Chile, ein Land zwischen Trauma und Aufbruch
Ich ging mit Vorurteilen in dieses Mittagessen und kam mit einer Geschichte wieder heraus. Der Weg zum Restaurant DeMo führte durch das Labyrinth des Barrio Franklin Viertels in Santiago de Chile, vorbei an Marktständen, begleitet von Musik und in für den hiesigen Sommer typischer Hitze – und mitten hinein in Gespräche über Erinnerung, Vergebung, Militärdiktatur und Demokratie. Zwischen offener Küche und Kulinarik auch ein Ort des Gedenkens und Reflektierens.
Santiago de Chile, Dezember 2025
Es begann, wie viele gute Geschichten beginnen: mit innerem Widerstand.
Am Vorabend war ich noch kaum in der Lage gewesen, meine sarkastischen Kommentare zurückzuhalten. Ein Mittagessen in einer „Mall“ – das klang nach klimatisierter Belanglosigkeit, nach global austauschbarer Mittelmäßigkeit. Paula, eine angehende Juristin, und Roberto, der gerade seinen Master in Konzertgitarre abschloss, sollten uns begleiten. Meine Frau hatte das Treffen organisiert. Ich hatte Vorurteile, und ich kultivierte sie sorgsam.
Wir verabredeten uns an der Metrostation El Golfo. Linie 1, dann der Wechsel auf Linie 6, Ausstieg an der Station Biobío. Der Name der Station Biobío ist nicht zufällig gewählt. Sie liegt zwischen einer historischen Nahtstelle, ein Raum des Übergangs und der Einflusszonen. Hier trafen über Jahrhunderte die Strömungen zwischen dem ehemaligen Barrio Chino der Händler, Migranten und Arbeiter aufeinander. Sie weist auf jene unscharfe Grenze nach Süden hin, in der lange Zeit ein anderes Chile hinter dem Fluss ‒ Biobío ‒ begann: das Land der Mapuche.
Der Name selbst – Biobío – verweist auf eine Grenzlinie, der Fluss galt während der Kolonialzeit als faktische Grenze zwischen dem spanisch kontrollierten Territorium und dem autonomen Gebiet der Mapuche, eines der wenigen indigenen Völker Südamerikas, das sich der vollständigen Unterwerfung durch die Konquistadoren über Jahrhunderte widersetzte. Noch heute prägt ihre Geschichte den Süden Chiles: von Araucanía bis tief nach Patagonien.
Santiago unter der Erde: funktional, modern, sauber – ein Bild, das gut zum internationalen Ruf Chiles passt, diesem Land, das sich gern als Musterschüler Lateinamerikas begreift. Doch kaum zurück an der Oberfläche, begann sich dieses Bild langsam aufzulösen. Ein paar hundert Meter nach dem Verlassen der Station, vorbei an improvisierten Marktständen, erreichten wir eine unscheinbare Straßenecke. Kein Schild, kein Versprechen. Dann öffnete sich vor uns der Eingang zu einem Labyrinth aus Markthallen, Gängen und Innenhöfen. Wir waren mitten im Stadtteil Franklin.
Roberto und Paula gingen voraus, sicher, als hätten sie diesen Weg seit ihrer Kindheit hundertmal genommen. Wir folgten ihnen an Antiquitäten vorbei, an Plattenläden, die nach Staub und Erinnerung rochen, an Gemüseständen, an Kleidungs-, Werkzeug- und Bücherständen, Dingen ohne erkennbare Ordnung – und gerade deshalb voller Bedeutung. Der offizielle Weg zum DeMo führte durch einen Dschungel aus Alltäglichkeit, durch das materielle Unterbewusstsein der Stadt.
Man erreicht dieses Restaurant nicht.
Man muss sich zu ihm durch den Raum kämpfen.
Ein Innenhof öffnete sich, als hätte jemand plötzlich Luft in den Raum gelassen. Bunte Sonnenschirme bildeten ein provisorisches Dach, darunter Kaffee, Stimmen, Gelächter. Von dort weiter in eine Markthalle. Rechts, abgetrennt durch ein lackiertes Stück Bauzaun, eine Handvoll Tische. Dahinter eine offene, rechteckige Box aus Glas – die Küche. Das war es. DeMo.
Der Weg dorthin war bereits Teil dieser ganz anderen Erfahrung von Santiago. Musikgruppen spielten zwischendurch, ohne Bühne, ohne Anspruch auf Aufmerksamkeit. Franklin ist kein kuratiertes Viertel. Es ist gewachsen. Und genau das spürt man in jeder Bewegung. Kein Hochglanz, noch keine Gentrifizierung, kein Versuch sich herauszuputzen oder sich selbst zu erklären.
Das Gewusel erinnerte mich an die Vucciria in Palermo. Auch dort: ein alter Markt, etwas abseits der glanzvollen Straßen, roh, laut, widersprüchlich, aber auch frech und lebendig. Doch während die Vucciria heute immer öfter wie eine Bühne wirkt, auf der sich Touristen und Einheimische gegenseitig beobachten und daher verschiedene Klischees erfüllt werden, schien Franklin noch ursprünglicher zu sein. Weniger kommerziell, zurückhaltender.
Es war heiß. Über 32 Grad. Die Hitze war wie in Sizilien. Doch wo die Vucciria von einer melancholischen Patina überzogen ist – eine Erinnerung an vergangene Größe, an Verfall und Beharren –, wirkte Franklin wie ein Viertel im Jetzt. Nicht nostalgisch, sondern lebendig. Nicht museal, sondern hungrig nach Gemeinschaft, nach Austausch der Unmittelbarkeit des Daseins.
Franklin ist das Gegenteil jener Einkaufsstraßen rund um die Universidad de Chile, die sich kaum von westlichen Innenstädten unterscheiden: dieselben Ketten, dieselben Fassaden, dieselbe glatte Oberfläche. Denn hier herrscht ein urbanes Abenteuer. Frech, unverdorben, offen. Ein Ort, der Platz bietet für Künstler, für Literatur, für eine junge Generation Kreativer. Auch gastronomisch: kleine Destillerien, experimentelle Lokale, Küchen ohne Angst, etwas Neues zu wagen, Neues probieren zu lassen.
Die Beschreibung der Adresse des DeMo ist daher fast irreführend.
„Technicolores Einkaufszentrum Persa Víctor Manuel.“
„Geöffnet ausschließlich samstags und sonntags zum Mittag- und Brunchservice.“
Nachdem wir es geschafft hatten, anzukommen, setzten wir uns. Zwei Dinge geschehen beinahe gleichzeitig.
Zum einen müssen wir uns sofort entscheiden, was wir essen möchten. Zwei Menüs stehen zur Auswahl, dazu zwei hausgemachte alkoholfreie Cocktails: einer auf Passionsfruchtbasis, der andere aus Ananas, Gurke, Ingwer, Kurkuma – kühlend, präzise, wachmachend. Sauerteigbrot, leicht angeröstet, wird serviert. Wir bestellen beide Menüs, teilen alles. Das Ambiente, der Weg zum DeMo und diese ungewöhnliche Atmosphäre schaffen Vertrauen.
Zum anderen beginnen Paula und Roberto sofort über große Themen zu sprechen. Über Pinochet. Über die Militärdiktatur. Über Erinnerung. Beide sind nach der Rückkehr zur Demokratie geboren. Für sie ist die Diktatur Geschichte – aber keine ferne. Sie sprechen ruhig, reflektiert. Sie sagen etwas, das hängenbleibt: Vergebung sei zentral für den sozialen Frieden. Doch Erinnerung sei ebenso unverzichtbar, um nicht blind zu werden für Wiederholungen. Dabei hatten wir gelesen, man solle dieses Thema meiden. Nicht darüber sprechen. Doch genau das Gegenteil geschieht. Und es ist eines der differenziertesten Gespräche auf unserer bisherigen Reise.
Chile ist ein Land der Paradoxien. Die Militärdiktatur von 1973 bis 1990 hat tiefe Narben hinterlassen – politische, soziale, ökonomische. Gleichzeitig legte sie, unter brutalsten Bedingungen, die Grundlage für ein neoliberales Modell, das Chile später zum wirtschaftlichen Vorzeigeland der Region machte. Stabilität, Wachstum, internationale Anerkennung. Aber um welchen Preis? Heute erfahren wir, dass das Thema in der Schule angesprochen wird, aber man nur von einer Militärregierung, nicht aber von einer Militärdiktatur spricht. Das Hauptargument ist dabei, dass die Militärregierung zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes geführt hat und damit der Grundstein für allgemeinen Wohlstand gelegt wurde.
Franklin ist ein Kernprodukt dieser Geschichte. Ein Viertel der Arbeiter, der Märkte, der Improvisation. Kein Ort der Eliten. Und gerade deshalb ein Resonanzraum für neue Ideen. Während die offiziellen Narrative Chiles gern von Erfolg erzählen, spricht Franklin von Einfachheit und Kreativität, vom Überleben ohne Selbstverleugnung.
Während wir reden, kommen die Gerichte aus der offenen Küche. Fein, überraschend, ohne Effekthascherei, trotzdem ein Hingucker nach dem anderen. Jajangmyeon als Vorspeise: Nudeln, Frühlingszwiebeln, Schweinefleisch, Rettich, Gurken-Kartoffelsalat, eingelegter Rettich. Eine globale Erinnerung, neu zusammengesetzt. Daneben vier Mini-Falafel, Joghurtsauce, frittierte Minze – Leichtigkeit, Textur, Balance.
Ein Hauptgang: Fisch, Dashi-Beurre-blanc, Orzo, geräucherte Miesmuscheln, Piure-Butter, Aioli. Tiefe ohne Schwere. Präzision ohne Kälte, ein Genuss durch und durch. Während ich alles langsam kaue, merke ich wie über Zunge und Gaumen ein Glücksimpuls nach dem nächsten in meinem Kopf explodiert. Ich liebe dieses Essen.
Pedro Chavarría, der Küchenchef, hat zuvor im Boragó (Platz 43 der „The World’s 50 Best Restaurants 2022“) und im Quintonil in Mexiko-Stadt (2024 auf Rang sieben) gearbeitet, Orte, die in Ranglisten geführt werden. Doch hier, in dieser Markthalle, geschieht etwas anderes. Keine Inszenierung, keine Distanz zu den Gästen. Die Unmittelbarkeit und Schlichtheit macht diesen Ort zu etwas ganz Besonderem.
Und vielleicht ist genau das der Schlüssel. Chile, dieses Land zwischen Anden und Pazifik, zwischen Trauma und Fortschritt, ist heute vieles: modern, effizient, stabil. Aber seine spannendsten Orte sind jene, die sich der Vereinfachung entziehen. Franklin. DeMo. Gespräche über Erinnerung und Zukunft einer jungen Demokratie bei einem Teller Fisch und mehr.
Als wir gehen, ist klar: Alles, was ich mit einer Mall assoziiert hatte, war eine Illusion. Was wir erlebt haben, war eine Reise durch Geschichte, Gegenwart und Geschmack. Ein Fest für Zunge und Gaumen – und für das Denken und Miteinanderreden dazwischen.
Letzte Änderung: 02.01.2026 | Erstellt am: 02.01.2026
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