Tanz, Trauma und Transzendenz
Religion wird zum Musical: Mit der Prophetin Ann Lee erleben ihre Anhänger*innen eine klangliche Ekstase als Widerstand gegen die etablierte Ordnung. Regisseurin Mona Fastvold erschafft mit “The Testament of Ann Lee” ein außergewöhnliches Historienmusical, das weit mehr als nur die Biografie Ann Lees als religiöse Anführerin erzählt: Im Zentrum stehen die Bedeutung von Gemeinschaft, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und der Bruch mit traditionellen Strukturen. Mit einer starken weiblichen Figur im Mittelpunkt erfahren wir die spirituelle Wucht des Tanzes, die zunächst befremdlich wirkt, schließlich jedoch ihre eigene innere Logik entfaltet. Mehr als bloße historische Kuriosität, findet Gabriel Romano.
The Testament of Ann Lee ist kein gewöhnliches Musical. Das historische Drama aus dem Jahr 2025 entstand unter der Regie der Norwegerin Mona Fastvold, die gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Brady Corbet am Drehbuch arbeitete – beide hatten bereits an dem hochgelobten „Der Brutalist“ mitgewirkt. Der Film erhielt positive Kritiken, insbesondere für Amanda Seyfrieds Schauspielkunst, die für viele die beste Performance ihrer Karriere darstellt und ihr Nominierungen für den Golden Globe und den Critics’ Choice Award als Beste Hauptdarstellerin einbrachte.
Die Handlung spielt im England des 18. Jahrhunderts und folgt Ann Lee, Anführerin der Shaker-Bewegung, deren Name von ekstatischem Gesang, Tanzen und Schütteln während religiöser Rituale stammt. Ann Lees Biografie im Film beginnt an dem Tag, an dem sie auf die religiöse Sekte der „Shaking Quakers“ trifft, die daran glaubt, dass Jesu zweite Ankunft auf der Erde durch eine weibliche Figur stattfinden würde. Sie wird zu einem Mitglied der Sekte und heiratet den Glaubensbruder Abraham. Mit ihm erlebt sie Abrahams Interesse an Sadomasochismus und Oralsex, was die Hemmung ihrer Sexualität weiter verstärkt. Außerdem wird sie viermal schwanger, doch alle vier Kinder sterben tragisch im frühen Säuglingsalter. Zusammen mit einem Kindheitstrauma – als Ann Lee ihre Eltern beim Sex erwischt hatte – entwickelt sie eine bestimmte Haltung gegenüber Sexualität, die später ihre religiösen Überzeugungen maßgeblich beeinflussen wird.
Mit den Quakers beginnt Ann Lee durch öffentliche Demonstrationen die Einheimischen zu verunsichern und den öffentlichen Frieden zu stören – einschließlich der Unterbrechung des kirchlichen Gottesdienstes –, sodass die Behörden Ann inhaftieren. In ihrer Zelle hat sie eine Vision von Adam und Eva im Garten Eden, während sie in der Luft schwebt. Sie interpretiert dies so, dass die Erbsünde aus sexueller Lust bestand und die Menschheit sich folglich von Geschlechtsverkehr enthalten müsse. Nachdem sie freigelassen wurde, teilt sie ihre religiösen Erfahrungen mit den Quakers, und diese kommen zu dem Schluss, dass sie die weibliche Christusfigur sein müsse, auf die sie gewartet hatten – sie gründet unter dem Namen „Mother Ann“ die Shaker-Bewegung.
In England beginnt die Shaker-Bewegung, den traditionellen Gottesdienst der etablierten Kirche zu hinterfragen und Ann Lee reist mit einer kleinen Gruppe von Shakers nach Amerika, um ihre Mission dort fortzusetzen und mehr Menschen zur Bewegung zu bekehren, weil sie in England wegen ihrer lauten und ekstatischen Form des Gottesdienstes verfolgt wird. Sie gründet neue Gemeinschaften in verschiedenen Siedlungen, obwohl manche Menschen sie der Hexerei verdächtigen. Auf einem regionalen Bauernhof wird Ann Lee von wütenden Gegnern attackiert, der Ort niedergebrannt und die Shakers angegriffen. Ein Jahr später stirbt sie, noch schwer verletzt und nicht vollständig von dem traumatischen Angriff genesen, im Alter von 48 Jahren.
Mehr noch als die Biografie einer religiösen Anführerin erzählt der Film grundsätzlich vom Bruch mit traditionellen Strukturen und von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Transzendenz und gemeinschaftlicher Gnade. Ann Lees Vision einer religiösen Utopie erscheint dabei nicht nur als spiritueller Impuls, sondern auch als Ausdruck eines allgemein menschlichen Wunsches, die Welt neu zu gestalten – ein kreativer Impuls, den nicht nur religiöse Akteure wie sie teilen, sondern auch kreative Bewegungen wie die Kunst selbst.
Die komponierte Musik, die Choreografien und die Gesänge gehören definitiv zu den Höhepunkten des Films. Als historisches Musical überrascht der Film damit, die traumatische, zugleich wilde Biografie einer weiblichen Führungskraft erfolgreich mit Liedern und Choreografien zu verbinden, ohne dabei unfreiwillig komisch zu wirken. Die Musical-Elemente funktionieren hier besonders gut, weil sie mit den einzigartigen religiösen Praktiken und dem Schütteltanz der Shakers harmonieren. Die Choreografin Celia Rowlson-Hall betonte die Wichtigkeit der Inszenierung eines heftigen, krampfartigen Zitterns im Tanz, die gemeinsam mit der Musikarbeit des Komponisten Daniel Blumberg – der bereits mit Fastvold und Corbet bei „Der Brutalist“ zusammenarbeitete – eine einzigartige Performance für den Film erschaffen. Blumberg verbindet alte Shaker-Spirituals mit modernen Chören, Perkussionsinstrumenten sowie Streichern und verleiht dem Film dadurch eine zugleich historische und moderne Klangwelt.
The Testament of Ann Lee kann sich beim ersten Kontakt befremdlich anfühlen – ein historisches Musicaldrama über die religiöse Verbreitung einer alternativen weiblichen Messiasfigur im Gegensatz zur etablierten Kirche des 18. Jahrhunderts ist schließlich keine Mischung, der man oft begegnet. Der Film bleibt jedoch im Gedächtnis, weil er nicht nur eine herausragende Performance Seyfrieds mit Musical-Elementen liefert, sondern Spiritualität auch als menschliche Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Hoffnung darstellt – und nicht bloß als historische Kuriosität.
Letzte Änderung: 02.09.2026 | Erstellt am: 02.09.2026
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