Im Schatten der Trauer
Das Leben des wohl größten englischen Dichters Wiliam Shakespeare kommt auf die Kinoleinwand – auch wenn er nicht der Protagonist ist. Der Roman “Hamnet” der Autorin Maggie O’Farrell erhält 2025 eine gleichnamige filmische Adaption, die der hochgelobten Romanhandlung neue Elemente und sensible Perspektiven hinzufügt. Der Film erweist sich dann als ein transformatives Werk, das die Arbeiten der Regisseurin Chloé Zhao sowie der Hauptdarstellerin Jessie Buckley auf ein neues Niveau hebt. Mehr als ein Historiendrama ist der Film eine bewegende Geschichte über Familienkonflikte, Verlust und die Frage, wie wir mit Schmerz umgehen. Eine eindringliche, zugleich brutale und fragile Schönheit in filmischer Form, findet Gabriel Romano.
Hamnet ist eine Zeitreise: eine immersive Reise in die 1580er Jahre, in das kleine Dorf Stratford-upon-Avon im englischen Warwickshire mit wunderschönen Shots der englischen Natur, der bombastischen Grüntöne des Sommers, der regnerischen Wälder und traumhaften Landschaften. Zugleich ist Hamnet eine Reise nach innen, eine psychoanalytische Studie über die global nachvollziehbaren Gefühle von Einsamkeit, Trauer und Schuld. Die Reise nach außen wird durch die Dreharbeit und Regie von Chloé Zhao sowie das Szenenbild von Fiona Crombie abgebildet, und die Reise nach innen durch die herausragende Schauspielkunst von Jessie Buckley (Agnes Shakespeare) und Paul Mescal (William Shakespeare). Und egal, wohin diese Reise führt, Hamnet ist eine transformative Erfahrung.
Der 2025 ins Kino gekommene Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell aus dem Jahr 2020. Die Handlung folgt dem zarten, genuinen Verlieben, das Agnes, einer Bauerntochter, und den Lateinlehrer William überwältigt. Gegen den Willen ihrer Familie heiraten sie und bekommen drei Kinder: die älteste Tochter Susanna, gefolgt von den Zwillingen Hamnet und Judith. William fühlt sich trotz der Glückseligkeit in einer emotional eng aneinandergerückten Familie durch den Alltag im Dorf entfremdet: Seine Leidenschaft fürs Schreiben wächst von Tag zu Tag, ebenso sein Wunsch, mehr von der Welt zu erfahren. Er zieht allein nach London, um sich der Arbeit fürs Theater zu widmen; seine Familie bleibt in Stratford. Plötzlich greift die Tragödie in das gemächliche Leben der Familie Shakespeare ein und erschüttert die emotionalen Dynamiken zwischen Agnes und William. Agnes leidet, weil William verschwunden ist ‒ nach London.
In der britischen Hauptstadt produziert William ein neues Stück mit dem Titel Hamlet. Agnes’ Verdrossenheit über die Verwendung des Namens ihres Sohnes für andere Zwecke wird schnell zu einem sensiblen Verständnis dafür, dass es nicht darum geht, dass William frech oder gleichgültig gegenüber seiner Familie ist, sondern dass er seine Gefühle anders verarbeitet, als Agnes es tut (übrigens der Name ist zwar nicht der gleiche, aber er weist eine klare Referenz zu ihrem gemeinsamen Sohn auf: der Tausch des Buchstabens ist symbolisch; Shakespeare hat das wohl bewusst gewählt, um das Theaterstück seinem Sohn zu widmen, und Agnes hat das so natürlich sofort verstanden). Zwischen überwältigender Trauer, verzehrender Verbitterung über Verlassenheit sowie empfundener Schuld aufgrund von Abwesenheit entfaltet sich eine Geschichte, die uns die Komplexität menschlicher Gefühle und Handlungen deutlich zeigt.
Hamnet ist eine Tragödie, so wie Williams Stück Hamlet – eine gelungene Metaebene. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Einfluss tragischer Ereignisse auf die emotionalen Dynamiken der Hauptfiguren, doch vielmehr vermittelt die Handlung eine wertvolle Botschaft. Agnes und William sind sehr unterschiedlich: Ihre Hintergründe, Erfahrungen und Persönlichkeiten finden nur in wenigen Momenten gemeinsame Berührungspunkte. Doch diese Unterschiede waren bis zum tragischen Schlag der Katalysator ihrer Liebe; sie verliebten sich ineinander, weil eine fremde Person zum ersten Mal in ihrem Leben den anderen menschen in seiner ganzen Totalität gesehen hat. Wenn die Tragödie aber eintritt, werden diese Unterschiede – in die sie sich verliebt haben – zu einer scheinbar unüberwindbaren Barriere, will man doch verstehen, wie die andere Person handelt. Die eigenen Überzeugungen, Perspektiven und Gefühle treten in den Vordergrund, und durch ein empfundenes Ressentiment – ausgelöst durch Ablehnung oder Unverständnis des anderen – wird jede Möglichkeit blockiert, den anderen zu verstehen, selbst bei geliebten Menschen um sich herum.
Der Film zeigt uns jedoch die Singularität und Wichtigkeit der Dichtung, letztendlich der Kunst, bei Konflikten und Unannehmlichkeiten. Als Agnes Williams Stück vor Ort erlebt, bekommt sie eine ganz andere Perspektive auf ihren Mann; sie versteht, dass das universelle Gefühl von Trauer von Mensch zu Mensch unterschiedlich verarbeitet wird – in Williams Fall kann dies nur durch seine Dichtung geschehen. Die Handlung veranschaulicht, warum Kunst ein wirksames Mittel ist, um mit komplizierten, oft schwer ausdrückbaren Gefühlen umzugehen und ein gemeinsames Verständnis füreinander aufzubauen: was Regisseurin Chloé Zhao im März 2026 in der US-amerikanischen Sendung The Drew Barrymore Show auch eindrucksvoll bestätigte: „Sometimes the only way to bring us back is through poetry, because there is something mysterious about it. It’s not factual and that’s why we reach for arts and storytelling in moments like that to connect us.“
Zhaos Regie ist sehr zu loben. Ihre künstlerische Perspektive ergänzt die bereits bekannte Geschichte von O’Farrell auf eine Weise, die so wirkt, als wäre ihre Regiearbeit die einzig geeignete dafür. Zhao bezaubert das Publikum, indem sie die Hauptfigur Agnes mit ihrem persönlichen, spirituellen Touch auf die Leinwand bringt: Zhaos Faszination für das Mysterium und ihre Neigung zu buddhistischen Lebensperspektiven verkörpern sich in Agnes’ Verhältnis zum Unsagbaren, zu ihren Ahninnen, zum Wald und zur Natur. Referenzen zu Heidentum, Kelten und Druiden, die im englischen Umfeld verankert sind, fungieren als spirituelle Manifestationen in Agnes’ Figur. Dies sind Elemente, die bereits im Roman präsent waren, hier aber weiter (oder spezifisch filmisch) ausgearbeitet und zum Kern von Agnes’ Handeln gegenüber sich selbst sowie ihrer Familie gemacht werden. Parallelen zwischen Regisseurin und Charakter verleihen Regie und Schauspiel eine zusätzliche, beinahe magische Note und beeindrucken ‒ man hat keine Zweifel.
Ein besonderes Lob gilt der Schauspielerin Jessie Buckley, die mit ihrer verletzlichen, genuinen und urgewaltigen Darstellung der Agnes Shakespeare einen Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Mit roher Emotionalität und magnetischer Präsenz fällt es schwer, den Blick von ihr abzuwenden, wobei auch die anderen Schauspieler keineswegs enttäuschen. Dafür wurde Buckley mit einem Oscar, einem Golden Globe, dem BAFTA Award sowie dem Actors Award als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Zusammen mit dem detaillierten Szenenbild, der Charakterisierung der Figuren sowie der emotionsgeladenen Schauspielerei aller Beteiligten ist eine Welt entstanden, deren Handlung so real wirkt, dass sie nahezu fassbar wäre. Technisch lässt der Film auch keinen Anlass zur Kritik: Die Gestaltung der Szenen ist wunderschön in den englischen Landschaften verankert; die Aufnahmen verbinden intime Kameraarbeit – die die inneren Unsicherheiten und Emotionen der Figuren spürbar macht – mit weiten Einstellungen, die das ruhige Stratford dem geschäftigen, teils chaotischen London gegenüberstellen. Das Tempo ist bewusst ruhig gehalten, was sich positiv entfaltet, da es dem Publikum Zeit gibt, sich allmählich gemeinsam mit den Bildern und Dialogen in die Geschichte hineinzubegeben. Beeindruckend ist auch die Filmmusik, in der unter anderem „On the Nature of Daylight“ aus dem Album The Blue Notebooks des in Deutschland geborenen britischen Komponisten Max Richter verwendet wird – ein Stück, das die melancholische Grundstimmung des Films eindringlich verstärkt.
Hamnet ist somit eine vielschichtige Geschichte, die die Emotionen des Publikums nicht nur berührt, sondern aktiv formt. Die zugleich fragile und brutale Schönheit der Handlung entfaltet eine nachhaltige Wirkung, die uns ständig daran erinnert, dass Kunst in Zeiten von Unsicherheit, Verlust und menschlichen Konflikten ein zentrales Mittel sein kann, um Sinn im Leben wiederzufinden. Vielleicht ist sie sogar eines der wenigen Mittel, das es uns erlaubt, das Unsagbare auszudrücken und einander trotz aller Unterschiede wieder näherzukommen.
Letzte Änderung: 01.07.2026 | Erstellt am: 01.07.2026
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