„Kulturelle Enteignung“

„Kulturelle Enteignung“

Unter Sternen – ohne Schoeck: Zur Vorstellung der nächsten Saison des Konzerthauses Berlin
Konzerthaus Berlin, Mittendrin | © Frank Loeschner

Das Konzerthaus Berlin kündigt seine neue Saison an – und setzt mit dem Festival „Unter Sternen“ ein irritierendes Zeichen: Der Titel stammt von Othmar Schoeck, doch sein Werk fehlt, sein Name ebenso. Alban Nikolai Herbst findet es skandalös und sieht darin mehr als nur eine unglückliche Programmentscheidung: Es ist eine symbolische Enteignung musikalischer Geschichte. Zugleich zeigt sich Herbst vom Festival aber begeistert. Denn als Intro wird im Großen Saal des Hauses Stanley Kubricks epochales „2001 – A Space Odyssey“ wortwörtlich zur Aufführung gebracht, „denn die den Film tragenden Musiken von Johann Strauß über Richard Strauss und Aram Chatschaturjan bis zu György Ligeti werden unter Peter Rundels Leitung als neue ‒ aber live ‒ Tonspur vom Konzerthausorchester vorgetragen werden.“

Ich bin noch immer fassungslos – derart, dass ich nicht einmal wütend werden kann.

Gestern stellte das Konzerthaus Berlin seine kommende Saison vor. Im gut gefüllten Werner-Otto-Saal saßen wir zum Presseempfang zusammen; auf dem Podium Tobias Rempe, der Intendant, Joana Mallwitz, die Chefdirigentin des Konzerthausorchesters, sowie die beiden Artists in Residence, Unsuk Chin und Vera-Lotte Boecker.

Mallwitz und Rempe haben eine weitere höchst erfolgreiche Saison hinter sich. Das neue Programm knüpft daran beinah nahtlos an und setzt mit gleich zwei Festivals sogar noch eins drauf. Parallel wird eine Beethoven-Sinfonienreihe laufen; nun ja, geschenkt. Vermutlich wird es irgendwann eine Gesamtaufnahme bei der Deutschen Grammophon geben. So funktioniert halt der Betrieb.

Begeistert hat mich etwas anderes, nämlich das zweite Festival, das im Großen Saal Stanley Kubricks epochales „2001 – A Space Odyssey“ im Wortsinn zur Aufführung bringen wird. Denn die den Film tragenden Musiken von Johann Strauß über Richard Strauss und Aram Chatschaturjan bis zu György Ligeti werden unter Peter Rundels Leitung als neue ‒ aber live ‒ Tonspur vom Konzerthausorchester vorgetragen werden. Das ist einfach nur grandios. Dazu dann Gustav Holst, Unsuk Chin, Georg Friedrich Haas und andere … um ein Wort Jan Kjærstads zu verwenden: Hier wurde groß gedacht. Und doch.

Das Festival wird „Unter Sternen“ heißen – so, wie ein bedeutender Liederzyklus Othmar Schoecks. Keine andere für das Festival vorgesehene Komposition trägt diesen Titel. Dennoch wird der Mann nicht einmal genannt, und zwar bewußt nicht. Als ich nämlich nachfragte, gab mir Tobias Rempe folgende Antwort:

Wir haben natürlich über diesen Liederzyklus nachgedacht; er wird tatsächlich nicht im Festival … Das ist ja immer so, man muss gucken, auf welche Art und Weise – mit Werken, die über den Titel oder auch über ihre Ausrichtung gut reinpassen würden – in welche Weise könnte man sie verbinden. In diesem Fall ist es einfach so: Das Festival hat eine begrenzte Dauer, und wir haben uns einfach für den Liederzyklus von George Crumb, ‚Apparition‘, entschieden. Nicht gegen Herrn Schoeck, sondern für Herrn Crumb.

Einfach? Wie das?, kann ich da nur fragen. Gegen Crumbs Zyklus ist zwar tatsächlich nichts zu sagen. Und die Frage lautete auch nicht, warum Schoeck nicht vorkommt. Aber wieso wird dann sein Titel verwendet? Der Name bleibt im Programm, die Komposition verschwindet. Aus einem konkreten musikalischen Werk wird eine atmosphärische Chiffre für Kosmos, Nacht und Sternenhimmel. Das mag harmlos erscheinen. Doch ist es skandalös, ist symbolisch Enteignung. Man stelle sich ein Festival namens „Traviata“ vor, das Verdi verschwiege. Oder einen „Sommernachtstraum“ ohne Shakespeare, Britten, Mendelssohn-Bartholdy. Die Proteste schlügen Wogen.

Dabei wäre es so einfach gewesen! „Star-Child“ heißt das letzte Kapitel des Romans, den Arthur C. Clarke nach seinem und Stanley Kubricks Drehbuch zu „2001“ geschrieben hat – „Sternenkinder“ hätte sich angeboten, weil damit sogar noch die Klammer zum Spielfilm geschlossen worden wäre. Aber nein, man mußte Othmar Schoeck kulturell enteignen. So hinterläßt diese Art des Umgangs mit einer Musikgeschichte, auf die man sich zugleich beruft, auf einem hinreißenden Programm den fetten Fleck einer Schändung. Und alle haben mitgemacht. Jedenfalls hat niemand, scheint es, protestiert, wohl auch die große Mallwitz nicht. Aber anstatt daß nun ich es tue, hören Sie von Othmar Schoeck einfach nur dieses Stück. Und erahnen sofort den Verrat:

Letzte Änderung: 03.06.2026  |  Erstellt am: 03.06.2026

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