Was die Gesichter verschweigen

Was die Gesichter verschweigen

Eine retrospektive Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Familiengeschichten
 | © Indra Wussow

Was geschieht, wenn wir alte Fotoalben finden und uns fremde Gesichter anblicken? Mit einer eigentümlichen Mischung aus Verbundenheit und Gleichgültigkeit betrachten wir die vergilbten Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Wer sind diese Menschen, die uns fremd erscheinen und deren Geschichten doch mit unseren verwoben sind? Indra Wussow widmet sich vier Familienporträts aus dem Archiv der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik im polnischen Lodz (poln. Łódź). Sie erzählen von Vertreibung, Verlust und der Forderung nach Gerechtigkeit. Es geht um das Beanspruchen, aber auch das Absprechen von Privilegien – und schließlich um die Chance eines Neubeginns, der aus alledem resultiert. Erinnerung wird hier in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar. Was wir auf diesen Bildern sehen, liegt nicht einfach hinter uns. Die Lebenswege, Entscheidungen und das Schweigen unserer Vorfahren prägen, wer wir heute sind. Wussow macht das Fremde auf den vergilbten Fotografien vertraut und lädt dazu ein, auch die eigenen Familienüberlieferungen zu hinterfragen – und jene Ressentiments, die über Generationen hinweg fortwirken.

Oswald Steinblum | © Foto: Indra Wussow

Ich habe meinen Großonkel Oswald Steinblum, den alle nur Onkel Tullo nannten, ein einziges Mal gesehen. Ich war noch ein Kind, als wir ihn und seine dritte Frau Sigrid Jacobsen, die wie meine gesamte mütterliche Familie aus Riga stammte, in Hannover besuchten. Ich erinnere mich an einen alten, aber immer noch kräftigen Mann, eine beeindruckende Erscheinung, und an eine eigentümliche Atmosphäre zwischen ihm und meinen Großeltern. Etwas stimmte nicht zwischen diesen Erwachsenen, aber niemand sprach darüber. Schon damals war ich ein geflissentliches Kind, das versuchte, Spannungen zwischen Menschen auszugleichen, ohne zu wissen, woher sie kamen.

Tullo faszinierte mich. Ich wusste, dass er ein sogenannter Spätestheimkehrer war, einer jener deutschen Kriegsgefangenen, die erst 1955 mit den letzten Transporten aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik zurückkehrten. Das allein verlieh ihm in meiner kindlichen Vorstellung etwas Außergewöhnliches. Für mich war er ein Überlebender des ewigen Eises Sibiriens, und ich stellte mir vor, dass er zehn Jahre lang ohne Tageslicht bei minus 42 Grad in einem Bergwerk schuften musste. Wo er tatsächlich gewesen war, was er dort erlebt hatte und warum zwischen ihm und meinen Großeltern eine so merkwürdige Distanz herrschte, erfuhr ich nicht. Es wurde darüber geschwiegen, wie über so vieles in dieser Familie.

Eine andere Erinnerung an ihn ist mit einer Frau verbunden, die ich sehr viel häufiger sah: seiner ersten Frau Lydia Kulkowa, die wir Tante Lida nannten. Sie war Russin und durfte als Rentnerin gelegentlich in den Westen reisen. Dann wohnte sie bei meinen Großeltern in Hiddenhausen. Sie sprach laut Russisch, lachte viel, und mit ihrer Anwesenheit veränderte sich die Atmosphäre im Haus. Meine Großmutter und meine Tante Gisi wurden plötzlich zu ausgelassenen, kichernden Frauen. Es war, als würde Lida für einige Wochen etwas zurückbringen, das ihnen auf dem Weg des Lebens abhandengekommen war.

Der Haushalt meiner Großeltern war von Verlusten geprägt. Von der verlorenen Heimat Riga, von der Flucht 1945 und vom Tod ihres dritten Kindes, das 1946 im Alter von sechs Jahren von einem britischen Militärjeep überfahren worden war. Für mich blieb er immer Onkel Wölfchen, und oft begleitete ich meine Großmutter auf den Friedhof. Wir richteten das Kindergrab, und ich versuchte, meine Großmutter zu trösten. Aber das Kind, das kaum älter war als Wölfchen, als er starb, hatte keine Erfahrung mit so dramatischen Verlusten. Onkel Wölfchen beanspruchte in meiner kindlichen Vorstellungswelt dieselbe Kategorie wie Ferkelchen, das Schwein des benachbarten Bauern, das mich immer freundlich begrüßte, wenn ich mit ihm das Springen über Stöckchen übte. Wir waren ein komisches Gespann, bis Ferkelchen zur Schlachtung musste und mich verzweifelt zurückließ.

Ich lebte bei meinen Großeltern, in einem Haus, in dem viel über Katastrophen gesprochen wurde. Die verlorene Heimat, die Flucht, die Entbehrungen der Nachkriegszeit und der Tod des kleinen Wölfchen waren allgegenwärtig. Über die Jahre davor wurde kaum gesprochen. Wenn Tante Lida kam, konnte ich für kurze Zeit erahnen, dass es einmal ein anderes Leben gegeben haben musste, eines, in dem diese Menschen unbeschwerter gewesen waren. Heute frage ich mich, wie viel von dieser Schwere tatsächlich aus Verlust und Trauer entstand und wie viel mit einer Vergangenheit zusammenhing, die sie hinter sich lassen wollten. Vielleicht lag auch der Schatten einer Schuld über diesem Haushalt, die niemand auszusprechen wagte.

Doch damals wusste ich nichts von Litzmannstadt.

Meine Mutter war dort geboren worden, in der Stadt, die heute wieder Łódź heißt. Sie war noch ein Baby, als ihre Familie im Januar 1945 vor der heranrückenden Roten Armee floh. Lange glaubte sie sogar, bereits während der Flucht geboren worden zu sein. Dass ihre ersten Lebensmonate in einer Stadt stattgefunden hatten, die unter deutscher Besatzung zum Schauplatz einer beispiellosen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik geworden war, gehörte nicht zu ihrer Familiengeschichte. Jedenfalls nicht zu der Geschichte, die ihr erzählt worden war.
Erst meine eigene Forschung brachte mich an diesen Ort zurück.

Die Rückkehr in eine unbekannte Familiengeschichte

Ich beschäftige mich in meiner Dissertation mit den Deutschbalten, die im Zuge der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik ihre Heimat in Lettland und Estland verließen und im besetzten Polen angesiedelt wurden. Die Umsiedlung begann 1939, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, und war Teil jener menschenverachtenden Neuordnung Europas, in der ganze Bevölkerungsgruppen vertrieben, entrechtet und ermordet wurden, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen, den sogenannten Lebensraum im Osten.

Meine Familie gehörte zu diesen Siedlern.

Sie kamen aus Riga in den sogenannten Warthegau und lebten während der deutschen Besatzung in Łódź, das die Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannten. Dort gehörten sie zu einer privilegierten Bevölkerungsgruppe. Sie erhielten Wohnungen, berufliche Möglichkeiten und Zugang zu Eigentum, das anderen Menschen genommen worden war.

Mich interessieren die Menschen, die in solchen Zeiten ihre ganz gewöhnlichen Leben weiterführen, die sich anpassen, Möglichkeiten ergreifen, Entscheidungen treffen und damit selbst zu Handelnden werden. Menschen, die sich vielleicht nicht als Teil der großen Geschichte begreifen, während sie längst an ihr mitwirken. Deshalb lag es nahe, auch die eigene Familie in meine Untersuchung einzubeziehen.

Ich wusste, dass meine Großeltern im Warthegau gelebt hatten. Ich wusste von der Flucht und vom Verlust ihrer Heimat. Aber ich hatte mir nie vorstellen können, dass sie selbst unmittelbar in die nationalsozialistische Enteignungspolitik verstrickt gewesen waren.

Dann öffnete ich an einem heißen Julitag im Staatsarchiv in Łódź Pandoras Büchse.

In der Personalakte meines Großvaters las ich, dass er Mitglied der NSDAP geworden war und als Taxator für die Stadtverwaltung arbeitete. Er bewertete bewegliches beschlagnahmtes Eigentum. Hinter diesem nüchternen Verwaltungsbegriff verbarg sich das Eigentum polnischer und insbesondere jüdischer Menschen, denen die Besatzungsmacht ihre Wohnungen, Geschäfte und Lebensgrundlagen genommen hatte.

Mein Großvater war also Teil jenes Apparates gewesen, der die Ausplünderung der besetzten Stadt organisierte.

Über diese Arbeit hatte ich nie ein Wort gehört.

Auch meine Mutter wusste nichts davon. Die Geschichte ihrer Eltern war eine Geschichte von Vertreibung, Flucht und Verlust gewesen. Dass sie zuvor selbst von der Vertreibung und Enteignung anderer profitiert hatten, kam darin nicht vor.

Ich dachte an das Haus in Hiddenhausen, an meine Großmutter, an die Gespräche über Riga und die verlorene Heimat. An die sorgfältig gehüteten Erinnerungen und die ebenso sorgfältig ausgesparten Jahre. Hatten meine Großeltern irgendwann beschlossen, darüber nicht mehr zu sprechen? Oder waren die Jahre in Litzmannstadt allmählich aus ihrer Erzählung verschwunden, bis sie selbst nur noch die Geschichte der eigenen Verluste kannten?

Während meiner Recherchen im Staatsarchiv in Łódź, im Bundesarchiv und in den Akten des Lastenausgleichs tauchten immer mehr Namen auf. Manche waren mir vertraut, andere hatte ich noch nie gehört. Menschen, die zu meiner Familie gehörten, die aber in keiner meiner Kindheitserinnerungen vorkamen und von denen meine Mutter ebenso wenig wusste.

Und dann fand ich ihre Fotografien.

Die Gesichter aus dem Archiv

Es sind kleine Schwarz-Weiß-Aufnahmen, meist frontal und im Profil. Die Menschen blicken in die Kamera oder wenden den Kopf zur Seite. Ihre Gesichter sind ernst, die Haltung wirkt vorgeschrieben. Die Bilder erinnern mich an amerikanische Mugshots, jene polizeilichen Fotografien, mit denen Verdächtige und Verurteilte erfasst werden.

Doch diese Menschen wurden nicht als Straftäter fotografiert.

Ihre Bilder entstanden im Rahmen der sogenannten Durchschleusung durch die Einwandererzentralstelle, kurz EWZ. Die nationalsozialistische Bürokratie registrierte die Umsiedler, überprüfte ihre Abstammung, untersuchte sie nach rassistischen Kriterien und bewertete ihre Eignung für die geplante Besiedlung der eroberten Gebiete. Körper, Gesichter, Familienverhältnisse, berufliche Fähigkeiten und vermeintliche rassische Merkmale wurden zu Bestandteilen einer umfassenden Klassifikation.

Die Fotografien waren Teil dieses Verfahrens. Sie sollten nicht Individualität sichtbar machen, sondern Menschen in ein System von Kategorien einordnen.
Für mich sind dieselben Bilder zu einem nachträglich entstandenen Familienalbum geworden. Allerdings zu einem, in dem ich die meisten Menschen nicht kenne und über deren Leben ich Dinge weiß, die ich lieber nicht erfahren hätte.

Ich suche nach Ähnlichkeiten, nach vertrauten Zügen, nach etwas, das eine Verbindung herstellen könnte. Vielleicht nach dem Gesicht meiner Großmutter, nach den Augen meiner Mutter oder nach einem Ausdruck, den ich aus meiner Kindheit kenne.

Aber ich suche auch nach etwas anderem.

Ich möchte wissen, wer diese Menschen waren. Was sie dachten, als sie Riga verließen. Ob sie ihre Umsiedlung als Verlust oder als Chance begriffen. Ob sie ahnten, in welche Verbrechen sie hineingeraten würden, und wann sie verstanden, dass ihr neues Leben auf der Entrechtung anderer beruhte.

Onkel Tullo und die neue Spedition

Meta Sander Steinblum | © Foto: Indra Wussow

Oswald Steinblum war der älteste Sohn meines Urgroßvaters. 1929 übernahm er dessen Speditionsunternehmen und das Familienhaus in der Matīsa iela in Riga. Er war damals noch mit Tante Lida verheiratet. Nach der Scheidung 1935 begann auch sein wirtschaftlicher Niedergang. Er musste die Spedition aufgeben und das Haus verkaufen. Schließlich zog er auf die andere Seite der Daugava, wo er von Mieteinnahmen und gelegentlichen Transportaufträgen für andere Spediteure lebte.

Als er Riga im Zuge der Umsiedlung verließ, begleitete ihn seine neue Lebensgefährtin Meta Sander, eine Friseurin.

Auf seiner Kennkarte ist Tullo kaum wiederzuerkennen als jener ältere Mann meiner Kindheit. Hier ist er jung und ziemlich kräftig und noch nicht gezeichnet von den Jahren der sowjetischen Gefangenschaft. Ich betrachte sein Gesicht und versuche, eine Verbindung zwischen dem Mann auf dem Foto und dem Großonkel herzustellen, den ich in Hannover getroffen hatte.

Auf seiner Kennkarte findet sich die Einstufung B. Nach den rassistischen Maßstäben der Nationalsozialisten galt er damit als ungeeignet für die Ansiedlung im Osten. Warum er diese Einstufung erhielt, bleibt unklar. Vielleicht war er zu schwer, zu „fälisch“, vielleicht entsprach er aus anderen Gründen nicht den Vorstellungen jener Männer, die sich anmaßten, über den Wert anderer Menschen zu entscheiden. Ich möchte ihre Kategorien nicht zu meinen eigenen machen, indem ich versuche, ihre Logik nachzuvollziehen. Doch trotz dieser Einstufung fand Tullo seinen Weg nach Litzmannstadt, wie die anderen Mitglieder meiner Familie auch.

Dort wurde ihm von der Haupttreuhandstelle Ost eine Spedition zur treuhänderischen Bewirtschaftung übertragen. Er führte Transporte für die Ostdeutsche Lloyd aus, ein Unternehmen, das auch Waren aus dem Ghetto transportierte, die dort unter Bedingungen von Zwangs- und Sklavenarbeit hergestellt wurden.
Die wirtschaftlichen Strukturen der Stadt waren eng mit der Ausbeutung ihrer jüdischen Bevölkerung verbunden. Die Unternehmen, Werkstätten und Lager des Ghettos produzierten für die deutsche Kriegswirtschaft, während die dort eingesperrten Menschen unter katastrophalen Bedingungen lebten und starben.
Ich frage mich, ob Tullo selbst jemals im Ghetto gewesen ist. Ob er das Elend der Menschen dort gesehen hat. Ob er wusste, woher die Waren kamen, die durch die Stadt transportiert wurden, und ob ihn das überhaupt interessierte.

1941, als der Feldzug gegen die Sowjetunion begann, wurde er Sonderführer der Wehrmacht. Seine Russischkenntnisse und seine Vertrautheit mit Osteuropa machten ihn für den deutschen Krieg im Osten nützlich.

Als er 1955 nach zehn Jahren aus sowjetischer Gefangenschaft zurückkehrte, war seine zweite Frau Meta bereits seit sechs Jahren tot.

Und wieder denke ich an jenen Besuch in Hannover, an seine dritte Frau Sigrid, die in Litzmannstadt zunächst einen Gerichtsrat aus Riga geheiratet hatte, und an die Spannung zwischen ihm und meinen Großeltern. Was wussten diese Menschen voneinander? Was hatten sie gemeinsam erlebt, was trennte sie? War es die Vergangenheit, die zwischen ihnen stand, oder waren es ganz andere, gewöhnliche Familienkonflikte?

Ich sehe mich wieder als Kind zwischen den Erwachsenen, bemüht, die merkwürdige Stimmung aufzulösen. Heute könnte ich andere Fragen stellen. Damals wusste ich nicht einmal, wonach ich hätte fragen sollen.

Meta und der Friseursalon

Meta Sander heiratete Tullo in Litzmannstadt. Sie erhielt dort einen Friseursalon in der damaligen Hermann-Göring-Straße, ein Geschäft, das zuvor einem jüdischen Friseur gehört hatte. Der ehemalige Eigentümer war in das Generalgouvernement deportiert worden.

Auf ihrer EWZ-Kennkarte sehe ich eine wunderschöne Frau. Sie blickt ernst in die Kamera, mit einem Gesicht, das mir auf merkwürdige Weise vertraut vorkommt, obwohl ich sie nie kennengelernt habe.

Ich stelle mir vor, wie sie in einer fremden Stadt zum ersten Mal ihren neuen Salon betritt. Vielleicht sieht sie sich die Einrichtung an, prüft die Spiegel, die Friseurstühle, die Scheren und Kämme. Vielleicht überlegt sie bereits, was sie verändern möchte. Sie hat Riga verlassen, eine Heimat und ein vertrautes Leben aufgegeben, und nun kann sie wieder in ihrem Beruf arbeiten.

Aber der Salon gehörte einem anderen Menschen.

Was dachte sie, als sie die Tür aufschloss? Wusste sie, was mit seinem bisherigen Eigentümer geschehen war? Fragte sie danach? Empfand sie Mitleid, Unbehagen oder vielleicht nur Erleichterung darüber, dass sie wieder eine berufliche Existenz hatte? Es gibt noch Announcen in der Litzmanstädter Zeitung und ein Kaufgesuch für Trennwände.

Wie selbstverständlich konnte man ein Geschäft übernehmen, dessen Eigentümer vertrieben worden war? Und wie gewöhnlich musste diese Übernahme in einer Stadt erscheinen, in der solche Enteignungen längst zum Alltag gehörten?

Ich schaue in ihr schönes Gesicht und finde keine Antwort.

Meta wurde die Patentante meiner Mutter, die auch ihren Namen trägt. Sie starb 1949 in Rehburg-Loccum. Warum sie dort war und woran sie starb, weiß ich nicht. Tullo befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in sowjetischer Gefangenschaft.

Es ist eine eigentümliche Verbindung. Meine Mutter trägt den Namen einer Frau, die sie kaum kennenlernen konnte und die doch zu ihrer frühesten Familiengeschichte gehört. Ich wiederum begegne dieser Frau erst Jahrzehnte später auf einer nationalsozialistischen Kennkarte.

Meta hatte eine Ehe, einen Beruf, eine neue Heimat und schließlich ein frühes Ende. Dazwischen liegen die Jahre in Litzmannstadt und ein Friseursalon, der einem verfolgten jüdischen Menschen genommen worden war.

Ihre Schönheit macht diese Geschichte weder besser noch schlimmer. Aber ich ertappe mich dabei, wie ich in ihrem Gesicht nach einer Regung suche, die mir etwas über ihre Haltung verraten könnte. Nach einem Zeichen von Zweifel, Mitgefühl oder vielleicht Gleichgültigkeit.

Und während ich sie betrachte, frage ich mich, ob ich von einem Foto nicht etwas verlange, das kein Bild leisten kann.

Die unbekannte Cousine

Senta Memmel Steinblum | © Foto: Indra Wussow

Noch fremder sind mir Senta Steinblum und ihr Mann Artur Memmel. Von ihrer Existenz erfuhr ich erst durch die Akten des Lastenausgleichs. Weder meine Mutter noch ich hatten je von ihnen gehört. Dabei gehörte Senta zu unserer Familie, sie war die Cousine Tullos und meine Großvaters, und sie hatte mit Artur und ihren Kindern ebenfalls in Litzmannstadt gelebt.

Nach dem Krieg wohnte sie in Schongau und ich kenne nur die Namen zwei ihrer Kinder. Irgendwo gibt es also weitere Nachkommen dieser Familie, Menschen, deren Lebenswege sich längst von den unseren entfernt haben.

Ich frage mich, warum ich nie von ihnen gehört habe. Ob der Kontakt nach dem Krieg abbrach, ob es Streit gab oder ob sich die Familien einfach aus den Augen verloren. Vielleicht existieren in anderen Häusern noch Fotografien von Menschen, deren Gesichter ich aus meiner Kindheit kenne. Vielleicht gibt es dort ganz andere Erzählungen über die Jahre in Riga und Litzmannstadt.

Auf ihrer EWZ-Kennkarte ist Senta als Hausfrau verzeichnet. Ihr Mann Artur war Buchhalter.

In Litzmannstadt erhielt Artur gemeinsam mit zwei weiteren Männern ein enteignetes Strumpfunternehmen, das zuvor jüdischen Eigentümern gehört hatte. Die Firma Hika wurde in Durabella umbenannt. Sie lag in der Danziger Straße, nicht weit von Metas Friseursalon entfernt.

Es ist eine merkwürdige Vorstellung, dass diese Menschen, die mir heute nur als Namen und Fotografien begegnen, sich damals möglicherweise regelmäßig in denselben Straßen bewegten. Vielleicht trafen sie sich zum Essen, besuchten einander, sprachen über die Arbeit, die Kinder oder die Schwierigkeiten des Krieges. Vielleicht betrachteten sie ihre neue wirtschaftliche Stellung als verdienten Aufstieg.

Währenddessen lebten nur wenige Straßen entfernt Zehntausende jüdische Menschen hinter den Grenzen des Ghettos.

Als Artur zum Sonderführer der Wehrmacht wurde, übernahm Senta als Prokuristin Verantwortung im Unternehmen. Die Frau, die auf ihrer Kennkarte noch als Hausfrau geführt worden war, war nun an der Leitung eines Betriebes beteiligt, der seinen jüdischen Eigentümern entzogen worden war.

Ich stelle mir diese Frau vor, wie sie morgens zur Arbeit geht, vielleicht die Kinder versorgt, sich mit den Angestellten bespricht, Entscheidungen trifft und Rechnungen prüft. Ein ganz gewöhnlicher Alltag, der nur möglich geworden war, weil andere Menschen aus ihrem eigenen Leben vertrieben worden waren.
Artur starb 1945 in Łódź. War er während der Kämpfe mit der Roten Armee ums Leben gekommen? Wurde er getötet, weil er Teil des nationalsozialistischen Besatzungssystems gewesen war? Ich weiß es nicht.

Senta überlebte, und ob sie jemals über Durabella sprach, über die jüdischen Eigentümer des Unternehmens oder über die Jahre, in denen sie selbst Prokuristin gewesen war werde ich nie wissen.

Vielleicht erzählte sie ihren Kindern von der Flucht, vom Tod ihres Mannes und von einem Leben, das durch den Krieg zerstört worden war. So wie meine Großeltern von Riga, der Flucht und dem Verlust ihres kleinen Sohnes erzählten.

Und vielleicht fehlten auch in ihrer Geschichte jene Menschen, deren Verlust die Voraussetzung für den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg gewesen war.

Was die Gesichter verschweigen

Artur Memmel | © Foto: Indra Wussow

Je länger ich diese Fotografien betrachte, desto seltsamer erscheint mir ihre Ähnlichkeit mit polizeilichen Mugshots.

Die Menschen auf den Bildern wurden nicht fotografiert, weil sie Verbrechen begangen hatten. Sie wurden erfasst, vermessen und nach rassistischen Kriterien beurteilt, weil sie für die nationalsozialistische Besiedlungspolitik vorgesehen waren. Die Kamera war Teil einer Bürokratie, die Menschen nach ihrer vermeintlichen Nützlichkeit für ein verbrecherisches System einordnete.

Und doch sehe ich heute in diesen Fotografien Menschen, die später an der wirtschaftlichen Ausplünderung der besetzten Stadt beteiligt waren.

Manchmal ertappe ich mich bei dem absurden Wunsch, bereits in den Bildern etwas von dieser Verstrickung erkennen zu können. Als müsste sich die Bereitschaft, vom Unrecht anderer zu profitieren, in einem Gesicht abzeichnen. Als könnte ein Blick, ein Mundwinkel oder eine bestimmte Haltung etwas über die moralischen Entscheidungen eines Menschen verraten.

Dabei sehe ich nur vier Menschen, die vor einer Kamera sitzen. Vielleicht sind sie müde von der Reise, vielleicht verunsichert durch die Untersuchungen und Befragungen, vielleicht voller Erwartungen an das neue Leben, das ihnen versprochen wurde.

Tullo, der seine Spedition und sein Haus in Riga verloren hatte. Meta, die wieder als Friseurin arbeiten wollte. Artur, der als Buchhalter eine neue wirtschaftliche Stellung fand. Senta, die später ein Unternehmen mitführen sollte.

Vier Menschen, die innerhalb weniger Jahre zu Nutznießern und Beteiligten eines Systems wurden, das auf Vertreibung, Ausbeutung und Mord beruhte.

Sie sind keine außergewöhnlichen Gestalten. Keine dämonischen Figuren, denen man das Böse schon von weitem ansehen könnte. Sie haben Berufe, Familien, Beziehungen und alltägliche Sorgen. Sie heiraten, lassen sich scheiden, verlieren ihre Existenz und bauen eine neue auf. Sie lachen vielleicht miteinander, streiten sich, machen Pläne für die Zukunft.

Und während sie all das tun, nehmen sie an einer Politik teil, die anderen Menschen genau diese Möglichkeiten nimmt.

Ich denke wieder an Tante Lida und das Lachen im Haus meiner Großeltern. An die beiden Frauen, die plötzlich so ausgelassen waren, als wäre für einige Wochen eine längst vergangene Zeit zurückgekehrt. Vielleicht hatte es diese unbeschwerte Zeit tatsächlich gegeben, in Riga, bevor die Umsiedlung und der Krieg alles veränderten.

Aber das Lachen gehört ebenso zu dieser Familiengeschichte wie die Jahre in Litzmannstadt. Das eine hebt das andere nicht auf.

Auch die Trauer meiner Großeltern um ihren kleinen Sohn war nicht weniger wirklich, weil sie zuvor vom nationalsozialistischen Besatzungssystem profitiert hatten. Und doch wurde aus diesen Verlusten eine Familienerzählung, in der für die Jahre der eigenen Privilegien und der Beteiligung an der Enteignung anderer kein Platz mehr war.

Was wurde aus all dem, was nicht erzählt wurde?

Verschwand es mit den Menschen, die darüber hätten sprechen können? Oder blieb etwas davon zurück, in den merkwürdigen Spannungen zwischen Familienmitgliedern, in der Schwere des Hauses, in einer Traurigkeit, deren Ursachen ich als Kind nicht verstand?

Vielleicht verbinde ich heute Dinge miteinander, die gar nicht zusammengehören. Vielleicht war die Distanz zwischen Tullo und meinen Großeltern nur das Ergebnis eines alten Familienstreits. Vielleicht hatten die beiden Frauen, wenn Tante Lida kam, einfach Freude daran, wieder Russisch miteinander zu sprechen und sich an die gemeinsame Jugend zu erinnern.

Aber seit ich diese Fotografien kenne, haben sich auch meine Erinnerungen verändert. Ich kann nicht mehr an den Besuch in Hannover denken, ohne mich zu fragen, was die Erwachsenen voneinander wussten. Ich kann nicht mehr an das Haus meiner Großeltern denken, ohne die Jahre in Litzmannstadt mitzudenken.
Das Schweigen hat die Vergangenheit nicht aufgehoben. Es hat sie nur aus den Gesprächen verschwinden lassen.

Nun liegen die Gesichter dieser Menschen vor mir, festgehalten in einem Moment zwischen dem Verlust ihrer alten Heimat und dem Beginn eines neuen Lebens im besetzten Polen. Noch ist nichts von dem zu sehen, was später geschehen wird. Kein Friseursalon, keine Spedition, keine Strumpffabrik, keine Transporte für die Wehrmacht. Auch nicht die Flucht, die Gefangenschaft oder die Toten.

Diese Menschen sind Teil meiner Familie, und damit sind ihre Geschichten unweigerlich auch Teil meiner eigenen. Wir teilen eine Vergangenheit, die weit über das hinausgeht, was ich selbst erlebt habe. Die Verwandtschaft lässt sich nicht nachträglich auflösen, nur weil ich heute weiß, wie tief sie in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt waren.

Vielleicht ist es gerade diese Nähe, die mich immer wieder zu den Fotografien zurückkehren lässt. Ich schaue auf Menschen, deren Gesichter mir fremd sind und die mir doch auf eine Weise nahestehen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ihre Lebenswege, ihre Entscheidungen und auch ihr Schweigen haben die Geschichte meiner Familie geprägt. Und damit, auf eine schwer zu fassende Weise, auch mein eigenes Leben.

Es ist eine unbequeme Nähe, denn diese Menschen müssten mir vertraut sein, und doch sind sie Fremde geblieben. Ihre Gesichter geben nichts von dem preis, was ich so gerne erfahren würde. Ich kann diese Menschen nicht mehr fragen. Aber ich kann auch nicht mehr so tun, als hätte es sie nicht gegeben.
Denn es gibt diese vier Fotografien aus einem nationalsozialistischen Archiv, die nie als Familienbilder gedacht waren und nun zu meinem eigenen Leben gehören.

Letzte Änderung: 03.11.2026  |  Erstellt am: 03.11.2026

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