Musikfest Berlin 2026

Musikfest Berlin 2026

Das Konzerthausorchester Berlin mit Henzes programmatischer Neunter, von Joana Mallwitz ausgewählt
Henze IX Musikfest | © Alban Nikolai Herbst

Henzes Neunte als Fanal: ein Konzertabend zwischen Geburt und Einsprung, Trauer und Widerstand, musikalischer Wucht und politischer Gegenwart. Joana Mallwitz’ Wahl dieses selten aufgeführten Werks trifft den Nerv einer Zeit, in der sich Erinnerung nicht besänftigen läßt.

Selbstverständlich möchte ich es keinen „Jammer‟ nennen, daß dieses Konzert – gefühlt für mich der geradezu fanale Anfang des diesjährigen Berliner Musikfestes – … von Mallwitz nicht auch dirigiert werden konnte, sondern Duncan Ward für sie eingesprungen ist. Insofern Henzes Neunte in keiner Weise zum dirigentischen Repertoire gehört, war allein schon das wahrhaftig eine Leistung. Ich hörte sogar, es sei sein Henze- Debut gewesen. Wenn das stimmt, dann wirklich alle Hochachtung! Übrigens tanzt er eher, als daß er dirigiert – was spannend ist, weil sogar seine Schlagtechnik davon inspiriert zu sein scheint. Gleichzeitig störte es aber auch ein wenig, also mich, weil es einiges von meiner Konzentration abzog. (Immer wieder erstaunlich, wie sehr mir visuelle Wahrnehmungen jeden akustischen Eindruck verfälschen.)
Also. Ein Jammer nicht, nur halt etwas schade. Und doch wunderbar, denn drei Tage vorher brachte Frau Mallwitz ihr zweites Kind zur Welt, nunmehr eine Tochter. Wir wünschen ihr von ganzem Herzen Glück, und sie dürfte Mr. Wards enormen Part einigermaßen erleichtert haben, weil sie ihr Orchester in das Stück schon weitgehend eingearbeitet haben dürfte; er mußte es wohl einfach „nur‟ kennen. Und wird in den Zeiten eines erschreckenden Wiederauflebens eines zumal deutschen Antisemitismus die Botschaft sofort auch erfaßt haben, über Henzes Widmung noch hinaus, die den Widerstandskämpfern gegen den Hitlerfaschismus galt und nach wie vor, klar, gilt. Ich habe keinen Zweifel daran, jedenfalls konnte ich die Sinfonie anders gar nicht hören, daß Frau Mallwitz dieses Stück des 7. Oktobers 2023 und des Massakers fataler Folgen wegen wählte, zu denen u.a. gehört, die meuchelmörderische Hamas für eine Freiheitsbewegung zu halten. Daß besonders junge Menschen dies tun, es ihnen an den Universitäten so auch noch beigebracht wird, gehört geistig zum schlimmsten Horror unserer Zeit. Auch hiergegen stemmt sich, als hätte er sowas vorausgeahnt, Henzes großes, ausgesprochen expressives Werk. In Deutschland hat er eh nie leben mögen, auch wenn es ihn, sehr deutsch, gezogen nach Italien hat.
Je öfter wir diese Sinfonie hören, übrigens, desto näher wird sie uns gehen, angehen, muß ich heute schreiben. Was auch damit zu tun hat, daß Henze zeit seines Lebens kein dogmatischer Komponist gewesen ist; stets hat er auch auf harmonische Strukturen zurückgegriffen, sich den Darmstädter Dogmen niemals gebeugt, ja, die Ablehnung jeglicher Anklänge an die traditionelle Harmonielehre für eine Zwangsjacke gehalten, die im übrigen noch lange Zeit nach Lockerung dieser Dogmen dafür gesorgt hat, daß die sogenannte E-Musik ihr Publikum fast völlig verlor. Um es so zu sagen: Die Darmstädter Dogmen haben dem Entertainment des, um mit Adorno zu sprechen, kulturindustriellen Verblendungszusammenhangs ebenso die Steigbügel gehalten, wie es heutzutage die dogmatische ‚Wokeness‘ der wiedererstarkten politischen Rechten tut.
Dümmer geht es eigentlich nicht, nur daß hier „dumm‟ zu Grauen wird – zumindest dabei ist, es zu werden.

Die Vorlage für Henzes Librettisten Hans-Ulrich Treichel war Anna Seghers’ berühmter Roman „Das siebte Kreuz‟, den Treichel aber nicht nacherzählt; vielmehr schafft er eine entindividuierte Dichtung aus einzelnen, sehr ausgesuchten Motiven, die es so erlauben, jenseits des eigentlichen Anlasses auch überzeitliche Aussagen zu treffen:

Wir haben den Regen geprügelt,
gefoltert das Laub und gemartert das Licht.
Wir haben Äxte und Sägen geholt.
Zerrissen den Wald, zerrieben die Steine,
wir haben den Staub zum Weinen gebracht.

So kennt diese Chorsinfonie keine Solisten – nicht nur dieser Seltenheit halber durchaus mit Allan Petterssons genau zwanzig Jahre vorher uraufgeführter Sinfonie Nr. 12 vergleichbar, diese auf Pablo Nerudas „Los muertos de la plaza‟ geschrieben. Was bei Henze trauerndes Angedenken ist, allerdings, nach Seghers’ und Treichels

Sei ohne Hoffnung. Deine Augen sind leer.
Der Mund ist verwest. Deine Zunge ist Erde.
Sei ohne Hoffnung, sei still.

– ist bei Neruda schon Aufruf zum Widerstand direkt. Wie erfüllend da, daß es an diesem Konzertabend das Publikum für Henzes Sinfonie ganz genauso wahrnahm. Für auch nur die Spur von Antisemitismus gab es im großen Saal der Philharmonie nicht einen Zentimeter Platz. Und gefühlt, nachdem das Stück verklungen war, herrschte minutenlang Stille, bevor dann doch die Ovationen wogten. Dennoch, ein bißchen ist es bei solchen Werken, als würde nach einem Requiem geklatscht. Eigentlich gehört es sich nicht, sondern müßte sein, wie im → Juli 1988 in Dießen, als nach dem Stück nur die Glocken zu hören sind und Leonard Bernstein durch sein Orchester stumm abgeht. Ich erinnere mich auch gut einer noch anderen Aufführung, an deren Ende er sich jeglichen Applaus vermittels seiner nach hinten ausgestreckten Arme schlichtweg verbat.
Andererseits, sollte mein Eindruck stimmen, wäre allein die Trauer fehl am Platz: Wer Widerstand leistet, braucht Hoffnung. Dann ist zu klatschen doch erlaubt, dann kann’s davon nicht genug sein.

Wie auch immer, das Konzerthausorchester, gerade in diesem Saal, war von außerordentlicher Präsenz: Immerhin ist Henzes Sinfonie hier auch uraufgeführt worden, sogar mit dem gleichen, wenn auch nicht, lebensalternderweise, demselben, nämlich dem Rundfunkchor Berlin – und es war der Abend vor einer weiteren Uraufführung, nämlich Yvonne Loriods durch Kent Nagano entdecktem ‚La Sainte Face‘ aus dem Jahr – ja, Sie lesen richtig – 1945. Davon werde ich aber getrennt schreiben. Denn so eng hier alles auch zusammenhängt, braucht doch ein jedes seinen Raum.

Letzte Änderung: 08.09.2026  |  Erstellt am: 08.09.2026

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