Bekenntnisse eines Rezeptionisten

Bekenntnisse eines Rezeptionisten

Ein Romanauszug
Now you see me | © Thomas Draschan / Art Virus

Der Roman »Bekenntnisse eines Rezeptionisten« spielt in unserer Zeit und bietet einen Einblick in das Leben eines Rezeptionisten, des Ich-Erzählers, dessen Namen wir nicht kennen. Er arbeitet im Hotel Findlie in Frankfurt am Main und verfasst seine Bekenntnisse, in denen er von seinen Erfahrungen mit Gästen aus aller Welt erzählt. Schon als Kind träumte er von Berufen, die ihn in ferne Länder führen würden, doch letztlich wurde er Rezeptionist, ein Beruf, den er mit einer gewissen Würde und Professionalität ausübt. Seine Arbeit an der Rezeption sieht er als eine Art »Rettung der Menschheit« im kleinen Rahmen, indem er den Gästen einen perfekten Aufenthalt ermöglicht.

© Artur Becker und Edition Faust, Frankfurt am Main (2026)

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Es gibt ein Foto von mir, auf dem ich ‒ als ein Siebenjähriger ‒ in einem blauen Anzug und Krawatte zu sehen bin. Ich trage ein weißes Hemd, das meine Mutter gebügelt hat ‒ selbstverständlich, denn sie ist eine Dame aus einer längst vergangenen Epoche, in der das Bügeln vom Feminismus noch nicht als potenzielles Aufregerthema diskutiert wurde. Und außerdem ist meine Mutter Bügelfanatikerin. Und auch auf dem Foto zu sehen ‒ jung, hübsch, wunderschön und mein kleiner Bruder auch: ein dreijähriges wunderhübsches Monster. Ich aber sehe bereits auf dem Foto so aus, als wäre ich Hoteldirektor, obwohl das Bild uns drei am Tag meiner Einschulung zeigt, am 1. September 1975.

Ich muss gestehen ‒ und da ich hier meine Bekenntnisse niederschreibe, muss ich also nicht auf der Hut sein und jedes Wort genau abwägen ‒, ich muss also gestehen, blicke ich heute zurück, aber als ein alter Knacker von 56 Jahren, der Rezeptionist geworden ist, dass ich sehr gerne weiße Hemden und Krawatten trage. Ich fühle mich darin wohler, wichtiger, bedeutender als in so einem Polohemd, und selbst in der Sommerhitze, auch am Strand flanierend, trage ich ein Hemd und eine Krawatte.

In gewisser Hinsicht hat mich meine Mutter in meiner Kindheit auf den Job des Rezeptionisten gut vorbereitet, denn an der Rezeption trage ich selbstverständlich auch ein Hemd und eine Krawatte. So ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo und dem Namen unseres Hotels Findlie im Frankfurter Viertel Ostend würde ich niemals anziehen, und ich habe mir diese Freiheit bei unserem Rezeptionsmanager schwer erkämpft. Außerdem hasse ich T-Shirts, insbesondere dann, wenn sie auf der Straße in unserem geliebten Frankfurt am Main getragen werden. Mir kommt es dann jedes Mal so vor, wenn ich so ein herumlaufendes T-Shirt sehe, als wäre da jemand gerade aus seinem Bett gekrochen und stänke nach Schweiß und vielleicht noch nach anderen Ausscheidungen. Fürchterlich.

Jeden Tag, wenn ich an die Rezeption komme, um meine Schicht zu beginnen, sehe ich wie ein echter Hoteldirektor aus, und bevor ich den Dienst anfange, wäge ich sorgfältig ab, was für ein Hemd und was für eine Krawatte ich anziehe. Verspüre ich etwa Unbehagen, weil ich schon ahne, dass der Tag an der Rezeption ein einziges Chaos werden wird, ziehe ich eine schwarze Krawatte an: und ein weißes Hemd natürlich. Ich möchte dem Gast damit signalisieren, dass ich alles im Griff habe und dass ich der Chef bin ‒ nicht der Gast, der gerne in die Rolle eines autoritären Besserwissers schlüpft und sich an der Rezeption wie ein Diktator benimmt, dem man dienen muss und parieren wie ein Hund. Viele Gäste, die ein Hotel betreten, wollen sich abreagieren, ihren Frust an anderen Menschen auslassen, und die Rezeptionisten eignen sich hervorragend als Sandsäcke zum Prügeln. Dann endlich bekommen sie ihre Chance, die sie sonst in ihrem Job niemals haben, und können herrschen und andere Menschen beherrschen.

Über unsere Hotelgäste wird noch hier viel zu berichten sein, vor allem über die verschiedenen Nationen, denn die Rezeption hat mich zu einem Forscher der Mentalitäten und des nationalen oder vielmehr heimatbedingten Gebarens gemacht. Bevor ich aber hier loslege wie ein Bulldozer und alle Nationen, wirklich alle, durch den Kakao ziehe, möchte ich noch etwas anderes kurz ansprechen. Meine eigene Herkunft, mehr oder weniger.

Eigentlich wurde ich im Kino geboren, meine Freunde kennen diese Geschichte schon, aber Sie noch nicht. Ich bin ein Frühlingskind, es war ein warmer Abend, und meine Mutter wollte unbedingt noch mit meinem Vater zusammen ins Kino gehen, obwohl das Baby, das im Bauch meiner Mutter an ihrer Nabelschnur hing, danach lechzte, die Welt zu erblicken. Es boxte kräftig gegen die Bauchdecke und hatte offensichtlich keine Lust mehr, noch weitere Tage in diesem luxuriösen Versteck zu verbringen. Ich kann mich an dieses Baby, das ich mal gewesen bin, selbstverständlich nicht erinnern, nicht einmal in meinen Träumen, aber ich denke, ich habe einfach beschlossen, meine eigene Geburt nicht mehr hinauszuzögern. Vielleicht wollte ich einfach auch den Film im Kino nicht sehen. Das kann man doch nicht wissen. Vielleicht war es mir zu eng, zu ungemütlich im Bauch meiner Mutter geworden, und ich wollte sie sehen ‒ und auch meinen Vater und all die anderen, deren Stimmen ich schon kannte, auch vom Fernsehen.

Jedenfalls habe ich meinen Eltern mit meinem Protest gegen die Enge im Mutterleib den Kinoabend verdorben ‒ sie mussten ins Krankenhaus, das sich zum Glück in der Nähe befand, zwanzig Minuten brauchte man zu Fuß, und schon war man da. Ich bin zwar kein Lügner, aber doch schon ein Angeber und sage oft, ich sei auf dem Kinosessel zur Welt gekommen ‒ auf der Leinwand Tanz der Vampire von Roman Polanski, und während der Ballszene im Schloss in den dunklen Südkarpaten, wo die Vampire zu Hause sind, sei die Fruchtblase geplatzt. Ich bin dann Jahre später ein fleißiger Kinogänger geworden, ich sah fast alles, auch Filme für Erwachsene, die mich schon sehr früh zu allen möglichen Sünden und Taten inspiriert haben.

Aber das Kino hatte in unserem Städtchen eine große Konkurrenz: das Hotel am Marktplatz, in dem meine Großmutter väterlicherseits als Zimmermädchen arbeitete, damals in den Sechzigern und Siebzigern. Dort lernte ich das luxuriöse Leben kennen: das Baden am Sonntag, denn wir hatten in unserer bescheidenen Wohnung kein Badezimmer und badeten immer im Hotel; dann das exquisite Essen im Restaurant, in dem es jeden Tag Schnitzel und Gulasch gab; und die Betten ‒ richtige Betten mit bequemen Matratzen, die nur zum Schlafen da waren, während wir auf Kanapees schliefen, saßen und aßen, alles in einem einzigen Raum.

Doch ich lernte als Knirps noch etwas anderes, genauso Wichtiges wie den Luxus, in diesem Hotel kennen: die uneingeschränkte Macht des Gastes über die Hotelangestellten. Es imponierte mir, dass ein Gast in diesem Hotel auf Händen getragen wurde, dass man ihm seine Wünsche von den Lippen ablas. Und er musste gar nicht höflich sein, er konnte sogar nach dem Essen rülpsen und sich sofort ein weiteres Glas Weinbrand oder Wodka bestellen. Und als Gast aus einer fremden Stadt umwob ihn die Aura des Geheimnisvollen und Unberechenbaren. Manchmal saß ich in der Lobby des Hotels und wartete auf meine Großmutter: Es wurde mir nie langweilig, ich beobachtete die Gäste und fragte mich, woher sie kommen mochten. Am aufregendsten war es, wenn sie eine Fremdsprache sprachen, meistens Deutsch, Russisch oder Englisch. Da wurde mir schnell klar, dass ich eines Tages auch so ein Gast werden wollte, einer, der viel reist und in immer wieder neuen Hotels übernachtet. Und irgendwann, da war ich allerhöchsten elf oder zwölf Jahre alt, kam mir der für mich aufregende Gedanke in den Kopf, dass die Erdkugel eigentlich auch nur ein Hotel war, in dem man sich bis zum Tode aufhält und dann weiterreist ‒ zum nächsten Planeten oder in eine andere Welt, eine unbekannte Dimension. Ich teile diesen Gedanken mit niemandem, weil ich wusste, dass man mich auslachen würde.

Aber wenn ich zurückblicke und allein daran denke, von welchen Berufen ich als kleiner Junge geträumt habe, wird es mir immer noch schwindlig. Und ich stellte mir auch genau vor, wie ich leben würde, in welchen Wohnungen, in welchen Ländern und auch in welcher Umgebung und Stadt. Ich hatte praktisch jeden Beruf ausgeübt, und zwar in fast allen Ländern: Ich war Astronaut in den USA, CIA- oder Interpol-Agent, ich war Hoteldirektor in Hamburg, ich lebte als ein Wissenschaftler in einer abgelegenen und unwirtlichen Gegend und entdeckte eine längst untergegangene menschliche Spezies. Oder ich war Gast in einem Luxushotel in Berlin oder Zürich und verliebte mich in eine junge Russin oder Polin, die mit ihrer Mutter in diesem Hotel ebenso wohnte. Es langweilte mich, wenn mir meine Freunde erzählten, was sie werden wollten: Soldaten, Polizisten oder Fußballer. Ich nicht, ich sagte sogar, ich könnte mir vorstellen, eines Tages ein berühmter Rockstar zu werden. Oder Schauspieler.

Und was ist nun aus all diesen Kinderträumen geworden? Nichts Spektakuläres. Zum Schluss muss ich sagen, dass ich verkleidet als Dracula oder in einem Chicken-Kostüm bei unseren Empfängen und Festen im Hotel Getränke serviere und dumm lächle, obwohl mir dann meistens gar nicht zum Lachen zumute ist. Aber Dracula wollte ich nicht werden. Auf diese Idee konnte ich damals, als ich mit kindlichen Augen den Liebestanz der Männerhosen und Frauenröcke betrachtete und mich nicht genug wundern konnte ‒ so verrückt waren für mich die Erwachsenen ‒, gar nicht kommen. Völlig unmöglich. Dracula ist ein Bösewicht ‒ ich wollte ein guter positiver Held werden, der die Menschheit rettet.

In gewisser Hinsicht, da ich Rezeptionist bin, rette ich auch die Menschheit, wenn auch in einem kleinen Rahmen und oft nur für kurze Zeit. Aber der Gast muss das Gefühl haben, dass wenigstens für die Dauer seines Aufenthaltes im Hotel sein Leben perfekt funktioniert und nichts mehr aus den Fugen gerät. Deshalb antwortet man jedem Patienten, wie ich den Gast nenne, wenn er eine Frage hat: »sehr gerne« und dann zum millionsten Mal: »Das Frühstück ist von 7 bis 10, der Frühstücksraum befindet sich im Restaurant …« Und als Rezeptionist ist man normalerweise vollkommen neutral: Der Gast kann sogar ein Mörder sein ‒ »sehr gerne« ‒, man muss ihm nur hilfsbereit und höflich begegnen und antworten. Er kann sogar den Rezeptionisten mit schlimmsten Beschimpfungen konfrontieren, die normalerweise eine heftige Gegenreaktion hervorrufen würden, doch der Rezeptionist bleibt cool und gefasst und höflich. Mit ruhiger Stimme, kurzen Sätzen, versucht er, eine unangenehme, aus dem Gleichgewicht geratene Situation in den Griff zu bekommen, wird einem auch ins Gesicht gespuckt. Ich wurde von einem Gast schon mehrmals beschimpft, mehrmals bedroht ‒ ich ließ mich nie provozieren, vielleicht deshalb auch nicht, weil mir klar war, dass eine Eskalation zu meiner Entlassung führen konnte. Außerdem ‒ was ich einem aggressiven Gast niemals zeigen darf ‒ hatte ich natürlich die Hosen voll, meine Hände zitterten, der Herzschlag beschleunigte sich. Und manchmal entscheiden schon kleine unscheinbare Dinge über das Ausrasten des Gastes, zum Beispiel eine Rechnung, die man korrigieren und ausdrucken muss ‒ scheinbar nichts Kompliziertes.

Ein deutscher Geschäftsmann bat mich neulich höflichst, die Rechnungsadresse zu ändern. Ich antwortete ihm: »Sehr gerne!« Aber ich bräuchte dafür etwas Zeit … Ich hatte über siebzig Anreisen und musste erst einmal herausfinden, wie man in unserem Computerprogramm namens Infor, das eigens für das Management von Gästen, Reservierungen und Rechnungen in einem Hotel entwickelt wurde, die Adresse auf einem PDF-Invoice ändert. Solche Computerprogramme können einen Rezeptionisten in den Wahnsinn treiben, und wenn man allein an der Rezeption steht, ohne Kollegen, ist man oft aufgeschmissen, da man ständig unterbrochen wird und keine einzige Aufgabe zu Ende ausführen kann.

Der deutsche Geschäftsmann sagte, er habe viel Zeit, es sei nicht dringlich, er sei doch im Hotel bis zum Abend und werde nun später an die Rezeption kommen und die ausgedruckte und korrigierte Rechnung für seinen Arbeitgeber abholen, bevor er zum Dinner in der City aufbrechen werde. Er kam aber jede halbe Stunde zu mir und fragte, ob die Rechnung nun endlich fertig sei. Und ich musste ihn jedes Mal enttäuschen. Am Abend riss dann der Geduldsfaden des deutschen Geschäftsmannes, und ich musste mir eine ganze Reihe von Vorwürfen und Flüchen anhören ‒ obwohl nun seine Rechnung tatsächlich endlich bereitlag. Die vielen Check-ins (CI), sprich Anreisen, und der Kampf mit Infor hatten mir viele wertvolle Stunden gestohlen, die Nerven geraubt. Und während der Gast schimpfte, vor Wut schäumte und unser Hotel und mich dem Erdboden gleichmachte ‒ anschließend auch das ganze Land, in dem nichts mehr funktioniere, und es sei kein Wunder, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig sei ‒, drückte ich ihm den Briefumschlag mit seiner Rechnung in die Hand. Mein Herz klopfte wie wahnsinnig, und ich hoffte, dass ich die Adresse richtig eingetragen hatte, wie gewünscht. »Na sehen Sie, geht doch«, sagte der Gast nach einigen prüfenden Blicken. »Wissen Sie, meine Personalabteilung ist da sehr pingelig, da muss alles stimmen, sonst wird die Rechnung nicht beglichen. Und ich werde sie bestimmt nicht zahlen …« Plötzlich beruhigte sich der deutsche Geschäftsmann und glühte nicht mehr vor Wut, sagte aber zum Schluss, er verstehe nicht, warum solch eine läppische Sache wie die Ausstellung einer Rechnung den ganzen Tag dauere. Kein Wunder, dass das ganze Land vor die Hunde gehe und die Leute die Regierung zum Teufel wünschten.

Was sollte ich ihm sagen?, fragte ich mich, und in meiner Hosentasche ging mein Schweizer Offiziersmesser auf. Ich sagte: »Verzeihen Sie bitte, aber unser Computerprogramm wurde vor Kurzem umgestellt und neu eingerichtet, und deshalb kommt es manchmal noch zu Verzögerungen.« ‒ »Ach so, ach so … Künstliche Intelligenz kann also auch nichts, na bitte sehr.«

Ich konnte ihm und weiteren Gästen unmöglich erklären, dass es eben doch nicht ein Knopfdruck sei, und schon spucke der Drucker die Rechnung aus.
Man sagt, dass man Vorurteile gegenüber anderen Nationen unbedingt prüfen soll, aber seit ich Rezeptionist geworden bin, habe ich sehr viele wunderbare Vorurteile in diesem Bereich, die ich auch pflege und stets erweitere und ausbaue, was unsere Gäste aus dem Ausland und Inland angeht. Ich habe mir ein persönliches Ranking der problematischsten Nationen aufgestellt, die im Hotel ständig für den meisten Ärger sorgen, und die ersten Plätze belegen die Deutschen, die US-Amerikaner und die Franzosen, weil sie nie zufrieden sind und ständig nörgeln und immer das Haar in der Suppe suchen und auch finden, um es dann zu spalten bis zum Erbrechen.

Der Daueraufreger der Deutschen ist die Dusche, und wenn es nicht der Wasserhahn ist, der sich nicht richtig bedienen lasse, oder der viel zu schwache Wasserstrahl, dann ist es die Handbrause, die zu kurzen oder zu langen Schlauch habe, oder das Wasser sei zu heiß oder nicht ausreichend warm und so weiter. Das Zimmer kann sogar nicht richtig sauber und geputzt sein, aber die Dusche entscheidet oft über die Laune der deutschen Gäste. Wie oft stand ich unter der Dusche in Hemd und Krawatte und drehte zart an dem Wasserhahn, um endlich die richtige Wassertemperatur einzustellen. »Sie wollen doch nicht in Ihrem Sakko duschen?«, musste ich mir von einer deutschen Dame anhören, während es von der Decke auf meine Schultern tropfte. »Oder mir beim Duschen zusehen … Das ist doch ein intimer Akt …« ‒ »Sehr gerne! Sie duschen selbstverständlich allein … Ich versuche nur, die richtige Wassertemperatur für Sie einzustellen … Ich habe eine spezielle Beziehung zu diesem Wasserhahn … Wir sind mittlerweile gute Freunde … «

Die deutschen Hotelgäste sind erst dann glücklich, wenn man ihnen ein Frühstück spendiert oder sie auf einen Drink einlädt, dann vergessen sie ihre notorische Nörgelei und ihre Neigung zum Meckern und Kritisieren: »Ein wunderbares Hotel, diese Kunst an den Wänden und das Design ‒ aber diese Duschen, eine Katastrophe, ne, und die Matratzen ebenso, sie sind viel zu weich.« Die Deutschen schlafen gerne auf harten Matratzen, die Polen und Tschechen auf weichen. Der Deutsche duscht am liebsten den ganzen Tag, schläft auf einer harten Matratze und lässt andauernd die Rechnungsadresse ändern, weil er Ärger mit dem Arbeitgeber oder dem Finanzamt fürchtet, während der Franzose sich an der Rezeption kopfschüttelnd wundert, warum wir Rezeptionisten ‒ von Gottes Gnaden ‒ kein Französisch sprechen, in den Augen und Ohren der Franzosen nach wie vor die wichtigste Sprache der Welt. Im Prinzip sind die Franzosen noch eitler und nörglerischer als die Deutschen, und man fragt sich, warum sie überhaupt ihre Heimat verlassen und ins Ausland reisen, wenn ihnen ihre eigenen Hotels besser und schöner vorkommen, und an der Rezeption kann man dann endlich Französisch sprechen.

Die Franzosen betreten das Hotel mit bereits vorwurfsvollen Mienen und wollen sofort bedient und empfangen werden, egal, wie lang die Schlange der Gäste an der Rezeption ist. Ihre Kleidung, ihre Frisuren, ihre Hunde, ihre Handtaschen und Koffer, ihre Kreditkarten ‒ alles, was sie besitzen, ist teurer, besser, schöner, und vor allen Dingen halten sie sich für klüger als die Barbaren, für die sie die Deutschen halten. Gehen sie aber auf die Toilette, waschen sie sich nie die Hände. Ich habe es schon oft beobachtet. Und, sind das jetzt Vorurteile? Ich schreibe hier nur das nieder, was ich sehe. Die Deutschen aber waschen sich die Hände auch nach dem Händewaschen und warten immer darauf, dass jemand ihnen die Tür aufmacht, wenn sie die Toilette wieder verlassen wollen.

Aber all das ist nichts im Vergleich zu den US-Amerikanern, die wie die Herrenmenschen auftreten und an der Rezeption Automaten erwarten und keine lebendigen Rezeptionisten, intelligente Wesen aus Fleisch und Blut. Kommt ein Taxi nur eine oder zwei Minuten zu spät, darf man sofort eine Beschwerde erwarten, als hätte man Amerikas Nationalfahne mit Füssen getreten und angezündet. Außerdem gibt es drei Typen von US-amerikanischen Gästen: den GI, das heißt den ehemaligen Berufssoldaten, der mit großen Koffern reist und seine Frau wie eine Sklavin behandelt, dann den Rapper, der in Frankfurt ein Konzert hat und der an der Rezeption kein einziges Wort sagt, aber mit seinem Blick am liebsten alle töten würde, und dann ist da noch der Professor oder die Professorin ‒ zwei hochgebildete Skeptiker, die sogar Deutsch sprechen. Aber alle drei Typen erwarten die beste Qualität, was den Service im Hotel betrifft. Na ja, es gibt natürlich auch die Touristen aus Kentucky ‒ sie sehen sich Europa an und essen zehn Kilo Nürnberger Würstchen und trinken bereits am frühen Morgen literweise deutsches Bier oder den Riesling. Trump-Wähler kommen natürlich auch ins Hotel, aber sie sind harmlos, sie meckern nur über das vegane Frühstück und beklagen, dass old Germany, wie sie es vor der Vereinigung kennengelernt hatten, gänzlich verschwunden sei. Jetzt sehe Deutschland wie Amerika aus, überall herrsche Chaos, überall höre man von Mord und Totschlag. Doch alle US-Amerikaner haben auch ihr Daueraufregerthema: Klimaanlagen ‒ warum gebe es so wenige Klimaanlagen in Deutschland, und die im Hotel seien viel zu schwach und taugten nichts.

Zum Glück gibt es Niederländer ‒ die lustigsten und pflegeleichtesten Gäste der Welt, die immer mit allem einverstanden sind. Man kann sie selbst in unserem Kino oder Wohnzimmer, die beide als Gemeinschaftsräume gedacht sind, schlafen legen ‒ zumal auf ein Sofa, das kein Schlafsofa ist ‒, sie würden sich jedenfalls nicht beschweren, dass ihre gebuchte Zimmerkategorie eine Art Downgrade erfährt … Na ja, ich scherze, aber die Niederländer sind die besten Patienten unter den Hotelgästen. Sie haben alle Geduld der Welt, sie sind Optimisten, sie sind verhandlungserprobte Geschäftspartner und verstehen die Diplomatie als ein kommunikatives Werkzeug und nicht als eine Waffe, um jemandem zu schaden und ihn zum Aufgeben zu zwingen. In der Übergabe für die folgende Schicht konnte ich zumindest einmal schreiben: »Heute zwei Gäste aus Holland, tief entspannt, es gab keine Probleme damit, dass sie in ihrem Zimmer ein benutztes Kondom vorgefunden haben … Es hing am Feueralarmmelder an der Decke, die Cleaner haben das Kunstwerk offenbar nicht bemerkt … Ich habe es mit samtenen Handschuhen entfernt, und wir haben herzlich gelacht.«

Aber wie gesagt, die lovely Niederländer, sie protestieren alle nur dann, aber auch dabei grinsend, wenn man sie »Holländer« nennt. Beim Ausfüllen des bei den Gästen äußerst unbeliebten Meldescheins ‒ egal ob auf einem ausgedruckten Blatt Papier oder digital auf dem iPad ‒ müssen alle ihre Nationalität eintragen. Doch die Niederländer füllen alles brav aus und wundern sich nicht wie die Deutschen darüber, dass sie ihre privaten Daten preisgeben müssen. Geburtsdatum, Telefon, Adresse der Rechnung, Grund der Reise usw. Für die Deutschen, wie gesagt, ein rotes Tuch. Sie führen einen Krieg gegen die Datensammlung auf unserem Hotel-Computer. Und wiederholen ständig die Frage: »Wozu brauchen Sie all die Informationen über uns? Was soll das?« Meine Antwort fällt manchmal etwas brutal aus, wenn ich die Nerven verliere, und manchmal verliere ich sie an der Rezeption, selten, aber dennoch passiert es mir: »Also, nicht wir, nicht das Hotel, sondern die EU und der deutsche Staat wollen wissen, wer im Hotel übernachtet … Sollten Sie heute Nacht jemanden ermorden, vergewaltigen oder ausrauben, kann die Polizei sofort reagieren. Wir müssen wissen, wer sich im Hotel aufhält. Dazu sind wir verpflichtet.« ‒ »Sie haben aber einen seltsamen Humor …«, sagen die Deutschen dann oft. Und dann kommt eine Belehrung, der Lieblingssport der Deutschen: »Das stimmt nicht! Im März dieses Jahres hat die Bundesregierung beschlossen, dass die Meldepflicht für deutsche Hotelgäste wegfallen soll. Wir werden daher den Meldeschein nicht ausfüllen.« Eine weitere Diskussion ist in solch einem Fall sinnlos. Ich frage dann lediglich nur noch nach der E-Mail-Adresse, damit ich die Rechnung verschicken kann. Denn die Nationalität ist in diesem Fall sonnenklar: German.

Der Krieg, den manche Hotelgäste gegen die Meldepflicht führen, vor allem auch die US-Amerikaner, wird aber bald eskalieren. Die Künstliche Intelligenz wird die Rezeptionisten arbeitslos machen, und schlaue Roboter, die wie sehr liebevolle und vertrauenswürdige Menschen aussehen werden, werden in die Hirne der Gäste eindringen und alle notwendigen Informationen scannen und speichern. Das Hotel der Zukunft wird komplett ohne menschliches Personal auskommen. Intelligente Hollogramme beziehungsweise Avatare werden den Gast in seinem Zimmer begrüßen: Sie werden das gewünschte Aussehen, das gewünschte Geschlecht und die gewünschte Stimme haben und dem Gast all seine Fragen beantworten. Schade, dass ich so ein Zimmermädchen oder -boy nicht sein kann, künstlich, höflich, sehr gerne! Vollkommen rational. »Wenn Sie ihre Ernährung nicht ändern und sich weiterhin über Kleinigkeiten ärgern, werden sie in 10 Jahren, 2 Monaten und 7 Tagen einen Herzinfarkt bekommen«, wird dann so eine perfekte Concierge-Maschine zu dem Gast sagen.

2

Wenn ich das Hotel nicht mehr sehen und riechen kann, von meinen Kollegen die Schnauze voll habe, gehe ich am Main spazieren. Jeder Spaziergang dauert etwa zwei Stunden, und ich fliehe dann vor der Rezeption, den Hotelgästen und unserem Rezeptionsmanager, dessen Lieblingsaufgabe darin besteht, von morgens bis abends das Hotel zu inspizieren und Fotos zu machen, auf denen schmutzige Weingläser, dreckige Kissen oder Flecken auf dem Fußboden zu sehen sind. Anschließend werden diese Fotos dem Rezeptionisten, der gerade Dienst hat, geschickt: Die Beschreibungen der Delikte und Fälle sind immer die gleichen, ich höre dann auch im Kopf die vorwurfsvolle Stimme des Rezeptionsmanagers, des sogenannten F(ront)O(ffice)M(anagers): »Wie oft soll ich wiederholen, dass man jeden Tag die Sauberkeit des Herdofens in der Gemeinschaftsküche prüfen muss?! Ich begreife es einfach nicht!« Nach einigen Jahren hat man dann eine riesige Galerie, in der der Dreck oder falsch gerichtete Sitzkissen oder ein vor Fingerabdrücken klebender Wasserspender in der Gemeinschaftsküche die Hauptrolle spielen ‒ auch Ungeziefer, Küchenschaben oder löchrige Bettlaken und so weiter.

Aber der Spaziergang am Main, der mich reinigt wie ein kaltes Glas Wodka, ist meine Rettung. Ich vergesse dann die Fotos des Rezeptionsmanagers und die Beschwerden der Hotelgäste und auch mein ganzes Hotelleben. Ich frage mich nicht mehr, wie ich Rezeptionist geworden bin. Es geschah alles so schnell und unerwartet. Ich kam eines Sonntagnachmittags aus Warschau zurück, und meine Frau sagte, sie wolle mich verlassen, und dann brach die Covid-19-Pandemie aus, ich dachte am Flughafen von Warschau und dann von Hamburg: Warum tragen diese Idioten Einwegmasken? Wir sind doch nicht in China! Aber bereits zwei Wochen später, Mitte Februar 2020, trugen wir auch in Europa Einwegmasken und schauten einander argwöhnisch an. Jeder war plötzlich ein potenzieller Feind, weil er Corona haben und damit andere anstecken konnte.

Ich ging dann nach Frankfurt, wo ich den Job des Rezeptionisten bekam. Und plötzlich, mitten in der Pandemie, schaute ich mich um, blickte zurück und stellte fest, ja, es ist nichts wirklich wichtig. Ich hatte mal eine Familie, ein Wohnzimmer, ein Auto ‒ ein Kind und eine Frau. Ich hatte ein Leben, von dem ich glaubte, es werde ewig dauern. Und nun war das alles verschwunden und nicht mehr wichtig. Ich stehe seit vier Jahren an der Rezeption und mein altes Leben existiert allerhöchstens in meinen Träumen noch oder manchmal in der Erinnerung, die nichts weiter als eine Qual ist. Wozu sich an etwas erinnern, was nicht mehr existiert?

Erst beim Spazieren am Main, auf der schönsten Flusspromenade Deutschlands, gelingt mir, mit meiner neuen Aufgabe und der Vergangenheit Frieden zu schließen. Mir drücken sich zumindest keine Tränen mehr in die Augen, wenn ich mir anschaue ‒ aber so, als blickte ich in eine Schneekugel ‒, was für ein Leben ich einst geführt hatte. Denn es ist verschwunden unter einer tiefen Schicht Schnee, als wäre es auch nie wahr gewesen, oder allerhöchstens nur eine Erinnerung an die Weihnachtsfeiern, an eine Schneekugel, in der wir vielleicht alle noch leben, aber nicht mehr hier in der realen Welt.

Ich mache also täglich am Main 10.000 bis 15.000 Schritte und im Hotel kommen noch weitere 5.000 dazu. Ich kehre manchmal in ein Café oder eine Gasstätte ein und esse dort ein Wienerschnitzel mit grüner Soße, also Speisen, die in unserem Hotel nichts zu suchen haben. Wir sind ein veganes Haus, und wenn uns Gäste danach fragen, ob unsere Bettwäsche auch vegan sei, was ich stets freundlich bejahe und mir dabei denke, der Glaube ist stärker als das Wissen, verzweifle ich schon ein wenig: Also bin ich doch ein Lügner. Natürlich ist unsere Bettwäsche teuer und von hervorragender Qualität – aber nicht vegan. Noch nicht! Aber das kommt noch.

Spazierend am Fluss ‒ und ich fange den Spaziergang meistens vor der Gerbermühle an, Herrn Goethes Restaurant, und komme bis zum Klinikum der Goethe-Universität ‒ denke ich nicht nur über mein vergangenes, gänzlich verschwundenes Leben, sondern auch über meinen Hoteljob nach. Und was mich besonders ärgert, sind die Bewertungen auf verschiedenen Webseiten, so auch auf Booking.com, denn sie entsprechen oft nicht der Wahrheit. Manche Bewertungen und Rezensionen der Gäste nennen wir »unterirdisch«, vor allem dann, wenn man uns von zehn Punkten nur einen vergibt. Einmal hat auch jemand meinen Namen erwähnt und gesagt, ich sei sehr hilfsbereit und einfach »Hammer, mega«. Aber ein anderes Mal bescheinigte mir ein Gast, natürlich ein Franzose, ich verstünde nichts vom Service, der grottenschlecht in meiner Ausführung sei, zumal ich der unfreundlichste Mensch sei, dem dieser Gast begegnet sei.

Ich bewerte die Gäste auch – ich vergebe ihnen meistens drei Sterne von zehn, wir wollen nicht unmenschlich sein. Aber ich habe natürlich auch meine Lieblingsgäste, nach fast fünf Jahren lernt man sich besser kennen, in so einem Hotel, und Stammgäste sind die besten. Der Bischof ‒ wobei ich nicht verraten darf, in welcher Stadt er sitzt (zumal auch dies ungewiss ist) und wie er heißt ‒ liebt mich. Es sei vielleicht nur so viel verraten, dass er in seinem Hotelmeldeschein unter Nationalität jedes Mal Germany wählt. Er kommt in unser Hotel zum Schlemmen, na ja, und er trifft sich mit jungen Frauen. Aber er zahlt gutes Trinkgeld, und ich darf jedes Mal, wenn er eine freie Minute hat, bei ihm eine Beichte ablegen. Ich glaube zwar nicht mehr an Gott, doch ich fühle mich bei unserem Bischof irgendwie geborgen und nicht missverstanden. Ich komme zum Beichten meistens auf sein Zimmer, was unser Rezeptionsmanager nicht erfahren darf, und wir trinken einen Weinbrand, und dann fragt er mich aus: was ich denn so in seiner Abwesenheit im Hotel getrieben hätte.

Leider kann ich ihm meinerseits nicht mit allzu vielen Sünden und Lastern dienen, zumal ich seit meinem Umzug nach Frankfurt ein ziemlich monotones Leben führe ‒ ich nehme ja nicht einmal irgendwelche Drogen, schon gar nicht Kokain, das ja in jedem Hotel in so einer Stadt wie Frankfurt leicht zu besorgen ist, und es wird mit einem Koks-Taxi geliefert. Ja, ich gebe Geld eigentlich nur für Hemden, Krawatten und meine Drinks in der Hotelbar aus. Und für Heets, die elektrischen Zigaretten, die angeblich nicht so schädlich sein sollen wie die echten. Das war´s aber schon, was ich mir erlaube. Ach so, ich zahle noch meine Schulden ab. Schulden aus der Vergangenheit, was mich schon irritiert, ist sie doch in meinem Leben gänzlich dem Vergessen preisgegeben worden ‒ zumindest ist mir nicht viel geblieben, von der alten Liebe, von der Familie. Eigentlich treffe ich meine Familie nicht mehr, meine Exfrau auch nicht, meinen Sohn nur noch selten. Wir sprechen selten miteinander. Aber das Geld hat scheinbar ein viel besseres Gedächtnis als wir Menschen und erinnert sich ganz genau daran, wem es gehört.

Aber auch die japanische Übersetzerin aus Tokyo und auch Frau Dr. M. aus Wien, die Coaching betreibt und ausgebrannten Top-Managern wieder auf die Beine hilft, was sie sich übrigens saftig honorieren lässt, sind mir wohlgesinnt, wobei ihre Geschäfte im Hotel nicht so undurchsichtig und suspekt zu sein scheinen, wie die Geschäfte des Bischofs, der doch nicht nur junge Damen ins Hotel einlädt, sondern auch ältere Herren zum Pokern, zumindest auf den ersten Blick. Denn oft sitzen diese alten Knacker hinter geschlossenen Türen und reden stundenlang und zudem mit leisen Stimmen, als wären sie Spione; und ab und zu bringen wir ihnen einen Brandy und Kaffee, und das war´s.

Ich darf selbstverständlich nicht fragen, warum der Bischof die dicke Zigarren rauchenden Herren trifft, zumal auch in der hoteleigenen Bar solche hohen Tiere immer wieder auftauchen, die in einer Ecke hocken und mit ernsthaften Gesichtern ausgiebig debattieren, jedoch in kultivierter gemäßigter Lautstärke, sodass man wenig mitkriegt ‒ und sie müssen nicht zwangsweise unsere Hotelgäste sein. Ich weiß nur, dass sie ständig verständnisvoll nicken und manchmal auch besorgt einander anschauen, weil sie vermutlich schwere Entscheidungen treffen müssen. Ich stelle mir nur vor, dass sie auch über mein Schicksal entscheiden. Und dass sie für Millionen Menschen leiden, weil sie auch ihr Schicksal und das der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen, während ich lediglich ein unscheinbarer Rezeptionist bin, der dem Gast möglichst viel Freude beim Ein- und Auschecken bereiten will. Ich habe für jeden Gast ein paar Minuten, und ich darf nicht langweilen, ich muss professionell, höflich und unterhaltsam sein. Es geht um eine Performance.

Doch vier Jahre an der Rezeption können schnell vergehen, wie eine Jugendliebe sozusagen, fast irgendwie unbemerkt, denn wenn man mich fragte, was ich in dieser Zeit getrieben hätte, hätte ich gesagt, dass ich Tausende von Menschen getroffen und ein- und ausgecheckt hätte, nur würde ich mich an wenige Gesichter und Namen erinnern. Ich habe in Frankfurt zwar neue Freunde gefunden, die aber unsere Stammgäste sind und uns regelmäßig besuchen, aber darf ich sie überhaupt Freunde nennen? Und meine Kollegen an der Rezeption? Sind sie meine Freunde?

Da ich auch im Hotel wohne, natürlich zu einem speziellen Preis für Mitarbeiter, bin ich auch nach Feierabend in unserem Hotel unterwegs. Ich gehe in die Bar, oder ich bekomme im Restaurant einen Teller warmer Suppe. Eine Wohnung wollte ich mir nicht mehr suchen, vollkommen sinnlos, wenn man so wie ich zig Jahre eine Familie und Wohnung besaß und plötzlich alles verlor. Eine Wohnung würde mich an mein vergangenes Dasein erinnern, das mir doch zwischen den Fingern zerronnen ist wie Sand am Strand, mit dem man spielt.

Im Prinzip verlasse ich unser Hotel nur zum Einkaufen und für die Spaziergänge am Main. Die Stadt Frankfurt kann mir mit all ihrem Kulturangebot, das sicherlich imposant ist, gestohlen bleiben; ich liebe zwar die Oper und Konzerte, auch dem Theater bin ich nicht abgeneigt, den Besuchen im Schauspielhaus, doch letztendlich konzentriere ich mich auf mein noch vorhandenes, weil täglich reales Leben. Ich habe ja nicht einmal eine richtige Geliebte, obwohl mir die junge Frau, die bei uns im veganen Restaurant kellnert, gefällt und wir manchmal auch in mein Zimmer verschwinden. Nach zwei, drei Stunden geht sie wieder, und wir kommunizieren dann auf WhatsApp weiter, mittlerweile gibt’s es ja richtige WhatsApp -Ehen. Eine gänzlich unkomplizierte »Ehe« am Arbeitsplatz. Und im Prinzip mag ich ja die Kellnerin mehr als alle anderen Damen, die mir hier im Hotel täglich begegnen, auf beiden Seiten der Barrikade beziehungsweise unseres Rezeptionstresens ‒ ja, ich kann sogar sagen: Ich liebe meine achtunddreißigjährige Kellnerin, ich habe es aber nicht eilig damit, wieder ein normales bürgerliches Leben zu beginnen, das sich an allseits bekannten Orten abspielt: im Wohnzimmer, auf Mallorca, beim Bankberater, um einen neuen Kredit zu ergattern, beim Lidl und so weiter. Ich habe ja nicht einmal Angst davor, dass mir der Exfreund meiner Kellnerin, ein stadtbekannter Ganove aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel, gedroht hat, ich möge doch bitte von seiner Exfreundin die Finger lassen, sonst würde er mir sämtliche Knochen brechen: »Ich schwöre es dir, eh, ich breche dir alle Knochen!«, schrieb er mir in einer E-Mail, die in meinem Hotelpostfach landete. Aber was sollte schon einem Rezeptionisten, der sowieso alles, was ihm einmal teuer war ‒ Liebe, Familie, Wohnung ‒ verloren hat, passieren? In meinem Zimmer hängen ein paar Hemden, Krawatten und Hosen und Sakkos, und es stehen dort ein paar Schuhe und auf dem Nachtisch und im kleinen Bücherregal liegen Bücher, die ich immer anfange zu lesen, aber nie zu Ende lese. Das ist mein ganzes Besitztum. Plus meine Fotoalben, die ich sammle ‒ die ich natürlich nicht zu erwähnen vergessen darf, und warum ich sie sammle, werde ich in meinen Bekenntnissen an einer passenden Stelle schon erklären, keine Panik!

Heute habe ich wieder Spätschicht, es ist Spätsommer, und der Spaziergang hat mir wieder einmal gutgetan. Vier Jahre ‒ auf der einen Seite bloß ein Fingerschnips, ein Schmetterlingsleben, sodass man sich fragt, was man mit all den Jahren gemacht hat, wo sind sie geblieben? Auf der anderen Seite sind diese vier Jahre lange Zeit, in der viel passiert ist.

Ich werde zum Beispiel unsere ukrainischen Frauen und Kinder nie vergessen, unsere Kriegsflüchtlinge. Kurz nach meiner Ankunft in Frankfurt musste ich im Hotel der Pandemie die Stirn bieten. Doch die Zeiten wollten sich nicht beruhigen.

Ich habe schon seit zwei Jahren an der Rezeption gearbeitet, damals vor allem im Nachtdienst, und schon geschah die nächste Katastrophe: Putins Russland marschierte in der Ukraine ein und fing an, Zivilisten in den Rücken zu schießen. Wir waren in Frankfurt eines der ersten Hotels, vielleicht sogar eines der wenigen, das Frauen und Kinder, die vor dem Krieg der Russen geflohen waren, aufgenommen hatte.

Die Covid-19-Pandemie war noch nicht richtig verarbeitet, und schon kam die nächste Tragödie und säte Angst und Schrecken auch im Westen. Während der Pandemie wurde unser Hotel nicht geschlossen, wir lebten autark, wie auf einer Insel, hatten volle, berstende Keller mit Lebensmitteln und Getränken für mindestens dreißig Personen und für drei Monate. Uns konnte nichts passieren, und wir feierten die schönsten und längsten Feste, die unser Hotel jemals gesehen hatte. Wir waren ja unter uns, die Langzeitgäste, die sogenannten Longstays, und die Rezeptionisten, und später durften wir sogar Geschäftsreisende beherbergen, aus der ganzen Welt. Das Abenteuer Pandemie, obwohl auf den Straßen Menschen starben, entpuppte sich für unser Hotel als eine Art Urlaub von unserem Staat, wir wurden zumindest in Ruhe gelassen, wir Rezeptionisten und Langzeitgäste, obwohl der Staat endlich hart durchgreifen konnte.

Aber der Krieg der Russen gegen die Ukraine brachte unsere Ruhe wieder durcheinander, den Hotelfrieden ins Wanken.

Plötzlich wohnten in unseren Hotelzimmern, die von den ukrainischen Flüchtlingen sehr gelobt wurden ‒ »was für Armaturen und Fliesen im Badezimmer und was für Betten und Möbel, alles so hübsch und detailverliebt« ‒, Menschen, die den Krieg mitten in Europa mit ihren eigenen Augen gesehen haben; die gesehen haben, wie ihre Eltern, Großeltern, Kinder, Mütter, Väter, Tanten und Onkel oder Freunde getötet wurden ‒ vor ihren erschrockenen Augen. Und während wir vom Hotel wie auch unsere Langzeitgäste für die Flüchtlinge, vor allem für Frauen und Kinder, Geld, Lebensmittel, Kleidung und so weiter organisierten, kamen ins Hotel weiterhin gewöhnliche Gäste zum Übernachten, für ein, zwei Nächte, allesamt satte EU-Bürger aus Warschau, Kopenhagen oder Lissabon, und manche kamen nur auf einen Sprung, um sich das extravagante Design des Hotels anzuschauen, die vielen Gemeinschaftsräume, die durch ihre sorgfältig und ästhetisch auf höchstem Niveau ausgewählte Einrichtung einladend und modern wirkten. Und wenn sie plötzlich in einem Sessel oder auf einem Sofa oder in der Gemeinschaftsküche einer weinenden Mutter aus der Ukraine begegneten, die ihre Kinder verloren hat, blieben sie kurz entsetzt stehen, und dann flohen sie schweigend vor dem Leid und Elend dieser Menschen: »Oh! Wie schrecklich, wie schrecklich …«, murmelten sie dann im Fahrstuhl. Die ukrainischen Kinder nahmen zwar das ganze Hotel auseinander, machten die Restaurantstühle, die teuer sind, kaputt, zerschlugen die Bilder an der Wand, die von Künstlern gemalt wurden, doch niemand vom Hotel, auch wir Rezeptionisten nicht, wagte, die Rabauken zu stoppen und zu belehren. Still wurden die Reparaturrechnungen bezahlt, und die Sache war erledigt.

Unsere ukrainischen Flüchtlinge blieben nicht lange ‒ nach spätestens zwei Wochen zogen sie weiter. Aber das Hotel ist seit diesem Besuch ein anderes geworden ‒ ein Ort der Erinnerung und des Gedenkens der ersten Kriegsopfer, weil immer wieder über die Flüchtlinge und den nicht enden wollenden Krieg gesprochen wird, an der Bar, an der Rezeption, an der mittlerweile auch Rezeptionistinnen aus der Ukraine arbeiten. Und der Westen versteht nicht, dass Putins Überfall ein kollektives Programm in den Köpfen der Ukrainer gestartet hat: Die meisten Ukrainer werden die Russen über ganze Jahrzehnte hassen; genauso auch die Mütter, die bei uns ihre ersten Tage in Freiheit und Sicherheit verbrachten ‒ sie werden die Russen bis zum Ende ihres Lebens hassen.

Aus diesem sich wiederholenden Kriegsalbtraum, der mich bei einem Spaziergang am Main oft begleitet, wache ich immer schwerfällig auf ‒ es fällt mir schwer, nicht mehr daran zu denken, was dort in der Ukraine jeden Tag passiert.

Aber heute habe ich Spätdienst, und die ukrainische Kollegin schrieb mir schon auf Slack, dass ich zahlreiche E-Mails der Gäste zu bearbeiten hätte und außerdem eine schwierige Gästin aus New York, eine etwa dreißigjährige Geschäftsfrau, betreuen müsste ‒ sie habe eine tote Küchenschabe in ihrem Zimmer entdeckt und sei entsetzt, sie habe das Hotel auf der Stelle verlassen wollen, außerdem habe sie eine Rückerstattung des Preises für ihr Zimmer gefordert. Aber wir haben ja Gott sei Dank unsere Ukrainerin, unsere junge Vorzeigerezeptionistin und Streberin, die die täglichen Attacken der russischen Raketen und Drohnen auf Kiew nicht mehr ertragen hatte und erst nach ihrer Flucht nach Deutschland vor zwei Jahren endlich wieder zum einigermaßen normalen Schlaf zurückfand ‒ auch wenn sie sich weiterhin um ihre Eltern und Geschwister und Freunde sorgt. Unsere fleißige ukrainische Kollegin konnte jedenfalls die New Yorkerin mit einem Glas Cuvée Rosé aus unserem veganen Restaurant etwas besänftigen ‒ die Gästin habe ein neues Zimmer bezogen, wolle es sich aber dennoch überlegen, ob sie bleibe oder nicht.

Hm, vielleicht hat die New Yorkerin die Küchenschabe aus ihrer Stadt nach Frankfurt mitgebracht und beim Auspacken ihres Koffers oder ihrer Handtasche nicht gemerkt, dass ein unerwünschter Passagier mitgereist ist? Wer weiß das schon! Außerdem sind die Amis unberechenbar, man sollte als Rezeptionist ihnen selten trauen, sie lügen oft und sind stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. »Service« ist bei ihnen das Zauberwort!

Vor einigen Jahren besuchte ich New York und wohnte in der Nähe von Washington Square, und dann, weil ich in dem berühmten Restaurant Kiev speisen wollte, besuchte ich es in East Village, und in einem Loch zwischen zwei Betonplatten, mit denen der Bürgersteig ausgelegt war, entdeckte ich ein Nest der Kakerlaken ‒ Tausende prächtiger Exemplare krochen unter dem Beton hin und her, ein Verkehr war es wie in einem Ameisenhaufen. Die braunen Schaben besprangen ständig einander und wollten sich scheinbar aus diesem Gewusel befreien.

Es gibt überhaupt kein einziges Hotel, das ohne Kammerjäger auskommen würde, und diese hässlichen Tierchen lassen sich einfach nicht vertreiben. Unser Hotel ist natürlich keine Ausnahme. Aber die New Yorkerin macht mir schon Sorgen. Ich werde diesen Kampf verlieren, sie ist bestimmt hysterisch wie alle New Yorkerinnen, und das Recht ist auf ihrer Seite. Die Entdeckung eine Küchenschabe auf dem Zimmer ist der Todesstoß für die Rezeption. Der Gast wird nie wieder seinen Fuß in so ein Hotel setzen.

Letzte Änderung: 13.03.2026  |  Erstellt am: 13.03.2026

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