaum hat er’s getan – und begründet überdies –, bringt sie sich aus Treue zu ihm um. Den armen Erik läßt sie liegen.

Bei Wagner, ich erzählte es schon, schweben sie und ihr Erlöster umschlungen dann zum Himmel auf. Hier ist sie tot und er im unauflösbaren Konflikt nur weiter noch verschlungen. Ganz wie wir, als Zeugen der Geschehen. Nun gibt nur eins noch Hoffnung. Majd Asadi spricht es aus im Film, ein palästinensischer Tenor, der aus Gaza-Stadt übers Handy zugeschaltet ist: „Von Schuld kann man nicht erlöst werden. Ihr müßt Schuld in Verantwortung verwandeln. Sonst währt sie ewig.“ (Aus dem Gedächtnis zitiert.)

Alle verloren sonst, alle für immer ins Schicksal verflucht. Umso erschreckender, wie gut – und damit meine ich „furchtbar“ – Wagners Musik zu alledem paßt. Beinah durchweg Aufruhr, tobt und wütet sie: Selbst der Kitsch will in ihr gischten – am ausweglosesten, wenn die Seeleute im Hafen die Mannschaften des Holländers zum Mittrinken auffordern wollen und dann, unversehens, das Halloween beginnt. Bei Wagner bereits, nicht erst in der Inszenierung. Nur daß diese die Romantik weggestrichen hat. Never again, never again. But happening over and over. Jede und jeder an diesem Abend weiß genau, was sie spielen, was sie singen, Tomasz Koniecznys Holländer voran, dessen Stimme auch darum, spürte ich, irgendwann brach, in sich einbrach wie vom Ringen ums Erbarmen. Die Woche zuvor war er krank gewesen und sang trotzdem, so sehr war er Rolle, des Erbarmens so sehr bedürftig, von seiner Schuld fast schon erdrückt. Als er nicht mehr konnte, sprang Derek Welton für ihn ein – was für einen Regieeinfall hätte gelten können; Ebenen hat diese Inszenierung ja genug. Und daß Aušrinė Stundytės Senta hysterisch plötzlich losschrie, ja kreischte, anstelle ihren Sopran in heroischem Wohllaut zu baden, ließ auch eher auf leidenschaftliche Rollenidentifizierung schließen als auf stimmliche Schwäche; die Buhrufe, die sie später einzustecken hatte, waren eher ein Nachtreten – nach einer, die schon fällt – als wirklich begründet. Möglicherweise zwar hatte sie die Grenze zwischen kontrollierter Expressivität und stimmlicher Überforderung tatsächlich nicht mehr im Griff; doch selbst dazu paßt, daß Senta, also die Rolle, ohnedies schon lange nichts mehr beherrscht außer unbeherrschbarer, tiefpubertär-romantischer Sehnsucht nach dem Tod.

Ähnliches gilt für die Reaktion auf Giedrė Šlekytės Dirigat. Nein, sie ist ganz sicher kein Daniel Barenboim, kein Georg Solti, kein Teodor Currentzis und auch Joana Mallwitz noch nicht – aber gemessen daran, daß es überhaupt ihr erster Wagner war, hat sie den Taktstock famos geschlagen, und sie sich. Und hat, vor allem, die Sängerinnen und Sänger getragen. Bei einer solchen Partitur ist das nicht leicht. Sie gab ein gutes Tempo vor, nicht nur den Ausbrüchen vollen Raum, nein, auch Eriks elegischen, also auch leisen Momenten den Boden. Das almende Ausgebuhe war so mies wie Wagners Charakter. Die Leute wollten diese Inszenierung halt nicht, mir wurde bange deutsch. Sie wollten wie Senta, spürte ich, schwelgen im Tod, den der Komponist sie schwelgen auch hieß. Der es übrigens nicht ist: einer, der erlöst werden müßte; mit seinem Rassismus starb er ziemlich befriedet. Weshalb es, was ich der Inszenierung nun doch ankreiden muß, völlig verfehlt ist, ständig Richard Wagners Bild als das des Holländers zu nehmen. Dauernd sieht man diese Visage, im Bilderrahmen, auf dem Klavier des Dokumentarfilms, auf dem T-Shirt, überall. Als wäre er allein schuld gewesen, und nicht so gut wie alle Deutschen wären es gewesen, die zwar zum Mord befähigt waren, auch zu Gehilfinnen und Gehilfen ihrer aller Mengeles, zum großen Komponieren aber nicht. Ja, Wagner hat als der Juden Erlösung ihre Vernichtung proklamiert, insofern Hitlers grausen Weg gedanklich schon mal festgestampft. Das ist unbestreitbar. Wie er allerdings auf die industrielle, ich wage es „Umsetzung‟ zu schreiben … reagiert hätte, können wir nicht sagen. So bleibt die echte Schuld bei uns. Nicht er, sondern unsere Großeltern und Urgroßeltern haben sich die Hände blutig gemacht – alle die Schulzes und Müllers und Fischers als Wachmannschaften in den KZs, die Otto-Normalverbraucher-Denunzianten des knapp zwölf Jahre währenden Tausendjährigen Unheilsreiches sowie die Meiers und Schmidts in den Städten, die alles sahen und nichts dagegen, wenn sie nicht sogar mittaten, taten, nicht selten vor Haß begeistert sogar, und deren Nachfahren sich schuldig nicht mehr fühlen müßten, weil es halt Tausende Müllers, Schmidts und Schulzes gibt, deren Herkunft & Prägung verborgen deshalb bleibt. Auf wenige Berühmtheiten mit den Fingern zu zeigen, auf solche, die wir am Namen erkennen, verbirgt die eigene millionenfache Schuld. Und dennoch. Ihre Kinder, lange, lange noch danach, fühlten sich schuldig: Weh dir, wenn du ein Enkel bist! Um es biblisch auszudrücken: bis ins dritte oder vierte Glied. Bei 25 bis 30 Jahren pro Generation also bis zu 100 oder 125 Jahren, von Auschwitz an gerechnet also 2040 oder 2065, je nachdem … nach was? – Selbst noch mein Sohn, geboren 2000, hat es zu tragen. Da gehört Erlösung hin! Nicht in Wagners Konterfei. Und aber doch, welch ein Genie! Das ist, womit wir leben müssen – wie Frankreich mit Céline, die USA mit Pound … Ein jedes Land, wahrscheinlich, hat solche furchtbaren Größen, aus denen aber nicht selten neues Großes, das nicht mehr mies ist, hervorgeht, – Bruckners Sinfonien etwa, Mahlers, die Musiken Ravels, Debussys, sogar Arnold Schönbergs und die meisten aller Filmmusiken, deren allererste sowieso, strenggenommen, Wagner schrieb, und lange vor dem Film. John Williams verwendete in Star Wars intensiv Wagners Leitmotivik, Hans Zimmer gar, ein mindrer Epigone, zehrt von ihm ohne überhaupt eine Zutat. Große Popmusik habe Wagner geschrieben, erklärte einer der großen Popproduzenten. Kein zweiter Komponist, außer vielleicht Bach, und der erst ab Lauf des 19. Jahrhunderts, hat auf die musikalische Nachwelt solchen Einfluß ausgeübt, also kein dritter, und sie nach wie vor in hochkünstlerisch mitgestaltendem Griff wie dieser entsetzliche Antisemit.

 | © Foto: Deutsche Oper Berlin

Davon erlöst werden also, von dieser Ambivalenz? Auf keinen Fall. Auch das eine Qualität des Holländers von Milo Rau: daß wir lernen, dieses zu begreifen. Und auch auszuhalten. Nein, wir müssen seine Meinungen nicht teilen. Auf Meinung kommt es gar nicht an. Sondern darauf, daß einer wie er es wagt, was er wagt. Und es wagt, uns, mit vor Bedrückung dürrem Magen, so ratlos wieder zu entlassen. Ohne Erlösung, ecco.

Deshalb, auch wenn ich deutlich, ja mit Nachdruck mehr als er auf Israels Seite stehe, möchte ich Milo Rau für diese Inszenierung und ihren, ja, Mut sehr danken und wollte die aus meiner Sicht zumindest strittigen Positionen unbedingt diskutieren mit ihm. Denn das sind wir ihm schuldig und daß wir die unseren genauso ungeschützt vertreten – ohne Deckung durch wessen auch immer Schulterschluß. Vielmehr als Solitäre. Das hat er uns vorgemacht, und seine Sängerinnen und Sänger, Frau Sarah von Schwarze und Shlomi Wagner, und alle Musikerinnen und Musiker sowie ihre Dirigentin taten’s mit ihm. Achtung sind wir ihnen schuldig, selbst Richard Wagner schuldet ihnen Dank. So nämlich, fast nur so, läßt sich sein schlimmes großes Werk in eine nächste Zukunft retten: nicht für ihn selbst, o nein: für uns.

Auf daß wir es bedenken.

Besetzung

Daland
Tareq Nazmi

Senta
Aušrinė Stundytė

Erik
Attilio Glaser

Mary
Kai Rüütel-Pajula

Steuermann Dalands
Omar Mancini

Der Holländer
Michael Volle

ErzählerInnen
Sarah von Schwarze
Shlomi Moto Wagner

Chor
Chor der Deutschen Oper Berlin

Orchester
Orchester der Deutschen Oper Berlin

Letzte Änderung: 28.10.2026  |  Erstellt am: 28.10.2026

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