Radikalisierte Jugend
Ein 13-Jähriger ermordet seine Mitschülerin – und die Netflix-Serie „Adolescence“ nimmt diesen Ausgangspunkt zum Anlass, unbequeme Fragen zu stellen. Sie hinterfragt die vorschnelle Vorstellung vom Täter als Monster und richtet den Blick auf gesellschaftliche Normalisierungen, die solche Gewalt mit hervorbringen. Mit ihrer besonderen filmischen Gestaltung und eindringlichen Darbietungen entfaltet die Serie eine Geschichte über Misogynie, emotionale Isolation und die Krise einer entfremdeten Gegenwart. Viel mehr als ein bloßes Krimidrama, meint Gabriel Romano.
Jamie Miller wirkt zunächst wie ein gewöhnlicher Jugendlicher. Doch diese Erwartung wird bereits in den ersten zehn Minuten der ersten Folge der Miniserie Adolescence gebrochen: Die Polizei stürmt Jamies Haus, weil er eines Mordes verdächtigt wird. Der erste Eindruck ist verstörend: schwer bewaffnete Polizisten mit Schutzschilden und Masken verhaften einen schutzlosen 13-Jährigen, der am Morgen noch in seinem Bett liegt. Die Familie ist verzweifelt, vieles bleibt unklar – und als Zuschauer*innen spüren wir sofort ein tiefes Unbehagen.
Im weiteren Verlauf wird Jamie auf ein Polizeirevier gebracht und verhört. Dort zeigen die Ermittler ihm und seinem Vater eine Kameraaufnahme eines Parkplatzes vom Vorabend. Darauf ist zu sehen, wie Jamie eine Mitschülerin tötet. Sein Vater, der ihn als erziehungsberechtigte Begleitperson begleitet, bricht unter dem Eindruck der Aufnahme in Tränen aus.
Die zweite Folge führt an Jamies Schule. Zwei für das Strafverfahren zuständige Polizisten hoffen, durch Gespräche mit Mitschüler*innen Jamies Motiv zu verstehen und die Tatwaffe zu finden. Ein Mitschüler berichtet von einer möglichen Cybermobbing-Situation: Katie, die ermordete Mitschülerin, habe Jamies romantische Annäherungsversuche abgelehnt und ihn online als Incel bezeichnet. Am Ende der Folge gesteht Ryan, Jamies enger Freund, dass er Jamie ein Messer gegeben hatte, um Katie zu erschrecken – ohne zu wissen, dass Jamie die Tat tatsächlich begehen würde.
Die dritte Folge setzt sieben Monate nach dem Mord ein. Jamie ist inzwischen in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht und wird von einer Gerichtspsychologin besucht, die ein Gutachten über sein Verhalten und seinen psychischen Zustand für die Verhandlung vorbereiten soll. In diesem Gespräch tritt Jamies Blick auf Frauen, Männlichkeit und die Umstände seiner Tat zutage – mal in ruhigen, kontrollierten Momenten, mal in heftigen Wutausbrüchen. Diese extremen Stimmungsschwankungen wirken auch auf die Psychologin erschütternd. Sie hält fest, was sie für den Fall benötigt, und bricht nach der emotionalen Anspannung des Gesprächs selbst in Tränen aus.
Die vierte und letzte Folge richtet den Blick auf Jamies Familie, die nach der Tat öffentlich identifiziert und sozial geächtet wird. Ein Jahr nach dem Verfahren warten Vater, Mutter und Schwester noch immer auf das Urteil und suchen zugleich immer wieder die Schuld bei sich selbst. Am Ende bricht der Vater allein auf Jamies Bett zusammen: Er deckt einen Teddybären zu, küsst ihn auf den Kopf und entschuldigt sich bei Jamie dafür, kein besserer Vater gewesen zu sein.
Das Netflix-Drama geht damit weit über eine krimiartige Handlung hinaus. Im Zentrum stehen zunehmende Misogynie und die Normalisierung von Frauenfeindlichkeit – insbesondere durch soziale Medien, in denen Jugendliche mit toxisch-männlichen Weltbildern in Berührung kommen und diese verinnerlichen können. Jamies Tat erscheint vor diesem Hintergrund als Spitze des Eisbergs: als drastischer Fall einer Feindseligkeit, die so stark internalisiert und psychisch nicht verarbeitet wurde, dass sie sich in Gewalt entlädt.
Jede Folge besitzt dabei einen eigenen erzählerischen Schwerpunkt. Gemeinsam formen sie eine zusammenhängende Geschichte, funktionieren jedoch auch für sich genommen. Besonders bemerkenswert ist die filmische Gestaltung: Alle Folgen wurden als One-Shot-Aufnahmen inszeniert. Über jeweils etwa eine Stunde hinweg mussten Schauspieler*innen, Produktionsteam und alle weiteren Beteiligten präzise zusammenspielen, weil kein Schnitt die Darstellung auffangen konnte. Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Inszenierung, die die Aufmerksamkeit unmittelbar bindet.
Regie führte Philip Barantini, der bereits durch seine Arbeit an Boiling Point besondere Bekanntheit erlangte und sich mit Adolescence weiter als markanter Regisseur profiliert. Besonderes Lob verdienen Owen Cooper als Jamie, Stephen Graham als Jamies Vater – der auch am Drehbuch mitwirkte – sowie Erin Doherty als Gerichtspsychologin. Ihre Darstellungen sind überzeugend, intensiv und realistisch; insgesamt fällt keine schauspielerische Leistung ab.
Mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter acht Emmys und vier Golden Globes, hat sich Adolescence seit seiner Veröffentlichung im März 2025 nicht nur als mediales Erfolgsphänomen etabliert, sondern auch als gesellschaftlicher Kommentar zu einer zunehmend entfremdeten Gegenwart. Die Serie zeigt, wie digitale Räume zu Orten der Radikalisierung, der Misogynie und der emotionalen Isolation werden können – besonders für Jugendliche, deren Weltbilder stark online geprägt werden und die ihre Frustrationen nicht verarbeiten. In einer Zeit, in der Polarisierung, soziale Segregation und ideologische Feindbilder in vielen Bereichen der Gesellschaft sichtbar sind – von Geschlechterrollen bis hin zu Migrationsdebatten –, erinnert Adolescence an die Dringlichkeit, diesen Entwicklungen entgegenzutreten. Die verstörende Kraft der Serie liegt dabei nicht darin, ein Monster zu zeigen, sondern einen scheinbar gewöhnlichen Jugendlichen, dessen Gewalt aus einem Umfeld hervorgeht, das gesellschaftlich längst normalisiert wurde.
Letzte Änderung: 25.06.2026 | Erstellt am: 25.06.2026
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