Anpfiff der Grenadiere

Anpfiff der Grenadiere

Fußball zwischen Triumph und Tragödie: Ein politischer Essay
Jugendfußballspieler Kickt Ball Auf Feld | © Alfredo Dacosta (Pexels)

Kann Sport ein Land verbinden – oder lenkt er nur vom Zerfall ab? Hans Christoph Buch analysiert in seinem Essay den politischen Hintergrund von Haitis Qualifikation für die FIFA-Fußball-WM: verweigerte Einreisen für Fans und Spieler, das Trikotverbot der FIFA und massenhafte Abschiebungen in ein vom Bandenkrieg erschüttertes Land. Ein Bericht nicht nur über Fußball, sondern über Haitis aktuelle politische Gegensätze – und über die Frage, ob Unterhaltung zur Nebelwand wird.

Schottlands Fußballteam errang nur mit Mühe einen knappen Sieg über Haiti, das im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft mit 4:0 gegen Neuseeland überraschte. Gianni Infantinos Glückwunsch zur WM-Teilnahme war blanker Hohn angesichts von Trumps Satz, Haiti sei ein Shit-Hole -Land, dessen Asylsuchende er gnadenlos abschieben lässt. 110.000 wurden so seit Jahresbeginn repatriiert, deren Aufnahme und Unterbringung das von Banden terrorisierte Land vor schier unlösbare Probleme stellt. Dazu kommen 1,5 Millionen interne Vertriebene; erst kürzlich wurde ein mit 250 Flüchtlingen überfülltes, leckes Boot von der US-Küstenwache in der Karibik aufgebracht.

Kein Wunder, dass der WM-Hype zur Ablenkung von Haitis rasantem Staatszerfall dient. Die provisorische Regierung fördert das public viewing, da selbst legal in USA lebende Haitianer weder die Ticketpreise noch eigens erhöhte Bahntarife berappen können. Nachdem die USAID unter Trump die Entwicklungshilfe einstellte und die aus Kenia entsandten Polizisten unverrichteter Dinge abzogen, melden die Medien jetzt erste Erfolge im Kampf gegen das Bandenunwesen. Das 2010 nach dem Erdbeben aus dem Boden gestampfte Mega-Slum Cité de Dieu wurde in einer Großrazzia von kriminellen Akteuren gesäubert, wie es heißt, und die Ärzte ohne Grenzen haben eine Klinik wiedereröffnet im nahegelegenen Cité Soleil. Doch das sind Tropfen auf heiße Steine, und ein Blick aufs Detail wirft ernste Fragen auf.

So wird die mangelnde Anteilnahme der Bevölkerung beklagt: Die Bewohner der Elendsviertel verschließen Augen und Ohren, denn wer Farbe bekennt im Kampf der Ordnungskräfte mit Kriminellen läuft Gefahr, von der einen oder anderen Seite als Verräter gebrandmarkt und ermordet zu werden. Ein weiteres Problem ist die heterogene Zusammensetzung der Gang Repression Force, die aus Krisenstaaten wie Tschad, Burundi und Dschibuti rekrutiert, von Kanada und Deutschland mit Millionen finanziert, unter Washingtons Federführung Haiti zu befrieden versucht. Leiter der Eingreiftruppen ist Erdenebat Batsuri, ein mongolischer Militär!

Zurück zum Fußball. Dass die US-Behörden Fans aus Haiti die Einreise verweigern, überraschte nicht. Aber dass Woodensky Pierre, Haitis neuer Fußballstar, das Training verpasste, weil das Einwanderungsamt ihn der Bandenkriminalität verdächtigte und die Einreise verzögerte, war kein Fair Play. Noch absurder ist die Reaktion der FIFA auf die Trikots der Haitianer, die sich zur Erinnerung an den Unabhängigkeitskampf gegen von Napoleon entsandte Truppen Grenadiere nennen: Das Trikot sei zu kriegerisch, hieß es offiziell, daher unzulässig. Dabei zeigt es nur das in Vertières bei Cap-Haïtien erbaute Denkmal des Freiheitskriegs.

„Es ist das erste Mal, dass ich das Land, dessen Team ich betreue, nicht besuchen kann, um mir selbst ein Bild zu machen“, sagt Haitis französischer Trainer Sébastien Migné. Die Sicherheitslage sei prekär, der Flughafen seit Jahren geschlossen. „Doch auch wenn mein Team gegen Brasilien oder Marokko unterliegt, bietet die WM die einmalige Chance, dem Rest der Welt zu zeigen, dass Haiti nicht nur aus Bandenterror, Armut und Unterentwicklung besteht!“

Letzte Änderung: 19.06.2026  |  Erstellt am: 19.06.2026

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