Hundert Jahre nach der Uraufführung zeigt die Oper Frankfurt Puccinis unvollendete Oper ‚Turandot‘ in einer schwarzweißen, düsteren Inszenierung, in der die Stars Elza van den Heever als Turandot und Alfred Kim als Calaf an ihr einstiges Stammhaus zurückkehren. Stefana Sabin war auf der Premiere.
Anfang und Ende werden manche im Publikum der Oper Frankfurt bei der Aufführung von Puccinis ‚Turandot’ überraschen. Denn die Aufführung beginnt mit einem zehnminütigen Prolog der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti, einer Auftragskomposition der Oper Frankfurt, in der sie melodisches Material aus Gesualdos ‚Io tacero‘ zitiert und mit echoartigen harmonischen Verästelungen für gemischten Chor und Streicher aufbereitet – eine eindringliche und beunruhigende Musik, die das darauffolgende Drama ankündigt und nahtlos in Puccinis erste Takte übergeht.
Und auch das Ende wird manche überraschen. Denn Puccini starb, ohne die letzten Szenen und also das glückliche Ende komponiert zu haben, und der Dirigent Arturo Toscanini, der die Uraufführung an der Mailänder Scala dirigieren sollte, beauftrage den Komponisten Franco Alfano, vorhandenden Aufzeichnungen entsprechend die Oper zu vollenden. Toscanini kürzte seinerzeit Alfanos Finale, aber seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wird üblicherweise Alfanos Version gespielt, so dass die Oper mit einer Liebesumarmung der Hauptfiguren endet. Nicht so jetzt in Frankfurt, wo auf das hinzukomponierte happy end verzichtet wird und die Oper statt mit einer Liebesumarmung mit einem Liebesselbstmord endet.
Die Handlung der Oper geht zurück auf eine Erzählung aus der orientalischen Sammlung ‚Tausendundein Tag‘: Turandot ist das ,Mädchen aus Turan‘, die den Freiern drei Rätsel aufgibt und jeden köpfen lässt, der die Rätsel nicht lösen kann. Auch in Puccinis Oper ist sie eine kaltblütig mordende Frau: „Sie enthauptet! Ermordet! Erschlägt!“, wissen die drei Minister Ping, Pang, Pong. Als es Calaf, dem unbekannten Prinzen, gelingt, die Rätsel zu lösen, weigert sich Turandot, ihn zu heiraten. Calaf bietet ihr einen Ausweg an: wenn sie bis Sonnenaufgang seinen Namen herausfindet, will er sie vom Eid entbinden, sonst muss sie seine Frau werden.
Die drei Minister bieten Calaf Reichtum, Ruhm und schöne Frauen, um ihn von Turandot anzubringen, doch Calaf ist siegessicher. Tatsächlich weigert sich die Sklavin Liù, die tags zuvor mit Calaf im Gespräch gesehen worden war, trotz angedrohter Folger seinen Namen preiszugeben, erklärt ihre geheime Liebe zu Calaf, und statt ihn zu verraten, entwendet sie einem Soldaten einen Dolch und ersticht sich.
Mit Liùs Liebesselbstmord endet Puccinis Partitur und die Frankfurter Aufführung, die also offen läßt, ob Turandot doch noch ihren Widerstand aufgibt und sich der Liebe öffnet. Elza van den Heever, im weißen langen Kleid und hinter einer weißen Maske (Kostüme Ursula Renzenbrink), verleiht Turandot eine kühle majestätische Bühnenpräsenz und ihre Kantilenen vermitteln die starke Gefühlskontrolle und schließlich die Verzweiflung über die Niederalge. Als Gegenfigur zu Turandot erscheint die Sklavin Liù in schlichter, geradezu ärmlicher Kleidung und verkörpert jenes Frauenbild, das Puccini in fast jeder seiner Opern dargestellt hat, nämlich die aufopferungsbereite liebende Frau. Die chinesische Sopranistin Guanqun Yu ist eine berührende Liù – eine Nebenrolle, die durch wunderschöne Arien (‚Signore, ascolta‘ im ersten und ‚Tu che di gel sei cinta’ im dritten Akt) fast zur Hauptrolle wird. Alfred Kim gibt seinerseits einen beeindruckenden Calaf, und seine ,Nessun dorma’-Arie, ein Schlager der Opernliteratur, ist ein Glanzpunkt auch dieser Aufführung.
Die drei Minister, Liviu Holender als Ping, Magnus Dietrich als Pang und Michael Porter als Pong setzten als karikaturhafte Verwaltungsangestellte dem dramatischen Geschehen und der düsteren Stimmung eine satirische Note entgegen und geben herausragende Rollendebüts. Als Schreibtischtäter eines mörderischen Regimes verdeutlichen die drei Minister den Zeitbezug der Inszenierung von Andrea Breth, die sonst eher eklektisch ist und sich nicht nur beim nordkoreanischen Despoten, sondern auch – warum auch immer – bühnenwirksam beim japanischen No-Theater inspirieren ließ.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester gestaltet unter dem Dirigat ihres Chefs Thomas Guggeis die Musik Puccinis mit metallener Düsterheit und arbeitet die kühle Modernität und die emotionale Unmittelbarkeit heraus. Und wenn Puccinis von chinesischer Musik beeinflusste Komposition kulturelle Aneignung ist, dann kann man darüber nur froh sein.
Letzte Änderung: 14.04.2026 | Erstellt am: 14.04.2026
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