Die Wiederentdeckung einer Oper
Am Staatstheater Mainz wurde die teils verschollene Oper von Julia Kerr in einer vervollständigten und rekonstruierten Version uraufgeführt. Teils Revue, teils Groteske und teils Satire ist die Inszenierung von Lorenzo Fioroni am Staatstheater Mainz eine schauspielerische Herausforderung für Sänger und Chor, die alle zusammen eine gelungene unaufdringlich amüsante Vorstellung geben. Stefana Sabin war auf der Premiere in Mainz.
Aus dem autobiographischen Roman von Judith Kerr, der Tochter von Alfred und Julia Kerr, weiß man von der fluchtartigen Emigration der Familie aus dem nationalsozialistischen Berlin. Weil im spärlichen Gepäck die Partitur einer Oper, die ihre Mutter nach einem Libretto des Vaters komponiert hatte, so viel Platz nahm, musste die Tochter ihr rosa Kaninchen zurücklassen. Das verwaiste Kuscheltier wurde zum Symptom der Flucht, der Entbehrungen, die das Leben im Exil bedeutete. Und die Oper, die 1933 gerade in Hamburg angenommen worden war und dessen Partitur die Familie auf ihren Stationen durchs Exil von Berlin nach Stuttgart nach Zürich nach Paris und von dort nach London begleitete, wurde ihrerseits zum Symptom von Resilienz.
Denn die Oper wurde zwar nicht aufgeführt, aber auch nicht ganz vergessen. So wurden Auszüge der Oper 1949 im NWDR aus Anlass von Einsteins 70. Geburtstag ausgestrahlt und 1952 und 1953 im Bayerischen Rundfunk längere Ausschnitte gesendet. Aber nach der Rückkehr nach Deutschland fand Julia Kerr, die ihr Mann, der berühmteste Theaterkritiker im vorhitler’schen Berlin, ‚Mozartle‘ nannte, nicht mehr zur Musik zurück und die Oper, die sie Ende der neunzehnhundertzwanziger Jahre komponiert hatte, wurde zum musikhistorischen Zeitdokument. Einerseits werden musikstilistisch Eisler und Weil, Wagner und Richard Strauss zu einer „Musik zwischen den Zeiten“ verdichtet, wie der Musikkritiker Volker Hagedorn schrieb. Andererseits wird die Berliner Cabaret-Stimmung aus den letzten Tagen der Demokratie rekonstruiert – und darin liegt, wie in der jetzigen Uraufführung in Mainz impliziert wird, eine Warnung an die Gegenwart.
Dass das Mainzer Staatstheater die Oper von Julia Kerr nun, mit 93 Jahren Verspätung, uraufführt, verdankt sich einer konzertierten detektivischen Arbeit der Mainzer Dramaturgin Sonja Westerbeck und des Berliner Pianisten und Dirigenten Norbert Biermann, der die Partitur rekonstruiert und in Teile vervollständigt hat.
Die Oper ist eine Revue mit fantastischen Elementen und ein satirisches Who’s who der Berliner Kulturszene, zu der die Kerrs gehörten. Die Handlung beginnt mit einem Bankett im Hause Albert Einstein. „Roastbeef, Zunge, kaltes Huhn, Salat, belegte Brötchen … Und die Fischmayonnaise!”, ruft Elsa Einstein den Mädchen zu, die in der Inszenierung von Lorenzo Fiorini Roboter sind, die Einstein erst aufziehen muss. Unter den vielen Gästen sind der Komponist Richard Strauss, der Dramatiker George Bernard Shaw, der Schriftsteller Gerhard Hauptmann, der Maler Max Liebermann und „ein Kritiker“ – Alfred Kerr! – anwesend, dazu eine Journalistin, die über eine neue Erfindung Einsteins berichten will: eine Zeitmaschine, mit der er in die Vergangenheit fliegen will und die er Chronoplan nennt. Nach einigem Hin-und-Her – Strauss möchte lieber Skat spielen – steigen Einstein, der Kritiker, die Journalistin und Shaw in den Chronoplan, eine grauschwarz glänzende Kabine (Bühne: Paul Zoller).
Die Reise in die Vergangenheit wird durch eine Videoprojektion, die an den Vorspann von Star Trek erinnert und bei der graue Männchen mit Atom-Warnzeichen auf der Brust durch das All schweben, und durch die Komposition ROTOR Z5 von Paul-Johannes Kirschner, dem Mainzer Kapellmeister und Komponisten, vergegenwärtigt.
Aber der Chronoplan hat eine Panne und landet statt bei Julius Cäsar, wie vorgesehen, 1805 in einer bukolischen englischen Landschaft, als sich ein verliebtes Paar gerade aneinander nähert. Die Zeitreisenden erkennen in dem Verliebten den romantischen Dichter Lord Byron und nehmen sein ‚Unter-Ich‘ in den Chronoplan nach Berlin mit. Dort ist die Stimmung inzwischen gereizter. Im Bankett-Saal tätigt ein häßlicher und dicklicher Mann, der wie der Pinguin, der Bösewicht aus den Batman-Filmen aussieht (Kostüme: Annette Braun), Waffengeschäfte und eine Anmutung von Gefahr breitet sich aus. Mehrere Gäste fliehen, darunter Liebermann und der Kritiker mit dem gelben Juden-Stern am Jackenrevers – ein leichter Anachronismus, der dem Geschehen eine historisch-passende Brisanz gibt und die Reise in die Vergangenheit als Reise in die Zukunft erscheinen lässt.
Tatsächlich ist der Text von Alfred Kerr witzig und voller ironischer literarischer Anspielungen, wie auch die Musik voller Zitate ist. Die Handlung ist absurd und fantastisch, die Figuren überzeichnet. Der Schweizer Regisseur Lorenzo Fioroni, der vor wenigen Jahren in der Opernwelt als „einen der großen der Zunft“ gelobt wurde, greift zu Mitteln des Kabaretts, um die Bankett-Gesellschaft darzustellen und schafft für die bukolische Szene im zweiten Akt eine Fabelwelt, gewissermaßen eine Kontrastwelt zum Berliner Bankett. Dass die Männchen, die durchs All schweben, albern wirken, ist ebenso wie das Unter-Ich von Lord Byron als Homunculus mit langem Schwanz und spitzen Ohren, der an Harry Potters Dobby erinnert, Teil einer wohl intendierten Sottise, hinter der sich ein tragischer Ernst verbirgt.
Die historischen Figuren sind stimmlich gut charakterisiert: Einstein als Heldentenor (Tim-Lukas Reuter), der Kritiker als Tenor (Alexander Spemann), George Bernard Shaw als Bass (Maurice Avitabile), Max Liebermann als Bariton (Christoph Wendel), Lord Byrons Unter-Ich als Tenor (Daniel Schliewa), die Journalistin als Sopran (Margarita Vilsone). Es sind kräftezehrende Partien, die diese Sänger mit Bravour bewältigen, auch wenn sie sich vor allem im ersten Akt nur mühsam gegen den massiven Orchesterklang behaupten können. Auch Chor und Orchester, das Gabriel Venzago im zweiten und dritten Akt differenzierter führt, tragen zum Gelingen des Abends bei.
Ob die Oper wirklich ein „Meisterwerk“ ist, wie Venzago enthusiastisch behauptet, sei dahingestellt. Aber das Mainzer Staatstheater bietet mit dieser Aufführung nicht nur ein Stück kultureller Wiedergutmachung, sondern auch einen gelungenen amüsanten Musikabend.
Letzte Änderung: 30.01.2026 | Erstellt am: 30.01.2026
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