Migration ist weder Krise noch Allheilmittel – sie muss schlicht gestaltet werden

Migration ist weder Krise noch Allheilmittel – sie muss schlicht gestaltet werden

NACHHALTIGKEIT: KOOPERATION MIT IMPAKTER MAGAZINE
Migranten nahe der Grenze zwischen den USA und Mexiko in Tijuana, Mexiko, am 26. November 2018. | © Foto: Humberto Chávez/Unsplash

Migration kann Leben verändern und Gesellschaften bereichern. Sie kann jedoch auch reale Belastungen und Vulnerabilitäten hervorrufen. Die Frage ist nicht, ob Migration „gut“ oder „schlecht“ ist, sondern wie sie gelingend gestaltet werden kann.

Migration ist eine der prägenden Kräfte des 21. Jahrhunderts. Sie transformiert Ökonomien, Gesellschaften, Familien und individuelle Biografien. Dennoch reduziert die öffentliche Debatte sie oft auf eine trügerisch einfache Frage, die Spaltung und Ressentiments schürt: Sind Sie für oder gegen Migration?

Das ist die falsche Frage.

Der Mensch war schon immer in Bewegung. Menschen migrieren der Arbeit, der Familie, der Bildung, der Sicherheit, des Abenteuers oder eines besseren Lebens wegen. Manchmal brechen sie nur einmal auf und lassen sich dauerhaft nieder. Häufig migrieren sie mehrfach, pflegen grenzüberschreitende Bindungen oder kehren schließlich in ihre Heimat zurück.

Migration ist selten das bloße Resultat eines individuellen Lohnkalküls. Familien und Gemeinschaften prägen diese Entscheidungen. Soziale Netzwerke erleichtern den Zugang zu bestimmten Zielorten gegenüber anderen.

Personalvermittler, Universitäten und Arbeitgeber fördern Mobilität aktiv. Historische Bindungen, Sprachen, Handelsbeziehungen sowie koloniale Hinterlassenschaften schaffen Migrationskorridore, die über Generationen hinweg fortbestehen können.

Und hinter all diesen Erklärungen verbirgt sich etwas noch Grundlegenderes: Der Mensch hat seit jeher nach Bewegung, neuen Möglichkeiten und Veränderung gestrebt.

Migration verändert Leben

Für viele Migrantinnen und Migranten führt die Migration zu einer dramatischen Verbesserung ihres Lebensstandards. Der Übergang von einem armen in ein wohlhabendes Land kann das Einkommen um ein Vielfaches steigern. Migration kann überdies den Zugang zu sichereren Gemeinwesen, besserer Bildung, Gesundheitsversorgung und politischen Freiheiten eröffnen

Gleichwohl bringt Migration auch erhebliche Vulnerabilitäten mit sich. Sobald Menschen Landesgrenzen überschreiten, verschwimmt die Verantwortung für ihren Schutz. Migrierende können ausbeuterischen Arbeitgebern, unlauteren Vermittlungsagenturen, Schleusern und Menschenhändlern schutzlos ausgeliefert sein. Temporäre Arbeitskräfte sind insbesondere dann gefährdet, wenn ihr Aufenthaltsstatus in starkem Maße von einem bestimmten Arbeitgeber abhängt.

Migration betrifft überdies jene Orte, die die Menschen hinter sich lassen.

Auswanderung kann ärmere Länder um qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Ingenieure und andere Fachkräfte bringen. Ländliche Räume drohen zu entvölkern. Familien leben bisweilen über Jahre hinweg getrennt.

Gleichzeitig transferieren Migrierende jedoch auch Geld, Wissen und Investitionen in ihre Herkunftsländer. Rücküberweisungen – sogenannte Remittances – haben sich zu einem der bedeutendsten Finanzströme in viele Entwicklungsländer entwickelt und übertreffen dabei häufig sowohl die staatliche Entwicklungshilfe als auch ausländische Direktinvestitionen. Diasporagemeinschaften knüpfen Handelsbeziehungen, gründen Unternehmen, etablieren professionelle Netzwerke und schaffen grenzüberschreitende Opportunitäten.

Migration birgt mithin Risiken wie Chancen auf beiden Seiten des Weges.

Der Beitrag von Migrierenden

Migrierende nach Australien erleben diese ambivalente Gemengelage gleichermaßen. Sie vergrößern das Arbeitskräftepotenzial, gründen Unternehmen und bringen neue Impulse ein. Hochqualifizierte Einwandernde vermögen die Innovationskraft zu stärken; andere besetzen Arbeitsplätze, für die Arbeitgeber auf dem heimischen Markt kaum Personal finden.

Sie transformieren zugleich die Kultur. Australiens Gastronomie, Sport, Musik sowie urbane Quartiere und Arbeitswelten sind von den aufeinanderfolgenden Migrationswellen nicht zu trennen.

Migration vollzieht sich nicht außerhalb der australischen Gesellschaft; sie ist konstitutiver Bestandteil dessen, was diese Gesellschaft ausmacht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Australiens wurde entweder im Ausland geboren oder hat mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil.

Ein rasches Migrationsgeschehen kann jedoch auch Friktionen erzeugen. Das Bevölkerungswachstum lässt die Nachfrage nach Wohnraum, Verkehrsinfrastruktur, Schulen und Gesundheitsversorgung steigen. Schlecht konzipierte Programme für temporäre Migration begünstigen überdies mitunter Ausbeutung.

Arbeitgeber suchen Arbeitskräfte, doch es kommen Menschen – mit Familien und Bindungen, die das Gemeinwesen verändern. Ein rapider sozialer Wandel kann wiederum Verunsicherung und Ressentiments hervorrufen.

Diese Spannungen müssen anerkannt statt marginalisiert werden.

Der Trugschluss liegt darin, von der Anerkennung dieser Reibungen unmittelbar darauf zu schließen, dass Migrierende die Ursache jeglicher mit dem Bevölkerungswachstum einhergehenden Probleme seien. Wohnungsnot beispielsweise ist in hohem Maße von Bautätigkeit, Baulandverfügbarkeit, Raumplanung, Infrastruktur und Investitionen abhängig. Arbeitsmarktergebnisse hängen von Löhnen, Regulierung und deren Durchsetzung ab. Der gesellschaftliche Zusammenhalt steht und fällt damit, ob staatliche Institutionen und Gemeinschaften Neuzugezogene bei der Teilhabe an gemeinsamen Strukturen unterstützen.

Migration tritt in Wechselwirkung mit diesen Systemen; sie ersetzt sie jedoch nicht als Erklärung.

Auch die öffentliche Debatte zeichnet ein verzerrtes Bild davon, wer Migrierende eigentlich sind. Globale Migration ist nach wie vor ein relatives Ausnahmephänomen. Nur ein geringer Bruchteil der Weltbevölkerung lebt außerhalb seines Geburtslandes. Die Mehrheit der internationalen Migrierenden sind keine Geflüchteten; die meisten nutzen reguläre Wege der Erwerbs-, Familien- oder Bildungsmigration oder verlegen ihren Lebensmittelpunkt aus Lebensstilmotiven.

Gleichwohl stellt erzwungene Vertreibung ein gravierendes und wachsendes globales Problem dar. Kriege und politische Instabilität haben zig Millionen Menschen entwurzelt, während der Klimawandel neue Formen der Flucht und Vertreibung hervorbringt, für die das geltende Flüchtlingsrecht historisch nie konzipiert war.

Das australische Migrationssystem spiegelt diese Heterogenität wider. Es verfügt über ein vergleichsweise kleines, kontingentiertes Programm für dauerhafte Einwanderung sowie ein humanitäres Programm, flankiert von weitaus größeren temporären Strömen, die Studierende, Fachkräfte, Working-Holiday-Reisende und andere Gruppen umfassen.

Diese Differenzierung ist von Belang. Von „der Migration“ zu sprechen, als handele es sich um ein homogenes Programm, verschleiert mehr, als es erhellt.

Migration ist weder eine Krise, die es abzuwehren gilt, noch die Patentlösung für sämtliche ökonomischen Verwerfungen. Sie ist eine permanente Realität einer vernetzten Welt, die kompetenter Steuerung bedarf. Eine tragfähige Migrationspolitik beginnt mit verlässlicher Evidenz. Regierungen benötigen präzise Daten darüber, wer einreist, wer das Land wieder verlässt, aus welchen Beweggründen Mobilität stattfindet und wie sich die Wege im Anschluss gestalten.

Gute Migrationspolitik setzt präzise Information voraus

Regularien müssen verständlich und durchsetzbar sein. Arbeitsmigrierende bedürfen des Schutzes vor Ausbeutung. Im Ausland erworbene Qualifikationen sollten zügig und unbürokratisch anerkannt werden. Programme für temporäre Migration müssen verlässliche Perspektiven für eine geordnete Ausreise, Rückkehr oder – wo geboten – den Übergang in dauerhafte Aufenthaltsformen bieten.

Zudem müssen Staaten ihre Migrationspolitik eng mit der Wohnungsbau-, Infrastruktur-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik verzahnen. Menschen zur Einwanderung einzuladen, ohne zugleich für das resultierende Bevölkerungswachstum vorzusorgen, wälzt die Kosten dieses politischen Versagens lediglich auf Zugewanderte wie auf die ansässige Bevölkerung ab.

Darüber hinaus darf Migrationssteuerung nicht an der Landesgrenze enden. Ziel-, Herkunfts- und Transitländer sind durch Migrationssysteme untrennbar miteinander verflochten; multilaterale Kooperation ist daher unerlässlich.

Das Ziel liegt folglich weder in vollkommen offenen noch in hermetisch geschlossenen Grenzen. Geboten ist eine sichere, geordnete und reguläre Mobilität, gelenkt von Institutionen, die in der Lage sind, individuelle Freiheiten mit ökonomischen Erfordernissen und gesellschaftlichem Zusammenhalt in Einklang zu bringen.

Migration vermag Biografien zu transformieren und Gesellschaften zu bereichern. Sie kann jedoch auch reale Belastungen und Vulnerabilitäten hervorrufen.

Die einzig vernünftige politische Frage lautet mithin nicht, ob Migration gut oder schlecht ist. Sie lautet, ob es uns gelingt, sie gut zu gestalten.

Frühere Veröffentlichungen: Dieser Artikel erschien erstmals in „The Klaxon“ auf 360info.org.

Letzte Änderung: 21.09.2026  |  Erstellt am: 21.09.2026

Den Originalartikel von Alan Gamlen – Leiter des Migration Hub an der Australian National University (ANU) finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.

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