Wenn die Weltmeisterschaft ruft, ist die Begeisterung für den Fußball größer denn je. Doch für den Autor Pete Smith ist dieser Sport mehr als bloß ein schönes Mannschaftsspiel, das 90 Minuten dauert: Fußball sei – wie das Theater – eine ästhetische Choreografie, die durch spielerische Einfachheit, instinktive Performance und die Kunst des magischen Moments fasziniere. Mit einer bewegenden Vater-Sohn-Dynamik, die im Mittelpunkt dieses Essays steht, führt Smith uns durch persönliche Erinnerungen, philosophische Reflexionen und historische Rückblicke auf den Fußball – eingefangen auf einem Super-8-Film von 1974, der ein vergessenes Kreisklasse-Spiel dokumentiert. Ein Essay über ein Spiel, das Gemeinschaft stiftet und durch seine Unberechenbarkeit magisch überrascht.
I
„Wir melden uns hier aus dem Essener Uhlenkrug-Stadion zum Spitzenspiel der Schüler von Grün-Weiß-Müllingsen gegen Schwarz-Weiß-Essen“, verkündet die Stimme aus dem Off. Auf der Leinwand ein Fußballplatz, gesäumt von Pappeln und Einfamilienhäusern, im Mittelkreis zwei Jugendmannschaften, die sich begrüßen. „Riesiger Beifall braust auf im Stadion“, fährt der Kommentator fort, während ein seltsames Rauschen erklingt, offenbar beigemischt, denn am Spielfeldrand ist weit und breit keine Seele zu sehen. Unvermittelt bricht der Ton ab, der Film indes läuft weiter. Die Jungs im schwarzen Dress stürmen auf das gegnerische Tor zu. Ein Knacken, die Stimme aus dem Off meldet sich zurück: „Und da fängt das Spiel schon an. Und schon fängt der Sturm an. Die Essener stürmen direkt auf das Müllingser Tor zu. Aber Müllingsen lässt sich nicht unterbringen.“
Es ist der 17. November 1974, ein Sonntag, Volkstrauertag. Möglicherweise der Grund dafür, warum das vermeintliche Spitzenspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Der einzige Zuschauer ist der Kameramann. Zugleich Kommentator, Trainer und Freizeitmanager der B-Jugendmannschaft des FC Grün-Weiß Müllingsen. Ihm ist zu verdanken, dass der Traditionsclub Schwarz-Weiß Essen die grünen Jungs aus der Soester Börde, die normalerweise in der Kreisklasse kicken, zu einem Freundschaftsspiel empfängt.
Mit dem Einsatz seiner Mannschaft ist der Trainer anfangs gar nicht zufrieden.
„Reinecke hat den Ball. Er schießt daneben. Setzt nicht nach.“
„Und wieder läuft Zurheiden nicht durch. Und wieder ist der Ball weg.“
„Was macht der Mittelstürmer? Er bleibt wieder stehen. Er läuft wieder nicht durch.“
Schon nach wenigen Minuten spaltet sich die multiple Persönlichkeit auf. „Der Trainer geht am Rande des Spielfelds einher und rauft sich die Haare“, erklärt der Kommentator und stöhnt. „Ich seh den Trainer an seinem grauen Bart fummeln. Durchlaufen! Durchlaufen!“
Während der Coach hadert, schwillt dem Kommentator der Kamm. Für die Grün-Weißen hat er bald nur noch Hohn und Spott übrig:
„Viegener. Hat den Ball getroffen. Ein Wunder!“
„Aust. Ja. Er hat den Ball getroffen. Er freut sich.“
„Der Kapitän geht auf dem Spielfeld spazieren.“
Der Kapitän, das bin ich: 14 Jahre alt, dunkelbraunes, schulterlanges Haar, Linksaußen mit der Rückennummer 11. In Minute 5:56 dieses Super-8-Films stürme ich auf die Kamera zu und bin eine Sekunde lang groß im Bild: entschlossener Ausdruck, Kopf hoch, Blick voraus. Da ist der womöglich größte Augenblick meiner bescheidenen Fußballerkarriere exakt 40 Sekunden vorbei.
II
Das Kind in mir war süchtig nach Fußball und ist es bei großen Turnieren noch. Wenn es regnete und ich nicht raus durfte oder wir nicht genügend Jungs zusammen bekamen für ein Spiel, war ich verzweifelt und habe mitunter geweint. Der Bolzplatz, unweit von meinem Elternhaus in Deiringsen nahe Soest gelegen, grenzte an jenen Dorffriedhof, auf dem wir an meinem 30. Geburtstag meinen Vater zu Grabe trugen. Zunächst waren Taschen, Jacken und Pullis unsere Eckpfosten, später spendierte irgendein Sponsor echte Tore. In den Verein trat ich mit zehn ein. Müllingsen liegt etwa vier Kilometer von Deiringsen entfernt, Training war einmal die Woche, und samstags oder sonntags trafen wir auf andere Kreisklasse-Mannschaften wie den SV Körbecke, TuS Niederense, SV Welver oder TuS Schwefe.
Da ich schnell und trickreich war, begann ich meine Vereinskarriere als Linksaußen. Ich war ein mittelmäßiger Spieler, der es nicht über die Kreisklasse hinausgeschafft hat, auch nicht den Ehrgeiz und schon gar nicht das Selbstvertrauen hatte, von höheren Klassen zu träumen. Einmal war ich auf einem Kreisauswahl-Lehrgang im SportCentrum Kaiserau, was ich wahrscheinlich weniger einem Scout als meinem umtriebigen Vater zu verdanken hatte. Unter den Auswahlspielern aus Unna, Dortmund und Essen kam ich mir fehl am Platz vor und fand alle besser als mich. Ich erinnere mich an einen Ausputzer aus dem Ruhrpott, ein Typ wie Kalle Schwarzenbeck, der nach der Erbsensuppe in einer Tour furzte und über jeden seiner Fürze lachte. Die Vorstellung, mit Spielern wie ihm häufiger das Zimmer teilen zu müssen, schreckte mich zusätzlich ab.
Ungeachtet meiner spielerischen Limitierung war der Fußball die Paradiesinsel meiner Kindheit, lange bevor mir das Schreiben Glücksmomente schenkte: Ich sehe mich auf der Straße vor unserem Elternhaus den Ball hochhalten, mit dem Fuß, dem Knie und dem Kopf, stundenlang, mein Rekord lag bei 183, den habe ich mir bis heute gemerkt. Ich erinnere mich, dass alles Ball war – der Stein, die Kastanie, die Konservendose – und, dass überall ein Tor stand – das Garagentor, zwei Bäume, die Häuserwand …
Ich sehe mich an der linken Außenbahn auf den Ball warten, mit dem Rücken zum gegnerischen Tor, vom Verteidiger eng gedeckt, werde angepasst, täusche vor, den Ball zu stoppen, öffne die Beine, dass der Ball hindurchflutscht, drehe mich um und sprinte los, zu schnell für meinen Gegner, der mich bis zum Tor nicht mehr einholt. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Rot-Weiß-Essen auf einem Ascheplatz, welches wir 6:2 verloren, aber ich schoss unsere beiden Tore, weshalb es keine Rolle spielte, dass ich mir bei einem Foul das halbe Bein aufschrammte.
Ich erinnere mich an meine Wut und meine Tränen, wenn unsere Mannschaft ein Spiel verlor. Ich spüre die grenzenlose Euphorie, das pure Glück des Augenblicks, wenn mir ein Tor gelang und wir das Spiel gewannen. Ich erinnere mich, dass ich weder die Nässe im Herbst noch die Eiseskälte im Winter spürte, wie ich auch den Schmerz ignorierte und die Erschöpfung überwand, und auch den Brand in meinen Bronchien, den mein Asthmaspray für einige herrliche Augenblicke löschte.
III
Wieso war ich derart verrückt nach Fußball und bin es noch, wenn auch nur mehr als Zuschauer? Soziologen und Philosophen haben die Faszination zu erklären versucht: Zuvorderst mit der Simplizität des Spiels, die – das Abseits einmal ausgenommen – ohne komplizierte Regeln auskommt. Gespielt wird mit Fuß und Kopf, die Hände sind bis auf den Einwurf tabu, und wer mindestens ein Tor mehr schießt als sein Gegner, gewinnt das Spiel.
Im Fußball heißt es, erleben wir Identifikation und Zugehörigkeit, teilen wir gemeinsame Werte wie Fairplay, Teamgeist, Respekt, Disziplin, Einsatzbereitschaft, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein und nicht zuletzt die Hoffnung auf ein gutes Ende, das die Gemeinschaft noch enger zusammenschweißt.
Fußball ist Wettbewerb und damit Nervenkitzel, wobei die Spannung in seiner Unberechenbarkeit und der Macht des Zufalls gründet, der Unwägbarkeit des Schicksals ‒ wenn man so will ‒, das die Spiele offenhält und grundsätzlich zulässt, dass ein Außenseiter den wolkenkratzerhohen Favoriten schlägt. Mitunter entscheidet ein abgefälschter Schuss, ein unbeabsichtigtes Handspiel, ein Eigentor oder ein fragwürdiger Elfmeter über den Sieg.
Im Spiel stürzt deine Welt durch diesen einen Fehler in sich zusammen. „Mit einem Schlag wird für die Spieler und ihre Anhänger die ganze Schutzlosigkeit des Menschen präsent“, schreibt der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer in seinem Buch „Das Leben in 90 Minuten“ und erinnert an das Champions-League-Finale von 1999, als Bayern München in den letzten Sekunden durch zwei Tore Manchester Uniteds den sicheren Sieg verspielte. „Es ist ein tragischer Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz.“ Für Gebauer ist die Bedrohung durch den Gegner im Fußball eine wesentliche Bedingung seiner besonderen Ästhetik: „Unter dieser Voraussetzung bringt er das Grundprinzip des menschlichen Lebens zum Ausdruck, das sich in permanenter Konkurrenz zu anderen befindet. Der Fußball drückt etwas über uns selbst aus, das wir unter normalen Bedingungen nicht leicht erkennen. Er führt uns in eine Erfahrungsschicht unserer Existenz, die wir leben und fühlen, aber nicht begrifflich ausdrücken können.“
Eine Ästhetik der Grausamkeit, die manch einen Protagonisten sein Leben lang verfolgt: Roberto Baggio beispielsweise, dessen verschossener Elfmeter im WM-Finale von 1994 gegen Brasilien Italiens Niederlage besiegelte. Oder Loris Karius, Torwart in Diensten des FC Liverpool, der im Champions-League-Finale 2018 gegen Real Madrid gleich zweimal patzte und sein Team damit um den Sieg brachte – dass er, wie später herauskam, während des Spiels eine Gehirnerschütterung erlitt, konnte seine Reputation nicht retten. Oder Jérôme Boateng, Verteidiger der Münchener Bayern, der sich am 6. Mai 2015 im Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona durch eine Körpertäuschung Lionel Messis aus dem Gleichgewicht bringen ließ und so unglücklich auf dem Hosenboden landete, dass er zu einem Meme wurde.
„Alles, was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball“, schrieb der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus, Literaturnobelpreisträger von 1957 und selbst begeisterter Torhüter. In seinem letzten Prosawerk – „Der Fall“ von 1956 – lässt er seinen Protagonisten resümieren: „Nur im Fußballstadion und im Theater kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen.“
Die Einfachheit des Spiels, die Gemeinschaft, die gespiegelten Werte, alles nachvollziehbar, ebenso wie die Unberechenbarkeit aufm Platz, die Macht des Zufalls und das ganze Drama samt kathartischer Wirkung.
Meine eigene Faszination für das „jogo bonito“ indes gründet im brasilianischen Fußball. Um es mit den Worten von Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, besser bekannt als Dr. Sócrates, zu sagen: „Schönheit kommt zuerst. Sieg ist zweitrangig. Was zählt, ist Freude.“ Für den Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft von 1982 war der Fußball „die Kunst, mit der ich sprechen konnte“.
Sócrates selbst blieb Zeit seines Lebens ohne bedeutenden Titel und somit unvollendet. Außerhalb Brasiliens erinnern sich seiner nur Fußballästheten, in seinem Heimatland dagegen wird der kickende Kinderarzt bis heute verehrt – als brillanter Spielmacher, intellektueller Stratege und Kämpfer für Demokratie und soziale Gerechtigkeit.
IV
Die 8, die Dr. Sócrates trug, symbolisiert Willensstärke und Charisma, Macht und Balance. Die 10, die seit jeher den Spielmacher ziert, steht für Vollkommenheit, Perfektion und Vollendung. Unser Dezimalsystem gründet auf ihr, sie stellt die Summe der ersten vier Zahlen sowie der ersten drei Primzahlen dar, ist ebenso Ordnungsprinzip wie Orientierungswert, gilt im Sport als Bestnote, bezeichnet in Rankings die Elite (Top Ten) und markiert in der Raumfahrt den Start eines Countdowns.
Pelé, Ronaldinho, Zidane, Maradona, Messi – was hebt die Magier, vor denen wir uns in Ehrfurcht verneigen, von anderen Giganten des grünen Rasens ab? Ihre Genialität? Ihre Unvorhersehbarkeit? Wir alle lieben das offensive, getriebene, ausgefallene Spiel nach vorn mit möglichst vielen, möglichst schönen Toren. Aber woran wir uns ein Leben lang erinnern, ist die pure Spielfreude Pelés, die Finten Ronaldinhos, die unglaublichen Pässe des Schachspielers Zidane und vor allem die einzigartigen Dribblings Maradonas und Messis, in dem seine Jünger einst den Messias sahen.
Die Ästhetik im Fußball speist sich aus Eleganz, Präzision, Erfolg und dramatischer Inszenierung. Das Stadion gleicht einem Theater, auf der Bühne die Tänzer, die einer einstudierten Choreographie folgen, begleitet vom vielstimmigen Chor aus den Rängen. Unser Herz indes geht auf, wenn einer der Protagonisten ausbricht und sich der Vorhersagbarkeit der Inszenierung entzieht. Die unerwartet aufscheinende Schönheit, sie ist die Seele des Spiels.
Die indogermanische Bedeutung des Wortes „zehan“ ist verwandt mit dem Wort zwei für „zwei Hände“, gleich zehn Finger. Das ist die Ironie der Spielmachernummer 10. Denn der offensichtlichste Grund dafür, dass uns Fußball so fasziniert, liegt ja darin, dass man die Hände nicht zur Hilfe nehmen darf. Mit dem Fuß kann man den Ball weder greifen noch festhalten, weshalb ihn der Gegner jederzeit wegspitzeln, abgrätschen oder fortdreschen kann. Wenn dem Zehner das Leder aber am Fuß „klebt“ oder sein Außenrist die Pille „streichelt“ oder sein Fuß die Kugel so trifft, dass ihre Bewegung jeder physikalischen Wahrscheinlichkeit spottet, erinnert unsere Reaktion an das ungläubige Raunen im dunklen Rund der Manege nach einem waghalsigen Stunt oder übermütigen Kunststück. Der Magier geht ins Risiko, der Pragmatiker auf Nummer Sicher.
Der moderne, technik- und taktiklastige Fußball folgt einem auf Effizienz ausgelegten System. Der perfektionierte Systemfußball verschafft dem Kollektiv einen Vorteil, hemmt jedoch die individuelle Kreativität. Das macht es dem Einzelnen schwer, über das Team hinaus zum Helden zu wachsen. Dass es Spielern wie Messi dennoch kraft ihrer Ballsicherheit, Körperbeherrschung und insbesondere Intuition gelingt, die Welt durch magische Momente zu verzaubern, auf dass der Zuschauer mit der Zunge schnalzt und selbst der Trainer ungläubig die Hände vor den Kopf schlägt, danken wir ihm mit gottgleicher Verehrung.
Fußball in Vollendung ist Kunst. Der Freigeist setzt auf Instinkt und Intuition – hier begegnen sich geniale Fußballspieler und wahre Künstler. Während Schriftsteller, Bildhauer und Komponisten bleibende Werke schaffen, kreiert der Fußballer den magischen Moment. Von daher ist er vielleicht am ehesten mit einem Jazzmusiker zu vergleichen, dessen Improvisationen nie identisch sind, uns aber immer wieder verzaubern. In magischen Momenten bringen sie die Weltseele zum Klingen. So wie der Instinktkicker im magischen Augenblick eine kollektive Erinnerung kreiert.
Wir leben in einer Zeit, die sämtliche Phänomene durch Quantifizierung zu erklären trachtet. Der Glaube dahinter: Zahlen können nicht lügen. Egal, ob es ums Wirtschaftswachstum oder die nächsten Wahlen geht – wir weigern uns, die Unwägbarkeiten anzuerkennen, die Unberechenbarkeit zu akzeptieren, wir wollen Vorhersagen treffen, weil wir uns sonst im Ungefähren verlieren. Dieses Denken hat längst auch den Fußball erfasst: Spiele werden analysiert, Ballkontakte und Pässe gezählt, gewonnene Zweikämpfe, Schüsse aufs Tor, gelaufene Kilometer, Paraden des Torwarts, die Ecke, in der der Elfmeterschütze am häufigsten trifft. Als ob sich so das Ergebnis berechnen ließe. Und dann entscheidet ein Gerd Müller, den man das ganze Spiel über nicht einmal wahrgenommen hat, in der 90. Minute durch eine geschickte Körpertäuschung und einen unmöglichen Schlenzer das zähe Spiel.
V
Rund zwei Wochen vor dem vermeintlichen Spitzenspiel im Essener Uhlenkrug-Stadion saß ich mit meinem Vater nachts um 3 Uhr vor dem Fernseher und erlebte live den größten Boxkampf aller Zeiten, den legendären „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa, Zaire, bei dem Muhammad Ali mächtig einstecken musste, bevor er seinen Landsmann George Foreman in der 8. Runde auf die Bretter schickte, aber das ist eine andere Geschichte. Obwohl. Hängt in Wahrheit nicht alles mit allem zusammen? Eine Legende kämpft sich zurück, die andere tritt endgültig ab: Am 3. Oktober 1974, gut sechs Wochen vor besagtem Totensonntag, beendete Pelé, dreimaliger Fußball-Weltmeister (1958, 1962, 1970), in São Paulo seine Karriere. Ein Spieler, der so schnell war, dass er durch einen Hurricane rennen konnte, ohne nass zu werden, um es mit Muhammad Ali zu sagen. Und drei Monate früher, am 7. Juli 1974, wurde die Bundesrepublik Deutschland nach 1954 zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister – mit der Bayern-Achse Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeneß und Müller. Ein eher unscheinbarer Spieler dieser Elf, welcher auf den putzigen Namen Berti hörte und später sogar Bundestrainer wurde, überraschte die Öffentlichkeit während der WM 1998 in Frankreich mit einer Äußerung, die mich an die gehässigen Kommentare meines Vaters erinnerte: „Die Kroaten sollen ja auf alles treten, was sich bewegt – da hat unser Mittelfeld ja nichts zu befürchten.“
Für Spieler wie Berti Vogts oder Kalle Schwarzenbeck hatten wir damals nur Spott übrig, während mir die Eleganz eines Franz Beckenbauers schon als Kind imponierte. Die Rumpelfußballer verkörperten die deutschen Tugenden – Kraft, Ausdauer und Disziplin – der Kaiser hingegen schwebte über den Platz und ließ die anderen für sich malochen. Dass ich selbst nach der 11 des Linksaußen für kurze Zeit die Rückennummer 5 des Liberos tragen durfte, kam meinem Freiheitsdrang entgegen – wie auch meiner nachlassenden Laufbereitschaft, da sich die Spiele am Sonntagvormittag so gar nicht mit den Partys am Samstagabend vertrugen. Heute gibt es weder den klassischen Linksaußen noch den Libero – in diesem Sinne war ich damals wohl so etwas wie ein Auslaufmodell. Aber zurück zum Spiel:
VI
Minute 5:16. Wir haben Einwurf, nur wenige Meter von der Eckfahne entfernt. Ich stehe mit dem Rücken zum Tor des Gegners, zwei Schwarze, beide blond, beide fast einen Kopf größer als ich, nehmen mich in die Zange. Ich fahre die rechte Schulter aus, drücke den einen zur Seite, verschaffe mir Raum. Als der Ball in der Luft ist, laufe ich los, das Leder tischt vor mir auf, ich ziehe mit links ab, der Ball schießt hoch, eine Bogenlampe, die sich über den gegnerischen Torwart ins rechte Eck senkt.
Während ich die Arme hochreiße und mir der hellblonde Hausmann gratuliert und im Vordergrund die Nummer 3 applaudiert, meldet sich die Stimme aus dem Off und kommentiert zeitversetzt, was gerade passiert ist:
„Und da. Eine Flanke. Der Kapitän. Was macht er? Er fummelt. Nein, er hat den Ball noch. Einwurf. Und jetzt. Was macht er? Er schießt! Wunderbar! Wieder Beifall. Beifall von der Menge. Ein herrliches Tor.“
Untermalt wird der Kommentar wie zu Beginn von einem leisen Rauschen, das seltsam, aber auch seltsam rührend ist, denn der Kameramann und Kommentator, Trainer und Teilzeitmanager ist mein Vater, zu jener Zeit 44, so alt wie ich, als ich selbst zum ersten Mal Vater wurde.
Das Tor besänftigt den Spötter. Zumindest für den Augenblick.
„1:1 im Moment steht der Spielstand. Die Jungen von Müllingsen, die Starmannschaft, hat sich gut gehalten.“
„Sehen Sie sich diesen Einsatz an.“
„Bestgen. Bestgen strengt sich an wie immer.“
„Schwarz-Weiß-Essen wieder im Angriff. Smith stört. Gut. Hat den Ball.“
„Und jetzt, ein Abstoß, kurz hinter dem 16-Meter-Raum. Herrlicher Abstoß!“
„Es ist im Ganzen ein schönes Spiel. Die Jungen setzen sich ein.“
„Ein spannendes Spiel, meine Damen und Herren.“
„Also wirklich eine große Mannschaft.“
Einmal geht es sogar mit ihm durch:
„Weiterhin ein Spiel auf ein Tor. Müllingsen vollkommen überlegen. Ganz überlegen. Diese Jungen haben überhaupt keinen Gegner zu fürchten.“
Wenig später ist er dann wieder der Alte. Rauft sich die Haare, stöhnt, weil keiner seiner Mannen angreift oder der Mittelstürmer wieder nicht durchläuft. „Er lernt es nicht“, klagt er und spottet, dass Reinecke weiter spazieren geht oder der Startorhüter daneben tritt. Doch wenn es um sein eigen Blut geht, zeigt er sich ungewohnt gnädig: „Smith im Ballbesitz. Nur den falschen Mann angespielt. Na ja, das kann mal vorkommen.“
Nach elf Minuten ist der Film vorbei. Einer der letzten Kommentare meines Vaters hallt nach:
„1:1 ist der Stand, vollkommen zufriedenstellend.“
Sehe ich genauso.
Letzte Änderung: 12.06.2026 | Erstellt am: 12.06.2026
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