Die Städte, in denen Hitze kein Budget hat
Eine neue globale Analyse ergibt, dass 18 Großstädte einem extremen Hitzerisiko ausgesetzt sind, ohne kommunale Fördermittel und ohne einen Plan zum Schutz der Bewohner.
In Luanda steigt die extreme Hitze schneller als die Reaktion der Stadt darauf. Wie aus einer kürzlich veröffentlichten Analyse des Red Cross Red Crescent Climate Centre und des University College London hervorgeht, verfügt Angolas Hauptstadt trotz eines Anstiegs der Tage mit extremer Hitze um 110 % über kein eigenes kommunales Budget für Hitze und keinen lokalen Hitzeschutzplan.
Luanda ist kein Einzelfall. Die Studie untersuchte die Hitzegovernance in 83 Küstenstädten des Globalen Südens, und die Ergebnisse waren eindeutig: 88 % verfügen über keinerlei Mittel zur Hitzebewältigung, und weniger als 5 % haben jemals evaluiert, ob ihre Hitzeschutzmaßnahmen funktionieren. Innerhalb dieses Gesamtbildes identifiziert der Bericht 18 Großstädte mit mehr als 74 Millionen Einwohnern in einer sogenannten „roten Zone“ – Städte, die einer schweren Hitzebelastung ausgesetzt sind, aber über keinerlei Budget und keine Maßnahmen verfügen.
Die Forscher beschreiben hierbei nicht Regierungen, die die Gefahr nicht erkannt haben, sondern Städte, in denen die Erkenntnis der Hitzebedrohung nicht in konkretes Handeln umgesetzt wurde. Sie benennen fünf strukturelle Hürden, die erklären helfen, warum diese Lücke bestehen bleibt.

Was treibt diese Governance-Lücke an?
Die erste Hürde ist eine Frage der Zuständigkeit. Bei bis zu 60 % der 83 untersuchten Städte gibt es keine gezielte Hitzepolitik. Das bedeutet, dass es keine Dienststelle, kein Mandat und keinen benannten Beauftragten gibt, um die Lage bei Temperaturspitzen zu überwachen und entsprechend zu handeln.
Die zweite Hürde liegt in der Datenklassifizierung. Städte stufen Überschwemmungen und Zyklone routinemäßig als Katastrophen ein, was Nothilfegelder und koordinierte Maßnahmen auslöst. Hitze als Konzept erhält diese Einstufung jedoch selten. Eine Gefahr, die weltweit bereits mehr Menschen tötet als jedes andere Wetterereignis, bleibt administrativ unsichtbar und für unsichtbare Risiken werden keine Budgets eingeplant.
Die dritte Hürde betrifft das präzise Timing. Regierungen neigen dazu, erst nach einer Katastrophe zu handeln, nicht davor. Dies zeigt sich deutlich in Baku, Aserbaidschan, wo die Zahl der Tage mit extremer Hitze zwischen 1990 und 2020 um 300 % gestiegen ist. Trotz dieses plötzlichen Anstiegs formalisierte die Regierung eine Reaktion auf Hitze erst nach einer Hitzewelle im Jahr 2018, die einen dreitägigen, hitzebedingten Zusammenbruch des Stromnetzes auslöste.
Der vierte Faktor ist ein „Evaluierungsdefizit“. Von den 83 untersuchten Städten haben weniger als 5 % jemals evaluiert, ob ihre Hitzeschutzmaßnahmen tatsächlich Leben retten.
Der fünfte Punkt betrifft das Geld. 88 % aller 83 Städte verfügen über kein Hitzebudget, und bei den Städten, die der höchsten Hitzebelastung ausgesetzt sind, ist die Wahrscheinlichkeit am geringsten, dass sie ein solches besitzen. Das Vorhandensein von Budgets ohne ein entsprechendes Konzept ist so gut wie gar kein Budget zu haben.
Die Städte Dammam und Dschidda in Saudi-Arabien haben Zugang zu nationalen Klimafinanzierungsmitteln in zweistelliger Millionenhöhe. Dennoch verfügt keine der beiden Städte über einen eigenen Hitzeschutzplan, da keine dieser finanziellen Mittel für Maßnahmen auf kommunaler Ebene genutzt werden. Im Gegensatz dazu verfügt Kochi in Indien über einen funktionierenden Hitzeschutzplan, der mit der Katastrophenschutzbehörde des Bundesstaates Kerala und lokalen Akteuren zusammenarbeitet, während Buenos Aires über einen eigenen Chief Heat Officer verfügt.
Der Unterschied zwischen einer Stadt in der roten Zone und einer funktionierenden Stadt liegt selten in der Höhe eines nationalen Budgets. Er liegt darin, ob irgendjemand auf städtischer Ebene das Geld und das Mandat erhalten hat, es für Hitze als wiederkehrendes Phänomen einzusetzen.
Warum Küstenstädte, warum jetzt?
Die Forscher konzentrierten sich auf Küstenstädte, weil diese einer Kombination von Klimarisiken ausgesetzt sind, die die gesundheitlichen Auswirkungen extremer Hitze noch verstärken können, wie etwa ein steigender Meeresspiegel, Sturmfluten und Überschwemmungen. All dies übt zusätzlichen Druck auf Infrastrukturen und öffentliche Haushalte aus.
Wettervorhersagen” gehen nun davon aus, dass das El-Niño-Ereignis 2026/2027 zu den stärksten jemals aufgezeichneten zählen wird. Das U.S. Climate Prediction Center bekräftigt diese Prognose weiter und beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis in diesem Herbst und Winter auf über 90 %. Gleichzeitig prognostizieren andere Forscher den Höhepunkt zwischen November 2026 und Januar 2027. Für die 18 im Bericht identifizierten Städte der roten Zone ist dieser Zeitplan kein fernes Risiko. Es ist ein Countdown, der in wenigen Monaten abläuft und das völlig ohne zurückgelegtes Budget.
Wer erleidet den größten Verlust?
In einem Bericht vom Juni 2026 mit dem Titel „Counting the Cost of Heat: The Case for Urgent Solutions for Cities“ modellierte die Action Alliance for Heat Resilience (HERA) die wirtschaftlichen Folgen extremer Hitze in vier Städten: Ahmedabad, Bangkok, Monterrey und Freetown. In diesen vier Städten entzieht die Hitze den Kommunen in einem durchschnittlichen Jahr 4 bis 8 % ihres Bruttoinlandsprodukts und fordert mehr als 1.000 Todesopfer.
Allein in Bangkok verringern hitzebedingte Produktivitätsverluste das BIP der Stadt jedes Jahr um einen Betrag, der etwa ihrem gesamten städtischen Haushalt entspricht. In einem ungewöhnlich heißen Jahr steigt dieser Wert sogar auf bis zu 8 %. Global kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass Frauen im informellen Sektor durch extreme Hitze jährlich geschätzte 57 Milliarden US-Dollar an Lohnverlusten erleiden. Dieser Verlust zieht weite Kreise, da Frauen bis zu 90 % ihres Einkommens direkt wieder in ihre Haushalte investieren; zudem wird erwartet, dass der Lohnverlust bis 2050 um weitere 44 % ansteigen wird.
Der Mangel an politischem Handeln und Budgetzuweisungen reicht jedoch noch tiefer. Die Städte in der roten Zone sparen kein Geld, indem sie sich weigern, ein Budget für Hitze einzuplanen. Sie verlagern die Kosten lediglich aus den Büchern der Regierung auf die Körper und Einkommen der Menschen, die diese am wenigsten auffangen können.
Laut einem Bericht von Mongabay vom August 2026 über den bevorstehenden El Niño sind tropische Städte einer spezifischen, sich verstärkenden Gefahr ausgesetzt. Die Hitze wird tagsüber in Straßen und Dächern gespeichert und über Nacht wieder abgegeben, was den Städten jegliche echte Abkühlungsphase verwehrt. Dies trifft die städtische Armutsgruppe am härtesten, von der viele weiterhin ohne jeglichen Schutz im Freien arbeiten: Straßenhändler, Bauarbeiter, Rikscha-Fahrer – Menschen, die nicht einfach drinnen bleiben können, wenn sich wochenlang eine Hitzekuppel über ihre Stadt legt.
Die WHO hat vor dem durch El Niño verursachten Extremwetter gewarnt, was einige Regierungen zum Handeln veranlasst hat. Lagos schloss sich im Juni unter dem Banner „Lagos Rising Against the Urban Heat Island der „50 at 50 des Umweltprogramms der Vereinten Nationen an. Allerdings scheint es noch ein weiter Weg von der Verpflichtung zu einem Motto bis zur Bereitstellung eines Budgetpostens zu sein. Und auf die 18 Städte, die sich bereits in der roten Zone befinden, wird El Niño auf keines von beidem warten.
Luanda wird vor El Niño keine Verschnaufpause bekommen, nur weil seine nationale Regierung Klimaabkommen unterzeichnet hat oder weil seine Amtsträger auf internationalen Gipfeln die richtigen Begriffe verwenden. Eine Verschnaufpause erfordert einen Budgetposten, ein Mandat und jemanden, dessen Aufgabe es ist, zu handeln, wenn die Temperaturen sprunghaft ansteigen. Luanda hat – wie 17 andere Städte mit insgesamt mehr als 74 Millionen Menschen – nichts von alledem.
Dies ist die Kernerkenntnis dieses Berichts. Die Zunahme der Hitzetage entgeht der Regierung mit Sicherheit nicht; dennoch sieht ihr eigener Haushalt weiterhin keinerlei Mittel für entsprechende Reaktionen vor. Die Lücke zwischen Luandas Klimahrhetorik und seinen Klimaausgaben ist kein Versehentlich-Übersehen – sie ist eine Entscheidung, die jedes Jahr aufs Neue getroffen wird.
Letzte Änderung: 07.09.2026 | Erstellt am: 07.09.2026
Den Originalartikel von Amruta Doke finden Sie hier beim IMPAKTER Magazine.
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