Brasilien in der Kantstraße: Linikers CAJU-Tour in Berlin
Das brasilianische Phänomen Liniker trat im Rahmen der CAJU-Tour in Berlin auf und brachte nicht nur die Songs ihres zweiten Albums auf die Bühne, sondern auch das Gefühl von Gemeinschaft, Erinnerung und kultureller Sichtbarkeit. Gabriel Romano war beim Konzert dabei und berichtet nicht nur von Linikers hypnotischer Bühnenpräsenz an dem Abend, sondern blickt auch auf die Gründe, warum die Sängerin so beliebt ist: die zeitgenössische Vermittlung brasilianischer Kultur, queerer Repräsentation und Zugehörigkeit fern der Heimat. Über die Verwandlung des Stage Theater des Westens für einen Abend in ein Stück Brasilien.
Am 25. Mai 2026, Pfingstmontag, fand in Berlin das Konzert der brasilianischen Sängerin Liniker im Rahmen der CAJU -Tour statt. Die Kantstraße in Berlin war schon lange vor dem Konzert voll von Fans; vor dem Stage Theater des Westens bildeten sich mehrere Schlangen, und die Menschen sahen alle unterschiedlich aus: Schwarze Menschen, queere Menschen, einfach Menschen aus Brasilien. Ich sah Liniker in diesen Menschen; sie standen für alles, was sie repräsentiert, und ich begriff, warum sie von den Medien als eine der wichtigsten Stimmen der brasilianischen Musik bezeichnet wird.
Liniker ist ein Phänomen. Und ich sage das, ohne auch nur ein kleines bisschen zu übertreiben. Die Sängerin nahm bereits 2022 eine Auszeichnung für das beste MPB-Album entgegen: Ausgezeichnet wurde damit ihr erstes Album Indigo Borboleta Anil, was sie zur ersten Transgender-Künstlerin machte, die einen Latin Grammy gewann – als Ikone für die Verbreitung der brasilianischen Kultur und für die Unterstützung der LGBTQI+-Gemeinschaft in Lateinamerika. Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte sie allerdings im Jahr 2024 mit ihrem zweiten Album CAJU und veränderte damit die brasilianische Musikszene; dafür erhielt sie erneut einen Latin Grammy für das beste zeitgenössische Popalbum in portugiesischer Sprache.
Das musikalische Genre von CAJU wird in Apple Music als „Adult Contemporary“ kategorisiert. Dennoch scheint es unmöglich, das Album in eine einzige Schublade zu stecken: Was CAJU so einzigartig macht und warum es von der Kritik so hochgelobt wurde, ist nicht nur Linikers profunde Sensibilität und ihr künstlerisches Talent, ihre Erfahrungen mit romantischer Liebe, emotionaler Ablehnung und sexuellem Begehren durch ihre Lyrics bewegend zu vermitteln, sondern auch das musikalisch Eklektische des Albums, das die enorme klangliche Vielfalt Brasiliens ehrt und in einer zeitgenössischen Form präsentiert. CAJU ist definitiv Pop, aber auch Samba, Jazz und House sowie Pagode, Arrocha, Disco und Reggae. Das Album ist ein Statement über die Kraft der brasilianischen Kultur, eine neue Welle der Wertschätzung der Vielfalt des Landes – nicht nur in der Musik, sondern auch in der Geschlechts- und Sexualitätsdebatte. Mit ihrer Tour ist sie nicht nur durch das eigene Land gereist, sondern bringt ihre Musikalität nun endlich nach Europa.
Intim begann das Konzert bereits in dem für die Show ausgewählten Konzertsaal, beziehungsweise in dem 130 Jahre alten Theater: klassische, neobarocke Architektur mit einer mysteriösen Atmosphäre. Das Licht ging aus, die Musik ging los. Auf der Bühne standen fünf Bandmitglieder: Bassistin, Gitarrist, Keyboarder, Schlagzeuger, Trommler. Nach einer kleinen Improvisation trat Liniker auf die Bühne. Tanzend blickte sie jedes Mitglied an und ging zur Musik ab. Alle jubelten. Sie begann, den Opening-Song Caju zu singen, und plötzlich wurden alle still und bewunderten ihre Stimme.
Während des Konzerts merkte man Liniker an, dass sie sich auf der Bühne wohlfühlte, wobei sie ihre Selbstwertschätzung nicht verbarg. Trotzdem vermittelte sie nicht den Eindruck, performativ zu sein – in dem Sinne, dass sie alles professionell herunterspielte, nur um kraftvoll zu wirken; denn sie war tatsächlich kraftvoll, hypnotisierend und verkörperte die Energie Brasiliens.
An diesem Abend lieferte sie nicht nur eine atemberaubende Gesangsperformance: Sie tanzte, plauderte und scherzte. Sie verdeutlichte Unterschiede zwischen Europa und Brasilien, immer lachend und locker, und sprach darüber, wie die brasilianische Art und Weise, das Leben zu genießen und zu feiern, andere „ansteckt“. Sie nahm ein CAJU -Vinyl von einem Fan entgegen und signierte ihm das Cover. Plötzlich holte sie ein anderes Transmädchen aus dem Publikum auf die Bühne; sie tanzten zusammen: Samantha aus Belém do Pará tanzte Vogue zu Linikers Liedern im Hintergrund, die Band passte sich perfekt an, während Samantha ihre schnellen und aggressiven Tanzbewegungen ausführte. Liniker lachte überrascht und machte mit. Sie glänzte auf der Bühne, ihre Präsenz überflutete den Konzertsaal.
Liniker teilte dem Publikum auch mit, dass ihre Shows so gestaltet seien, dass die Lieder uns an die Pre-Studio-Phase erinnern, an die Erfahrung der Konzeption der Lieder, an den rohen Kern der Songs, ohne den ganzen Postproduktions-Mischmasch. Sie will ihre Musik authentisch vermitteln und schafft das auch: Mit der Live-Band fühlte sich jedes vertraute Lied anders an, und sie präsentierte einzigartige Versionen davon – Versionen, die nicht im Streaming, im TV oder auf irgendeiner anderen Plattform zu finden sind. Liniker ist eine dieser Künstler*innen, bei denen es sich lohnt, sie live zu sehen, weil es immer anders ist, wenn sie performt.
Abgesehen von ihren meisterhaften Kompositionen und der innovativen Präsentation brasilianischer Genres bringt Liniker eine einzigartige Performance auf die Bühne, die Menschen verbindet: durch Tanz, Gespräche, Scherze und ihre bewegende Stimme. Die gespürte Zugehörigkeit, die nicht nur ich, sondern auch die unzähligen Fans in der Kantstraße fühlten, ist schwer zu übersetzen und kann vielleicht nur durch die sensible Repräsentativität einer Künstlerin entstehen, die nicht nur Wert auf Brasiliens Kultur legt, sondern auch auf die Minderheiten, die sie verkörpert – schwarz, trans, lateinamerikanisch – und die Kraft in Linikers Erfolg finden. Deswegen ist Liniker ein Phänomen. In Berlin wurde an diesem Abend CAJU gehört – und Brasilien gelebt.
Letzte Änderung: 10.06.2026 | Erstellt am: 10.06.2026
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