Für die Freiheit der anderen
Uwe Schütte dokumentiert eine humanitäre Hilfsreise von Berlin nach Lwiw im Juli 2026. Seine Aufzeichnungen sind kein reportagehafter Überblick, sondern ein Tagebuch, das die Widersprüche des Kriegsalltags einfängt: zwischen Drohnenalarm um drei Uhr morgens und Käsekuchen um neun Uhr vormittags, zwischen Kriegsdenkmälern und Kirschwein vor dem Rathaus, zwischen der Stille um gefallene Soldaten und dem Lachen eines vierjährigen Flüchtlingsmädchen auf der Rückfahrt. So entsteht ein menschliches, vielschichtiges Porträt der Ukraine im Krieg, in dem wenige Stunden Normalität in kleinen Zufluchtsorten möglich scheinen, bevor die Realität sie wieder einholt – begleitet von Scham, Schuld und Ohnmacht. Weder heldenhaft überhöht noch auf Opferbilder reduziert, versucht Schütte sich der heutigen Situation des Landes anzunähern.
Freitag, 3. Juli 2026
8:58 Uhr
Diesmal dauerte es länger, den Kleinbus zu beladen. Etliche strombetriebene Heizkörper stehen schon drin, als ich etwas zu spät ankomme. Schleppe die im Lagerraum turmhoch aufgestapelten Kisten mit Windeln auf den Bürgersteig, um unsere Abfahrt nicht weiter aufzuhalten. Zu viert werden die zahlreichen Boxen effizient verstaut, hinten im Stauraum als auch zwischen den beiden Sitzreihen, in denen auf dem Rückweg aus Lwiw unsere Fahrgäste sitzen werden. Wir kommen gut voran, können aber dennoch erst knapp vor 9 Uhr los, deutlich später als bei den zwei vorhergehenden Fahrten.
11:27 Uhr
Der Wagen benötigt AdBlue und Motoröl, leider ist die erste polnische Tankstelle hoffnungslos, bei der zweiten lässt sich der Dieselzusatz sofort einfüllen, aber das richtige Öl zu kaufen ist kompliziert. Nirgendwo Angaben, was genau benötigt wird, und kein Handbuch auffindbar. Ich stoße schließlich auf den Fahrzeugbrief, fotografiere das Dokument und lade es ChatGPT hoch, woraufhin kompetent der richtige Viskositätsgrad für den Ford Transit genannt wird. In solchen Momenten ist man doch dankbar dafür, dass es sowas gibt. (Darüber, was uns noch bevorsteht im anbrechenden KI-Zeitalter, möchte ich gar nicht erst nachdenken.) Ich staune, dass unser Ford Transit von 2024 ist, ich hätte ihn auf mindestens 5 Jahre älter geschätzt.
13:36 Uhr
Was für ein Segen das Handy ist, um sich die Zeit zu vertreiben auf der diesmal dank beständiger Staus bereits vor Wroclaw hoffnungslos überlasteten Autobahn. Kein Wunder, dass so viele LKWs unterwegs sind: rechts und links ein gigantisches Logistikzentrum nach dem anderen. Ich lese die Meldung, dass die Ziffer der Toten nach dem massiven Angriff auf Kyjiw heute Nacht nun auf über 30 Personen erhöht werden musste, weil noch etliche Leichen unter den Trümmern lagen. Wie anders sich solche alltäglichen Nachrichten auf dem Weg in die Ukraine anfühlen. Mein kurzes Erschrecken, als im Artikel das mir doch längst Bekannte beiläufig erwähnt wird, nämlich dass der seit einiger Zeit ebenfalls von Grabenkämpfen geprägte Ukrainekrieg bereits länger dauert als der Erste Weltkrieg.
14:11 Uhr
Mein Gedanke: Indem ich die Drohnenwarn-App installiere, beginnt die Fahrt nach Lwiw eigentlich erst. Das letzte Mal hat sie uns um halb drei aus dem Schlaf gerissen. Hoffentlich können wir heute Nacht schlafen, es wird sicher spät werden.
14:57 Uhr
Nach mehr als einer Stunde Stau sehen wir den Grund: ein Tanklaster liegt überschlagen im Feld neben der Autobahn. Ob der Fahrer ermüdet eingeschlafen ist? In einem Moment nur kann Alltag in Katastrophe umschlagen, auch im sogenannten Frieden.
16:13 Uhr
Ich lese in der ZEIT, dass sich dank der avancierten Drohnentechnologie der Ukrainer das Verhältnis der getöteten Soldaten von 1:3 beziehungsweise 2:3 inzwischen auf 1:9 zuungunsten der russischen Truppen geändert hat. Mein Gefühl der Genugtuung, der Erleichterung; die Zahlenverhältnisse stimmen mich etwas hoffnungsvoll, und ich staune über meinen Mangel an Empathie mit den von Putin nach stalinistischer Manier erbarmungslos verheizten Männern.
18:37 Uhr
Hinter Rzeszów, der letzten Großstadt an der A4, sehen wir gegenüber schon von weitem die blau-rot blinkenden Lichter, die eine Militärkolonne ankündigen, begleitende Militärpolizei vorne und hinten, dazwischen sieben leere Tieflader und sechs unauffällige LKWs, offenkundig auf dem Weg zum Flughafen Jasionka, wo sie vom Westen gelieferte Waffen aufladen. Was sie wohl holen? Hoffentlich Patriots oder dergleichen, denn in Kyjiw sind nach den massiven Angriffen anlässlich des NATO-Gipfels, wie ich im Spiegel erfahren habe, die Abwehrwaffen gegen die russischen Marschflugkörper ausgegangen.
19:44
Polnisches Niemandsland, Grenzgebiet, kaum Verkehr. Wir fah’n, fah’n, fah’n auf der Autobahn.
20:54 Uhr
Grenzstation erreicht. Wir schummeln uns etwas vor, nehmen frech die linke Spur, wo nur 3-4 Autos stehen. Das Warten beginnt. Doch nicht lang. Nach einer halben Stunde haben wir die polnische Kontrolle absolviert. Die Grenzbeamtinnen sind durchweg junge Frauen Mitte 20, betont abweisend, tragen Militäruniformen. Dann weiter zur ukrainischen Kontrolle. Wie stets ein absurdes Hin und Her zwischen den verspiegelten Kabinen, in denen die Beamten sitzen, die Pässe checken, Einfuhrpapiere abstempeln, die Ladung prüfen, dann den erlösenden Stempel auf die Ausfahrerlaubnis geben, die dann der Grenzer, der kurz vor dem eigentlichen Schlagbaum steht, uns wieder abnimmt. Einreise in die Ukraine. Wie immer ist unsere erste Station die Okko-Tankstelle direkt am Grenzübergang, wo ich mir eine Gösser-Bierdose und zweimal die Mini-Wiener in Blätterteig besorge, die in Papiertüten verkauft werden. My guilty pleasure.
0:37 Uhr
Angekommen. Wegen der zusätzlichen Stunde Zeitverschiebung deutlich nach Mitternacht. Wir verteilen die Zimmer des Apartments, ich falle erschöpft ins Bett. Robert und Dietmar wollen später nicht glauben, dass ich den Drohnenalarm um kurz nach 2 Uhr verschlafen habe. Entweder hat meine Warn-App versagt, oder ich war tatsächlich, nun: todmüde.
Samstag, 4. Juli 2026
8:43 Uhr
Allein durch die Innenstadt von Lwiw, um Zahnpasta und Deo zu kaufen. Erfolglos. Zwar gibt es einen Haufen kleiner Convenience Stores, doch anders als in England führen sie nur Lebensmittel. Daher zum vereinbarten Anlaufpunkt, unserem schönen Stammcafé am Marktplatz, wo ich um genau 9 Uhr eintreffe, als eine durchdringende Lautsprecherstimme, die ich zunächst für die von Selensky halte, aus unbekannter Quelle erschallt, um eine Botschaft vom Band zu verkünden. Das alltägliche Gedenken an die Helden der Ukraine, die zur Verteidigung des Vaterlands gefallen sind, unter anderem dafür, dass wir an einem wunderschönen Samstagmorgen im Café sitzen können. Die Menschen um mich herum erheben sich, die Kellnerin hält ein, während ominös pochende, an langsamen Artilleriebeschuss erinnernde Klopfgeräusche ertönen, bis sechzig Sekunden vorbei sind. Überfordert von der Situation, bleibe ich sitzen. Die Durchsage endet mit dem offiziellen militärischen Gruß der Streitkräfte: „Slava Ukraini“, Ruhm der Ukraine. Mögen sie siegen. Um zumindest einen geringen Teil dazu beizutragen, dass das Land sich dem unerbittlichen Auslöschungswillen Putins widersetzen kann, sind wir hier.
13:31 Uhr
Wir sind wie immer zur in einem Gewerbepark im nördlichen Teil Lwiws gelegenen Filiale der Nova Poshta gefahren. Es hat knapp drei Stunden gedauert, unsere Hilfsgüter auf sieben Paletten versandfertig zu machen. Zuerst die Ladung aufteilen; nach Kyjiw kommen vor allem Windeln und anderes leichtes Gut, das schnell gestapelt ist und mit Folie gesichert wird, während die für Cherson bestimmten Kisten meist schwer und unförmig sind. Humanitärer Bedarf für die Frontstadt, die vom russisch besetzten jenseitigen Ufer des Dnipro permanent beschossen wird. Chersons trauriger Rekord ist die höchste Rate ziviler Opfer unter allen ukrainischen Großstädten. Wir schicken unter anderem einen Rollator dorthin. Die schwerste der Kisten, wir können sie nur zu zweit heben, ist breit und flach. Darin ist ein Laufband abgebildet, wie ich es aus meinem Fitnessstudio kenne. Robert bemerkt mein verwundertes Zögern, als ich den Aufdruck sehe. Für Reha, wenn man wieder gehen erlernen muss, erklärt er. Andere Kisten sind zu schwer für einen allein, Dietmar hilft mir. Darin Mikrowellen und Kochplatten für Binnengeflüchtete, die außerhalb der russisch besetzten Gebiete versuchen, sich ein neues Zuhause aufzubauen. Auch Bohrmaschinen und anderes Werkzeug werden verschickt, um damit vom Drohnenterror zerstörte Wohnungen zu reparieren. Plus zwei Klappbetten für Menschen, die nicht mal eine Schlafstelle für die Nacht haben. Die schwierigste Aufgabe kommt am Schluss: Neun Elektroheizkörper, teils abgewirtschaftete Altgeräte, teils neue leichte Lamellenmodelle, müssen sicher auf zwei Paletten verpackt werden. Wir stapeln sie quer und legen dicke Pappschichten dazwischen zur Polsterung. Dann mit Plastikfolie umwickeln, damit die Konstruktion hält. Die Heizgeräte gehen ebenso nach Kyjiw. Denn der nächste Kriegswinter kommt unaufhaltsam.
14:56 Uhr
Nach der Arbeit das Vergnügen. Zumindest für die beiden Holocausthistoriker, die mich zur Psychiatrie von Kulparkiv mitschleppen. Ende des 19. Jahrhunderts im habsburgischen Galizien als Landesirrenanstalt im Kontext der Reformpsychiatrie gegründet, war die medizinische Institution eine der größten im nach 1918 wieder entstandenen Polen. Als die Nazis die Ukraine 1941 besetzten, ließ man die Patienten elendig verhungern. Während der sowjetischen Herrschaft bestand die Psychiatrie fort. Die Klinik ist bis heute in Betrieb und wird gerade mit EU-Geldern umfassend renoviert. Wir laufen kreuz und quer durch das einer Baustelle gleichende Gelände auf der Suche nach dem Anstaltsfriedhof. Vergeblich. Robert fragt in der Apotheke, stellt uns als „nimetsʹki istoryky“ vor, die charmante Dame im weißen Kittel versucht zu helfen, aber ihre Auskünfte stimmen nicht. Erneute Anläufe, indem wir Leute ansprechen, auf die wir im Anstaltsgelände treffen, werden scheu abgewehrt. Vermutlich hält man uns drei Weirdos mit der merkwürdigen Frage nach einem unauffindbaren Friedhof für Patienten, vermutet Robert.
15:34 Uhr
Zurück in der an das Wien der 50er-Jahre erinnernden Innenstadt. Esse auch dieses Mal einen Lwiwer Käsekuchen, herrlich cremig. Eine lokale Mehlspeisenspezialität. Sitze draußen und tippe an diesem Tagebuch. Als ich aufschaue, geht ein Mann vorbei, vielleicht Anfang 40. Er ist sommerlich angezogen, passend zum schönen Wetter, Leinenhemd und Baumwollshorts. Sein linkes Bein hat er verloren, eine roboterhafte Prothese aus Metall ersetzt es. Ein Kriegskrüppel.

17:05 Uhr
Am Marktplatz die großen Tafeln mit den Porträtfotos junger Männer aus Lwiw, die in den beiden letzten Tagen gefallen sind, samt Kurzbiografien auf Ukrainisch und Englisch. Vitaliy Shyra hatte sich 2024 zur Armee gemeldet und starb 36-jährig am 2. Juli im Oblast Donezk, wo er sein Heimatland verteidigte. Als ich im letzten Satz erfahre, dass er als Held der Ukraine seine Eltern und zwei Söhne hinterlässt, steigen mir Tränen in die Augen, und dies nicht nur aus Mitleid und Trauer. Ebenso aus Scham darüber, dass diese mutigen Männer und Frauen von Deutschland verraten wurden in den ersten beiden Kriegsjahren, als eine zügige und mutige Lieferung von Waffen, Taurus-Raketen und anderem Kriegsgerät die Invasoren hätte schnell vertreiben können und ein ganz anderer Kriegsausgang möglich gewesen wäre als der, der uns nun bevorzustehen scheint. Denn dass Putins Eroberungspläne komplett scheitern, wird man im Westen schon allein deshalb kaum zulassen, weil eine weitere Destabilisierung im russischen Machtapparat noch viel Schlimmeres nach oben spülen könnte. Deswegen dürfte auch der Friedensschluss wieder einem westlichen Verrat an der Ukraine gleichkommen.
19:35 Uhr
Den Weg zum Bauernrestaurant, in dem wir Ende April köstlich speisten, finden wir nur per Google Maps. Bestellen das exakt dasselbe Essen: Robert isst Borschtsch und Vareniki, ich bestelle die Bratkartoffeln mit Zwiebel und Speck sowie die gegrillte Hähnchenbrust. Dieses Mal werden mir die köstlichen Kartoffeln nicht bizarrerweise als Vorspeise serviert, sondern als Beilage. Dazu hervorragenden Weißwein in einem Pokal. Ein Viertelliter kostet 90 Hrywnja, nicht mal zwei Euro. Kein Wunder: der Durchschnittslohn in der Ukraine beträgt 700 €. Uns fällt auf, dass auf den Straßen von Lwiw kaum Radfahrer zu sehen sind, dafür aber Luxuswagen der Oberklasse, deren Kaufpreis wir auf mindestens 300.000 € veranschlagen würden. Wohl kaum von ungefähr geht von Korruption in der Ukraine so viel die Rede. Kein Krieg ohne Kriegsgewinnler, kommentiert Dietmar.
22:24 Uhr
Rekrutierungsposter der Armee neben Werbeplakaten für Katzenfutter. Robert übersetzt: „Mach mit dabei, die Friedensbedingungen zu schreiben“, steht auf einem Poster, das eine Drohne zeigt und Werbung für die Nationalgarde-Brigade Chartija macht, in der seit 2024 auch der Dichter und Friedenspreisträger Serhij Zhadan dient. Mich beeindruckte, wie er bereits auf der Leipziger Buchmesse 2014 den dümmlichen Verdächtigungen linker Propagandisten entgegentrat, die Russland zum Befreier vom angeblichen ukrainischen Faschismus stilisierten. Vielmehr seien diejenigen, die den Imperialismus Putins unterstützen, die eigentlichen Faschisten, so Zhadan. Dass zwölf Jahre später weite Teile der antiimperialistischen Linken sich unverändert ideologisch verbohrt dieser perfiden Sichtweise verschreiben, angesichts unzähliger tausender Opfer auf dem Schlachtfeld und in den ukrainischen Städten, entsetzt mich zutiefst.
22:43 Uhr
Vorm Zubettgehen noch ein Becher des wundervollen Kirschweins auf einer Bank vor dem Rathaus. Die drei oder vier über die Innenstadt verstreuten Stehausschänke von Pijana Wiśnia, Betrunkene Kirsche, sind ein weiterer Fixpunkt unserer Lwiw-Aufenthalte. Die Werbeschilder der Schankstätten zeigen eine lächelnde Frau, die eine Reihe praller, knallroter Kirschen vor ihrer Brust trägt, zwei davon genau vor ihrem Busen. Harmloser Sexismus, denke ich mir, im Vergleich zu den pornohaften Posen, in denen sich beispielsweise R&B-Sängerinnen auf den Plattencovern zur Bewerbung ihrer Musik abbilden lassen. In der Ukraine geht mir durch den Kopf, kämpfen die Frauen wirklich, nämlich gegen die russischen Invasoren. Rund 20 Prozent des ukrainischen Offizierskorps sind weiblich. Alles Freiwillige, denn wie in Deutschland erwartet man in der Ukraine nur von Männern, für die Freiheit aller zu sterben. Bei uns protestieren die Schüler, unterstützt von Putin-Befürwortern wie dem BSW oder den Hamas-Freund*innen von der Linken, gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die uns Putins kriegsverbrecherische Machtpolitik aufzwingt. Wer will schon sterben, jung und unnötig? Davon, dass Gleichstellungsbeauftragte, egal ob männlich, weiblich oder divers, die Ausweitung der Wehrpflicht auf Frauen fordern, habe ich bislang noch nie gehört. Rund ein Jahrhundert nach Einführung des Frauenwahlrechts wäre es doch an der Zeit, diese staatsbürgerliche Pflicht auf beide Geschlechter auszuweiten. Gedanken eines ehemaligen Zivildienstleistenden beim hochprozentigen Kirschwein. Doch unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann – wenn die Verhältnisse sich ändern.

23:02 Uhr
Je näher wir der Stadtmitte kamen, desto mehr füllen sich die noch sommerlich warmen Straßen mit angetrunkenen jungen Leuten, die ihren Samstagabend genießen. „Party während des Kriegs“, sage ich zu meinen Begleitern, die mir zustimmen hinsichtlich der Stoßrichtung meiner Bemerkung. Dass nämlich die ukrainische Jugend jedes Recht hat, ihr Leben zu genießen.
Sonntag, 5. Juli
8:19 Uhr
Vor der katholischen Kirche, deren Türen weit geöffnet sind, da die Gläubigen zum Sonntagsgottesdienst strömen, wobei es auch hier vor allem ältere Frauen sind, sitzt ein junger Mann und bettelt um Almosen, die er, zumindest in der kurzen Zeit, in der ich die Szene beobachte, von nahezu allen Kirchbesuchern bekommt. Er hat beide Beine im Krieg verloren.
8:32 Uhr
Das Grand Café Leopolis am Marktplatz, in das ich es bislang nie geschafft habe, öffnet am Sonntag erst um 9 Uhr. Ich muss eine halbe Stunde vertrödeln und gehe in einen Coffee Shop gegenüber, wo nach amerikanischem Muster die Einrichtung aus Holz ist und popmusikuntermalte Cold-Brew-Vibes herrschen. Neben der Theke stehen drei Metallröhren, die ich erst auf den zweiten Blick als Geschützmunition erkenne. Es handelt sich um 120-mm-Mörsergranaten samt Schutzhüllen, wie mir die automatisierte Mustererkennung erläutert. Bei meiner ersten Hilfsfahrt nach Lwiw im letzten Jahr habe ich gesehen, wie Veteranen in Uniform solche Kriegsüberreste, vor allem Patronenhülsen und dergleichen Kleinkram, verkauft haben. Es schien mir aber geschmacklos, dergleichen als Reisemitbringsel zu kaufen. Kriegsfetische. Zwischen den Tüten mit gerösteten Kaffeebohnen, die für zu Hause verkauft werden, steht ein rot-schwarz eingerahmtes Porträt von Stepan Bandera.
9:02 Uhr
Neun Uhr, im Coffee Shop verstummen die Gespräche, alle erheben sich schon bevor die Lautsprecherdurchsage beginnt, die zum Gedenken an die Toten des Verteidigungskriegs aufruft. Diesmal stehe ich auf, beschämt davon, morgen wieder im sicheren Berlin zu sein.
9:05 Uhr
Ich habe eine der separeeartigen Zweier-Sitzboxen am Fenster des Grand Café erobern können. Dazu muss man drei Stufen hochsteigen, dann die hüfthohe Tür öffnen, um sich an den kleinen Tisch mit dem wunderbaren Ausblick über den Marktplatz zu setzen. Ich lese die rezente Kontroverse um Bandera und seine UPA/OUN nach, zuletzt die Aberkennung des polnischen Adlerordens an Selensky nach der Auszeichnung einer ukrainischen Armeeeinheit mit dem Ehrentitel „Helden der UPA“. Eine diffizile Angelegenheit; (vor)schnelle Urteile, wie sie das linksliberale Akademikertum oder die verbohrte Linke gerne fällen, nämlich im Glauben, im Besitz heiliger Weisheiten zu sein, verbieten sich. Die politische, historische und ethnische Gemengelage in der Ukraine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war viel zu komplex, zu mörderisch, um als Außenstehender selbstsicher über Bandera und Konsorten zu richten. Ein Massenmörder und Freiheitskämpfer zugleich. Was wir vielmehr von uns verlangen müssen, ist, einzuüben, die unreine Wahrheit – gibt es doch nichts anderes – aushalten zu können. Dergleichen Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich die zahlreich in ihren rot-weißen Dienstuniformen durch das Leopolis huschenden, durchweg jungen Kellnerinnen beobachte. Ihr eilfertiges Herumgewusel verleiht dem wunderbaren Ort ein nostalgisches Flair. Raum um Raum, sechs oder sieben davon, jeder anders gestaltet, mal intimes Kaminzimmerambiente, mal Großraumbetrieb, ich kenne in Wien oder Berlin kein Café so schön, so anheimelnd wie dieses. Es liegt in einem Zeitwellental, eine veritable Kulisse für einen Film von Wes Anderson. Für mich ein Traumort.
13:47 Uhr
Auf dem Weg ins Museum „Territorium des Terrors“ gehen wir an einem Kellerladen vorbei, in dem man mit Luftgewehren auf Schützenscheiben mit Putin-Visage schießen kann. Ich hätte große Lust dazu.
14:05 Uhr
Am Museum angelangt, sehe ich auf der Informationstafel, dass Geschädigte des Desasters von Tschernobyl freien Eintritt erhalten. Wie lange ich brauchte, zu verstehen, dass dieser mystische Ort meiner Kindheit in der Ukraine liegt. Wie wenig ich mich interessierte für die Berichterstattung von den Maidan-Protesten. Wie sorglos ich wegschaute, als 2014 die Krim besetzt wurde. Beschämend.
14:07 Uhr
Das Erste, was uns auf dem Museumsgelände begegnet, das im Bereich des ehemaligen Ghettos errichtet wurde, sind drei riesige Fotos von jungen, ausgesprochen hübschen Frauen. Keine Models jedoch, sie tragen Armeeuniform, und die Inschriften informieren, in welchem Regiment sie dienen. Zwei von ihnen bereits seit 2014. Weibliche Vorbilder. Schräg gegenüber sind vier kleinere Tafeln installiert. Der Text auf der ersten erklärt, wie am 24. Januar 2024 im Rahmen eines Gefangenenaustausches das russische Transportflugzeug, das ukrainische Soldaten zurück in die Heimat fliegen sollte, unter dubiosen Umständen abgestürzt ist. Keine Überlebenden. Eine unabhängige Untersuchung des Unglücks wird von den russischen Behörden verhindert. „Solange man Euch nicht vergisst, seid Ihr nicht tot“. Die restlichen Tafeln zeigen Reihe um Reihe von Männerporträts in Uniform. Fünfundsechzig kleine Schwarzweißfotos. Am Ende dann: „Wir erinnern uns mit Liebe und Würde an Euch. Und wir warten und kämpfen weiterhin für alle ukrainischen Soldaten, die unverändert in russischer Gefangenschaft sind!“
14:43 Uhr
Das Museum des Terrors ist ein exemplarischer Ort der Erinnerung an Grausamkeit und Niedertracht. Eine Dokumentation des Wahnsinns der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts: Zuerst wird aufgeklärt über die sowjetische Besetzung der Stadt seit Juni 1939, dann über die mörderischen Verbrechen der Nazis während der deutschen Okkupation Lwiws von 1941 bis 1943, in denen nicht nur die Juden der Stadt, sondern auch weite Teile des galizischen Judentums im Ghetto ermordet oder in den Tod nach Bełżec deportiert wurden, was insgesamt rund 130.000 Menschen das Leben kostete. Ab 1944 übernahm das stalinistische Terrorregime für zwölf Jahre die Baracken, die heute als Museumsgebäude dienen, um in dem Transitgefängnis tatsächliche oder vermeintliche Gegner, Angehörige der nationalen Befreiungsbewegung sowie Kriegsgefangene einzusperren, bevor man die Unschuldigen in sibirische Gulags deportierte. Es gab im 20. Jahrhundert kaum eine Familie in Lwiw, die nicht Angehörige durch die totalitäre Gewalt von Hitler und Stalin verloren hätte. Und der Wahnsinn geht weiter, dank Stalins Nachfolger. Dreimal sind dieses Jahr, zumeist bei helllichtem Tage, russische Drohnen in Wohngebiete von Lwiw eingeschlagen, 32 Personen wurden 2026 bislang verletzt. 2023 schlug nachts eine Drohne in einen Kindergarten ein, letztes Jahr in den Morgenstunden auf einen Kinderspielplatz. Vermutliches Ziel war wohl das nahegelegene Denkmal für Bandera.
15:29 Uhr
Ein Kriegsveteran in Armeeuniform humpelt mit seiner Frau durch eine der malerischen Seitenstraßen der Lwiwer Innenstadt. Die Sonne scheint, das Paar isst Eis und wirkt glücklich. Eine Szene aus meiner Kindheit, denke ich mir, denn noch bis in die frühen 70er-Jahre gehörten Kriegsbeschädigte zum normalen Stadtbild unserer sauerländischen Kleinstadt. Für mich waren Kriegskrüppel ohnehin Alltag: Mein Großvater, der eine Etage unter uns lebte, hatte in der Sowjetunion seinen rechten Arm verloren. Ein Kriegskrüppel seit dem 20. Lebensjahr. Seine Kriegskameraden, die uns manchmal besuchten, besaßen nur noch ein Bein oder waren blind. Ich fürchtete mich immer vor ihnen; dass der Krieg Menschen so zurichtete, machte mir Angst. Regelfall waren die Verstümmelten in der Geschäftsstelle des VdK, dem Verband der Kriegsbeschädigten, zu der ich meinen Opa häufig begleitete, wenn es Probleme mit seiner Pension gab. Kriegerrente. Kriegsopferversorgung. Kriegsbeschädigtenausweis. Kriegsinvalidenunterstützung. Worte meiner Kindheit. In Lwiw werden diese durch den unerbittlichen Lauf der Zeit verblassenden Phantome wieder lebendig.
19:31 Uhr
Dank Taxi treffen wir pünktlich ein am Kafe Yerusalym, das uns eine ukrainische Kollegin Roberts empfohlen hat. Was für ein Glücksfall! Ich fürchte zunächst, das Restaurant habe geschlossen, da es versteckt im Keller eines leicht heruntergekommenen Wohnhauses liegt. Dass hinter den mit Gardinen verhangenen Fenstern Licht brennt, bemerkt man erst, wenn man die Rollstuhlrampe hinuntergeht. Das Etablissement entspricht einem größeren Wohnzimmer, das Ambiente evoziert eine bildungsbürgerliche Wohnung im Lwiw des späten 19. Jahrhunderts. Überall alte Bilder an den Wänden, hinter uns eine Buchregaltapete. Wir sitzen auf einem plüschigen Sofa an einem schweren ovalen Holztisch von anno dazumal. Ich bestelle die leckere Hühnerbrühe, „which can cure any disease except love“, wie die digitale Speisekarte verspricht, sowie das Hähnchenschnitzel mit Kartoffel- und Krautsalat. Köstlich. Dazu eine Flasche ukrainischen Weißweins für alle. Zum Abschluss, zur Beförderung der Verdauung, einen Wodka, und nachdem Robert amüsiert ausgerechnet hat, dass ein Stamperl nur rund einen Euro kostet, noch einen.
20:45 Uhr
Die Sonne ist noch nicht untergegangen, als wir leicht angeheitert aus den Niederungen des Restaurants wieder Straßenniveau erklimmen. Als das Taxi uns in die Mechnykova-Straße brachte, begriffen wir erst, was die große grüne angrenzende Fläche auf Google Maps war, nämlich der Lytschakiwski-Friedhof, den wir vorletztes Jahr besucht haben. Eine einzigartige Nekropole, über eine halbe Million Menschen liegen hier auf dem hügeligen Gelände. Die Grabsteine spiegeln die wechselhafte Geschichte Lwiws wider: Als der größte kommunale Friedhof Europas zu Ende des 18. Jahrhunderts eröffnet wurde, gehörte Lwiw als Kronland Galizien zum Habsburgerreich, erlangte nach dessen Zusammenbruch für nur drei Wochen Autonomie als Westukrainische Volksrepublik, bevor Polen diese kriegerisch unterwarf und bis 1939 dort herrschte, als Ostpolen durch den Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion fiel, die sie dann von 1941 bis 1944 ans Deutsche Reich verlor, das sie wiederum an die Sowjetunion abgeben musste, welche dann über vier Jahrzehnte bis 1991 dort herrschte. Die Stadt hat innerhalb von rund 250 Jahren sechsmal die staatliche Zugehörigkeit gewechselt, was die bis heute spürbaren multikulturellen, eben polnischen, österreichischen, jüdischen und ukrainischen Einflüsse erklärt. Just dies spiegeln die vielsprachigen Inschriften auf den Grabsteinen, die unterschiedliche Architektur der Mausoleen und der wechselnde Stil der an berühmte Männer (und kaum Frauen) erinnernden Denkmäler.
21:12 Uhr
Abends ist der Friedhof selbstredend geschlossen, doch wir wollen ohnehin weiter zum angrenzenden Marsfeld. Dessen Tor steht offen, zwei Autos auf dem Parkplatz, nur wenige Angehörige auf dem Gräberfeld. Es ist ein Meer von blau-gelben, rot-schwarzen und bunten Fahnen aller Art. Dazwischen schwarze Regimentsfahnen mit Totenköpfen. Die schmalen Einzelgräber, in denen die Gefallenen liegen, in militärischer Uniformität, Reihe um Reihe. Die deutschen Kriegsdenkmäler meiner Kindheit haben mir stets Angst gemacht, es waren abweisende, kalte Orte, mit schweren, dunklen Metalltafeln, auf denen die Namen der in einem verbrecherischen Krieg Getöteten standen. Das Denkmal der Nachbarstadt bestand aus einem überlebensgroßen Stahlsoldaten, der gefallen auf einem Marmorblock lag. Gruselig. In Lwiw hingegen ein lebendiges, buntes Fahnenmeer, fast schon ein heiteres Farbschauspiel aus der Ferne. Durchwandert man die Gräberreihen des Marsfelds, schlägt die Stimmung um. Mir laufen Tränen der Trauer um diese Unbekannten herunter. Oder ist es die Hilflosigkeit, so viele Fotos junger Menschen, die mutiger waren, als ich es wohl je sein könnte, hier liegen zu sehen? Unausdenkbar, mir vorzustellen, ich wäre an der Stelle der Frau zwei Reihen weiter, das Grab meines Sohnes pflegen zu müssen, der sein Leben hingegeben hat für die Freiheit, sich dem pathologischen Großmachtstreben des verbrecherischen Nachbarlandes entgegenstellend.
22:45 Uhr
Wir gehen früh schlafen, da wir morgen um 7 Uhr unsere Passagiere am Bahnhof abholen und zurück nach Berlin fahren. Heute fanden tagsüber mehrere Drohnenangriffe auf die Städte Charkiw und Isjum statt. Ein Mensch wurde getötet und mindestens elf Personen verletzt. Hoffentlich ist kein Alarm heute Nacht, ich brauche meinen Schlaf.
1:40 Uhr, 2:10 Uhr, 3:15 Uhr
Während wir selig schlafen, attackiert Russland die Hauptstadt mit insgesamt 68 ballistischen und Hyperschallraketen sowie 351 Drohnen, von denen das ukrainische Militär 37 Raketen und 326 Drohnen neutralisieren konnte. Es sterben 16 unschuldige Menschen, 46 Personen werden verletzt.
Montag, 6. Juli
7:23 Uhr
Unter Kriegsbedingungen operiert das ukrainische Eisenbahnsystem verlässlicher als die Deutsche Bahn. Wir lesen die vierköpfige Familie aus Mariupol sowie Anatolii und Volodymyr, zwei alleinreisende Herren im Rentneralter, am mächtigen Lwiwer Bahnhof auf und fahren los. Menschen auf der Flucht vor dem Krieg. Ausreisende, die die Heimat verlassen, im Fall der beiden Herren, einer Mitte 60, einer Mitte 70, vielleicht für immer?
8:50 Uhr
Der Rückstau an der Grenze so kurz wie nie. Gerade mal zwei Kleinbusse vor uns. Dennoch geht nichts vorwärts. Nach 20 Minuten endlich weiter. Dann im Kriechtempo der Abfertigung entgegen.
10:14 Uhr
Wir haben es geschafft. Die Kontrolle und Abstempelung unserer drei Pässe erfolgt schnell, die der Ausweispapiere unserer Mitreisenden ebenso. Doch auf unseren Passierschein schreibt der unfreundliche Zöllner noch „Box“. Was das bedeutet, wussten wir von der letzten Fahrt, ohne zu ahnen, was uns diesmal blüht in der überdachten Untersuchungshalle: Vor zwei Monaten ging es den Grenzbeamten darum, den Innenraum zu durchwühlen und Hohlstellen abzuklopfen, einmal den Drogenhund unser Fahrzeug beschnüffeln zu lassen und eine Inaugenscheinnahme der Karosserie von oben wie unten vorzunehmen, was wir als Schikane empfanden, obgleich uns natürlich klar war: Unsere Schilder mit der Aufschrift „Humanitäre Hilfsgüter“ könnten eine Täuschung sein, ein unkomplizierter Grenzübertritt deswegen eine Naivität, die sich ein Land im Kriegszustand nicht leisten kann. Dass wir zudem einer Familie mit drei Kindern samt Vater im wehrfähigen Alter die Ausreise ermöglichten, mag unter jenen, die ihren Grenzdienst für das angegriffene Land leisteten, wenig Sympathie ausgelöst haben. Der Familienvater, den wir diesmal dabeihaben, geht mit Krücken, vermutlich ein ehemaliger Soldat, er hat seine Ausreisepapiere dabei. Jedenfalls kommt es diesmal ungleich schlimmer: Das Programm umfasst eine Durchleuchtung aller Hohlräume mit einem merkwürdigen Gerät samt kurzer Inspektion und Durchsuchung des Innenraums plus Blick unter die Motorhaube. Dann aber müssen die Taschen und Koffer aller neun Passagiere herausgeholt werden für eine genaue Inspektion. Das dauert ewig. Bei dem 76-jährigen Anatolii werden sie fündig: Er hat sechs Packungen eines regulär aussehenden Medikaments dabei, das aber helle Aufregung unter den vier Beamten auslöst. Die ernsten Gesichter deuten auf ein schweres Vergehen hin. Man zieht mehr Kollegen hinzu, telefoniert irgendwohin, konsultiert das Internet am Mobiltelefon. Verschwindet in den Kabinen mit verspiegelten Fenstern. Wir versuchen zu assistieren. Es handelt sich um ein Medikament, das bei Herzkreislaufbeschwerden hilft, aber auch psychische Spannungszustände löst. Dass der ältere Mann bei seiner Ausreise in ein Land, in dem er nicht krankenversichert ist, einen größeren Vorrat für ihn lebenswichtiger Medikamente mitnimmt, erscheint uns unauffällig und gerechtfertigt. Warum gibt es anscheinend keine Listen, auf denen pharmazeutische Produkte, deren Ausfuhr verboten ist, verzeichnet sind? Nach längeren internen Diskussionen, die wir aus der Distanz beobachten, darf der ältere Herr alle Medikamentenpackungen behalten und wir endlich los. Versöhnt bin ich erst, als Robert mir sagt, dass der strenge Grenzhüter mit dem Durchleuchtungsgerät sich bei ihm dafür bedankt hat, dass wir sein Land mit Hilfsgütern unterstützen.
11:42 Uhr
Nun die polnische Kontrolle. Ich scherze mit Robert, ob er sich von den Ukrainern eine Unbedenklichkeitsbescheinigung hat ausstellen lassen, die wir ihren polnischen Kollegen vorzeigen können, um uns die erneute, unabdingbare Gepäckkontrolle zu ersparen. Hat er nicht. Als wir endlich bis an den Kontrollpunkt vorgerückt sind, das übliche Prozedere: Eine junge Grenzbeamtin in Armeeuniform macht durch ihre ausgesuchte Unfreundlichkeit den Ukrainern unmissverständlich klar, dass sie in Polen nicht willkommen sind. Jeder und jede von ihnen wird in einer offenen Kabine fotografiert, um rezente Lichtbilder zu haben, sollten sie sich absetzen, anstatt Polen nur im Transit zu durchreisen. Die polnische Gepäckkontrolle diesmal erstaunlich oberflächlich und schnell. Vielleicht haben die Ukrainer ihren Kollegen unsere Unbedenklichkeit durchtelefoniert?
12:08 Uhr
Kurz nach Mittag passieren wir die letzte polnische Schranke, sind nun im Schengen-Raum. Unter den Mitfahrenden kommt gute Laune auf, man lacht und ist fröhlich, ganz anders als auf früheren Fahrten, wo fast durchgehend Schweigen herrschte und allenfalls etwas Gemurmel von den beiden Sitzbankreihen des Kleinbusses zu hören war. Nicht nur der Sprachunterschied sorgt für die Distanz zu den Ukrainern, mit denen wir Deutschen auf engstem Raum zusammensitzen und doch Welten entfernt sind. Unsere Fahrt bedeutet für sie eine Flucht vor dem Krieg, ihre Vertreibung aus der Heimat. Das Ende ihres bisherigen Lebens und ein erzwungener Aufbruch in eine unbekannte Fremde. Vielleicht ist die fröhliche Stimmung, die ohnehin nicht lange anhält, nur der Erleichterung geschuldet, die doppelte Kujonierung durch die Grenzschützer hinter sich zu haben, endlich.
15:50 Uhr
McDonald’s wäre mir lieber gewesen, aber da unsere Passagiere allesamt schlafen, fahren wir an den Raststätten mit dem goldenen M vorbei. Schade. Als dann um halb vier wieder mehr Leben auf den Rückbänken herrscht und sich bei uns der Hunger regt, fahren wir an der MOP Wirek mit einem Burger King raus. Ich ordere mir einen King XXL im Mega Deal mit Cappuccino als Getränk, Robert den, wie er sagt, wenig schmackhaften Veggieburger mit viel zu viel Mayonnaise. Unsere Gäste laden wir auf ihre Hamburger ein. Die kleine Teti ist begeistert, liebt das Fastfood-Etablissement sichtbar, die älteren Herren scheinen noch nie in einer Systemgastronomie gegessen zu haben, benötigen Unterstützung bei der Bestellung am Display und müssen angeleitet werden, ihr Essen abzuholen, wenn die Bestellnummer am Bildschirm erscheint. Beide sitzen am selben Tisch, reden aber kein Wort miteinander. Ich hole mir noch mehr Schokolade, denn die nächsten drei Stunden sitze ich am Steuer.
16:26 Uhr
Hügelige Landschaft, die Autobahn macht ihr Auf und Ab, als wir eine Anhöhe hochfahren das Ausfahrschild mit dem ominösen Ortsnamen Oświęcim.
17:34 Uhr
Die vierjährige Teti, wie auch alle anderen Kinder und Kleinkinder, die wir bislang beförderten, so sage ich zu Robert, ist bemerkenswert ruhig. Ab und zu ein Lachen, selten scheint sie ihrer Mutter etwas erzählen zu wollen, geduldig erträgt sie Stunde um Stunde die nicht enden wollende Reise über die rund 800 km lange Autobahnstrecke. Mir schmerzen Knie, Rücken, Schultern vom langen, eingeengten Sitzen.
18:16 Uhr
Letztmals tanken. Pinkelpause. Kaffeenachschub. Süßigkeiten. Robert kauft Volodymyr eine Flasche Sprudelwasser, der sie dankbar entgegennimmt, Anatolii gesellt sich zu uns und überrascht uns mit: „Ich spreche ein wenig Deutsch, aber schlecht.“ Wir lachen und bestreiten seine selbstkritische Aussage. Als ich jedoch langsam und deutlich frage: „Wie ist die Reise?“, versteht er mich nicht und versucht, dies zu überspielen, indem er etwas stammelt, was wir nicht verstehen. Eine für alle Beteiligten etwas peinliche Situation, die Anatolii auflöst, indem er beschämt weggeht.
20:13 Uhr
Die Bundespolizisten winken uns durch, wie immer, als wir beim Lausitzer Klein Bademeusel am Hoheitsschild der Bundesrepublik Deutschland vorbeifahren.

21:43 Uhr
Montagabends ist die Autobahn leer, wir kommen zügig voran, um Viertel vor zehn sind wir an der Berliner Unterkunft angekommen, wo unsere Passagiere ein Abendessen und ein Bett für die Nacht bekommen. Und Zugtickets für die Weiterreise: Die Familie will nach Karlsruhe, Volodymyr reist weiter nach Gent, wo Angehörige ihn erwarten. Wir verabschieden uns durch Handschlag, Anatolii schüttelt meine Hand mit überaus kräftigem Druck, womit er seinen Dank für unsere Hilfe zum Ausdruck bringen will, wie auch seine Mimik zeigt. Erst beim Abschied fällt mir auf, dass seine Statur und sein Aussehen dem meines slowenischen Großvaters ähneln, der vor Stalingrad gegen die Rote Armee gekämpft hat. Ich wünsche beiden Herren alles Gute, Anatolii entgegnet mir fröhlich: „Ja, gut alles.“
Uwe Schütte unterstützt den Ukraine Solidarity Bus.
Letzte Änderung: 15.07.2026 | Erstellt am: 15.07.2026
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