POESIE UND PROSA DER WELT

POESIE UND PROSA DER WELT

Fotografien von PAUL ALMASY in Wiesbaden
Paul Almasy: Tanzschülerinnen Anupuma, Sakuntaia, Maina, Usha, Indien, 1960, Gelatine Silber Print, 30,5 x 40,5 cm  | © Provenienz Nachlass

„Ich habe nie gesucht. Es war immer der Zufall, der alles entschied. Meine Kamera war der Sucher, ich nur der Finder. Und was ich fand, das nahm ich.“ - Paul Almasy (1906-2003) könnte man als "Zeitzeuge des Jahrhunderts" bezeichnen. Der französische Fotojournalist ungarischer Herkunft, lebte hauptsächlich in Paris und war in einer über 50-jährigen Karriere weltweit als Fotojournalist tätig. Die Galerie von Klaus Kleinschmidt in Wiesbaden würdigt dieses wichtigste Lebenswerk der Frühzeit der Fotoreporage mit einer weiteren Einzelausstellung.

Paul Almasy: Erste Liebe an der Seine, Paris, 1961, Gelatine Silber Print, 30,5 x 40,5 cm | © Foto: Provenienz Nachlass

Paul Almasy ist ein Zeitzeuge ersten Ranges – im ersten Buchtitel “Zaungast der Zeitgeschichte” genannt. Das hat Almasy geärgert. Alles – nur ein Gaffer sei er nicht! Wer als Zaungast ein Geschehen verfolgt, greift selber nicht ein. Er bleibt diskret auf Abstand. Nicht zu weit, aber auch nicht Teil des Ereignisses, das er sonst beeinflussen würde. Robert Capas Verdikt, „Wenn dein Foto nicht gut ist, warst du nicht nah genug dran“ – gültig für Generationen von Fotojournalisten – versagt hier seinen Dienst. Mit Abstand sieht der Zaungast seine Epoche, registriert aufmerksam, was geschieht. Und die Sprache ist genau: ein Gast und kein ein Gaffer, der voyeurhaft herglotzt. Der Zaungast nimmt Anteil.

Unser Zaungast blickt auf ein Leben zurück, das ihn in jedes Land der Erde geführt hat – außer in die Mongolei: Er beginnt als Autor, wechselt schnell vom Wort zum Bild – ein in der Frühzeit des Journalismus nicht seltenes Phänomen. Paul Almasy hat sein Jahrhundert von 1906 bis 2003 durchlebt. Anfangs dokumentiert er Zeitgeschichte mit seiner Fotografie. Später schreibt er damit Fotogeschichte. In seinen Reportagen verdichtet sich Zeitgeschehen. Augenblicke sind zum Moment “gefroren”, in dem der Betrachter den Atem einer Epoche zu spüren glaubt. Manchmal erzählt eine einzige Geste Geschichte in geballter Form. Für solche Momente mußte Almasy sich oftmals “unsichtbar” machen. Gelang ihm das? Diskretion war seine Tarnkappe. Der hochstilisierte ‚entscheidende Augenblick’ eines Henry Cartier-Bresson war seine Sache nicht. Er suchte keine Dramaturgie, und schon gar keine Mythenbildung, sondern schlicht Ehrlichkeit in der Bildaussage.

Pail Almasy: Man Ray mit Zigarette, Paris, 1960, Gelatine Silber Print, 30,5 x 40,5 cm  | © Foto: Provenienz Nachlass

Über sechs Jahrzehnte schuf der Fotograf, Journalist und studierte Politologe unermüdlich für sein „Archiv der Welt“. Bald Inhaber zahlreicher Fotopreise, Träger renommierter Orden, beruft man ihn im Alter als Gastdozent an die Sorbonne. Sein Werk ist ein Kulturschatz allerersten Ranges. Geordnet hat es der polyglotte Fotojournalist prosaisch nach Ländern und Themen. Das in seiner Schönheit einzigartige Material zeigt sich seit Gründung von photonet im Jahr 1999 mit vielen Museums-Ausstellungen zum Frühwerk wie zum Hauptwerk weltweit einer staunenden Öffentlichkeit.

Paul Almasy traf Persönlichkeiten, Mächtige wie Künstler. Wie er selbst waren das Gestalter, Pioniere oder Zeugen ihrer Epoche. Er verkehrte in der Boheme wie in der feinen Gesellschaft, deren Feste und Rituale er festhielt. Mit Otto von Habsburg und Baron de Rothschild war er bekannt. Präsident Eisenhower besuchte er genauso wie Begin, Chruschtschow, de Gaulle, Evita Peron, Mussolini und später Mitterand oder Rezah Schah. Als blutjunger Reporter begegnete er Hitler während eines Interviews mit Rosenberg im Brauen Haus. Und immer wieder schrieb er für die Presse Porträts exotischer Könige, Staatschefs und Despoten, mit deren Hilfe sich die Welt ein Bild vom Zustand fremder Kulturen machte. Dabei mied er Prätention. Die Fotografie, so sein Credo, solle informieren. Das allein tut sie nicht: sie bezaubert.

Paul Almasy: Malerin Leonor Fini mit Katzen, Paris, 1958, Gelatine Silber Print, 30,5 x 40,5 cm   | © Foto: Provenienz Nachlass

Eitle Posen waren ihm, dem Grobetrotter mit Grandezza, zeitlebens verhasst. Verstellung fand vor Almasys Auge keine Gnade: Wer ihm partout gefallen wollte, schied als Motivgeber schon aus. Modelle suchte er nicht. Wegen solcher “Prosa des Blickens” ist der mit Einfühlung begabte Fotojournalist ein seltener Glücksfall. Ob im Gewimmel der Großstädte oder den Urwäldern
Südamerikas – immerfort mochte dieser Ästhet wider Willen „normale“ Menschen sehen, und wissen, wie diese leben. Zwar teilte er deren Schicksal nicht direkt, aber er nahm daran menschlich Anteil. Den Vorsatz zur Komposition lehnt er strikt ab. Auch diese Eitelkeit ist ihm zuwider. Zuviel Ästhetik war ihm verpönt. Der Betrachter seiner Bilder kann sich der Schönheit seiner Motive nicht entziehen. „Ich bin kein Fotograf“ hielt Almasy jedem Redakteur ungefragt entgegen. „Sorry“, konterte einer einmal prompt, „aber wir finden ihre Fotos schön“.

Die Palette des Almasy-Werkes ist überreich an Facetten. Reisernte in Indonesien, Nomaden in der Sahara, Hebammen im Sudan, die Ghettos von Rio, das Goethehaus als Ruine, eine Zulufrau am Bürgersteig – die Liste der Motive ist schier unendlich. Nach groben Schätzungen sind es 120.000 Fotografien, die der Entdeckung harrten. Der Entdecker stieß überall, wohin er sich wandte, auf Archivkartons mit Fotos aus aller Welt. Er stöberte in einem Archiv, das an Bedeutung einzigartig ist. Dass dieses Werk längst mit dem Nimbus “Kunst” gekürt wird – den alten Herrn hat es gefreut.

Heute steht Paul Almasy neben Eduard Boubat, Robert Doisneau, Marc Riboud, David Seymour und all den anderen Lichtgestalten, mit denen er im Auftrag der WHO – darin der Aufklärung durch Dokumentation ähnlich gewidmet, wie das etwa die Farm Security Assoziation in den USA mit Walker Evans, Dorothea Lange und Edward Weston tat – im Wettbewerb stand und in den Winkeln der Welt zuhaus war, in seiner humanen Haltung einzigartig da. Da sprach sich ein Soziologe mit der Kamera aus, dem die Noblesse des Solitärs wohl innewohnt.

Letzte Änderung: 28.09.2023  |  Erstellt am: 27.09.2023

PAUL ALMASY
POESIE UND PROSA DER WELT

Eröffnung:
29. September 2023

Dauer der Ausstellung:
29. September – 10. November 2023

Kleinschmidt Fine Photographs
Steubenstraße 17
65189 Wiesbaden

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