Erst verurteilen, dann abschalten – die mediale Ausschlachtung des Bösen

Erst verurteilen, dann abschalten – die mediale Ausschlachtung des Bösen

Filmrezension zu «Primetime» (Oppenheim, 2026)
Filmplakat «Primetime» | © A24; Design: GrandSon.

To «Catch a Predator» war ein US-amerikanisches Nachrichtenformat, das von 2004 bis 2007 auf NBC lief. Moderator Chris Hansen lockte mutmaßliche Sexualstraftäter mithilfe von Lockvögeln in einen Hinterhalt, um sie vor laufenden Kameras mit ihren Absichten zu konfrontieren. Lance Oppenheims Thriller «Primetime» (2026) widmet sich dem Aufstieg dieses Reality-Formats und den Mechanismen seines medialen Erfolgs. Dabei geht der Film über die Auseinandersetzung mit Pädophilie hinaus. Denn er hält uns dazu an, über die moralische Selbstgewissheit, mit der wir dem Bösen begegnen und über die Leichtigkeit, mit der wir nach dessen medialer Ausschlachtung wieder zur Tagesordnung übergehen, nachzudenken. Im Spannungsfeld zwischen ethischem Anspruch und Sensationslust wirft er schließlich eine grundlegendere Frage auf: Was bleibt von der Auseinandersetzung mit dem Bösen, wenn uns seine öffentliche Bloßstellung vor allem das beruhigende Gefühl vermittelt, selbst zu den Guten zu gehören – und wie unschuldig ist dieses „gute“ Gefühl letztendlich?

Chris Hansen (Robert Pattinson) bekämpft gemeinsam mit seinem Team à la Superman das Böse – in einer Medienwelt, die um Aufmerksamkeit und Einschaltquoten ringt. Die VHS-Ästhetik der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre sowie die Perspektive versteckter Kameras versetzen uns dabei in die Position des Voyeurs. Während Hansen und sein Team es sichtlich genießen, auf der „Seite der Gerechtigkeit“ zu stehen, erfreuen wir uns am Beobachten fremder Intimitäten. Dazu gesellt sich Schadenfreude: denn das Böse bekommt seine gerechte Strafe.

Hansen spricht davon, nach etwas zu jagen, das seit Anbeginn der Zeit im menschlichen Dasein verankert zu sein scheint. Und dennoch bleibt das Thema emotional auf Distanz. So verließ ich den Kinosaal zwar gut unterhalten, aber wenig erschüttert; um nicht zu sagen: „leichtfüßig“. Seltsam, schließlich ist sexueller Kindesmissbrauch vieles, aber nicht leicht. Wie kann nach einem solchen Film allem voran Gelassenheit und die Rückkehr in den Alltag bleiben?

Noch eine Weile saß ich mit meiner Begleitung vorm Kino. Erleichtert darüber, dass sie sich ähnlich unbetroffen von der Moral der Geschichte zeigte, versuchten wir gemeinsam zu ergründen, ob der Film schlicht daran gescheitert war, seine moralische Botschaft zu vermitteln. Doch so recht wollten wir uns damit nicht zufriedengeben. Aus unserer Irritation ergab sich ein anderer Gedanke: Vielleicht war es gerade das Hervorheben des Spektakels, aber nicht dessen Ergründung, welches eine Art „medialen Voyeurismus“ in uns triggert – ein Gefühl, das wir angesichts der täglichen Informationsflut nur allzu gut kennen.

Die Frage ist doch: Für wen sollen wir Mitleid empfinden; auf wen wütend sein? Wir erfahren weder etwas über die Hintergründe der Täter noch über das Leid der Opfer. Stattdessen sehen wir vor allem einen populären Journalisten, der mit seinem Kampf gegen das Böse auch sein schlechtes Gewissen über eine außereheliche Affäre zu beruhigen scheint. Daneben treten vereinzelte Perspektiven aus dem „Berufsalltag“ seines Teams – und unsere eigene als sensationsgeiles Publikum.

Promomotiv zu «Primetime» | © Foto: A24

Je stärker mich meine eigene Unberührtheit nach Filmende irritierte, desto deutlicher schien mir, dass Primetime mit uns spielt. Denn in einer Öffentlichkeit, die das Intime anderer zur Unterhaltung macht, haben wir gelernt, hinzusehen.

Während wir uns in der Diegese verhaftet befinden, sind wir deshalb auch d’accord damit, wenn die vermeintlich Bösen rigoros dazu verführt werden, Böses zu wollen. Dan (Skyler Gisondo), ein aufstrebender Schauspieler, soll den potenziellen Tätern im Auftrag Hansens verführerische Liebesbotschaften senden – damit ihre verdrängten Neigungen zutage treten und sie anschließend vor Millionen bloßgestellt werden können.

Dan symbolisiert dabei eine gewisse Unschuld: Als Schauspiel- Youngster sucht er lediglich Anerkennung für seine Leistung. Dass seine Performance weniger mit Schauspiel und mehr mit lebensechter Schockstarre zu tun hat, wird ihm erst in der Ernstsituation bewusst. Als ihn eine Panikattacke überkommt, verabreicht ihm Produzentin Andie (Merritt Wever) eine ‚mystery pill‘. Diese Geste vereint Fürsorge und Pragmatismus: Sie erkennt seine Überforderung, stellt aber das System, zu dem sie selbst beiträgt, nicht infrage. Die Show muss weitergehen.

Auch die übrigen Beteiligten sind ambivalent. Internet-Nerd Xavier (Matthew Maher) geht erschreckend begeistert in seiner Rolle als minderjähriger Lockvogel (via Chat) auf – ist das professioneller Eifer oder Merkmal einer abgründigen sexuellen Fantasiewelt? Del (Phoebe Bridgers), die ebenso wie Dan, vor Ort in die Rolle der Minderjährigen schlüpft, scheint im Kampf gegen Monster selbst zunehmend kaltblütig und zum Werkzeug des Bösen zu werden. Der Film fragt damit nicht allein nach dem Bösen der Gejagten, sondern auch nach den Motiven ihrer Jäger.

Die potenziell Kriminellen zur Tat bewegen, sie erwischen und bloßstellen: Das war das Prinzip von To Catch a Predator und brachte laut einem Bericht der New York Times von 2006 durchschnittlich 9,1 Millionen Menschen pro Episode vor den Fernsehbildschirm: nach perverser Sensation geifernd.

Vor dem Kino sitzend kamen wir nicht umhin, uns zu fragen, ob diese Männer ohne die gezielte Inszenierung des NBC -Teams tatsächlich „böse“ gehandelt hätten. Hätten sie ihr Verlangen gezügelt, es unterbunden? Wir fragten uns, wo die Grenze zwischen dem Aufdecken und dem Herbeiführen von Gefahr liegt.

Damit möchte ich die Straftäter keinesfalls in Schutz nehmen. Wie könnte man auch?! Schon solche Fragen zu stellen, fühlt sich nach einer unverzeihlichen Grenzüberschreitung an. Als müsste ich mich dafür entschuldigen, überhaupt darüber nachzudenken, ob die Herangehensweise des Reality-Formats fair bzw. „gut“ war. Und dieses (Scham-)Gefühl möchte ich nun produktiv machen:

So liegt zwischen der Verurteilung einer Tat und dem Unterdrücken jeder Auseinandersetzung mit ihr ein entscheidender Unterschied. Wenn moralisches Fehlverhalten als Sensation gerahmt wird, droht das Urteil wichtiger zu werden als die Reflexion über dessen Hintergründe.

Darin liegt die eigentliche Stärke von Primetime: Im medialen Scheinwerferlicht, das sich tagtäglich auf das Böse richtet, lässt uns der Film zunächst am Spektakel teilhaben. Doch das gute Gefühl moralischer Überlegenheit wird nachträglich brüchig. Die eigene Distanz zum Thema beginnt uns zu irritieren. Das zwingt uns, nicht nur die Verurteilten zu hinterfragen, sondern auch jene, die urteilen – einschließlich uns selbst.

In Zeiten des immer schneller werdenden Informationsüberflusses und des medialen Voyeurismus suchen wir stets nach neuen, unterhaltsamen Sensationen. Wir verurteilen die Ertappten und kehren danach unberührt in unseren Alltag zurück – zumindest solange wir uns selbst auf der richtigen Seite wähnen. Droht dieses Selbstbild zu kippen, distanzieren wir uns umso entschiedener. Am besten, indem wir Gutes tun.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Perversion der Sensationskultur: Sie überwindet das Böse nicht, sondern macht es zur Unterhaltung. Sie erlaubt uns, uns daran zu ergötzen, ohne uns selbst als Teil davon begreifen zu müssen. Das Böse steht in Primetime im Scheinwerferlicht, die Moral bleibt im Schatten.

Letzte Änderung: 22.10.2026  |  Erstellt am: 22.10.2026

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